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Full text of "Dekorative Kunst"

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GEWERBE'MUSEUM BERN 

♦ AUSLEIHEFRIST 3 WOCHLM * 

UM SORGFALT UNO PROMPTE 
RÜCKERS 'ATTUNG WIRD GEBETEN 



/ 



^. 



DEKORATIVE KUNST 
EINE ILLUSTRIERTE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
ANGEWANDTE KUNST 
BAND I******** 




Buch- und Kunstdruckerei A. Bruckmann, München. 



DEKORATIVE KUNST 

ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT 





PUR ANGEWANDTE KUNST • 

f 

HERAUSGEBER: H. BRUCKMANN 
MÜNCHEN UND J. MEIER-GRAEFE 
PARIS # • • # BAND !•••#••• 



VERLAGSANSTALT 
F. BRUCKMANN A-G. 
MÜNCHEN # 1898 # 



' ^^H'X (I) ßii-r^ 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



VERZEICHNIS DER ARTIKEL 

Seite 

Ausstellungen, Moderne kunstgewerbliche 2S 

Beleuchtungskörper, Moderne 4 

Berichtigungen 239 

Beschläge und Griffe 57 

Bierbaum, O. J., Altvenezianische Druckstöcke 21 

Künstlerische Vorsatzpapiere 1 1 1 

Bing, S., Wohin treiben wir? I i 

p ,» ,1 ,, 11 • 68 

in 173 

Bonnier, Louis. C. Gardelle 215 

Cobden-Sanderson, T. J 152 

Dammouse, Albert. E. Garnier 78 

D6mocratisation du Luxe, La. F. Schumacher 212 

Denkmalbauten von Bruno Schmitz, Deutsche. P. Wall6 193 

Destr6e, O. G., Die Schmuckkünstler Belgiens: Georges Lemmen 105 

Druckstöcke, Altvenezianische. O. J. Bierbaum 21 

Empfindung in der angewandten Kunst 257 

Endell, A. Formenschönheit und dekorative Kunst. I. Die Freude an der Form 75 

Formenschönheit und dekorative Kunst. I. Die Freude an der Form. A. Endell 75 

Gardelle, C., Moderne Kunst in der französischen Architektur: L Das Pariser Haus 177 

„ „ „ M IL Der Architekt Louis Bonnier... 215 

Garnier, E., Albert Dammouse 78 

Gedanken 280 

Glasfenster, Farbige 160 

Grabmalskunst. F. Schumacher 129 

Innendekoration, Belgische 199 

Jubiläumsausstellung in London, Die. H. Muthesius 208 

Korrespondenzen 42, 83, 133. 185, 225, 260 

Künstlerischer Unterricht für Handwerker in England. H. Muthe$ius iS 

Lemmen, G. Moderne Teppiche 97 

Lemmen, Georges. G. O. Destr^e 105 

Lichtwark, Alfred, Der praktische Zweck 24 

Meissner Porzellan, Neues. P. Schumann 221 

Mitte frei! H. Schmidkunz 80 

Muthesius, H., Künstlerischer Unterricht für Handwerker in England 15 

„ Die Jubiläums-Ausstellung in London 208 

Nyrop, C.. Die Königliche Porzellanfabrik in Kopenhagen 145 

Pariser Haus, Das. C. Gardelle 177 

Pit, A., Der holländische Bildhauer Zyl 72 

Plakate, Deutsche 211 

Porzellanfabrik in Kopenhagen, Die königliche. C. Nyrop X45 

Rat für Dilettanten 77 

Resultat des Preisausschreibens des I. Heftes 207 

Schmidkunz, H., Mitte frei! 80 

Schumacher, F., Grabmalskunst 129 

„ „ La D6mocratisation du Luxe 212 

Schumann, P., Neues Meissner Porzellan 221 



Seite 

Teppiche, Moderne. G. Lemmen 97 

Tervueren, Die Kolonialausstellung. H. van de Velde 38 

Van de Velde, H. Die Kolonialausstellung Tervueren 38 

Vorsatzpapiere, Künstlerische. O. J. Bierbaum 1 1 1 

Voysey, C. F. A 241 

Wall^, P., Deutsche Denkmalbauten von Bruno Schmitz 193 

Wettbewerbe. 14. 184 

Wohin treiben wir? I — III. S. Bing i, 68, 173 

Zweck, Der praktische. Alfred Lichtwark 24 

Zyl, Der holländische Bildhauer. A. Pit 72 



VERZEICHNIS DER ILLUSTRATIONEN 



Seite 

Anker-Kyster. Vorsatzpapiere 124, 125, 129 

Ashbee, C. R. Beschläge 68, 70, 71 

Bastard, Marc-Auguste. Vorsatzpapiere 126 

Batteux, V. Elektr. Tischlampe 209 

Baudot, A. de. Architektur 179, 181 

Baxter, A. H. Entwürfe 85, 86, 87 

Behrens, P. Entwürfe für Schmuck, Beschläge, 

Vorsatzpapiere 46, 58, 126, 228 

Benson, S. Beleuchtungskörper 4, 6, 7 

Berlage, H. B. Architektur 74 

Berlepsch, H. E. von. Beleuchtungskörper, Be- 
schläge i4i 71 

Birmingham Guild, The. Beleuchtungskörper 4, 6, 

16, 17 

Boberg, F. Architektur 3^ 32, 33. 237 

Boberg-Scholander, Anna. Vase 236 

Böcklin, A. Karton für ein Glasfenster 165 

Bonnier, L. Architektur etc 28—31, 215—221 

Brangwyn, Frank. Teppiche 98, 100, loi, 105 

Burne-Jones, Sir E. Glasfenster etc. 49> i59i 160, 

162, 163 

Christiansen, H. Entwürfe für Glasfenster 170, 

173. 173 
Cobden-Sanderson, T. J. Bucheinbände 154, 155, 

156, 157, 158 

Colenbrander. Teppiche 99 

Cronier, O. Teppiche 102 

Croon, Miss. Beschläge 69 

Dalpayrat und Lesbros. Keramik 238 

Dammouse, Albert. Vasen 78, 79, 80, 81 

Daum Fröres. Gläser 37 

Dawson, Miss. Zeichnung 88 

De Bazel. Vorsatzpapiere 122 

Dijsselhof. Vorsatzpapier 121 

Druckstöcke, Altvenezianische 21—27 

Du Bois, Paul. Zinndekoration 52 

Dugdale, T. C Vignette 79, 82 

Eckmann, O. Elektr. Lampen, Ornamente, 
Teppiche etc. 5, 13, 20, 94, 95, 101, 127, 230, 231 

Elfenbeinsaal 38 

Ellwood, G. M. Klavierverzierung 83 



Seite 

Endell, A. Friese, Beschläge, Möbel etc. i, 4, 21, 

41, 44, 57, 60, 76, 77, 226, 227, 229 

Engelbrecht, K. Glasfenster 170, 172 

Evaldre, R. Glasfenster 52, 169, 171, 174 

Finch, A. W. Keramik 53 

Friling, H. Ornamente 96 

Gardelle, C. Beschläge 67 

Geyger, E. M. Metallgegenstände 50, 51 

Grasset, E. Glasfenster 176 

Grimstone. Cretonmuster 89 

Gschwend, K. Elektr. Tischlampe 208 

Guild and School of Handicraft, London. Be- 
leuchtungskörper 9, 10, 19 

Halnon, J. Standuhr 83 

Hankar, P. Architektur 39, 62, 63, 64 

Heider, von. Keramik 90, 91 

Heine, Th. Th. Plakat 210 

Hesse, R. Glasfenster 176 

Hiroshige. Holzschnitt 137 

Hob6. Architektur 41 

Hokusai. Holzschnitt 136 

Japanische Papiere von der Firma R. Wagner, 

Berlin 116 

Image, Selwyn. Glasfenster 161 

Jorrand, A. Teppiche 102 

Kemp, Miss. Tischläufer 85 

Kögel, L. Panele und Möbel 185, 186 

Koepping, K. Gläser 42 

Krog, Arnold. Porzellan 147, h8 

Lacombe, L. Holzschnitzerei 92, 93 

Lamiral. Beschläge 65 67 

Lammert, E. Vorsatzpapier 128 

L'Art Nouveau. Teppiche etc. 66, 98, 100, loi, 105 
Lemmen, G. Beschläge, Vignetten, Teppiche, 
Vorsatzpapiere etc. 61, 97, 103— 11 1, 113— 115, 
128, 129, 133, 135, 136, 137, 143, 177 

Lesbros. Keramik 238 

Leven, H. Elektr. Tischlampe 209 

Liisberg, C. Porzellan 148, 150 



Seite 

Majorelle. Ausstellungstisch 37 

Maison Fontaine. Beschläge 67, 77 

Möbius, P. Architekturen etc 334, 235 

Morris, W. Teppich, Glasfenster i, 190, 191 

Mortensen, C. Porzellan 149 

Neureuther, Chr. Vorsatzpapier 127 

Newill, Mary. Glasfenster 164 

Nieuwenkamp, W. O. J. Zeichnung 141 

Obrist, H. Vorhang, Beschllge 44t 57> 59 

Oppolzer, E. von. Elektr. Tischlampe 207, 208 

Pissarro, L. Vorsatzpapier 118 

Pluniet,Ch. Architekturen, Möbeln 180, 182, 183, 233 

Porzellan, Meissner 222, 223, 224, 225 

Porzellanarbeiten, Dänische 145- i47> i49< 151— ^ 53 
Powell & Sons, J. Beleuchtungskörper 10, 16, 19 

Rasmussen, K. Vorsatzpapier 120 

Rathbone. Beleuchtungskörper, Beschläge 8, 17, 70 

Ricketts, Ch. Vorsatzpapier 116 

Riemerschmid, R. Beschlag 66 

Rohde, G. Porzellan i53 

Roller, A. Plakat 213 

Roth, M. Glasfenster 175 

Roussel, K. X. Glasfenster i77 

Rysselberghe, Th. van. Beleuchtungskörper, 
Wohnungseinrichtung 20, 206 

Sattler, J. Zeichnungen 13S, 140, 142 

Serrurier-Bovy, G. Architekturen etc. 40. 199--202, 

239 

Schmitz, B. Denkmalbauten 193—198 

Schmuz-BaudisSj T. Keramik 46 

Schumacher, F. Grabdenkmäler etc. 130—133, 189 



Seite 

Schwind, M. von. Glasfenster 166, 167 

Shepherd, E. C 86 

Strahtmann, C. Ornament 45 

Stuck, F. Vorsatzpapier 126 

Thielen. Architektur 34, 35 

Tiffany, L. C. Lampen, Ziergläser 11, 12, 90 

Töpferwaren, Thüringer 89 

Toulouse-Lautrec, H. de. Plakat 92 

Toyokuni. Holzschnitt 137 

Tscharmann, H. Architektur 36 

Turbayne, A. A. Vorsatzpapier 119 

Ule, C. Glasfenster 168, 175 

Unger, H. Plakate 211, 212, 214 

Ussing, St. Porzellan 149, 153 

Vallotton, F. Papiermesser etc 134, 135 

Van de Velde, H. Vorsatzpapier, Wohnungs- 
einrichtungen etc 8, 39, 116, 203—205 

Vaudremer, E. Architektur 178 

Veldheer, J. G. Zeichnung 139 

Vorsatzpapiere, Altdänische 123—125 

Voysey, C. F. A. Entwürfe für Architekturen 

etc. etc 241—246, 248—280 

Vuillard, P. Glasfenster 177 

Waldron, Miss. Ex-libris 87 

Weiss, E. R. Vorsatzpapiere 112, 117 — 119 

Wilhelm, G. Wandbrunnen 47 

Wilson, H. Beleuchtungskörper 3, 15, 18 

Wright, A. G. Wandfliesen 84 

Yeiri. Holzschnitt 138 

Zyl. Skulpturen 72-75 



BÜCHERBESPRECHUNGEN 

Seite 

Architekt, Der (»Die Wagnerschule«). (Wien, A. Schroll & Co.) 279 

Blumenkultus — Wilde Blumen von A. Lichtwark. (Dresden, G. Kühtmann) 140 

Danse, La, von G. Vuillier. (Paris, Hachette & Co.) 278 

Evangile de TEnfance de N. S. J. C. (Paris, Armand Colin & Co.) 277 

Festdekoration in Wort und Bild, Die, von E. Bischoff und Franz Sales Meyer. (Leipzig, E. A. 

Seemann) 191 

Flachomamente, Moderne, von H. Friling. I. Serie (Berlin, Bruno Hessiing) 95 

Formen, Neue, von O. Eckmann. (Berlin, Max Spielmeyer) 94 

Haip bürg— Niedersachsen von A. Lichtwark. (Dresden, G. Kühtmann) 140 

Kultur der rheinischen Städte, Die, von Boos. (Berlin, J. A. Stargardt) 138 

Modelli d'Arte Decorativa Italiana von Alfred Melani. (Milano, U. Hoepli) 280 

Morris, William: His Art, His Writings and His Public Life von Aymer Vallance (London, G.Bell&Sons) 189 

Oude HoUandsche Sieden aan de Zuidersee (Haarlem, De Erven F. Bohn) 138 

Peinture Fran^aise du IX. Sidcle ä la Fin du XVI., La, von Paul Mantz (Soci6t6 Fran9aise d'Editions 

d'Art, Paris) 278 

Petite Ville, La, von Jean Lorrain (Paris, Henry May) '. . . . 278 

Scönes et £pisodes de THistoire d'Allemagne (Paris, Armand Colin & Co.) 278 



A. ES-DEU.. Wanilfrin 

WOHIN TREIBEN WIR? 

VON 

S. BING 

Um unseren mil so glänzender Vergangenheit Zeil ruhiger, sieliger Enlwickhmgen zur Welt, 
gesegneten gewerbliclien Künsten neue Lehens- Fast nie gab es in der Geschicitle, die sie 
quellen zu erschHessen, die dem end- 
gfdligen Verfall vorbeugen konnten, 
war Eines nÖlig. Zuerst musslen 
die Augen wieder sehen lernen und 
die riesige Gefahr offenbar werden, 
die in der beschaulichen Trägheit 
lag, mil der man auf dem Erbe der 
Vergangenheit schlummerte, die ruhig 
zusah, wie eine Generalion der anderen 
folgte, ohne eine Spur ihrer Eigen- 
art zu Iiinlerlassefi. 

Soweit sind wir heute bereits. Ein 
neuer Wind weht über jene Kunst, 
die den Schmuck des Heims zum 
Zweck hal, ein Früblingswind pfeift 
selbst in die verschlafensten Winkel 
und rüttelt die lieben, alten Traditionen, 
dass sie bedenklich zu wackeln an- 
fangen. Aber wenn sich überall neue 
Keime regen, niemand weiss bisher, 
was sie bringen werden. Wird es 
eine Renaissance sein, die mil neuen 
Säften die alten Wurzeln zur BlÜte 
treibt oder spriessl etwas ganz Neues 
direkt aus der Erde heraus, das allem 
Vorhergegangenen widerspricht und 
in seiner tollen Oberhast vielleicht 
weit über das Ziel schiesst? 

Da liegt die Gefahr des Problems. 
Der Moment ist entscheidend. Selten 
hat es einen kritischeren in der Kunst- 
geschichtegegeben. Die Lage erfordert 
also ruhiges Wägen. Die Bewegung, 
deren Entstehen wir beiwohnen, wird 
fruchtbringend oder verhängnisvoll 
für die Sache, der sie dienen will, je 
nachdem sie der Laune des Zufalls, 
der Caprice der mehr und weniger 
guten Einfälle — oder dem konse- 
quenten Ernst logischer, gesander 
Gesetze überlassen wird. 

WelcherCodex enthält diese Gesetze? 
Wo stecken die Elemente jener Logik? 

UnsereVorfahren imGewerbe waren 
glückliche Leute. Sie kamen in einer w. Morris, waitppidi .nt wnodpwJtfr.. 

DEKORATIVE KVSST. ItEFT t. 1 1 



WOHIN TREIBEN WIR? 



machten, einen plötzlichen Stillstand, nie 
daher einen plötzlichen Aufbruch in uoll- 
kommen neue Gefilde. Jeder Künstler trag 
in unbewusstem Communismus mit seinem 
Werk zum Heil der Gesamtkanst seiner Epoche 
bei; das Ergebnis eines Tages kam zu dem 
des folgenden, verband und differenzierte sich 
durch tausend Verschiedenheiten, deren Gesamt- 
heit im Laufe der Zeit die entscheidenden Ver- 
änderungen Dollbrachte. 

Eines Tages wird diese gerade Linie plölz- 
lich abgebrochen oder vielmehr sie läuft aus, 
versiegt an Entkräflung. Und merkwürdig, 
genau im selben Moment öffnet sich eine neue 
Ära voll riesiger, nie geahnter Fortschritte für 
alle übrigen Gebiete menschlicher Thatkrafl. 
Während sich alles verändert, während auf 
allen Gebieten des praktischen Lebens Ent- 
wicklungen gleich Revolutionen ausbrechen, 
während Erfindungen aller Art die Wissen- 
schaft, die Industrie, den Handel völlig um- 
gestalten und überall neue ungeahnte Arbeits- 
gebiete entstehen, während Malerei, Musik, 
Litteratur die höchsten Gipfel ersteigen, bleibt 
die Wohnung, der Raum, in dem all das Neue 
erdacht wird, vollständig unverändert, und die 
tausend Dinge, die uns räumlich am nächsten 
sind, werden allein von dieser mächtigen 
Zeitströmung ausgeschlossen. 

Nun stehen wir am Ende dieses ungeheuer- 
lichen Jahrhunderts, und endlich tritt uns die 
ängstliche Frage auf die Lippen, wie man 
das abgerissene Ende der Tradition wieder 
festbinden, mit welchen Mitteln man aus diesem 
gewohnten Einerlei der intimsten Dinge, das 
uns plötzlich als krasser Anachronismus in 
die Augen springt, herauszukommen vermag. 

Man muss zugestehen, dass diese Entdeckung 
schon eine Weile hinter uns liegt; schon seit 
geraumer Zeit spielen diese Ideen und haben 
thatkräftige, cwbeitsame Jünger gefunden, die 
bereits die Theorie in die Praxis übersetzt und 
tausend Dinge geschaffen haben, um die alten 
Irrtümer zu ersetzen. 

Die skeptische Frage stellt sich ein, warum 
diese Spanne von Jahren seit dem bewussten 
Erwachen noch nicht genügt hat, um eine 
reiche Ernte von greifbaren Resultaten zu 
reifen, warum die neue so offenbar unwider- 
stehliche Richtung noch nicht auf der ganzen 
Linie gesiegt hat, warum wir noch nicht 
einmal absolute, bestimmte Fingerzeige besitzen, 
die uns den Weg, den die Entwicklung 
nehmen wird, mit Sicherheit vorzeichnen. 

Unzweifelhaft müssen versteckt liegende 
Gründe die Anstrengungen niederhalten. Diese 
gilt es zu finden. Das einzige Mittel, die 
Zukunft zu ergründen, ist, sich über die Ver- 



gangenheit klar zu werden. Suchen wir die 
schädlichen Elemente und sehen wir, ob sie 
unschädlich zu machen sind. Man wird dem 
richtigen Wege nahe kommen, wenn man 
weiss, welche Wege falsch sind. 

Der erste Protest gegen die gänzliche Ver- 
nachlässigung der dekorativen Künste ging, 
vor nunmehr bald einem halben Jahrhundert, 
von England aus, und RVSKIS w<ir sein 
Prophet. RuSKiS's empfindsame Dichterseele 
litt unter der Hässlichkeit, die ihm auf Schritt 
und Tritt den Blick vergiftete, und der Ver- 
gleich seiner Zeit mit den glänzenden Stil- 
epochen demütigte ihn. Grosses Vermögen, 
ein lebhafter Bethätigungstrieb und eine ganz 
unabhängige soziale Stellung, die ihm erlaubte, 
seine Zeit nach seinem Willen zu verbringen, 
bestimmten ihn zum Vorarbeiter an dem neuen 
Werke des Heils. Er besass die rechte Kampfes- 
lust, in seiner Feder eine glänzende Waffe, 
in der Gewalt seiner Rede unwiderstehliche 
Cberzeugungskunst. Damit zog er von Stadt 
zu Stadt, von Land zu Land, überall predigend ; 
die Nächte schrieb er. Er Hess sich zum 
Kunstprofessor an der Universität von Oxford 
ernennen, gründete Zeichenschulen, hielt selber 
Unterricht, gab grosse Summen für neue 
Museen, errichtete mitten im Lande Fabriken, 
wo mit der Hand Stoffe gewebt und die für 
den * Homespun* bestimmte Wolle gemacht 
wurde, die dem Stoff die Güte alter Zeiten 
wiedergab. Sein Erfolg war sofort beispiellos. 
Man riss sich um seine Bücher, um jede neue 
Broschüre, und mancher, der nur zur Hälfte 
seine Prinzipien begriff, wurde darum nicht 
weniger sein warmer Anhänger. 

Eines half ihm vor allem. Er fand Menschen, 
begeistert wie er, die Künstler waren und sofort 
seine Ideen praktisch in die Künste und Gewerbe 
übertrugen, so DANTE G. ROSSETTI, Madox 

Brown, Birne Jones, Walter Grane, so 
William Morris. 

Alle diese Künstler waren mit RUSKIN über- 
zeugt, dass nur in der Vergangenheit eine 
reine Schönheitsharmonie, ein tief ideales 
Kunstschaffen zu finden sei. Und darin hatten 
sie recht. 

Aber sie alle erblickten infolgedessen das 
Heil ihrer Zeit nur in der Rückkehr zu den 
Wegen der Alten, in einer individuellen Nach- 
ahmung ihrer grossen Vorgänger, ohne sich 
um den Unterschied der Zeiten zu bekümmern. 
Und darin hatten sie unrecht. 

Denn gerade was die grossen Kunstepochen 
immer besitzen, das ist die vollkommene Har- 
monie zwischen dem Geist einer Zeit und ihren 
Werken, die fein reagierende Schöpfungskraft, 
die die Kunstform ändert, sobald sich das in- 



WOHIN TREIBEN WIR? 



letlektueUe Leben der Völker ändert. Wenn einer 
der grossen Alten heute zurückkäme, er würde 
der Jüngsten einer sein und das Ideal, dem 
er früher gedient, das damals der Zeit, heute 
nicht mehr der unsrigen entspricht, weit von 
sich werfen. Das Typische an den Grossen 
ist ihre Eroberungskraft. Sie sind immer 
Umstürzler. 

RVSKIN flüchtete aus Hass gegen die Gegen- 
wart in die Vergangenheit und er wollte seine 
ganze Mitwelt mitnehmen. Er predigte, dass 
jeder Mensch, selbst der Ärmste, in seinem 
Haus einen Hauch von Kunst haben müsse, 
and dabei uerschloss er durch seine Theorie, 
durch die Absperrung aller modernen Hilfs- 
mittel die einzige materielle Möglichkeit, seinen 
Wunsch zu verwirklichen. Er hätte am liebsten 
die Eisenbahnen abgeschafft, weil sie die 
Schönheil der Landschaft gefährden. 

Die Träumereien seiner Malerfreunde illu- 
sirierten diese Tendenz in glänzender Form und 
führten immer weiter fernab von der Gegen- 
wart zurück in die heroischen Zeiten. Aber 
das Heldentum dieser Zeiten vermag nicht 
der Gegenwart Jugendfrische zu geben, und 
die Stärke der Zeit, in deren Erinnerung man 
schwelgte, hat nichts von der Gedankenblässe, 
die in den Bildern RossETTl's und der anderen 
schlummert. 

William Morris wurde die gewerbliche 
Essenz dieser Kunst. Er setzte seine uner- 
schöpfliche Gestaltungskraft, seine ganze, schier 
unbegreifliche Energie ein zur Popularisierung 
der Gedanken seines Freundes RUSKIN. Er 
wurde der grosse Reformator des englischen 
Hauses und alles dessen, was den dekorativen 
Künsten gehört. Fenstermalereien, Stoffe, 
Tapeten, Mobilien, Keramik, Buchgewerbe, 
alles umfassle er mit gleicher künstlerischer 
Liehe, alles wurde von ihm zu einer harmoni- 
schen Gesamtheil geeint, einfach und ge- 
diegen, künstlerisch und in allen Teilen stets 
streng der Art der verarbeiteten Materialien 
entsprechend. 

Morris ist der Erwecker. Ihm, dem jüngst 
verstorbenen, verdankt die moderne gewerb- 
liche Bewegung den Ansloss, und es bedurfte 
eines Mannes seiner Art, um dem Sloss fort- 
wirkende Kraft zu geben. 

Aber seine grosse Schöpfung trägt den 
Stempel der Kunst, der sie entsprang : siets ist 
es die Vergangenheit, die durch Morris 
schöpferisch wirkte. Und der Archaismus 
seiner Werke hält unsere Zeit ab, sie als ihre 
wahren Kinder zu grossen. 

Durch ganz Europa ging ein Schrei des 
Entzückens, als England mit seiner Schöpfung 
hervortrat. Noch ist sein Echo in allen Ländern 



WILSON fSrtlr 10) 

zu vernehmen. Aber in England selbst scheint es 
stiller geworden zu sein; dem schönen Ansturm 
ist nicht der breite starke Fortschritt gefolgt. 
Ein Moment des Slillslandes ist eingetreten, 
England seufzt unter der Macht seiner Er- 
innerungen. Das Mobiliar scheint in einer loten, 
engen Formel, die nichts anderes als ein er- 
weiterter Queen -Anne -Stil und, wenn man 
weiter sieht, ein Abkömmling der flämischen 
Renaissance ist, zu versinken. Wohl drängt ein 
kräftiger künstlerischer Wille in bedeutenden 
Schülern von Morris, in erster Linie VoYSEY 
u. a. zum Fortschritt. Ob er aber genügt? 
Wenn England für die Zukunft dleFührung 
derBewegung erobern will, muss ein neuerWind 
sich hinter seine erschlafften Segel setzen. 
(Ein zweiler Aufsalz folgt.) 



-4, ENDELL, Wandfrir. 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



Bei der Lampe eryiebl sich die Neuerung 
in gewerblicher Hinsicht von selbst. Schwieriger 
ist, den Stuhl, den Tisch durch neue Formen 
zu ersetzen; wir haben von den Allen vor- 
zügliches, von dem Empire und der Queen- 
Anne-Epoche einfaches, brauchbares Mobiliar 
geerbt, und die physischen Bedürfnisse, die 
hier mitsprechen, haben sich zwar modifiziert, 
aber niclil so entscheidend verändert, dass dem 
Laien die Notwendigkeit neuer Formen aus 
anderen als ästhetischen Gründen ohne weiteres 
in die Augen springt. Anders in der Be- 
teuchtungsfra^e. Die Entwicklung, die sich 
in unserem Jahrhundert von der Öllampe zum 
Gas, vom Gas zur Elektrizität vollzogen hat, 
bat eine Welt zwischen früher und jetzt ge- 
legt: zwischen der Öllampe unserer Grossoäler 
und einer Glühlampe ist kein geringerer Unter- 
schied als zwischen der Postkutsche und dem 
Eisenbahnwagen. Die in der Entstehung wie 
in der Äusserung vollkommen veränderte Licht- 
materie musste notwendig neue Formen für 
die Träger des Lichts mit sich bringen. Das 
Bassin der Öllampe musste sich bei der 
Petroleumlampe wesentlich vergrössern, was 
wiederum eine solidere Konstruktion der Lampe 
nötig machte. Eine vollständige Umgestaltung 
des Beleucblungswesens trat aber erst ein, als 
man die Verwertung des 
Gases gelernt hatte. Erst 
das Gas, das eine Leitung 
der Materie von einem im 
Hause gelegenen Zentrum 
aus mit sich brachte, machte 
die Lampe zu einem voll- 
berechtigten Rtückderlnnen- 
dekoration, indem es die An- 
lage fester Beleuchtungs- 
punkte durch Kronleuchter, 
Wandarme etc. nicht nur 
erleichterte, sondern ratio- 
nellerweise auch notwendig 
machte. Die Erfindung der 
Elektrizität erweiterte die- 
selbe Tendenz bis ins Un- 
begrenzte. Während die 
offene Gasflamme sich in re- 
GUiLD spektvoUer hntfernung von 



der Wand zu hallen hatte, dringt das ge- 
schlossene elektrische Licht überall hin und 
macht Beleuchtungswirkungen möglich, an 
die früher nicht zu denken war. 

Trotz des ungeheuren Aufschwungs der 
Gas- und elektrischen Beleuchtung ist die 
Petroleumlampe noch nicht verdrängt und 

zwar mit 
Recht. Wäh- 
rend Gas und 

Elektrizität 

immer den 
besten Stoff 
für die stabile 

Beleuchtung 
liefern wer- 
den, bleibtdas 
Petroleum ein 

praktischer 

Körper fürdie 

mobile 

Lampe, so 
sehrauchGas s. iienson 
und Elektri- 
zität auch dieses Gebiet umstreiten. So 
kommt es, dass wir den drei verschiedenen 
Materien entsprecliend drei verschiedene mobile 
Lampenarten besitzen; bei der Petroleumlampe 
ist das Bassin die natürticlie Hauptsache, die 
die Form der Lampe bestimmt, bei dem Gas 
das Rohr, bei der elektrischen Lampe der Draht. 
So einfach diese Bestimmung erscheint, die 
Industrie entschliesst sich nur langsam, ihr 
zu folgen, und es gehört heute noch zu den 
Seltenheilen, Lampen zu finden, die nach 
.diesem selbstverständlichen Prinzip konstruiert 
sind. Zum Teil trägt hieran der allgemeine 
Verfall des Gewerbes Schuld, der Brauch, 
alte Stilformen für neue Bedürfnisse zu ver- 
wenden; zum Teil auch ökonomische Gründe, 
der Wunsch, einmal vorhandene Modelle aus- 
zunutzen und sich der notwendigen Neuerung 
nur durch eine praktische äusserliche An- 
passung zu entziehen. Es giebt Träger für 
elektrische Lampen, die früher mit Gas und 
noch früher mit Petroleum bedient wurden. 
Auch sträubt sich ein unklares Luxusbedürfnis 
immer noch gegen die sachliche Darstellung 




OTTO ECKMANN GnrfzI. gaehOtit 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 




^ 



THE BIRMINGHAM GÜILD 



des Nützlichen, man zieht noch immer im 
grossen Publikum eine möglichst unsinnige 
Renaissancefigur, deren Mund sich zu einer 
Gasflamme erweitert, einem einfachen Gas- 
arme vor, der nicht mehr sein will, als er ist. 

Natürlicheruieise waren England and Ame- 
rika, die Länder, in denen die neue gewerb- 
liche Bewegung geboren wurde, auch auf dem 
Gebiete des Beleuchlungswesetis die ersten 
künstlerischen Neuerer. Es half ihnen ihre 
Priorität in der rein praktischen Frage. Das 
elektrische Licht fand zuerst in Amerika, wo 
es entdeckt wurde, Verbreitung, und mit 
amerikanischer Geschwindigkeit die spezifische 
praktische Ausnutzung, die ihm zukam. Man 
hatte schon vorher in amerikanischen Bureaus 
die besten, weil praktischsten, branchbarsten 
Gaslampen. Der Wunsch des Amerikaners 
und Engländers, in seinem Geschäft Jeden an- 
sachlichen Zierat zu vermeiden, wohl aber, 
den einfachen Nützlichkeilsformen möglichst 
gediegenes Aussehen zu geben, verbesserte die 
rein materielle Seite; man bevorzugte so viel 
wie möglich das blanke Messing, das bei uns als 
»cuivrepoli* fast ein Luxusmetallgeworden war; 
der Londoner Benson machte auf dieser Basis 
den ersten Schrill in die neue Ästhetikder Lampe. 

Bbnson's Einfluss auf die ganze neue Be- 
wegung ist unschätzbar. Er wagte in einer 



Zeit, als man in der gedankenlosen Nachbildung 
alter Stile schwelgte, dem Publikum Melall- 
gegenslände zu bieten, die teurer als die gang- 
bare Ware und trolzdem frei von jedem Prunk, 
ja in älterem Sinne jedes Schmuckes bar 
waren. Er mutete seinen Kunden zu, sich 
Lampen in ihre Salons zu hängen, die sich 
anscheinend nur wenig von den Lichllrägern 
unterschieden, die die Bureaus des reichen 
Kaufmanns erleuchteten, der gewohnt war, 
in seinem Hause ganz das Gegenteil von dem, 
was ihn in seinem Kabinett umgab, zu finden. 
Benson setzte zuerst die Thorheit ins Licht, 
die zwischen dem Mann der Arbeit und dem 
der Ruhe prinzipiell unterscheidet und ver- 
langt, dass man in Renaissanceräumen ver- 
gisst, was man in vier nackten Wänden ge- 
arbeitet hat. Er deckte als einer der ersten 
die Notwendigkeit auf, dass der Luxus, der 
das Leben verschönt, das Notwendige zu er- 
gänzen, aber nicht zu verunstalten habe; er 
fand, dass der Mann der Praxis, der Kauf- 
mann, der Techniker, kurz, der moderne Er- 
werbsmensch, der mil sachlichen Argumenten 
zu rechnen gewohnt ist, in seinem Hause nicht 
durch die grelle Unsachlich keil, wie sie in arran- 
gierten Renaissance- oder Rokoko-Gaslampen 
steckt, zu einer unbewusslen Verleugnung seiner 
Persönlichkeit gezwungen werden dürfe. 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



BENSONhatden Aas- 
gangspunkt fi'ir die mo- 
derne Lampe gegeben, 
den Anfang. Man hat 
längst Besseres, aber 
man wird nie etwas 
Gates finden, das sich 
prinzipiell von dem 
s. «f.vso» praklischenSlandpunkl 

enifernf, den er ange- 
geben hat. Darum zählt 
sein Wirken in der Geschichte der modernen 
Lampe, ja es ist unentbehrlich und wichtiger 
als manche sehr viel ästhetischere Folge- 
erscheinungen. Er wollte in erster Linie 
gute Lampen machen, Dinge, die unverhüllt 
ihrem richtigen Zuxckdienen, under zog es vor, 
lieber auf den Schmuck zu verzichten als die 
Zweckdienlichkeit im mindesten zu schädigen. 
Er zeigt im Gasarm die einfachste Form : das 
Rohr, das zur Lampe auswächst. Er befestigt 
das Rohr mit einer einfachen, hübsch gedrehten 
Scheibe an der Wand and nimmt als Lampen- 
schirm oder Glocke die Form und das Material, 
die dem Zweck am besten entsprechen. Der 
ästhetische Werl schlupft fast wider Willen 
hinein. Er liegt in einer ganz feinen, 
scheinbar willkürlichen, in V" 
höchst berechneten Riegung 
die eine graziöse, elegante Li 
in der Zasammenstimmung 
polierten Messings mit der 
Stoffs, der in den Schirm 
ist, oder der Glas färbe dei 
Glocke, zu der ihm J. PoWE 
and ähnliche tüchtige moc 
fabriken das Material liefet 
in Nuancen. In der Pein 
Benson's ist scheinbar alle 
straktion geopfert, und doch 
ganz darin, die Grazie, die i 
guten amerikanischen Riegel 
die sich von selbst zu er- 
geben scheint, wenn der 
Zweck in idealer Weise er- 
reicht ist, und die durch eine 
Kleinigkeit gefördert, durch 
eine Kleinigkeit zerstört wer- 
den kann. In den Trägern 
der elektrischen Lampen 
wird das schmückende Rei- 
werk am leichtesten moti- 
viert. Die Schnur, die den 
Stromdraht enthält, muss 
irgendwie geleitet werden, 
sei es wie bei Wandlampen 
über ganz einfache, aus 
der Wandbefestigang ent- s. bbnson 




wickelte Stützpunkte, die sich aus sich 
schneidenden Linien ergeben, oder über ein 
einfaches RIattmotiv oder endlich durch ge- 
ringelte Melallstäbe, eine höchst glückliche Er- 
findung. 

Wir haben die ganz einfachen Formen Ben- 
son's nicht wiedergegeben, weil sie durch l'Art 
Nouveau in Paris, den Hohenzollern Razar u. a. 
genügend bekannt geworden sind und sich 
schwer so reproduzieren lassen, dass ihr ganz 
verschwiegener Reiz im Bilde erscheint; wir be- 
schränken uns auf ein paar der neuesten Mo- 
delle, unter denen die Abbildung aufS. 6 rechts 
die einen gleichzeitig nach oben und nbch unten 
Licht gebenden 
Kronleuchter zeigt, 
dieses Arrange- 
ments wegen Inter- 
esse verdient. Die 
besten Benson's 
sin dimmer die ganz 
einfachen, ohne je- 
den Zierat andobne 
jede Komplikation, 
und zwar sowohl s. benson 
in Messing wie in 

Eisen — die eisernen sind vielleicht noch 
' ■ I. Sobald Renson deutlich 
ken versucht, verliert er die 
ide Sicherheit. Manche seiner 
ünnen ' Metallblätfer, die er 
unter die Lampen ausbreitet, 
as Auge mit ihren scharfen, 
Umrissen, an denen man 
bleiben meint. Dieser Fehler 
erwähnten Kronleuchter, der 
e, am Rande sanft umgebogene 
lachung trägt, vermieden, 
cht gleichwertige , nur zu- 
ckliche Variation des Ren- 
en Genres vertritt die in erster 
trch ihre köstlichen Gläser be- 
rühmte, oben erwähnte 
Londoner Firma J. Powell 
& Sons, bei der zu oft der 
spielerische Gtascharakter 
die Lampe bestimmt. 

Ganz bewusst lehnen sich 
die Belgier VAN DE VeldE, 
HoRTA und Rysselberghe 
an das RENSON' sehe Prinzip 
an. Gerade sie, denen die 
Einfachheit Evangelium ist, 
musste Renson beeinflassen. 
Aber es ist eben nur das 
Prinzip, das sie herüber- 
genommen haben und das 
sie herübernehmen mussten. 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



da man sich nicIU 
gegen eine Sache 
zu uerschliessen 
vermag, die man 
als vollkommen 
erkannt hat. Im 
Gewerbe hat die 
Originalität ein 
anderes Gesetz als 
in der reinen 
Kunst; hier hat 
der Eigendünkel, 
der durchaus et- 
was Neues schaf- 
fen will und der 
aus der modernen 
Malerei diese 

Speisekarle von 

Sensations- 
haschereien ge- 
macht hat, sich 
unier Umständen 
wichtigeren Fak- 
toren zu fügen. 
Die Belgier stre- 
ben nach En- 
sembles, in denen 
der Beleuchtungs- 
körper nur ein 
Faktor unter vie- 
- H. VAN üE VELDE len anderen ist. 

Man kann ihn 
daher kaum für sich allein betrachten; 
immerhin wird man auch hier die reine, 
gediegene und wohl überlegte Eleganz, die 
jedes Werk VAN DE Velde's auszeichnet, die 
mehr bizarre Note HORTA's, des bedeutendsten 
Architekten Belgiens, die einfache Vornehmheit 
HysselbergHE' scher Gegenstände erkennen. 
Das wirkliche Verständnis für diese Sachen 
wird aas unseren Spezialaufsätzen aber die er- 
wähnten Künstler mit Reproduktionen ihrer 
Zimmereinrichtungen heruorgehen. 

Alle die bisher betrachteten Lampen sind 
Gusswerk. An Qualität des Gusses ist Benson 
unerreicht; YAN DE Velde gelingt es erst jetzt, 
ihm auch in dieser rein technischen Frage bei- 
zukommen. Zweifellos liegt in der Reinheit 
des Stoffes ein unenlbehrticlter Reiz dieser 
einfachen Sachen. — Was sonst in England 
und anderen Ländern an bemerkenswerten 
Lampen gemacht wird, ist fast ausschliesslich 
Handarbeit and zwar entweder getriebene oder 
Schmiedearbeit. Das beeinträchtigt die rein ge- 
werbliche Bedeutung der folgenden Arbeiten. 
Der wohlthäiige Einfluss Benson's ist nur 
durch die Massenfabrikation, die er betreibt, 
möglich geworden; wir leben im Zeitalter der 



Maschinen, und es ist kein geringes Verdienst 
Benson's, bewiesen zu haben, dass man auch 
mit den ganz modernen Mitteln der Massen- 
herstellung künstlerische Werte geben kann. 
Zweifellos kann das Streben des modernen Ge- 
werbes nicht dahin gehen, Dinge herzustellen, 
die nur mit der Hand gefertigt werden können. 
Die Amerikaner haben die Maschine auch 
für andere Gebiete in dieser ausgezeichneten 
Weise ausgenutzt, in Europa ist in dieser 
Hinsicht Benson meines Wissens noch immer 
der einzige. 

Gleich einfach aber natürlich durch das 
getriebene Material überlegen scheinen mir die 
Lampen der Birmingham Guild, die trotz des 
Vorhergangs Benson's erreicht haben, selbst 
im Einfachsten durchaus unabhängige Modelle 
zu schaffen. Bei ihnen liegt der ganze Reiz in 
der scheinbar anwesentlichsten Einzelheil. 
Wie die kleinen Schmiedestücke gezeichnet 
und aufeinandergenietet sind, die einfache und 
doch immer elegante Komposition der tragenden 
Linien, das vorzügliche Material — alles das 
giebt zusammen ausgezeichnete Gesamtwir- 
kungen, die dem Liebhaber einfacher Art 
wertuoll sind. 

Rathbone in Liverpool folgt denselben ge- 
sunden Prinzipien. Seine getriebenen Leuchter 
und Lampen sind wahre Muster einer glück- 
lichenVereinigung von Geschmack und Solidität. 

Einen sehr wesentlichen Fortschritt in ästhe- 
tischer Hinsicht verdankt das Beleuchtungs- 
wesen der ersten modernen englischen Gilde, 
The Guild of Handicraft in iMudon, deren 
liöchsl verdienstvoller Gründer und Leiter 



RATHBONE 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



THE GUILD AND SCUOOL OF HANDICRAFT. LONDON 
DEKORATIVE KUNST. HEFT t. 9 * 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



/. POWELL A SONS 

ASHBEE eine Reibe oorzüglicber Beleuchtungs- 
körper entworfen hat, die in dieser Guild 
unter seiner Aufsicht ausgeführt worden sind. 
ASHBEE ist die Verschönerung des einfach 
Nützlichen gelungen; er benCdzl die grosse 
Geschicklichkeit seiner Leute für gel rieben e 
Sachen. Aber er missbrauchl sie nicht für 
Überflüssige Zwecke. Sein bestes Werk ist 
der einfache Stern (nebenstehende Figur), der 
fünf elektrische Lampen Irägl, und hinter jeder 
von ihnen ein getriebenes, schön geformtes 
Kupfer-Oval, das das Licht zurückwirft. In 
Figur S. 9 oben rechts stattet er die an der 
Wand befestigte Fläche vorteilhaft aus, lässt 
sie aber überall do ganz glatt, wo das Metall 
zu reflektieren vermag. Sehr geschickt ver- 
bindet er Eisen mit Kupfer und bevorzugt 
das erstere zu den beanspruchteren Teilen, 
während das Kupfer immer für die Flächen 
benutzt wird. In der Stilisierung sucht er sich 
immer mehr von der landläufigen moderni- 
sierten Gotik zu entfernen und trachtet nach 
einfacheren, immer mehr rein ornamentalen 
Entwürfen, In Figur S. 9 unten links hat 
er die allromanische Form der Gürtelkrone 
erneuert, die sich gerade ihrer Ketten wegen 
für die Leitungsart der elektrischen Lampen 
eignet. 

H. Wilson in London hat diesen Typus 



für seine Kirchenlampen noch erweitert und 
benutzt die Form auch für Flurlampen, für 
die sie besonders deswegen geeignet erscheint, 
weil sie die zuweilen unschön grosse Ent- 
fernung zwischen Plafond und Lichtquelle 
durch die Unterbrechungen der getriebenen 
Schmuckstücke verkürzt. 

In allen diesen gelungenen Arbeiten kann 
man mehr oder weniger eine Erweiterung ■ 
des BENSON'schen Prinzips erblicken. Auf 
ganz anderem Boden steht Lovis C. Tiffany in 
New York. Bekanntlich ist die amerikanische 
dekorative Bewegung und in erster Linie die 
Glaskunst LA FargE's und TiffanY's stark 
von älteren orientalischen Arbeilen beeinpusst. 
TlFFANY hat verstanden, auf dieser für Europa 
fast neuen, weil unbekannten Basis eine voll- 
kommen originell angewandte Kunst zu ent- 
wickeln. Das grosse Haus, das er in New 
York gegründet hat und das heute fast alle 
gewerblichen Zweige umfasst, fing mit dem 
Glase an, und das Glas ist seine beste künst- 
lerische Äasserungsart geblieben. Eine Unzahl 
von Nachahmungen hat das Genre über die 
ganze Welt verbreitet; das amerikanische 
Glas ist zum festen Betriebsmaterial für alle 
besseren modernen Glasereien des Kontinents 
geworden. Nur die Vase, das in einem Stück 
geschaffene Glasobjekt ist TiFFANY ziemlich 
allein geblieben, wenigstens bat die Nach- 
ahmung nicht annähernd die Güte des Ori- 
ginals erreicht. Kein Wunder, dass die Lampen 
TiFFANY's diese Entwicklung verraten. Sie 
sind in erster Linie Glasapplikationen und ibr 
gewerblicher Wert bestimmt sich nach der 
Art dieser Verwendung. Die ersten Beteuch- 



THE r.riLn & SCnOOL OF H.^NDICR.tFT. LONnt 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



L. C TIFFANY, SEW yOKK 

lungskörper waren ganz vom Orient beein- 
flusste Glaskombinationen, sehr häufig Spiele- 
reien einer glücklichen Phantasie, im ganzen 
mehr Luxusgegenstände als Lampen. Das 
Berliner Geuterbemuseum besitzt die besten 
Modelle dieser ersten Zeit und Lessing hat 
sie in einem Aufsatz der WESTERMANN'schen 
Monatshefte vom Oktober i89i, auf den hier 
nachdrücklich verwiesen sei, wiedergegeben. 
Seit ihrer Herstellung ist eine Reihe von 
Jahren verflossen, die TiFFANY nicht unbenutzt 
gelassen hat. Wir bringen eine Anzahl Pe- 
troleumlampen, ausgestellt in dem Salon 
rART NOUYEAU in Paris, die den grossen 
Fortschritt deutlich verraten. Es ist nicht 
schwer, in ihnen die Vase zu erkennen, ihren 
wesentlichsten Bestandteil, dem die Lampe 
augenscheinlich ihre Entstehung verdankt. 
Aber wenn diese Entstehungsweise, die Vor- 
herrschaft des Mittels aber den Zweck des 
Werkes, gewerblich nicht gerechtfertigt ist, 
so kann man doch nicht leugnen, dass das 
Resultat in vielen Fällen gelungen ist, und es 
ist ein gesunder Zug, der TiFFANY trieb, seinen 
kostbaren Vasen eine nützliche Verwendung 
zu geben. Das Material ist so solid, dass es 
das Metall zu ersetzen vermag, dazu ist die 
Montierung in Bronce oder Silber zweckent- 
sprechend entworfen. Nur fällt die Bevor- 
zugung rein indischer oder Empire-Motive 
auf. Wozu orientalische Perlenkettchen und 
Zierate, wozu die Kranzgewinde des Em- 
pires? Eine ganz einfache Montierung in 
einem der Farbe nach entsprechenden Metall 
würde zuweilen den Mangel eines primären 
gewerblichen Standpunktes verdecken und nach 
unseren Begriffen die Schönheit des Glases 
mehr zur Geltung bringen. Manchmal tritt 
auch der Charakter der Vase über das ge- 
hörige Mass in den Vordergrund. Sobald der 
Petroleumbehälter eine Höhe von fast einem 



Meter erreicht, ist es schwer möglich, die 
rechte Proportion für den eigentlichen Be- 
leuchlungskörper zu geben. Ausserdem wird 
die Lampe fast untransportabel und macht 
den Eindruck eines Kolosses, der nur selten 
richtig im Zimmer plaziert tverden kann. 
Die glänzende künstlerische Wirkung des 
Glases, die so packend eben nur bei einer 
gewissen Grösse der Vase möglich ist, vermag 
nicht über die monströse Vorstellung eines 
mit dem entsprechenden Quantum Petroleum 
gefüllten Behälters hinweg zu helfen. Denn 
dass tbatsächlich nicht der ganze Hohlraum 
mit Petroleum gefüllt wird, sondern nur ein 
verhältnismässig äusserst geringer Teil, der 
durch das be- 
kannte ver- 
steckte 
Becken, das 
man bei un- 
seren meisten 

{Hänge- 
lampen für 

Petroleum 
findet, abge- 
grenzt wird, 
ist ein Aus- 
kunftsmitlei, 
das als Vor- 
spiegelung 
P falscher 
Thalsachen 
der Ästhetik 
des Gewerbes 
widerspricht. 
Diese klei- 
nen Einwen- 
dungen ver- 
l mögen die 
'grosse Be- 
deutung der L. C. TIFFASY, SEW YORK 



MODERNE BELEUCHTUNGSKÖRPER 



Lampen 
TiFFANY's 

[nicbi zu 
schmälern. 
Sie Hegt vor 
allem in der 
Möglichkeit 
einer schö- 
nen Pracht- 
wirkung 
izung des ge- 
Gebrauchs- 
in den bisher 
n Modellen 
Kreits erreicht 
• in den zii- 
noch weiter 

g werden wird. 

Deutschland ist an der 
Schöpfung moderner Be- 
V. BERLEPSCH leuclitungskörper bisher 
nur gering beteiligt. Die 
grossen Geschäfte Berlins beschränken sich 
auf rastloses Nachahmen amerikanischer und 
englischer Modelle. Die Arbeit ist zuweilen 
gut, zugleich billiger als die ausländische Ware, 
manchmal wagt man auch eine kleine Modi- 
fikation, indem man nicht einem, sondern 
mehreren Modellen zugleich entlehnt, aber 
irgend ein neuschöpferischer Zug ist bisher 
noch nicht zu entdecken und das fällt bei 
der grossen Bedeutung, die in Berlin und 
anderen deutschen Grossslädten der Beleuch- 
tangsfrage zugewiesen wird, doppelt auf. 
Neuerdings haben sich in München einige 
moderne Künstler mit Handarbeiten der Frage 
zugewendet, an ihrer Spitze Otto Eckmann, 
der bereits mit seinen ersten Versuclien auch 
auf diesem Gebiete Erfolg gehabt hat. Wir 
bilden eine Anzahl seiner Leuchter ab, die 
alle den Vorzug gefälliger Formen und vor 
allem der unbedingten Unabhängigkeit von 
anderen Modellen besitzen. Die Grundkom- 
posilion ist immer verständig und einfach; 
in dem Schmuck wird man leicht einen Nieder- 
schlag der Vorliebe ECKMANN's für einfache 
Natur, namentlich Blaltmotiot entdecken, die 
in allen seinen übrigen Arbeiten zu finden ist. 
Er hat nichl umsonst seil Jahren an der 
zeichnerischen Ausbildung seiner zweifellos 
hohen dekorativen Begabung gearbeitet. Jeden- 
falls scheint Eckmann am meisten für die 
Frage befähigt, und zwar glaube ich nicht 
nur an seine Bedeutung vor dem deutschen 
Urteil, das Arbeiten wie die vorhandenen mit 
grössler Freude begrüssen sollte, sondern auch 
vor der internationalen Kritik; ich bin über- 
zeugt, dass Eckmann auch den Engländern 



z. B. Anregung geben könnte. Die technisch 
vorzügliche Ausfüheung und den Verkauf 
dieser Lampen hat die Münchner Firma 
Jos. Zimmermann & Co. übernommen. 

Nicht so gelungen sind VON Berlepsch's 
Leuchter; wir geben nur ein ganz einfaches 
Modell wieder, das uns am besten gefällt, weil 
es von der gefährlichen Tendenz, die deutsche 
Renaissance zu naturalisieren, frei ist, die man 
bei den übrigen findet. Der nationale Gesichts- 
winkel, der dabei mitspricht, ist sicher warm 
zu verteidigen, nur vergisst V. BerlepscH, 
dass in erster Linie das steht, was unsere 
Zeit von einem Beleuchtungskörper verlangt; 
dass es sich vor allem darum handelt, moderne 
Ansprüche an den Gebrauchswert zu befriedigen, 
und dass die Form nicht irgend eiiitem Stil, 
sondern in erster Linie der solchen Bedürf- 
nissen Rechnung tragenden Konstruktion zu 
folgen hat. 

Wir verzichten auf ein wichtiges Gebiet der 
modernen Beleuchtungsfrage, auf Ensemble- 
Licht Wirkungen, wie sie in den Strassen-, 
Theater- und anderen Beleuchtungen angestrebt 
werden, einzugehen. In dem Aufsatz über die 
Ausstellungen wird bei der Besprechung der Cen- 
tralhalle in der Hamburger Gartenbau-Ausstel- 
lung und an anderen Stellen diese höchst 
wichtige Frage gestreift, in der bis zu ge- 
wissem Grade die Zukunft liegt, die den Be- 
leuchtungskörper immer mehr als einen Teil 
der Innen- und Aussendekoration behandeln 
wird, der, allein betrachtet, seine Bedeutung 
verliert. 

Wir hoffen, dass unsere Darlegungen den 
Erfolg unseres unten folgenden Preisaus- 
schreibens erleichtern werden, und nicht nur 
die Künstler, sondern auch die modernem 
Geschmack zugänglichen Architekten und 
Handwerker zur Beteiligung anregen. Denn 
die Lampe ist wie jeder Gebrauchsgegenstand 
in erster Linie eine Konstruktion, die nur von 
sachlich nachdenkenden Köpfen gelöst werden 
kann. Die Jurg wird daher die praktische 
Bedealnng zum massgebendsten Faktor ihrer 
Entscheidung machen. — f — 



WETTBEWERB für den Entwurf 
einer modernen transportablen, 
elektrischen Tischlampe. 

I. Preis WO Mark. 
II. Preis 50 Mark, 
III. Preis 20 Mark. 

Die näheren Bedingungen sind auf der 
zweiten Unischlagseile dieses Heftes abge- 
druckt. 



A. ESDELL, Wandfrits 



KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT 

FÜR HANDWERKER IN ENGLAND 

VON 

H. MUTHESIUS 



Es sind in diesem Jahre gerade 60 Jahre 
verflossen, seitdem in England die erste Kunsl- 
gewerbescbule gegründet wurde; man halle 
also mit dem Jubiläum der Königin zugleich 
das 60jährige Bestehen des englischen Kunsl- 
geiverbeunterrichls feiern können. Von der 
Mille der fünfziger Jahre ab siebt dieser 
Cnlerrichl in fast ausschliesslicher Abhängig- 
keil imn dem Soulh Kensington-Museum. Die 
Gründung dieses Instituts war bekanntlich ein 
Ergebnis der auf der ersten englischen Ge- 
werbe-Ausstellung gesammelten ungünstigen 
Erfahrungen. Man war sich darüber einig, 
dass zur Hebung des darniederliegenden Hand- 
werks irgend etwas geschehen müsse und schuf 
t8,'i3 das Department of Science and Art zur 



Unterstützung des technischen und kunstge- 
werblichen Unterrichtes. Im Jahre 1857 
bezog dieses seinen Stammsitz in South Ken- 
sington. 

Alle Welt weiss jetzt, was man dieser Grün- 
dung zu verdanken hat. Sie hat den Samen 
eines bessern Geschmacks über ganz England 
ausgestreut, sie hat einen geordneten Zeichen- 
unterricht ins Leben gerufen und in der 
Metropole eine kunstgewerbliche Sammlung 
allerersten Ranges geschaffen. Aber noch mehr, 
sie ist vorbildlich für das Festland geworden, 
und das ist gewiss ein Triumph für ein 
Land, das so arm an Kunstüberlieferungen 
ist wie England. Wer heule eine Geschichte 
der modernen Renaissance des Kunstgewerbes 
schreiben wollte, hätte mit der Gründung des 
South Kensington-Museums zu beginnen. 

Seine Verdienste sind denn auch genugsam 
hervorgehoben worden, und man ist sieb der 
grossen Kulturaufgabe, die es erfüllt hat, uoll- 
ständig bewussf. Trotzdem sind in neuerer 
Zeil Zweifel aufgetaucht, ob es nicht seine 
Mission, den Untergrund für ein allgemeines 
Kunstverständnis zu schaffen, nunmehr erfüllt 
habe, und ob man nicht zu einem Kunst- 
unlerricbt übergehen solle, der auf einer in- 
timeren, verliefteren Auffassung des Wesens 
der Kunst beruht. Als man um die Mitte 
dieses Jahrhunderts anfing, die traurige Nieder- 
lage unseres Gewerbes zu begreifen, sah man 
den Weg zu einer Besserung in einer Art 
Übertragung der Kunst auf das Handwerk. 
Unter beiden Begriffen stellte man sich ge- 
trennte Gebiete vor, aus ihrer gedanklieben Ver- 
einigung entstand das Wort 'Kunstgewerbe'. 
Fangen wir nicht heule bereits an, ans leise 
gegen den Gebrauch dieses Wortes zu sträubew^ 

Sehen wir nicht, wie in diesem Worte, auch 
ein Üoppelwesen in den Erzeugnissen dieser 
Kunsige Werbezeit, wo ein Zusammenwirken 
von Künstler und Handwerker nötig war, um 
sie hervorzubringen 9 

In den besten Zeiten hatte der Handwerker 
die Schöpfung seiner Arbeiten allein in der 



KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGLAND 



Hand. Er 

erhob 
keineswegs 
den An- 
spruch, ein 
Künstler zn 
sein, aber 
seine schaf- 
fende Hand 
wurde von 
einem Ge- 
schmacke 
geleitet, der 
des besten 
Künstlers 
würdig ge- 
wesen wäre. 
Allerdings 
dienten ihm 
häufig die 
Blätter 
grosser 
j. POWELL £ SONS Meister als 

Anhalt. 
Indessen erschöpften die^e nie die Einzel- 
heiten werkmässiger Ausführung, and es 
blieb dem Handwerker überlassen, die dort 
gegebenen Gedanken seinem Material und 
seinem besonderen Zwecke anzupassen, wenn 
er es nicht vorzog, ganz nach eigenem Ent- 
würfe zu arbeiten. 

Den Handwerker wieder zu dieser Art von 
selbständiger, man mochte sagen, schöpferi- 
scher Thätigkeit zu erziehen, das ist das Ziel 
einer Reihe von Handwerkerschulen, die in 
England in neuester Zeit entstanden sind. 
Diese stehen meist nicht im Zusammenhange 
mit dem South Kensingion-Museum, sondern 
bedeuten einen neuen Ausgang auf neuer 
Grundlage. Bevor ich auf diese Schulen näher 
eingehe, ist es nötig, die eigentümlichen, für 
den Uneingeweihten schwer verständlichen Ver- 
hältnisse in dem technischen Schulwesen Eng- 
lands etwas näher ins Auge zu fassen. 

Bekanntlich giebt es hier ausser den Volks- 
schulen keinerlei staatliche Lehranstalten. So 
liegt auch der technische und kunstgewerb- 
liche Unterricht ganz und gar in Privat- 
händen. Die Einwirkung des South Kensing- 
ton-Museums auf diese konnte daher nur 
indirekt sein. Im allgemeinen verwendet dieses 
Institut die etwa 15 Millionen Mark, die ihm 
staatlich zur Förderung des Kunst- und Ge- 
werbeunterrichts zur Verfügung gestellt sind, 
auf folgende Weise: 1. es bildet Zeichen- 
lehrer aus in der unter seiner unmittelbaren 
Leitung stehenden Schule des South Kensing- 
ton-Maseams (diese Schule hiess bis zum 



Herbst vorigen JahresNATIONALARTTRAimNG 
SCHOOL, hat aber jetzt den mehr versprechenden 
Titel Royal College of Art erhallen); 
2. es unterhält und vergrössert sein eigenes, das 
Bethnal Green-Museum, sowie die Museen in 
Dublin and in Edinburgh ; 3. es veranstaltet 
Wanderausstellungen aus dem Bestände dtts 
ersteren in kleineren Museen und Kunstschulen 
im Lande; i. es unterstützt technische und 
Kunstschulen , die sich die höhere Erzieh- 
ung von Handwerkern zur Aufgabe machen, 
hebt den Zeichenunterricht in Volks- und 
Fortbildungsschalen und unterstützt und leitet 
Schulen für Zeichenlehrer; 5. es hält jähr- 
liche Prüfungen ab und verteilt nach ihrem 
Ausfall Medaillen, Preise, Freistellen und Reise- 
prämien. Die Unterstützung der Schulen ge- 
schah frülier ausschliesslich und geschieht auch 
jetzt noch hauptsächlich nach dem in England 
auch bei anderen Schulen beliebten Paymenl 
bg resulf 'System, d. h. nach dem Erfolg des 
Unterrichts. Um diesen festzustellen, haben die 
Schalen alljährlich im Sommer Zeichnungen 
ihrer Schüler nach London zu senden, welche 
daselbst von einer besonderen Prüfungskom- 
mission zensiert werden. Die mechanische 



TUE BIRUINGHAU CÜILD 



KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGtANb 




Auffassung, die in England in Bezug auf 
Prüfungen und den Unterricht herrscht, der oft 
lediglich das Ziel zu haben scheint, zu diesen 
Prüfungen vorzubereiten, ist bekannt und uon 
deutschen Schul- 
männern oft be- 
lächelt worden. Ein 
Lächeln nötigen 
uns auch Be- 
stimmungen wie 
die folgenden ab: 
"An Unterstützung 
wird gewährt: 3 £ 
für jede Zensur 
Vorzüglich, 2 £ für 
jede erster Klasse 
und i £ für jede 
zweiter Klasse.* 
Ein lediglich auf 

Prüfungsergeb- 
nisse gerichtetes 
Lehrziel, da* ja an 
sich schon, auch 
in der verhältnis- 
mässig harmloses- 
ten Form, so ge- 
fährlich für den 
Unterricht ist, wird 
absurd, wenn man 
Zensuren mit 

BATRBONB f,a„„ ßgi^g ^_ 

zahlt. Und hierin 
liegt denn auch schon eine bedenkliche Seite 
des Wirkens des South Kensington-Muteums. 
Wie in allen Wettbewerben, die von Kom- 
missionen beurteilt werden, feiert die Durch- 
schnittsware Triumphe. Technische Glätte 
siegt über Originalität, das allgemein Ein- 
wandfreie über die individuelle Leistung. 
Auch noch ein anderer Vorwarf wird häufig 
gegen das Sgstem erhoben : man findet in 
ihm ein Cbermass dessen, was man in Eng- 
land allgemein red tape, den Geist des grünen 
•Tisches nennt. Selbstuersländlickgiehtesfärden 
Lehrgang der Anstalten , die Unterstützung 
vom South Kensington-Museum gemessen, ge- 
wisse Beschränkungen. Man macht diesen 
Vorschriften den Vorwarf, mehr auf Nach- 
ahmungen als auf Entwicklung selbständiger 
Gedanken abzuzielen and dass der glatten 
■Zeichnung grössere Beachtung geschenkt 
würde, als- dem Inhalte des Entwurfes. 
Neuerdings werden übrigens bessernde Ein- 
flüsse deutlich bemerkbar. Schon die vor- 
jährige grosse Ausstellung von Schülerarbeiten 
zeigte, und die diesjährige wird es vielleicht 
noch deutlicher beweisen, dass man von jetzt an 
die ihm gemachten Vorwürfe einzuschränken 

DEKORATIVE KUNST. HEFT 1. ^ 



hat. Übrigens haben sich auch frSher'sehön 
anter den vom South Kensingten beeinflusslen 
Schulen solche mit ausgezeichneten Leistungeil 
befunden, ' wie beispielsweise die Kuhstachule 
von Birmingham. Die grosse Bedeutung der 
Einrichtung des Soüth Kensin^ton- Museums 
geht aus der amtlichen Angabe hervor, dass 
im Mzten Jahre 2 iOOOOO Schüler unter ihrem 
mehr oder weniger direkten Einfluss künstleri- 
schen Unterricht genossen haben. 

Seit einer Reihe von Jahren hat nun in 
England eine lebhafte Strömung aus einer 
andern Richtung eingesetzt, die einen neuen 
und sehr wirkungsvollen Anstoss zur Erweite- 
rung des technischen IJnterriehIa gegeben hat: 
Die Ursache dazu ist eine rein äusserliche, 
sie ist hauptsächlich auf den deutschen Wett- 
bewerb im Welthandel zurückzuführen. Mit B* * 
sorgnis hatte man das Aufblähen des deutschen 
Handels und Gewerbes beobachtet und die 
Überzeugung gewonnen, dass man etwas Ihun 
müsse, um diesem gefährlichen Wettbewerb 
entgegenzutreten. Dieser Einsicht entsprang} 
wie bekannt, zunächst das Waren- Urspruhgs- 
gesetz, wonach alle in England eingeführten 
Waren den Ort ihrer Herkunft tragen müssen-. 
Bekanntlich sucht man sich Jetzt des Gesetzes 
auf irgend eine anständige Weise wieder zu 
entledigen, da man eingesehen hat, dass es 
für die deutschen Waren mehr eine Anpreisung 
als eine Brandmarkung, die es sein sollle, 
bedeutet. Eine weitere Folge war die Ein- 
richtung eines neuen Systems von Gewerbe- 
echaien. Denn man war sich darüber einig-, 
dass unsere Erfolge auf dem Wellmarkte von 
unserer bessern Schulbildung herrührten. Mit 
dem Schlägivort *Made in Germangi ver- 
band sich bald das Schlagwort * Technici l 
Edueationt. Man kann jetzt keine tnglische 
Zeitung in die Hand nehmen, ohne auf beide 
iu stossen. Unter dem letzteren Begriff oer- 



I 



TUE aiiaitftG«iSt GVtLD ■'■ 




KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HAl^DWERKER IN ENGLAND 



sieht man übrigens in England jede Art Hand- 
fertigkeits-, gewerblichen und kaufmännischen 
Unterrichts. 

Darch Parlamentsbeschluss sind vor einigen 
Jahren die Grafschaftsoermaltungen ermächtigt 
worden, einen beliebigen Teil ihrer Einkünfte 
aus der Wein- und Biersteaer auf die Unter- 
stützung des technischen Unterrichts zu ver- 
wenden. Hiervon wird ausgiebig Gebrauch 
gemacht. Nicht nar ist eine ungemein grosse 
Anzahl bestehender Gewerbeschalen darch 
diesen Zuflass vergrössert und erweitert worden, 
sondern es sind auch eine ganze Reihe neuer 
Schulen entstanden. Einzelne Grafschafts- 
verwaltungen, unier diesen die Londoner (dem 
Londoner Grafschaftsrat untersteht die Ver- 
waltung des gesamten Stadtgebietes mit 
alleiniger Ausnahme der nur 31000 Ein- 
wohner zählenden City; das Grafschaftsgebiet 
London zählt -t'/s Millionen Einwohner), haben 
diesem Gebiete ihr ganz besonderes Interesse zu- 
gewandt and die auf technische Erziehung zu 
verwendenden Gelder von Jahr zu Jahr erhöht. 
Für das laufende Haushaltsjahr sind vom 
Londoner Grafschaflsrat allein drei Millionen 
Mark hierfür ausgeworfen. 

Diese Beiträge sind es jedoch nicht allein, 
die dem technischen Unterrichte neuerdings 
zugeführt worden sind. In diesem Lande, das 
in einer jahrhundertelangen ungetrübten politi- 
schen Entwicklung Reichtümer auf Reichtümer 
gehäuft hat, fehlt das Geld stets am wenigsten. 
Kein Land der Welt ist so reich an von Aliers 
her bestehenden wohlhabenden Korporationen, 
reichbedachten Gesellschaften und mit Pfründen 
wohlausgerüsteten Stiftungen. Jn London be- 
stehen noch vom Mittelalter her die alten 
Handwerker gilden, die zwar nur noch in ver- 
einzelten Fällen mit der Ausübung gesetzlicher 
Rechte betraut sind, dagegen fast durchweg 
sich im Besitz ausserordentlich hoher Einkünfte 
aus ererbtem Grundbesitz and alten Vermächt- 
nissen befinden. Die wohlhabendste Gilde, die 
der Krämer, hat i'li Millionen Mark Jahres- 
einkommen, 15 der bestehenden 89 Gilden 
haben aber 200000 Mark jährlich zu ver- 
brauchen. Ein Teil dieser angeheuren Summen 
ist nun zwar stets za gemeinnützigen Zwecken 
verwendet worden, jedoch spielten in dem Ver- 
brauch des Hauptteiles derselben Diners und 
Feste eine recht grosse Rolle, und die öffent- 
liche Aufmerksamkeit war schon lange auf 
die sonderbare Art des Verbrauches gerichtet. 
Man benutzte daher gern das öffentliche Ver- 
langen nach Verbesserang des technischen 
Unterrichts, um sich durch Spendungen für 
die neuen Zwecke vor dem Vorwurfe der Ver- 
geudung za schützen. Auf diese Weise ist ein 



Unterrichtsapparat ähnlich dem des South 
Kensingion- Museums entstanden, an dessen 
Unterhaltung die vereinigten Gilden einen sehr 
wesentlichen Anteil haben, nämlich das ClTY 

AND GuiLDs OF LONDON Institute. Es unter- 
hält in London drei eigene technische Schulen, 
veranstaltet technische Prüfungen im ganzen 
Lande, erteilt Ausweise über die Ergebnisse, 
gewährt Freistellen, Reiseprämien a. s. w. 
Hiermit ist die Verwendung der Handwerker- 
gilden für technischen Unterricht noch nicht 
erschöpft. Die Goldschmiede unterhalten eine 



eigene handwerkliche Kunstschule, die Tischler- 
gilde besitzt die TraDBS TRAINING SCHOOL 
und unterstützt in sehr wesentlichem Umfange 
die Zeichenklassen am ÜNIVBRSITY COLLEGE 
und KiNG's College. Die Tuchhändler ge- 
währen die Mittel für die Führung der tech- 
nischen Unterrichtsklassen in People'S Pa- 
LACE. Eine ganze Reihe anderer mehr indirekter 
Unterstützungen technischer Unterrichtsbestre- 
bungen bestehen ausserdem noch. 

EineHaapteigentümlichkeit aller technischen 
Schulen Englands ist die bevorzugte Pflege des 
Abendunterrichts. Sonntagsanterricht findet 
in England nirgends statt. Die Stunden von 
6 bis 9 Uhr abends sind die eigentlichen 
Schulstunden. Ein grosser Teil der Schulen 



KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDWERKER IN ENGLAND 



hat überhaupt keinen Tages- 
unterricht und wer z. B. Archi- 
tekturklassen in England be- 
suchen will, ist fast ausschliess- 
lich auf den Abend angewiesen, 
ünsre Auffassung, dass wir für 
unsre fachliche Ausbildung eine 
Reihe von Jahren ganz und gar 
der Schule widmen müssen, ist 
eben für den Engländer ganz 
unverständlich. Er lernt prak- 
tisch and betrachtet Schulbesuch 
höchstens als eine Ergänzung 
des in der praktischen Lehrzeit 
Erworbenen. Eine Schule muss 
ausserdem mit Stipendien, Prä- 
mien, Studienpreisen u. dergl. 
reich ausgestattet sein, so dass 
für erfolgreiches Studium so- 
gleich greifbare Lorbeeren win- 
ken. Eine Schule ohne solche 
Anziehungsmittel ist in Eng- 
land nicht denkbar. In den 
Prospekten spielt ihre Aafzäh- 
The GuOd and lung eine erste Rolle, 
^n^cnfi '" •'*" *"*"'*" technischen Scha- 
len nun hat die künstlerische Er- 
ziehung des Handwerkers naturgemäss nur eine 
mehr oder weniger untergeordnete, übrigens 
sehr verschiedenartige Bedeutung. Einige legen 
grosses, andere geringeres Gewicht auf den 
Kanstanterricht. Viel hängt natürlich auch von 
der Zufälligkeit der gerade vorhandenen Lehrer 
ab. Die Kunstabteilung des South West LON- 
DON POLITECHNIC steht unter der Oberleitung 
des Professors Herkomer und wird daher in 
dessen Kunstauffassung geleitet. Als sehr gute 
Schulen gelten das GOLDSMlTlts INSTITUTE 
und die Schulen des CiTY Af" 
GuiLDS OF London INSTITUTE. 
Auf ganz neuer Grundlage i 
nun der Londoner Grafschaflsr 
mit den von ihm abhängendi 
Schulen vorgegangen, and zw* 
ganz besonders für die Kunsla 
teilangen. Die Fürsorge für dies 
Gebiet ist zwei Künstlern anue, 
deren Ruf allein schon einen . 
in Aussicht stellen musste, üb 
auch über die Richtung, in u 
die Schulen geleitet werden, nii 
Zweifel lässt. Es ist der Bild- 
hauer Framfton und der 
Architekt LeTHABY, beide 
Künstler, die mitten in der 
neuen engüschen Kunstbewe- 
gang sUihen. Nach itiren 
Ideen ist der Lehrplan aller j. powell a sons 

'l9 



der Handwerkerschulen festgesetzt, die sich 
durch Bezüge von Unlerstützangsgeldern unter 
den Einfluss der Grafschaftsverwaltung begeben 
haben. Ihrer sind augenblicklich nicht wemiger 
als 98. Um aber für die Ausführung ihrer 
Ideen ein ganz freies Feld zu haben, hat sich 
die Stadt entschlossen, eine eigene Kunstschule 
für Handwerker einzurichten. Auf diese Weise 
istimHerbsivorigenJahresdieCENTRALScHOOL 
OF Artsand Grafts in Regentstreet entstanden. 
Sie hat jetzt das erste Schuljahr hinler sich 
und bereits in diesem lebhaften Zuspruch zu 
verzeichnen. Die Schule verdient einer gelegent- 
lichen besonderen Betrachtung, hier seien nur 
einige der Grundsätze aufgeführt, die ihrer 
Leitung zu Grunde liegen. Die Schäler sind 
durchweg Lehrlinge, die den Tag aber ihrem 
Gewerbe obliegen, Amateure und Dilettanten 
sind vom Besuch ausgeschlossen. Der Unter- 
richt erfolgt derart, dass auf strenger Grund- 
lage jedes besonderen Handwerks die künstleri- 
sche Handhabung desselben, and zwar unmittel- 
bar an praktischen Beispielen, gelehrt wird. 
Man legt nicht soviel Gewicht auf abstraktes 
Zeichnen, als auf das Eindringen des Schülers 
in den Geist und die Technik seines besonderen 
Handwerks. Der Silberschmied hat beispiels- 
weise einen Pokal nicht nur zu entwerfen, 
sondern auch zu treiben und bis zur letzten 
Verfeinerung durchzubilden, ebenso wird der 
Glasmaler, der Buchbinder u. s. w. unterrichtet. 
Jeder Schüler wird nach seiner Eigenart be- 
handelt, wobei besonderes Gewicht auf die Ver- 
wertung seiner eigenen künstlerischen Gedanken 
gelegt wird, so primitiv diese auch im Anfange 
sein mögen. Man betont das Natarstudiam 
an Stelle der Nachahmung alter Vorbilder, 
Alle Lehrlinge werden auf die Wichtigkeit 
des Zeichnens nach dem lebenden 
Modell hingewiesen, and man sucht 
zu erreichen, dass diese Klassen von 
allen Schülern besucht werden. 
Man verzichtet auf technisch glatte 
and vollendet ausgearbeitete Zeich- 
nungen, wenn nur das Wesent- 
liche der Sache, sei es auch in 
zenhafter Form, klar wiedergegeben 
Das Endziel der Erziehung ist 
nfalls, dem Schüler den Weg zu 
r künstlerisch selbständigen Behand- 
1 seines Handwerks zu eröffnen, 
ihm die Grenzen seines Mate- 
rials zu Bewasstsein zu führen 
und ihn in Stand zu setzen, 
eigene Gedanken in seinen 
Arbeiten za verkörpern. 

Der Unterricht findet aliends 
.statt und das Schulgeld ist 



KÜNSTLERISCHER UNTERRICHT FÜR HANDXTERKER IN ENGLAND 



auf ein Mindest- 
mass beachtänkt. 
Lehrlinge unter 
21 Jahren wer- 
den, falls sie nicht 
mehr als 15Schil- 
linge wöchentlich 
verdienen, frei zu- 
gelassen, im übri- 
gen beträgt das 

Schulgeld 
wöchentlich nur 
2,50 Mk., hierfür 
wird alles Arbeits- 

malefial von 
Seiten der Schale 
geliefert. 

Wer die Schul- 
räume in Regent 
SIreäl betritt, wird 
sogleich von dem 
künstlerischen 
. B. RYSSELBERGHE Geiste, der in 

ihnen entfallet ist, 
für sie' eingenommen. Die Wände zieren . 
graphische Blätter aus den besten Zeilen 
dieser Kunstübung. DOrers Holzschnitte 
and Kupferstiche, japanische Farbendrucke, 
alte Miniaturen wechseln mit MORRlä Buch- 
drücken, Wiedergaben von Handzeichnangen 
and alten Bachillostrationen. Die Zimmer 
für die einzelnen Fachklassen sind mit Aus- 
stellungsschränken aasgestattet, in ■ denen 
kleine Mustersammlungen von Erzeugnissen 
des betreffenden Handwerkes ausgestellt sind. 
Es sind Fachklassen vorhanden für alle mit 
der Baukunst zusammenhängenden Gewerbe, 
für Tapeten- und Stoffzeichner, Möbeltischler, 
Glasmaler, Bronzegiesaer, die verschiedenen 
Metallbearbeitangsgewerbe , Emaille - Arbeiter, 
Juweliere, Goldschmiede, Buchbinder, Holz- 
schneider and andere graphische Gewerbe. 
■Besondere Beachtung verdient eine Klasse für 
farbige Holzschnitte (auf Grundlage der japa- 
nischen Arbeiten) and eine im Entstehen be- 
griffene Klasse für Stickerei. 

Auf ähnlicher, wenn auch nicht so breiler 
Grandlage beruhen eine ganze Reihe, von 
kleineren, meist Privatschulen, in denen aber 
meistens nur einzelne Gebiete gelehrt werden, 
und die daher nalurgemäsa diesen Gebieten 
ein intensiveres Interesse widmen können. Sie 
unterscheiden sich jedoch wesentlich von den 
oben betrachteten Schalen dadurch, dass sie 
meist von Amateuren besucht werden. 

Auf rein handwerklicher Grundlage beruht 
dagegen ein Insiitat, dessen Erzeugnisse auf 
der' letzten Art& and Crafts-Ausstellung- 



Bewunderung erregten : die GbiLD A ND Sc/IOOL 
ÖF HandicräFT, eine unter der Leitung des 
Architekten C. R. ASHBEE stehenden Vereinigung 
von ausübenden Handwerksmeistern. Mit den 
Werkstätten war früher eine Abendschale ver- 
banden, jetzt findet jedoch nur ein direkter 
Lehrlingsunterricht statt. Die Thätigkeit der 
Gilde erstreckt sich auf Möbel, allerhand ge- 
triebene Metallarbeiten und Gold- und Silbier- 
SchmUck. Man verfolgt das Ziel, neue, zum 
mindesten nicht mit den alten identische, ein- 
fache Formen zu entwickeln bei strehgster 
Beobachtung der Bedingungen des Materials. 
Ebenso gesunde, vielleicht noch strengere 
Grundsätze verfolgt die Birmingham Guitd 
of Handicraft in Birmingham, die dieselben 
Handwerke umfasst. Diese Gilden sind nichts 
weiter als geschäftliche Privalvereinlgungen, 
aber es steckt in ihnen eine Quelle wichtigster 
und gesündester Beeinflussungen. 

Aach C. R. ASHBEE gehört zu den Männern 
der neuen dekorativen Bewegung in England. 
Das Herz ■ der letzteren ist eine Vereinigung, 
die sich- Art Workers' Guild nennt. Künstler 
mit wohlbekannten Namen sitzen dort auf der- 
selben Bank mit dem Kupfertreiber oder Weber, 
aber man nimmt in den engen Zirkel nie- 
mand auf, dessen Werke nicht strengen An- 
forderungen genügen. Eine im höchsten Sinne 
künstlerische Auffassung des gesamten Hand- 
werks ist das Ziel dieser Leute. Sie wollen das 
I.^ben von unten auf wieder künstlerisch 
durchdringen und das Handwerk beleben, 
indem sie den Handwerker stark genug machen, 
selbst wieder schaffen zu können. 



■ OTTO ECKMAmi 



I. ESDELL, Wandfrla 



ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKE 

VON 

O. J. BIERBAUM 



Die schöne SladI Venedig birgt eine grosse 
Gefahr in sich: man wird dort leicht zum 
Sammler. Und das kommt daher, weil es 
in diesem kostbaren Neste so vergnüglich ist, 
zu suchen. In den grossen Magazinen der 
Venice Art Company, die ganze Paläste ein- 
nehmen, fängt man an, und schliesslich steigt 
man bei feierlich höflichen allen Küstern in 
Küchen und Kellern herum. 

Dass man immer Tiziane fände, kann nicht 
behauptet werden, aber man musa ja auch 
nicht immer gleich Tiziane suchen. Es ist 
sogar viel amüsanter, wenn man bescheidener 
ist Nur muss man dann mehr wühlen and 
dickere Handschuhe anziehen. Denn was 
nicht »grosse Kunst* ist, das missachten auch 
die Antiquitätenhändler und Küster in Venedig, 
und man mass gewöhnlich eine hohe Schicht 
bemalter Leinwand aufheben, bis man zu den 
schönen Dingen der »kleinen Kunst* gelangt, 
die gerade Venedig in seiner grossen Zeit zahl- 
reich hervorgebracht hat. Dann aber findet 
man auch, wenn das Glück mit von der Partie 
ist, zuweilen Sachen, die man unter den offi- 
ziellen Sehenswürdigkeiten Venedigs, selbst in 



den Schränken des Museo Civico, vergeblich 
sucht. 

So ist es Herrn FRANZ Naager, dem begabten 
Münchner Künstler, der zugleich einer der un- 
ermüdlichsten Sucher in Venedig ist, geglückt, 
eine ganze Sammlung (gegen 500 Stück) von 
altvenezianischen Holzdruckplatten zusammen- 
zubringen, Don dessen Mustern hier (Seite 



21 — 27) einige in starker Verkleinerung wieder- 
gegeben werden. Da ich das Vergnügen hatte, an 
einigen seiner Beutezüge teilzunehmen, so mag 
es mir verstattet sein, den Abdruck der ausge- 
wähltenMuster mit ein paar Worten zu begleiten. 
Der Grundstock der Sammlung, etwa 
400 Stück,- fand sich in einem Filialmagazin 
der Venice Art Company auf dem Speicher, 
der Rest musste stückweise bei kleinen Anti- 
quaren in Venedig zusammengesucht werden; 
ein paar Stücke wurden in Padua gefunden. 
Trotzdem scheint es mir zweifellos, dass das 
gesamte Material eines Ursprunges ist. Dies geht 
vornehmlich aus dem Umstand hervor, dass 
zusammengehörige Stücke an verschiedener 
Orten gefanden worden sind. Wahrscheinlich 
handelt es sich in der Hauptsache um den 
Lagerbestand einer ehemaligen Holzschneide- 
anstalt zur Zeit ihrer Auflösung, denn sehr 
vitle der Platten scheinen überhaupt nicht be- 
nutzt worden zu sein. Andere, dem Stil der 
Zeichnung nach die älteren, zeigen deutliche 
Gebrauchsspiiren. Ein Teil der ursprüng- 
lichen Masse ist übrigens verloren gegangen, 
weil man sich für die schönen grossen Höh- 



ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKE 



klotze keine andere Verwendung wussle, als 
sie in den Kamin zu schieben. 

Es sind durchweg Platten aus sehr schwerem 
Holze von enger Fasernstruktur, i — 6 cm 
dick. Bei den schmäleren befinden sich an 
den Seiten, bei den breiteren auf dem fiäcken 
tiefe Einkerbungen zum Zwecke der Hand- 
habung. Offenbar wurde mit ihnen in der 
primHiuen Weise gedruckt, wie wir es mit 
unseren Kaulschakslempeln thun. Da sich 
keine Teilplatten vorfanden, sondern jeder 
Stock immer ein ganzes Muster enthält, so ist 
es klar, dass nur einfarbige Drucke mit ihnen 
beabsichtigt und gemacht wurden. Dieser 
Umstand ist auffallend, da die Zeichnung 
häufig geradezu zum Buntdruck lierauszu- 
fordern scheint. Herr Naager hat auch in 
der Thal mit den Platten Buntdrucke ge- 



fast aus, als könnten sie nur für Vorsatz- 
papiere berechnet sein, aber ich habe an 
Büchern aas ihrer Zeit (es handelt sich wohl 
durchweg am Arbeiten des vorigen Jahr- 
hunderts) noch keine Vorsatzpapiere dieser 
Art gefunden. Nur bei Broschüren fand ich 
ähnliche einfarbige Muster auf dem Um- 
schlage. Übrigens ßndetsich unter den Platten 
eine, die mir den Anschein macfil, als könne 
sie nur zum Drucke für das Vorsatzpapier eines 
bestimmten Werkes hergestellt worden sein. 
Sie hat den Umfang eines Grossfolioblaltes 
und zeigt zwischen sehr grossem renaissance- 
artigem Ornament ein verschlungenes Mono- 
gramm in der Mitte. Da sie keine aaslaufende 
Zeichnung hat, die auf Aneinandersetzung 
der Drucke berechnet wäre, sondern allseitig 
durch einen Band abgeschlossen ist, so kann 






maclit, die überaus schön wirken und den 
Wunsch wachrufen, man möchte auf pholo- 
graphischem Wege Einzelfarbplatten herstellen 
lassen und mit den ursprünglich einfarbig 
gedachten Schnitten bunte Muster herstellen. 
Sie würden in mannigfachster Weise Ver- 
wendung finden können, mannigfacher, als 
sie, wie ich glaube, zur Zeit ihrer Entstehung 
verwandt worden sind. 

Es erscheint mir zweifellos, dass sie haupt- 
sächlich zum Sloffdruck benutzt worden sind. 
Dies gellt aus der Form der Stöcke hervor 
und erhält durch den Umstand Unterstützung, 
dass man, wenn auch nur sehr selten, in 
Venedig noch einfarbig bedruckte billige Stoffe 
(zumal an Frauenröcken aus der Mitte und 
dem Ende des vorigen Jahrhunderts) findet, 
die ganz ähnliche Musler zeigen. Ob aucli 
Papiere mit ihnen bedruckt worden sind, er- 
scheint mir zweifelhaft. Einzelne Master sehen 



sie nicht zu einem weilflächigen Druck be- 
stimmt gewesen sein, wie es bei Stoffbedruckung 
der Fall ist, und es liegt der Gedanke nahe, 
dass sie zum Buclischmucke dienen sollte, 
vielleicht als Vorsatzpapier, vielleicht aber 
auch für den Deckel. In diesem Falle könnte 
man auch an Lederpressung denken, da diese 
Platte, wie übrigens die meisten andern, sehr 
tief aasgesciwitten ist. 

In den Mustern wiegt der Geschmack des 
vorigen Jahrhunderts, etwa von seiner Mitte 
an genommen, vor, docli finden sicli auch 
Zeichnungen, die auf eine frühere und solche, 
die auf eine spätere Zeil (Biedermeier) hin- 
weisen. Mit sehr wenigen Ausnahmen - ver- 
raten die Muster besten künstlerischen Ge- 
schmack, so dass wir an eine rein künstleri- 
sche Leitung der betreffenden Anstalt glauben 
müssen, wenn wir nicht annehmen wollen, 
dass in jener Zeit ein vollkommen känstleri- 



ALTVENEZIANISCHE DRUCKSTÖCKB 












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DER PRAKTISCHE ZWECK 

DER PRAKTISCHE ZWECK 



scher Geacbmack aach im handwerksmässigen 
Betriebe des dekorativen Gewerbes vorbanden 
gewesen ist. 

Einige der Muster scheinen auf eine Ver- 
wendung für Tapetendruck hinzudeuten, doch 
habe ich zu wenig Tapeten aus jener Zeit 
gesehen, um eine bestimmte Meinung darüber 
haben zu können, ob eine solche Verwendung 
wirklich anzunehmen ist. Alle Tapeten, die 
ich gesehen habe, waren mehrfarbig und in 
der Zeicfijiung weniger streng. 

Ausser an Stoffdruck könnte man bei diesen 
interessanten und schönen Druckslöcken noch 
an eine Art gemusterter Papiere denken, mit 
denen früher das Innere von Glasechränken 
austapeziert, Schachteln und Kästen inwendig 
beklebt wurden. Sicherlich waren und sind 
sie dazu sehr wohl zu benutzen, aber bei dem 
Umstände, dass von solchen Dingen fast nichts 
auf uns gekommen ist, habe ich keinerlei 
Beweis einer solchen Verwendung mit Augen 
gesehen. 

Es wäre schön, wenn Herr Naager seinen 
Besitz dazu ausnutzte, uns alles das sehen zu 
lassen, was man, unterstützt von modern- 
farbigem Geschmacke, mit diesen wertvollen 
aüvenezianischen Mustern machen kann: be- 
druckte Stoffe, Papiere, Tapeten jeder Art und 
Pressungen in Leder etc. 



ALFRED LICHTWARK 

Zufällig habe ich in diesem Sommer Ge- 
legenheitgehabt, kurz nacheinander die Thätig- 
keit der meisten in- und ausländischen Künstler 
zu beobachten, die sich der dekorativen Kunst 
zugewandt haben. Die Erscheinungen ähneln 
sich überall ganz ungemein. Dieselbe Kategorie 
von Männern an der Arbeit, dieselben Treffer, 
dieselben Schüsse Ins Blaue. Bei der Neuinsze- 
nierung der historischen Stile, die ein Menschen- 
alter unsere Produktion beherrschten, haben 
die Architekten geführt, sehr selten Maler und 
Bildhauer, noch seltener eigentliche Kunst- 
handwerker. Seit sich auf dem Gebiete der 
dekoratioen Kunst die neuen Ideen regen, ist 
der Architekt fast überall zurückgetreten. Er 
konnte nicht mehr mitmachen, weil er durch 
seine Erziehung der lebendigen Kunst fern stand. 
Der Kunsthandwerker, der durch die Schulen, 
die ihn erzogen und durch die Architekten, 
für die er gearbeitet hatte, um die Selbst- 
ständigkeit gebracht war, kam ebensowenig 
in Frage. 

Maler und ■ — viel seltener freilich — Bild- 
hauer haben sich in die Bresche gestürzt. 
Ausnahmsweise war aach einmal ein Architekt 
im Stande, nicht nur zu folgen, sondern zu 
führen. Dann war es aber jedesmal eine im 
Joch des Historischen noch nicht gebrochene 
künstlerische Kraft. Dass die Maler voran- 
gehen, verdanken sie ihrem losern Verhältnis 
zur Tradition der Stile. Sie haben nicht so 
viel auswendig gelernt, arbeiten nicht nur 
mit den Händen, sondern schaffen noch mit 
dem Herzen. Und vor allem: sie haben eine 
selbständige Empfindung für Form und Farbe. 
Was sie — und die seltenen Bildhauer und 
Architekten, die zu ihnen stehen — geleistet 
haben, lässt die gediegensten Arbeiten der 
antiquarischen Epoche, die alle Gedanken von 
der Gotik bis zum Empire noch einmal ge- 
dacht hatte, hinter sich zurück. Denn sie 
brachten neue Gedanken, und für die dekorative^ 
Kunst gilt, was wir von der grossen nun be- 
griffen haben, dass nur das ganz gut sein 
kann, was ganz neu ist. 

Aber wir dürfen uns in dem freudigen 
Gefühl der Befreiung nicht zufrieden geben 
mit dem blossen Miterleben. Was der ver- 
gangenen Epoche zum Unheil ausgeschlagen 
ist, könnte aach der anhebenden das Lebens- 
mark verzehren : der Mangel an Mitarbeit 
des Konsumenten. Diese Mitarbeit ist doppell 
nötig, weil die Maler die Führung haben. 



DER PRAKTISCHE ZWECK 



Der junge Maler, den wir als lypischen 
Vertreter der neuen Gattung schaffender Kräfte 
ansehen dürfen, ist gewohnt, Staffeleibilder, 
d. h. gewissermassen Kunst an sich zu machen, 
und es kann nicht überraschen, wenn er auch 
die Vase, das Möbel, den Wandteppich, die 
Stickerei als ein Ding an sich anzusehen 
geneigt ist, das weiter Iceine Aufgabe hat als 
schön zu sein. Dass ernster Arbeit und grossen 
Leistungen der Erfolg so oft versagt bleibt, hat 
in der Regel in diesen Unzukömmlichkeiten 
seine Ursache. 

Vom Bedürfnis muss ausgegangen werden, 
das kann nicht oft genug betont werden. Aber 
welche Bedürfnisse liegen im deutschen Bärger- 
hause vor? Herzlich wenige, Gott sei's geklagt, 
denn wären wirklich Bedürfnisse da, so würden 
sie sich durchsetzen. Das Gebiet der Bedürf- 
nisse, die im Keim oder schon im Trieb vor- 
handen sind, zu untersuchen, wird eine unserer 
nächsten Aufgaben sein. 

Sie sind nicht für das ganze Reich die- 
selben. Der Münchener, der viele Stunden 
ausserhalb des Hauses zubringt, der Berliner, ' 
der auf der Etage lebt, hat andere als der 
Norddeutsche, der Haus und Garten nur un- 
gern verlässl. Was ein englisches Haifs, was 
eine französische Wohnung ist, steht für alle 
Schichten der Gesellschaft fest. In Deutsch- 
land kann nur von einzelnen lokalen An- 
sätzen zu festen Typen gesprochen werden, am 
sichersten isl vielleicht in Bremen und Hamburg 
das Wohnhaus als Organismus gegliedert. 

Vorläufig bleibt ans deshalb nichts anderes 
übrig, als diese lokalen Typen praktisch und 
ästhetisch durchzubilden. Schliesslich wird es 
kaum möglich sein, ein Haus zu schaffen, 
das zugleich dem Oberbayern, dem Nieder- 
sachsen und dem Berliner bequem ist. 

Wir werden deshalb wünschen müssen, dass 
die Versuche der Künstler auf dem Gebiet 
der dekorativen Kunst sich den lokalen Zu- 



ständen anpassen und nicht nur für die Aus- 
stellung gedacht sind. 

Ein Bedürfnis geht aber schon jetzt durchs 
ganze Reich, das ist das der Hausfrau. Und 
wer von einem festen Standpunkt aus die 
neuen Erzeugnisse auf ihre Brauchbarkeit 
prüfen will, der sollte sie mit den Augen der 
Hausfrau ansehen. 

Die junge Frau in Deutschland ist unter 
der Herrschaft des Atelierstils aufgewachsen. 
Da ist es natürlich, dass ihr Geschmack sich 
leicht einem Gegensalz zuneigt. Die Über- 
fülle und Überladung, Bombast, leerer Prunk 
und billiger Putz üben keinen Reiz auf ihre 
Empfindung. Sie mag nichts besitzen, das 
keinem praktischen Zweck dient, sie hassl 
die blosse Dekoration, sie freut sich an Ruhe 
und oornebmer Schlichtheit. Teller an der 
Wand, Gefässe auf hohem Bord, überflüssige 
Vorhänge und Draperien, billige Schnitzereien 
sind ihr zuwider. 

Dann ist sie ein praktischer Geist. Selbst 
in glänzenden Verhältnissen will sie die Zahl 
der Dienstboten nicht über das absolut not- 
wendige anwachsen lassen, denn sie hat die 
Zügel selbst in der Hand. Sie wird alle Er- 
zeugnisse der dekorativen Kunst auf die prak- 
tische Brauchbarkeit ansehen und auf die 



DEKORATIVE K 



DER PRAKTISCHE ZWECK 



Befähigung, sich einem ohne ähermässigen 
Kraftaufwand verwaltbaren Haasstand ein- 
zufügen. 

Diese schon vorhandenen Tendenzen werden 
in der nächsten Zeit weiter um sich greifen 
und zugleich festere Wurzeln fassen. Mit 
ihnen hat die dekorative Kunst unter allen 
Umständen zu rechnen. 

Ein Teil der von modernen Künstlern ge- 
schaffenen dekorativen Arbeiten will keinem 
praktischem Zwecke dienen, der fällt anter 
eine eigene Rubrik. Wir wollen uns nur am 
die Gegenstände kümmern, die eine Verwend- 
barkeit vorgeben. 



gefahr schnell auf den Wagen packen musaie. 
Wir können sie höchstens auf den Boden 
stellen, um Vorräte aufzubewahren. Dafür 
genügt aber eine Kiste. Auch der Nachfolger 
der Truhe, die Kommode, ist schon ein histo- 
rischer Begriff. Im Wohnzimmer bewahren 
wir nichts mehr auf, im Schlafzimmer ist der 
Schrank mit vielen Fächern, in denen man 
nicht zu kramen braucht, bequemer. Also 
eine Truhe — unter keinen Umständen. 

Sie sieht vor einer künstlerisch ganz ausser- 
ordentlich schönen neuen lEsszimmereinrich- 
tung. Die Farben sind so schön, wie auf 
einem Bilde, oder bei einer kostbaren Toilette, 



Wer sich heule die Aasstellungen der von 
Künstlern entworfenen Möbel und Geräte vom 
Standpunkte der deutschen Hausfrau betrachtet, 
dem wird es wie Schuppen von den Aagen fallen. 

Da steht eine herrliche Truhe, mit schönen 
Figuren geschnitzt oder ganz mit Schmiede- 
eisen beschlagen, in Farbe und Form neu und 
ein grosses Kunstwerk, von dessen dekorativem 
Inhalt eine ganze Schule leben kann. Die 
Hausfrau wird sich sagen: Ein Museumsstück. 
Ich kann es nirgend aufstellen. Meine Korri- 
dore sind zu eng, in den Zimmern kann ich 
Aufbewahrungsmöbel nicht brauchen. Ausser- 
dem ist die Truhe ein ausgestorbenes Tier 
wie das Dinolherium oder der Ichthyosaurus. 
Sie war praktisch für das Mittelalter, wo man 
seine Habe bei Wasser-, Feuer- und Kriegs- 



die Formen neu, das Ensemble gefällt ihr 
ausnehmend. Nun mustert sie den köstlichen 
Tisch, der das Entzücken aller Künstler bildet, 
und da schüttelt sie den Kopf: Der Gedanke, 
ihre Gäste sich setzen zu sehen, ist ihr eine 
Pein, denn nach gotischem Muster stehen die 
Beine schräg and sind unten durch kantige 
Qaerstangen rund herum verbanden. Wer eine 
anbedachte Bewegung macht, hat eine Wände 
am Schienbein weg, and wenn er im Schmerz 
aufzuckt, auch am Knie, denn die Zarge ist 
zu tief. Auch den Esszimmerstühlen sieht 'sie 
auf den ersten Blick die Gefahren an, die sie 
für die Benatzung mit sich bringen. Die 
Lehne ist so hoch, dass der Sitzende den 
Nacken darauf legen kann, bei solchen Stühlen 
lässt sich nicht servieren, eine ungeschickte 



DER PRAKTISCHE ZWECK 



:^ 



^n 



Bewegung, und die Sauce ist verschüttet^ und 
wenn die Stuhle einmal etwas enge geruckt 
werden müssen, kann die Bratenschussel nicht 
mehr durch. Auch ist an der Stelle, wo das 
Kreuz des Sitzenden gestutzt werden muss, 
statt einer konvexen Bewegung in der Lehne 
eine konkave, der Gast wird also, wenn er 
sich anlehnen will, eine Brustbeklemmung be- 
kommen. Nein, nein, nicht diese Stuhle. Ess- 

zimmerstuhle müssen eine nie- 
drige Lehne haben und im 
Kreuz stutzen. 

In einem anderen Ensemble 
steht sie vor einem entzuckenden 
Kamin mit hohem Mantel aus 
Holz. Die Profile sind wie 
von einem grossen Bildhauer 
empfunden. Sie kann sich 
nicht satt sehen. Aber wie 
soll man diese glatten Flächen, 
die jeden Tag gereinigt werden 
müssen, vom Staub frei halten? 
Wie die Winkel und Nischen? 
Ein Federwisch reicht nicht 
aus. Es muss eine hohe Sicher- 
heitsleiter aushelfen. Und nun 
sieht sie die lange Reihe von 
Komplikationen vor sich: wo 
soll die Leiter aufbewahrt wer- 
den, dass sie gleich morgens 
zur Hand ist? Wer von den 
Dienern soll sie hintragen und 
zurückbringen — wo wird er 
unterwegs überall anstossen — 
welche Vorrichtung giebt es, 
den Teppich zu schützen, auf 
dem die Leiter sieht — wie viel Zeit kostet 
das alles? — Und der Kamin ist gerichtet. 
In einem Zimmer, aus dem man gar nicht 
scheiden möchte, ist die Vertäfelung in 
breiten Flächen mit Messing ausgelegt. Die 
Wirkung ist neu und sehr artistisch. Aber 
dies Messing muss geputzt werden, und je 
länger desto öfter. Die Hausfrau weiss, dass 
man nicht Messing und Holz zugleich reinigen 
kann. Es geht nicht anders, das Holz wird 
verschmiert. Vielleicht hätte sie das Zimmer 
erworben, jetzt geht sie seufzend weiter. 

Im nächsten Raum steht ein sehr schöner 
Rauchtischleuchter aus Schmiedeeisen. Ein 
hübsches Weihnachtsgeschenk, schiesst es ihr 
durch den Kopf. Aber sie sieht viele Füsse 
mit scharfen Ecken, die jede Decke zerreissen, 
jede Platte, einerlei ob Holz, Marmor, Metall 
verschrammen würden; sie entdeckt in der 
Tülle eine armdicke Wachskerze, von der 
sie weiss, dass sie qualmt wie eine blakende 
Lampe. Für ein Atelier, sagt sie sich, wo 








es nicht darauf ankommt, und sieht sich 
weiter um. 

Von neuen Webereien hat sie gehört und 
gelesen. Künstler haben die Zeichnungen ent- 
worfen, Museen kaufen sie als Vorbilder an. Sie 
mustert die Ausstellung, ob sie für den Schmuck 
ihres Hauses eine Erwerbung machen kann. 
Vielleicht ist eine schöne Tischdecke da, denkt 
sie, denn nichts ist so schwer zu finden wie 
eine geschmackvolle Tischdecke; vielleicht 
ein paar Thürvorhänge. Aber nein, es sind 
lauter Sachen, für die sie keine Verwertung 
hat, da sie absolut nicht dekorieren will. 
Sie will es einmal nicht. Es ist ihr ein Gräuel. 
Und sie müsste alle diese köstlichen Sachen 
wie Bilder aufhängen. Warum fragen die 
Künstler uns nie, was wir gern haben möchten, 
denkt sie. 

Blumenvasen — das ist*s, was sie braucht. 
Es giebt so wenig Erträgliches. Die auf der 
Ausstellung sind so schön und so originell 
wie Bilder. Ein Künstler hat sie gemacht. 
Aber wie sie sie darauf ansieht, für welche 
Blumen sie wohl gedacht sein mögen, kann 
sie nicht ins klare kommen. Als leiden- 
schaftliche Blumenfreundin weiss sie aus ihrer 
Praxis, dass jede Art ihre Vase haben muss. 
Auf eine Erkundigung wird ihr bedeutet, dass 
man wohl Blumen hineinstellen kann, aber 
nur in einem besondern Glase, denn die Vasen 
halten nicht dicht. Sie seien in erster Linie 
als Dekoration gedacht. 

Es ist einerlei, ob die Hausfrau die Aus- 
stellungen in Paris, Brüssel, Dresden, München, 
Berlin, Kopenhagen oder Stockholm besucht, 
es werden ihr vor einem erheblichen Teil der 
ausgestellten Arbeiten überall dieselben Zweifel 
aufsteigen. 

Muss das so sein? 



27 



«aV.Vifc-ft, Anh. 



L-dRT -VOC'VEil,', i 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



/)ns AassMIangsuirsnt gehört zu ans ivie 
die hörse, man kann darüber schimpfen, aber 
man mnt es nicht abschaffen können. Es 
ist nötig. Selbd die grossen Bilderaitsstellungen 
simt fM>rA da und sind doch gar nicht mehr 
nötig. Wo es sich aber um ernsthafte utickfige 
Dinge tvie Handet und iieiperbe handelt, Itettarf 
es lies Marktes, der das rrtatii' Beste aas allen 
tWhieten aafsttifteH und den Konsimtenlen wie 
l'n^iiuzrnten über die Entu^cklung der ihn 
inleressierrmlen lÜnge belehrt. Die Ausstellung 
nrliert ihren Zuvck. SK*bald sie dieser Qnahläls- 
l>nhntfHng nicht mehr genügt. Beispiel, eben 
tue tjrosnen internationalen Kanslaus^ellungen. 
«ftf kein gut beratener Liebhaber mehr be- 
sucht, treil so i'ieie gertute der Besten kaum 
«tvA ottsslellen und weil, ipenn wirklich gute 
ItiiiJie da simi, diese unter *ler Masse tles 
Schun^ies rerschwintien. Diese internalionalrn 
Bikkrr.!.irkte sinti d<n Orab einer za Ende 
fffhe:\icn Bihierknnst. Es ist unmöglich, sich 
i\v 1^.11 H\(/instim ticr Entwicklung unserer 
»y.-c-i.rt.t.V.'» Kunst m r^rsirhlirssen . u*enn 
r::.ir, ti::r\-h diese Tt^enh.tUcr) sirhreitet. in denen 
t:::- .■>,v.'i die n:erk:rü.'\i:.;fn Männchen der 
li~::k :^r fwsier^iches Wesen trrit^tn und 
j":.i'i «,-?J «M.-:n ixvi der Meme beachtet 



luerden. während aon den Bildern selbst kaum 
noch irgend ernsthaftere \oliz genommen 
wird. Diese Art Ausstellungen sterben aus. Man 
wird merken, dass es keinen Zweck hat, 
so uiel Geld and Mühe auszugeben, um dem 
Publikum Gelegenkeil za oerschaffen, seine 
Kleider zu zeigen, Militärkanzerte zu hören, 
Bier zu trinken und hübschen Mädchen den 
Hof zu machen. Zu alledem braucht man 
keine Bilder. — Die inMIigenteren Beteiligten 
haben das denn auch eingesehen, and in allen 
Ländern ist das deutliche Be^reben bemerkbar, 
das Aasstetlungswesen seinem Zweck ent- 
sprechend zu perbessern. Zwei Dinge sind 
dabei im Auge za behalten, die Qualitätsfrage 
und das Arrangement, beide oon fast gleicher 
Wichtigkeit, beide von rechtswegen antrennbar. 
Die Verbesserang des Aasstellungswesens 
gehl mit der Geschichte der jungen dtlmra- 
tit'en Beugung Hand in Hand. England 
um/ Belgien machten demenlspmhaid den 
Anfang : in Li*n<lon. wo die AuisleBangen der 
Rogul Actttiemy ungffiihr den niedrigsten Grad 
des Ausstellungswesens erreichen. bikMe sich 
die Arts .Ayii CinFTS Exmamos Society 
die alle zu*ei Ns drei Jahre ihre AuS' 
Stellungen in der Xew Golhrf tftranstaltel 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



und gleichmässig Kunst und Kunstgewerbe 
vertritt. Die letzte (fünfte) tagte von Oktober 
bis Dezember vorigen Jahres; am Tag ihrer 
Eröffnung starb ihr Gründer und Präsident 
William Morris. Ausser dieser giebi es jedes 
Jahr in England an verschiedenen Orten, wie 
Glasgow, Liverpool, kleine Ausstellungen vor- 
nehmen Genres; eine der letzten in diesem 
Sommer war die in Wolverhampton, wo 
ausschliesslich moderne kunstgewerbliche 
Gegenstände, anter anderen eine grössere An- 
zahl Werke der ASHBEE'schen Guild of 
Handicraft in London, zu sehen waren. — 



König eine Anzahl Räume im neuen Museum 
angewiesen, wo sie auch jetzt noch, immer 
Ende Februar bis Anfang April lagt. Die 
letzte (vierte) Ausstellung im Frühjahr dieses 
Jahres enthielt unter anderem ein Esszimmer des 
ausgezeichneten Brüsseler Architekten HORTA. 
■ — Den Holländern fehlen noch moderne kunst- 
gewerbliche Ausstellungen. Einiges war in 
der ütrechter Ausstellung in diesem Sommer 
zu sehen. Es liegt nicht in der Arl dieser 
eminent tüchtigen Künstler, an die öffentlich- 
keil XU drängen. Ein Uneingeweihter könnte 
zehn Jahre in Amsterdam wohnen, ohne eine 



DONSIER, Ardi. 



L'ART NOVVEAV, Parü 



Gleich künstlerisch wie die Art AND Grafts, 
wenn auch nicht so reichhaltig, sind die Aus- 
stellangen der von 0. Maus gegründeten Libre 
ESTH^TIQUE inBrüssel. DieLlBREESTH^TIQUE 
gingausder Vereinigung der tZehm hervor, die 
im Jahre 1884 gegründet wurde und während 
der zehn Jahre ihres Bestehens die vornehmsten 
Kunstausstellungen veranstaltete, die es wohl je 
gegeben hat. Die t Zehn* und ihre immer in sehr 
beschränkter Anzahl Eingeladenen setzten sich 
im wesentlichen aas Künstlern zusammen, die 
ursprünglich Maler und Bildhauer waren, all- 
mählich aber zu dem rein Dekorativen über- 
gingen. Die LiBRE ESTIJ£tiQVE erhielt vom 



Ahnung von der kräftigen Bewegung zu 
haben, die sich unter den Jungen Hollands 
vollzieht. 

Die grossen Pariser Fräblingsausstellangen 
der Champs Elysies und des Champ de 
Mars stehen im Prinzip wenig höher als die 
grossen Berliner. Beide bringen eine Menge 
Kunstgewerbe, die Champs Elgsees konsequent 
die schlechteren, das Champ de Mars die 
besseren Sachen. Das Aasland findet äusserst 
geringe Beteiligung; sie beschränkt sich fast 
auf die regelmässige Wiederkehr von TiFFANY 
and KOEPPING in ihren besten Werken. Die 
Marsfeldaasstellung dieses Jahres war in 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



gewerblicher Hinsicht die bisher gelungenste. 
Man fand das Beste, was Frankreich her- 
vorbringt, freilich neben vielem dilettanti- 
schen Kram; sehr wenig praktisch Gewerb- 
liches; wenn man das Mobiliar PLüiiEta und 
seiner Kollegen ausnimmt, war im wesentlichen 
nur das Objet d'art vertreten, dessen zweifel- 
hafte Bedeutung für das Gewerbe einleuchtet. 
Sehr interessant war die keramische Aus- 
stellung neben dem Marsfeldsalon, eine trotz 
allen Überflusses an minderwertigen Epigonen- 
arbeiten glänzende Äusserung des Gebietes, 
auf dem Frankreich die unbestrittene Führung 



BONNIER. Anh. 



StlltnihOr in L'ART NOVVEÄV 



behauptet. Dblahercbe, Dalpayrat und 
Lesbros, Massier, Dammouse, Müller, 
die Manufaktur uon S^YRES, vor allem den 
brillanten BiGOT und die zahlreichen anderen 
Künstler und Techniker vom Fcch konnte 
man dort einmal eingehend würdigt n. In einer 
historischen Abteilung fand man gute ältere 



französische Majoliken und japanische Poterien 
aus Privatbesitz, wie man sie eben nar in 
Pariser Sammlungen sieht. 

Wirklich gediegene Kunst- und kanatgewerl>- 
liche Ausstellungen mit sicherem Niveau findet 
man in Paris nur in dem im Jahre 95 er- 
öffneten Salon L'Art NovveäV im Besitze des 
Gründers S. BING, der nach grossen Schwierig- 
keiten jetzt endlich beginnt, ein Publikum zu 
finden. Wir bringen Abbildungen der Aassen- 
ansicht und eines Inlerieardetails des Hauses. 
Das Gebäude war ursprünglich ein Mietshaus, 
und, da es sich nicht in dem festen Besitz BiNG's 
befindet, musste man sich mit 
Modifikationen behelfen. Diese hat 
BONNIBR , einer der tüchtigsten 
modernen Architekten von Paris, 
aasgeführt. Von ihm stammen 
die ausgezeichnete Seitenthür in 
Schmiedeeisen und das Geländer der 
Galerie in einer Botande des ersten 
Stockes. Für die gleiche Botande 
im Parterre malte Besnard die be- 
rühmte Dekoration, die bis auf den 
Plafond — aUerdingsdasglänzendsle 
Stück — jetzt in Dresden ausgestellt 
ist. Die malerische Aussendekoration 
des Hauses hat der bekannte Lon- 
doner Maler Brangwyn entworfen 
and ausgeführt. Es sind im wesent- 
lichen zwei Friese; der eine bedeckt 
die oberste Friesfläche and ist eine 
fortlaufende freie figürliche Kom- 
position, der zweite, untere, läuft 
die Seitenfassade entlang and ist 
strenger gehalten. Zu den, im 
wesentlichen, braungelben Tönen 
Brangwyn's ist der Anstrich des 
Hauses höchst geschmackvoll und 
eigenartig gestimmt. Hier wurden 
zum erstenmal die Belgier mit ihrer 
Innendekoration , KOEPPING mit 
seinen Gläsern, TlFFANY mit seinen 
Fenslern und Vasen gezeigt. Wir 
erinnern an die glänzende moderne 
Bücherausstellung im Frühjahre 
vorigen Jahres, die die vornehmsten 
modernen Werke des eng tischen, 
dänischen, amerikanischen, deut- 
schen, holländischen und franzö- 
sischen Buchgewerbes vereinte. Die 
letzten Veranstaltungen in diesem Sommer 
waren die Ausstellungen des dekorativ thätigen 
Künstlers Rippl Ronai, der Petroleumlampen 
TiFFANY's, die wir abbilden, und der neuesten 
Werke BiGOT's. 

Skandinavien hat sich dieses Jahr zu einer 
grossen Ausstellung in Stockholm aafge- 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



BONNIEB. Artb. 

schwangen, die im Durchschnitt nicht viel 
besser ist als jede andere, aber durch das dem 
einheimischen Charakter möglichst treu ge- 
bliebene Geujerbe immerbin ein lokales Kolorit 
erhält und dem Suchenden manches Gute, ja 
Beste der künstierischen Anstrengungen der 
Jangen in Dänemark, Norwegen and Schweden 
enthüllt. In die Augen springt der moderne 
Charakter des Arrangements. Ein grosser 
Teil der Aasstellangsbauten ist dem Archi- 
tekten Febdisand Boberg anvertraut worden, 
der mit seiner begabten Gattin zu den tüch- 
tigsten schwedischen Vorkämpfern für die 
moderne Bewegung gehört. Wir geben ver- 
schiedene Ansichten der Aussen- und Innen- 
architektur BOBERG's wieder. Das Portal and 
der Säulengang, t>eides Details in dem Palais 
der schönen Künste, zeigen deutlich die de- 
korativen Absichten des begabten Architekten. 
Man wird in den Ornamenten kaum noch 
die Gotik erkennen, von der er aasgeht; sie 
ist so frei bebandelt, dassjede Spur von Archais- 
mas vermieden ist. Es ist etwas anderes, als 
das, was die Engländer auf demselben Wege 
erreichen, es ist freier, natürlicher, und zu- 
gleich steckt grösserer Reichtum , grössere 
Fülle darin. Der Schmuck der Bogen z. B. 
ergibt sich aus gekreuzten, ganz einfach stili- 
sierten Blattzweigen. Ähnliche Motive ver- 
mitteln den Übergang des Bogens zur Säule, 
an der vielleicht zum erstenmal das Kapital 
glücklich ersetzt ist und anderseits zur Wand, 
in die sich der Bogen mit höchst elegantem 
Ansätze verliert. Sehr geschickt ist in dem 



GaUrtt lit L'ART NOVVEAU 



Portal die Klippe der vorgeschriebenen Heraldik 
umschifft. Man erinnere sich der Geschmack- 



BOBERG, Arch. 



Auultttung, Stockholm 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 

teile der Äxte lind Hämmer sind 
in Masse so uerleilt, dass sie forl- 
laufende Ornamente geben. Die Eisen- 
proßle für Sctiienen, Schivetlen u. s. w. 
ordnet er zu einem Rundfries, der 
anter der originellen Hauptdekoration 
die Wand umläuft. Das Prinzip ist 
nicht neu; in Jeder Ausstellung be- 
gegnet man Gebäuden oon Seife, 
Cbokolade, Flaschen etc., die alles 
andere nur keinen künstlerischen Ein- 
druck hervorrufen. Es darf eben 
keine Architektur auf diese Weise 
erstrebt werden, und es kommt ganz 
darauf an, wie es gemacht wird. 
Die Grenze des Erlaubten ist oft schwer 
bestimmbar, in der BoBERG'scben 
Lampe, z.. B. die den PaoHlon er- 
leuchtet, ist sie Überschriften; eine 
mit Eisenhämmern gespickte Bogen- 
lampe ist unmöglich. ~ Mit Ge- 
schmack Hesse sich aus diesem Prinzip 
vieles machen, das dem immer und 
eu}ig gleichbleibenden Innern der 
grossen Ausstellungen zu gute kommen 
könnte. 

Einige deutsche Ausstellungen dieses 
Jahres haben sehr energische Fort- 
schritte in ähnlicher Richtung ge- 
macht. Von der Münchner ist an 
anderer Stelle die Rede, von der 
Berliner kann überhaupt nicht die 
Rede sein. Ein Detail: mit be- 
wunderungswürdigem Lebemut haben 
sich in Berlin einige dekorativ thälige 
Künstler niedergelassen. Es sind 
ihrer nicht viel, umsomehr sollte 
„, man glauben, dass sich die Aus- 

stellung ihrer bedient, um einen 
Hauch von Leben zu bekommen. 
Herr V. Werner denkt nicht daran, ja 
diese tüchtige Ausstellungskommission hat 
die nicht näher zu bezeichnende Selbst- 
genügsamkeit, einen tüchtigen Künstler — 
HiRZL — der naiv genug war, ihr seine 
hübschen Goldsachen anzubieten , mU dem 
Bedauern zurückzuweisen, dass das doch 
wohl keinen künstlerischen Wert habe. — 
Aber die venezianischen Imitationen der 
Societä artidica Ilaliana haben genügend 
künstlerischen Wert, am dem Besucher der 
Ausstellung im Wege zu stehen, und auch 
die deutschen Verunstaltungen der lieben 
Renaissance, die man diesmal zugelassen hat, 
sind genügend! 

Dresden hat den guten Einfall gehabt, sich 
von L'Art NoVVEAU eine Reihe sehr schöner 
moderner Zimmer einrichten zu lassen, und 



BOBERG, Arch. Aualcllaag, Slockho 

losigkeiten, die bei uns und überall fast 
unvermeidlich scheinen, sobald die Sgmbole 
der Staatsgewalt angebracht werden müssen. 
Boberg wagt die Verwendung der Insignien 
zu dekorativen Zwecken und erreicht, dass 
die toten Zeichen zu frischen Ornamenten 
,werden. Dieses sichere Gefühl für die Not- 
wendigkeit neuer und zugleich zweckentsprech- 
ender dekorativer Wirkungen findet man 
noch schärfer ausgedrückt in dem Pavillon 
für die Eisen- und Stahlausstellung der Gesell- 
schaft St. Kopparbergs Bergslags, den wir 
ebenfalls wiedergeben. Die landläufige Archi- 
tektur hätte es fertig gebracht, selbst einem so 
durchaus modernen Inhalt eine den Vorbildern 
der Alten entlehnte Form zu geben ; BOBERG 
entwickelt die Dekoration des Raums aus den 
darin ausgestellten Gegenständen. Die Eisen- 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



L'ART NorVEAU hat mit Hilfe Van DF. 
Velde's seine Aufgabe sehr glänzend gelöst. 
Wir haben uns alle Mähe gegeben , der 
Direktion die Erlaubnis zu entlocken, für unser 
Geld photographische Aufnahmen machen zu 
lassen. Bisher sind die Unterhandlungen an 
der enormen - Entschädigung*, die man von 
uns verlangt, gescheitert. Liegt es wirklich 
im Interesse einer solchen Veranstaltung, die 
doch schliesslich zur » Verbreitung « künsl- 



mil Erfolg unternommen. Unter den aus- 
gestellten Gegensiänden selbst findet man 
manches interessante gewerbliche Stück. Nur 
lässt die Aufstellung recht viel zu wünschen 
übrig. So gestellt können die Dinge nicht 
gefallen. Die Tische mit den Zinnsachen 
II. s. w. kleben an den Wänden zwischen den 
Bildern, als ob sie nurfär einen Augenblick 
dastünden, kein Mensch kommt auf die Idee, 
diese Dinge könnten in ihrer Art ebenso 



BOBERG. Ärrh. 



Aasilfllang, Stoctholm 



leriscben Geistes da ist, sich mit allen Mitteln 
gegen die Publikation ihrer Darbietungen zu 
wehren, zumal wenn, wie in diesem Fall, die 
beteiligten Künstler die Erlaubnis ihrerseits 
nicht nur gewähren, sondern um die Verviel- 
fältigung in unserem Organ bitten? Wir 
hoffen, dass sich der Vorstand ztir besseren " 
Einsicbl bekehrt und wir dann in der Lage 
sind, eingehend auf ihre in der That vor- 
zügliche Leistung zurückzukommen. Was sich 
an den vorhandenen Dekorationen des Dres- 
dener Lokals verbessern Hess, hat WALLOT 

DEKORATIVE KUNST. HEFT 1. 3 



wichtig sein, als die allein seligmachenden 
Bilder. Auch hier fällt die Nichlbeleiligung 
des Inlandes auf, doppell, wo das Ausland 
so stark vertreten ist. Wir sind die letzten, 
die sich gegen tüchtige ausländische Sachen 
wehren, aber in erster Heihe sollte doch immer 
das Gute im Inland kommen. Und ECKMANN 
nebst nieten anderen deutschen, von den Dres- 
denern nicht eingeladenen Künstlern machen 
heute bereits sehr viel bessere Sachen, als ein 
guter Teil derer, die sich Dresden in der 
Fremde gesacht hat. 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



Eine höchst bemerkenswerte Veranstaltung 
hat Hamburg mit seiner Gartenbau-Ausstellung 
fertig gebracht. Schon die Idee, die kaum 
einen Vorläufer haben dürfte, eine Ausstellung 
von Pflanzen und Blumen zu machen, die 
nicht wie gewöhnlich ein paar Wochen, sondern 
ein halbes Jahr dauert, also die Aussteller 
zwingt, ihre Ware häufig zu wechseln, hat 
ihre grossen Reize. In Hamburg schliessen 
solche Versuche nicht nur ohne Defizit ab, 
sondern bringen sogar noch wesentliche Ein- 
nahmen; schon jetzt ist der Erfolg der Aus- 
stellung auch in dieser Hinsicht gesichert. 
Das Publikum hat sich weit über Erwarten 
interessiert, und diese rege Teilnahme hat weit 
über die Bedeutung des Materiellen hinaus- 
gehende Folgen. Denn zweifellos : solche Dinge 
dem armen Städter zu zeigen, das ist ein 
viel gründlicheres Mittel zur Hebung des Ge- 
schmackes, als eine Kunstausttellung, selbst 
wenn sie aus eitel Kunstwerken bestünde. Das 
ist die wahre Ästhetik fürs Volk, die kann es 
verstehen, die kann es — bezahlen. Man hätte 



THIELES, Ardi. 



im Arrangement der Blumen und P/tanzen 
vielleicht noch mehr diese Seite, die mir wichtiger 
erscheint als die rein botanische, betonen können. 
Ich vermisste zum Beispiel Anleitungen zur 
Kunst des Boaquetbindens, zur Kunst des Tisch- 
schmuckes u. s.w.; der Verfasser des *Makart- 
bouquetst hätte sicher dafür guten Rat ge- 
wusst. Nicht wenig hat an dem glänzenden 
Gelingen die schöne bauliche Gestaltung des 
Mittelpunktes der Ausstellung, der Zentral- 
halle, beigetragen, von der wir einige Innen- 
und Aussen-Anaichten geben. Thielen hat 
sie gemacht, der bereits mit anderen Bauten 
ähnlicher Art, wenn auch nicht so gelungen, 
hervorgetreten ist. Die nach meiner Ansicht 
dankenswerteste That Thiei.en's ist die Aussen- 
architektur des Baues, mit der er entschieden 
der Überlieferung Trotz geboten hat. Fast all- 
gemein glaubte man bisher, ein Ausstellungs- 
gebäude müsste unbedingt prunkhaft sein. 
Man kennt die gewissen Viktorien über den 
Portalen; in Brüssel hat man sich eine aus 
richtiger Pappe oder dergl. geleistet. Stuck 
und Pappe schienen bei einem Aus- 
steüangsbau unvermeidlich, wenn 
man sich nicht wie die Pariser bei 
ihren Weltausstellungen echtes 
Material leisten konnte, und selbst 
die Londoner mit ihrer Indian Ex- 
hibition, die dieses Jahr zu einer 
Q üEEN Era Exhibition um frisiert 
worden ist, glauben nicht auf das 
trügerische Weiss verzichten zu 
können. Bestärkt wird der Unfug 
durch die internationale Mode, bei 
allen grossen Ausstellungen die alte 
Stadt in Pappe vorzuführen ; immer 
mehr bildete sich die Ansicht heraus, 
so eine Aasstellung sei ein Theater 
und müsse mit den Mitteln der 
Bühne gemacht werden. Meines 
Wissens brach man zuerst in Ame- 
rika mit dieser Anschauung. Auch 
THIELEN hat sich gesagt, dass es 
besser sei, auf falschen Prunk zu 
verzichten, wenn man mit gedie- 
generen Mitteln etwas erreichen 
kann. Deshalb wählte er eine ein- 
fache Holzkonstraktion, die nur 
durch gefällige Verhältnisse, durch 
geschmackvolle Ausgestaltung der 
Fensterlinien u. s. w. bescheidenen 
aber sicheren Reiz erhielt. Leider ist 
er demselben Prinzip nicht auch im 
Innern des Baues treu geblieben, 
sondern zurSluckdekorationzurück- 
gekehrt. Doch lässt sich auch hier 
I, Hamburg der frische Zug nicht verkennen, 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



THIELEN, Anh. 



Carltnbau-Aauteüang, Hambarg 



and im übrigen kann sich THIELEN damit 
trösten, dass selbst Baumeister wie der Stock- 
holmer Boberg, dessen grosse Anlage oben her- 
üorgehoben wurde, ihre Wirkungen in Stuck er- 
reichen. Thielen's imposantes Interieur zeigt 
die Vorzüge undFeblerder Technik. DieRaam- 
uerteilung ist glänzend, man muss schon nach 
Amerika gehen, um annähernde Erweiterungen 
romanischer Gewölbe zu finden. Wieder zeigt 
sich, welch glänzende moderne Wirkungen die 
vernünftige Verwendung gerade dieses primi- 
tiven Stils ergeben kann. Das Aber bleibt 
nicht aas. Um diese Wirkung in Stuck zu er- 
reichen, sind Hilfsmittel wie die doppelten Eisen- 
Derbindungennölig,derengeradlinige Nüchtern- 
heit hässlicb gegen die schön gerundeten 
Bogen absticht. Aach wie der riesige Kron- 
leuchter ■ — übrigens keine glückliche Erfin- 
dung - — angebracht werden musste, wider- 
spricht dem Stilgefühl. In den Kapitalen der 
Säulen verrät sich der Wunsch, zu mode^ni- 
üeren, nur stört die alba nataraliatiacbe Ver- 
wendung von Pflanzenmotioen, hier nicht so 
gut geglückt wie bei BOBERG, woran wohl 
die Eile, mit der THIELEN arbeiten musste, 
schuld ist. Die Motive sind viel zu kompli- 
ziert, wirken überladen. Hier wie überall 
kommt der Unterschied zwischen dem Stil, der 
gutes Material und sorgfältige Arbeit verlangt, 
und der Billigkeit und Schnelligkeit, mit der 
solche Bauten ausgeführt werden müssen, zum 
Vorschein. Auch in der Flächendekoration 



ist er zu merken. Ausgezeichnet ist die Apsis 
geschmückt; hier ist die erstrebte Pracht- 
wirkung uöllig erreicht; dazu bat THIELEN 
durch geschickteVerteilung elektrischer Lampen 
in das Ornament den Heiz der Dekoration auch 
für den Abend erhalten, ja der Reiz ist vielleicht 
bei Beleuchtung noch grösser. Schon diese Aus- 
nutzung des elektrischen Lichtes für dekorative 
Gesamtwirkungen beweist Thielen's Stärke. 
At}er der Rest tritt gegen diese glänzende Apsis 
allzusehr zurück, die übrigen Teile der sehr 
grossen Fläche konnten nicht mit gleicher 
Sorgfalt bearbeitet werden; in manchen tritt 
auch veränderte Stilistik zu Tage; alles er- 
klärliche, aber nichtsdestoweniger störende 
Folgen der Verhältnisse. 

Diese Umstände hat man in Leipzig beim 
Bau der Ausstellung im Auge behalten, and 
wir können ohne jeden Rückhalt hinzufügen 
— glänzend überwunden: Die ganze Aas- 
stellang ist in vieler Beziehung ein Muster 
für das Arrangement und verdiente eingehende 
Betrachtung. Wir begnügen uns mit dem 
besten, das sie besitzt: dem Bau für das 
Hauptcafi und vor allem dem Hauptrestaurant, 
von dem wir eine Abbildung bringen. In 
ihnen ist die Übereinstimmung von Zweck 
und Ausführung so treffend, dass man von 
einem Ausstellungsstil reden kann; das Ver- 
dienst, ihn in dieser Vollendung entwickelt zu 
haben, gebührt dem Architekten Tscharmann 
in Leipzig, dem Schöpfer dieser und anderer 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



Gebäude. TsCHARMANN's Primip ist die 
teilte Konsequenz des Gedankengangs: kein 
Stuck, keine Pfirase; Gediegenfieit, unuerhüllte 
Walirtieit und doch künstterisctie Wirkung. 
TsCHARMANN Itat den ganzen Bau nur in 
Holz ausgefätirt; er begnügt sich mit gut 
komponierten Wölbungen und sacht nur durch 



dem Hauptrestanronl ; die' Mittelfagade mit 
dem äusserst geschickt angebracliten Firmen- 
schild enthält nichts, was nicht unbedingt 
praktisch zu ihr gehört, und doch kann man 
sich nicht dem Reiz der Linien entziehen. 
Ganz kongruent ist dos Innere gehalten: zwei 
Tonnengewölbe mit kleinem Querschiff, dessen 



TSCHÄRMÄNN,- Arch. 

die konslruklioe Linie zu wirken.. Die Fa^ade 
des Cafe's zeigt einen grossen Hauptbogen 
mit zwei kleineren Bogen; zwei offene Türm- 
eben sind der einzige Schmuck. Das Innere 
— ein einfacher Paoillon, ein Zelt in Holz 
ausgeführt, leiclit, luftig, wie es der Zweck 
erheischt. Grossen Beiz erzielt er durch die 
hübsche Profilierung der Fensteröffnungen bei 



AiaiMlung, t.aptig 

Frontseile der erwähnten Mittelfa^ade etil- 
spriclit. Man findet nichts wie Holz; die 
Fläclien sind mit Brettern verkleidet, darüber 
reizendes, einfaches Stab werk, im übrigen 
tragende Balken. Hier aber hat der Deko- 
rateur zum besten , einfachsten , modernen 
Mittel gegriffen, zur Farbe. Das Balkenwerk 
ist grün, die Bretter sind weiss gestrichen und 



MODERNE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNGEN 



darauf ist ein grün stilisiertes Weinlaub gemall. 
Diese ganz gleichmässige Verteilung desselben 
anspruchlosen Musters in einfachen Farben 
durch den ganzen Raum ist entscheidend, 
man kann sich nichts Besseres denken. Solcher 
Art sind die Wirkungen, die einzig angestrebt 
werden sollten, weil sie erreicht werden können; 
die künstlerische Bedeutung der ganzen pomp- 
haften Berliner Gewerbe - A usstellung fällt 
gegen diesen einfachen Raum. Die schwere 
Scharte, die die proletarische Geschmacklosig- 
keit, der die Berliner Ausstellung zu verdanken 
war, deutschem Wesen im Auge des Auslandes 
geschlagen hat, ist von Leipzig ausgewetzt 
worden. So sehr wir uns Berlins schämen 
mussien, so stolz können wir auf die Leistung 
einer Stadt sein, die nicht einmal zu unseren 
Hauptstädten gehört. 

Auf dieser Höhe steht von den Aus- 
slellungen dieses Jahres nur die Kolonial-Aus- 
stellung in Tervueren bei Brüssel, die gleich- 
zeitig mit der grossen Brüsseler Ausstellung 
gemacht wurde. Die letztere selbst ist genau 
so wie alle anderen; im Ensemble ohne jeden 
Reiz. Man findet natürlich glückliche Einzel- 
heiten, an denen die Ausstellung selbst unschuldig 
ist. Wir verweisen zum Beispiel auf den äus- 
serst praktischen und geschmackvollen Tisch, 
den Majorelle in Nancy für die DAUM'schen 



Gläser gezeichnet und ausgeführt hat. Der 
untere Teil ist getöntes Holz mit den an 
GALLt erinnernden Füssen. Auf der Tisch- 
platte erheben sich schön geschwungene 
blanke Messingträger, die eine Glasplatte 
halfen. Man hätte die Details vielleicht noch 
besser ausarbeiten können; das Ganze ist 
jedenfalls gelungen. Auch HORTx's grosse 
Auslage in Holz, Glas und Metall für die 
Gläser der Gesellschaft Val St. Lambert — 
das beste, was die Brüsseler Ausstellung ent- 
hält (wir kommen darauf zurück) wie manche 
Arbeiten von Serrurier in Lüttich und ein- 
zelnes von Wolfers, Brüssel, u. a. sind ausge- 
zeichnete Arbeiten, aber sie verschwinden in der 
Masse geschmacklosen Kramwerks, über deren 
Niveau selbst die hübsche kunstgewerbliche 
Abteilung der jungen Brüsseler — Du Bois, 
Lemmen, Finch, Feenandvbois, Combaz 
u. a. — ■ nicht hinweghilft. 

Ganz anders TERVUEREN. Hier ist zum 
erstenmal die Gesamtdekoration einer orga- 
nisch zusammenhängenden Ausstellung in die 
Hände von Künstlern gelegt worden, die alle 
nach gemeinsamen Zielen streben. Das Resultat 
erschien uns so wichtig, dass wir ihm im 
folgenden einen besonderen Platz anweisen 
zu müssen glaubten, wofür wir das Wort 
einem der Hauplbeleiliglen überlassen haben. 
— T— 



MAJORELLE, Aualtllungs-Tlsch 



r von DAVU FRßRES 



DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN 

VON 

HENRY VAN DE VELDE 



In einem Lande, das jeder Idee hemmend 
entgegenlrilt, erlangt eine Ausstellung wie die 
uon Tervaeren, die einzig als Ausdruck eines 
starken Gedankens möglich wurde, eine weit 
aber die Bedeutung einer der vielen Ausstel- 
lungen unserer Zeit hinausgehende Wichtig- 
keit. Es ist daher besser, statt uon der bel- 
gischen Kolonialausstellung von dem »Fall 
Tervuerent zu reden. 

Sehen wir zu, wie dieser Fall, dessen Be- 
ziehungen zur modernen gewerblichen Ent- 
wicklung Belgiens in die Augen springt, ent- 
stehen konnte. 

Es liegt in der Art jeder gesunden Idee, 
dass sie im Keim eine Menge andere birgt, 
die vielleicht erst von der vierten oder fünften 
Generation zum deutlichen Vorschein gebracht 
werden. Die Menschen, die eine Idee hin- 
nehmen, sind genötigt, auch die Folgen zu 
billigen, und der, der für sie kämpft, kommt 
notwendig dazu, daneben für andere Dinge 
zu kämpfen, an die er nie vorher gedacht hat. 

Cber die Congo-Frage zu reden, scheint in 
dieser Zeitschrift überflüssig. Mich interessiert 
sie hier nur als Idee in einem an Ideen armen 



Lande; es war fast selbstverständlich, dass 
die thätigen Anhänger der Congo-Politik sich 
notwendig von Leuten angezogen fühlen muss- 
ten, die für eine andere Sache kämpften. 
Freilich ohne dieselbe Aufmerksamkeit und 
denselben Widerstand hervorzurufen : den mo- 
dernen Künstlern Belgiens, die sich die Er- 
neuerung des Gewerbes zum Ziel gesetzt haben. 
Die Annäherung musste sich in dem Moment 
vollziehen, als die für ihren Congo Kämpfen- 
den eine Ausstellung zu veranstalten gedach- 
ten, deren Gelingen uon einer geschmackvollen, 
eigenartigen Herrichtung wenn nicht abhing, 
so jedenfalls sehr wesentlich gefördert werden 
konnte. 

Es blieb zwischen den beiden natürlicher- 
weise auf einander angewiesenen Kräften die 
Regierung, der ganze offizielle Apparat. Glück- 
licherweise giebt es im Congostaat wohl eine 
Regierung, aber keine Bureaukratie. 

Der Lieutenant Masui, Generalsekretär der 
Ausstellung, den ich über die Entstehungs- 
geschichte der Ausstellung befragte, machte 
mich auf diesen glücklichen Umstand in der 
Verwaltung des Congosiaates aufmerksam and ■ 



DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN 



H. VAN DE VELDE 



Ethnograph. Saat 



DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN 



SERRÜRIER-BOVY 

führte die Idee des modernen Arrangements 
auf den Staatssekretär Mr. VAN Eetyeld 
zurück. In einer anderen Staalsform würde 
auch der höhere Titel eines einzelnen nicht 
im stände gewesen sein, einen solchen Plan 
in so einheitlicher Form auszuführen. Die 
vielen Unter- und Oberkommissionen hätten 
das Ihrige gethan, und von dem ursprüng- 
lichen Plan wäre nichts übrig geblieben. Der 
Congostaat ist noch jung, er hat wenig Be- 
amte und ist daher genötigt, dem einzelnen 
grösste Machtbefugnis zu geben und seine 
Thätigkeit ebensosehr zu beanspruchen wie 
unsere reiferen Slaatsformen den Beamten zur 
Vnthätigkeit verdammen. 

Der »Fall Tervuerem ist die Aufgabe, eine 
künstlerische Kolonialausstellung zu machen. 
Man kennt das Material an Glaskästen, 
Postamenten, Etageren, Stoffbehängen, Wand- 
schmuck u. s. w., dessen sich bisher die Aus- 
stellungen ausnahmslos bedienen, und man 
muss sich die ganze hässliche Nichtigkeit 
dieser Dinge vor Augen stellen, am den Riesen- 
üorsprung zu ermessen, den die für dieselben 
Zwecke gemachten neuen Gegenstände in Ter- 
vueren darstellen. 

Die Arbeit der Herren VAN Eetveld und 
Masui — denn trotz der Erklärung des 
letzteren kommt ihm ein grosser Anteil cun 



Import-Saal 

Gelingen des Werkes zu — war am so schwie- 
riger, ak es sich um die Aufstellung einander 
höchst entgegengesetzter Dinge handelte. Man 
denke sich einen Saal, in dem die Werke 
belgischer Künstler in dem Elfenbein der 
Kolonie ausgestellt sind, und dann einen an- 
deren, in dem man die Handelswaren findet, 
die Belgien zum Umtausch nach Afrika 
schickt. Trotz dieser notwendigen sachlichen 
Gegensätze ist das Ganze von einem künst- 
lerischen Geist durchdrungen ; man findet den- 
selben künstlerischen Willen in dem eleganten 
Fassgeslell, das eine zierliche Elfenbeinarbeit 
trägt und ebenso in der einfachen Auslage, 
auf der die Seifen- und Kerzenpakete aus- 
gebreitet sind. 

Der in die Brüsseler Bewegung Eingeweihte 
findet leicht in der Ausstattung der einzelnen 
Säle die Persönlicheiten der beteiligten Künstler 
heraus; das Publikum sieht nur vielfach ver- 
schiedene Äusserungen desselben neuen Geistes. 
Daher wäre es auch unmöglich, die Aus- 
stellung zu beschreiben. Die Mittel sind höchst 
einfach, es ist immer nur wieder Holz, hier 
und da ein wenig Glas und Beschläge, Damit 
hat jeder der Künstler das Seinige gethan, 
immer nur in dem Wunsch, das Ganze zu 
verschönen. Der Zweck ist erreicht worden 
und das Gewonnene ist bleibend. Der Erfolg 



DIE KOLONIAL-AUSSTELLUNG TERVUEREN 



HOB& 

geht weit über den Rahmen eines flüchtigen 
Ausstellangsversaches hinaus. Er wird fär 
alle folgenden Ausslellungen bestimmend sein. 
Bisher gab es noch keinen Vergleich, jetzt 
wird selbst der Erfolg der Weltausstellung 
von Paris 1900 davon abhängig sein, ob dort 
derselbe Geist rege wird, von dem Tervueren 
eine Äusserung ist. Und von der Ausstellung 
wird derselbe Geist auf die Einrichtung aller 
öffentlichen Gebäude, Museen, Schulen, Biblio- 
theken, Hospitäler übergehen and von hier 
auch in das Privathaus eindringen. 

Dieser Bedeutung gegenüber treten Cber- 
Ireibungenoder Schwächen im einzelnen zurück. 
Der unter uns, dem noch nie ein Versuch 
missglückt ist, wage den ersten Stein auf sie 



Ppaiaaikuttur-Saal 

ZU werfen. Ich für meinen Teil habe zu oft 
schon vorbeigeschossen, als dass ich mich 
dieser Gerechtigkeit verschliessen könnte. Gegen- 
wärtig hat das Publikum keinen Masstab für 
das Gewerbe. Es siebt in der Masse ver- 
schiedener Postamente nur den *neuen Stil*. 
Nichts anderes sieht es in der Balkenverbindung 
Hankar's für den ethnographischen Saal, oder 
in der Bogenkonstruktion Serrurier's des 
Importsaals, in den gerundeten Vitrinen und 
Gestellen, die ich für den Exportsaal ge- 
macht habe, oder in den, viel zu schweren 
Blocks, die Hob6 für den Pflanzenkulturraam 
geschaffen hat. Bald wird dasselbe Publikum 
lernen, in diesem neuen Stil das Gute von 
dem weniger Brauchbaren zu scheiden. 



A. ENDELL, Wandfria Im llaiae des Hrrra H. OBRIST 



DEKORATIVE KVSST. HEFT I. 



KORRESPONDENZEN 



BERLIN — HlRZL hat eine Anzahl 
sehr reizender neuer Broschen her- 
gestellt (ausgeführt in Gold, zum Teil 
mit Email vom Hofjuwelier WERNER auf 
der Leipzigerstrasse). Sie haben vor den ersten 
Modellen den Vorzug höheren Gebrauchs- 
wertes; die spitzen Zacken, die den Kleidern 
gefährlich wurden, sind vermieden und die 
stilisierende Note hat an Deutlichkeit gewonnen. 
Die Modelle können sich neben den besten 
ausländischen Bijouterien sehen lassen und 
sind billiger. Es ist kein geringer Vorzug, 
dass man diese äusserst gediegen gearbeiteten 
echten Sachen für i5 — 90 Mark haben kann.m 
Herr Elkan, der Schwager Pächter's, des 
bekannten Besitzers des Japan - Geschäftes 
R. Wagner, ist aus Japan zurückgekehrt und 
hat die Kanst der Patinierang, die nirgends 
so wie im Lande der Bronzen verstanden wird, 
mitgebracht. Er nimmt ganz einfache Ge- 
fässe mit glatter Oberfläche and erreicht mit 
seinem, natürlich geheim gehaltenen, Verfahren 
die reizendsten Farbenwirkungen; dunkle, rote, 
blaue, orange and grüne Töne, die sich aas- 
gezeichnet mit dem Grand der Bronze ver- 
binden. Ganz den Charme alter japanischer 
Bronzen wiederzugeben, bei denen die Patina 
wie gehaucht erscheint, ist wohl anmöglich 
and liegt auch kaum im Interesse einer 
modernen Technik. Man sollte im Gegenteil 
versuchen, die wundervolle Färbung zu ganz 
bewussten dekorativen Wirkungen, vielleicht 
sogar zu diskreten Ornamenten — wenn das 
möglich ist — ■ auszunutzen. 9 Pächter selbst 
hat sich eine hübsche einfache Villa im Westen 
geschmackvoll und seiner Vorliebe für Japan 
entsprechend eingerichtet. An der Installation 
ist auch VAN DE VELDE in Brüssel beteiligt. 
Von dem gleichen Künstler rührt ein Speise- 
zimmer her, das sich der Maler C. HerrmaNN 
in seinem entzückenden, neuen Heim hat machen 
lassen. Hier hat Herrmann willkommene 
Gelegenheit gefunden, seine Begabung für 
dekorative Farbwirkangen zu äussern. Jedes 
Zimmer ist mit wohlthuender Diskretion mit 
den reizvollen Bildern des Künstlers geschmückt 
and auf ausgesprochene reine Töne gestimmt, 
deren Gesamtheit aas der Wohnung, die in 
Berlin ziemlich einzig sein dürfte, ein ein- 
heitliches Ensemble macht, in dem sich's gut 
sein lässt. # Das grosse Warenhaas für 
Wertheim auf der Leipzigerstrasse ist im 
Äussern annähernd fertig und fällt in seiner 
amerikanischen Einfachheil höchst vorteilhaft 



aus der Masse der überladenen Berliner Gips- 
stilarrangements heraus. Der bekannte 
Hamburger Künstler OTTO Eckmann hat 
seinen Wohnsitz von Manchen in das Ber- 
liner Kunstgewerbemuseum verlegt, u»o er 
an die Gewerbeschule berufen worden ist. Eck- 
mann befindet sich gerade jetzt, wie seine letzten 
Arbeiten beweisen, die wir in dem Aufsatz über 
Beleuchtungskörper abgebildet haben, und die 
das Beste darstellen, das er bisher gemacht 
hat, in einer äusserst günstigen Entwicklungs- 
phase, und er ist nicht allein der feine Produzent, 
sondern auch durch persönliche Veranlagung 
geeignet, anderen seine Ideen mitzuteilen, also 
vorherbestimmt zum Lehrer wie übrigens die 
meisten Neuerer. Er weiss jetzt seinen Weg, 
kommt also nicht zu früh und auch nicht zu 
spät in die Stellung, die ihm Freude macht. 
Hoffentlich erfüllen sich seine Erwartungen 
an die massgebenden Autoritäten. 9 In gleicher 
Stellung möchte man KOEPPING sehen; wir 
denken dabei durchaus nicht allein an die reiz- 
vollen Gläser. So gelungen sie sind und so 
berechtigt der Erfolg, KOEPPiNG ist mehr als 



K. KOEPPING, OHglnabeidinittig 



MÜNCHEN 



seine Gläser; sie sind, gewerblich gedacht, nur 
ein vielversprechender Anfang, and Koepping 
ist der Mann, den gewerblichen Keim, der 
neben dem ästhetischen Wert in ihnen steckt, 
zu reifen. Er ist, darf man sagen, moralisch 
dazu verpflichtet, denn glänzender ist wohl 
nie ein erster Versuch gelohnt worden. Er 
trägt sich gegenwärtig mit gewerblichen Ideen, 
auf deren Ausfuhrung man gespcmnt sein kann. 
KOEPPJNG ist sich der Schwierigkeit der Aufgabe 
vollkommen bewusst,'es bedarf langen Wagens, 
um nach den Gläsern einen Fortschritt zu 
bringen. Was es auch sei, es wird Wert 
haben. KOEPPiNG gehört zu den höchst seltenen 
Kunstlern, bei denen man ohne zu sehen 
glauben kann. Nie wird das, was sie machen, 
schlecht sein. Diese Sicherheit des Geschmacks, 
die sich nie verleugnet, ist Gold wert für 
eine Schule; freilich ist es feine Ware, die sich 
zwischen groben Fingern leicht verfluchtigt. 
Wir bringen zwei von ihm für uns gezeichnete 
Abbildungen seiner letzten Modelle. Das hohe 
Glas hat stumpflila, amethystfarbenen Kelch 
mit gelblichen und grauen Schattierungen, 
Stiel und Fuss blassgränlich, Blätter dunkel- 
grün. Das breite Glas hat gelbfleckigen Kelch 
bei auffallend starkem Licht mit blauen 
Reflexen. Fuss und Blätter in gelblichen und 
grünlichen Tönen. — y — 

MÜNCHEN — Seit Gedon hat in 
Münchner Wohnräumen mehr als 
anderswo der ^AtelierstiU geherrscht. 
Die malerische Häufung von Anti- 
quitäten und Möbeln aller Zeiten und Völker 
in der Harmonie ihrer durch Staub und Alter 
gedämpften Farben und ihrer künstlerischen 
Unordnung verlieh den Räumen jene weiche, 
wohlige Stimmung, welche so sehr der sorg- 
losen, gemütlichen Nonchalance unserer inner- 
lichen und äusserlichen Scunmetjacken ent- 
sprach. Münchner Architekten und Künstler 
schufen in ihren Häusern Säle von venezia- 
nischer Pracht oder florentinischer Vornehm- 
heit, lichte Hallen in graziösem Rokoko und 
unvergleichlich echte altdeutsche Trinkstuben, 
die, gefüllt mit kostbaren Altertümern, gewiss 
des Reizes nicht entbehren. Der vollständige 
Mangel an eigener, selbständiger Schöpfungs- 
kraft wird durch eine geschmackvolle und 
feinfühlige Anlehnung an gute Vorbilder er- 
setzt und hier liegt die Stärke, aber auch die 
enge Grenze ihres Könnens. Wir werden vor- 
aussichtlich Gelegenheit haben, bei Besprechung 
neuer Münchner Bauten näher darauf ein- 
zugehen. 

Lenbach hat im Verein mit Eman. Seidl 
die architektonische Ausschmückung unserer 



diesjährigen Kunstausstellung geschaffen. Ihr 
Streben ging dahin, die Bildwerke in eine 
künstlerische Atmosphäre zu versetzen und 
sie in jene harmonische, stimmungsvolle Um- 
gebung zu bringen, in welcher sie einzig zu 
voller Geltung gelangen und vollen Genuss 
gewähren. So richtig dieses Prinzip auch 
erscheint, so sollte doch gerade in einer Aus- 
stellung nicht das Verhältnis überschritten 
werden, in welchem der Rahmen zum Bilde 
steht. Der Rahmen sollte nicht beanspruchen, 
für sich ab selbständiges Kunstwerk zu wirken, 
in dem die Bilder nur schmückende Beigaben 
sind, umsomehr, wenn dieser Rahmen, wie 
es hier unvermeidlich, aus Gips und Masse 
aufgebaut, doch nur einen theatralischen Effekt 
zu geben vermag, der an diesem Platze fremd- 
artig wirkt. Man kann nicht leugnen, dass 
im Streben nach künstlerischer Dekoration im 
allgemeinen des Guten zu viel geschehen ist. 
Wo immer der Blick, von allzuvielem Schauen 
ermüdet, sich von den Bildern wendet, trifft 
er auf reich verzierte Säulen und Portale; 
und gewiss nur wenige werden hinaufgeschaut 
haben zu den plastischen Friesen, welche die 
Höhen der Wände in den Hauptsälen be- 
kränzen. Der Minervatempel im Vestibül 
wirkt brutal in seiner falschen Pracht und 
erscheint einem feineren Fühlen als eine Orgie 
in Gips und Stilen; und wenn auch die ver- 
fehlte Architektur dieser Halle bedeutende 
Schwierigkeiten bot, so hätte man doch von 
diesen Künstlern eine geschmackvollere Lösung 
erwarten dürfen. Der Vergleich des fein- 
getönten Kabinetts, dasLENBACH's eigene Bilder 
enthält, mit dem Prunksaal, in welchem ein 
Teil der retrospektiven Ausstellung auf den 
von Lenbach so bevorzugten, wenig schönen 
und an den Kaufladen erinnernden Etageren 
untergebracht ist, beweist, wie viel mehr durch 
diskrete Bescheidenheit, als durch reiche Pracht- 
entfaltung erzielt werden kann, — welch un- 
endlich grössere Intimität, welch eindring- 
lichere Sprache diese in beiden Sälen so vor- 
züglichen Bilder in der zarter gestimmten Um- 
gebung bewahren. 

Die kunstgewerbliche Abteilung ist auf zwei 
kleine Kabinette beschränkt worden; aber es 
ist freudig zu begrüssen, dass auf Drängen 
einer Anzahl Künstler und Kunstfreunde end- 
lich der Kleinkunst ein Platz in unserer Aus- 
stellung eingeräumt worden ist. Der Erfolg 
ist über die Erwartungen gut und lässt noch 
Besseres hoffen. Die Mehrzahl der ausgestell- 
ten Gegenstände hat Absatz gefunden und 
viele müssen fünf- und sechsmal wiederholt 
werden, um der Nachfrage zu genügen. Von 
Münchnern sind die Maler V. Berlepsch, 



A3 



MÜNCHEN 



gut vertreten ist, naher einzugehen. Heule 
nur einige Worte zu den Illuslrationen, welche 
wir als tüchtige, und vielversprechende Stich- 
proben Münchner dekorativer Kunst geben. 

EckMANN's und seiner sehr beachtenswerten 
Arbeiten in Schmiedeeisen ist in dem Aufsatz 
über Beleuchtungskörper bereits Erwähnung 
gethan. Es ist sehr zu bedauern, dass diese 
vielseitige tüchtige Kraft für München ver- 
loren gehen wird. Gerade sie hätte an ge- 
eigneter Stelle eine segensreiche Thätigkeit für 
unser Kunstgewerbe entwickeln können. ECK- 
MANN arbeitet zur Zeil an einem Sammelwerke 
rNeue Formen', das binnen kurzem bei Max 
Spielmeyer in Berlin erscheinen wird. Wir 
werden über die sehr interessanten Entwürfe, 
die wir zu sehen Gelegenheit hatten, nach Er- 
scheinen ausführlicher berichten. H. ObrIST 
isl durch seine meisterhaften Stickereien 
allgemein bekannt. Welch ein Schritt von 
dem Sophakissen mit dem gestickten: »Nur 
ein Viertelstündchen' bis zu diesen in 
Linie, Farbe und Technik so vollendeten, 
Arbeilen! Es ist nicht zu glauben, dass 
guter Geschmack einem grösseren Publi- 
kum so vollständig verloren gegangen sei. 



H. OBRIST Wandoorhang 

Eckmann, Erler, v. Heider, Kögel, Rie- 
MERSCHMID, Schmuz-Bavdiss, die Bildhauer 
Endell, Obrist, Wilhelm, die Architekten 
DOLFER und Fischer hervorragend beteiligt 
und beweisen, wie viele selbständig denkende 
Köpfe und geschickte Hände die neue Rich- 
tung im Kunstgewerbe hier zur Geltung bringen, 
so dass Münclten hoffen darf, auch auf diesem 
Gebiete der Kunst die Führung in' Deutsch- 
land zu übernehmen. Selbst in unserem sonst 
konservativen Kunstgewerbeverein macht sich 
eine starke Strömung zu Gunsten dieser Be- 
wegung geltend, die hoffentlich nicht bei der 
dankenswerten Reorganisation der Zeitschrift 
dieses Vereins Half machen wird, sondern vor 
allem sich der so notwendigen Neugestaltung des 
kunstgewerblichen Unterrichtes zuwenden sollte. 
Wir müssen es uns für später vorbehalten, 
auf die einzelnen] obengenannten Künstler und 
so manchen Fremden, der in dieser Ausstellung 



MÜNCHEN 



um diesen gewaltigen Umschwung nicht all- 
gemein erkennen zu lassen und diesen relativ 
sehr billigen Arbeilen nicht grosse Verbreitung 
zu sichern. Wir reproduzieren hier die 
Stickerei zu einem Wandoorhang, die in Silber 
auf grünblauem Sammet ansgeführl, durch 
die schöne Führung der züngelnden, flackern- 
den Linien hervorragt. ObriST weiss den 
reinen zarten Schwingungen seiner Linien eine 
geradezu musikalische Sprache mitzuteilen, 
deren stimmungsvoller Einklang durch keinen 
fremden Ton getrübt wird. Seine besten 
Wirkungen erreicht er da, wo es gilt, ein 
frischbewegtes Motiv darzustellen, während 
ihm bei ruhigen Massen wie z. B. dem in 
der Ausstellung befindlichen Wandoorhang 
mit dem blühenden Baum die gleiche Aus- 
drucksfähigkeit nicht immer zur Verfügung 
sieht. 9 ObrIST geistesverwandt ist ein junger 
vielversprechender Künstler, A. Endki.l. Seine 
Schrift 1 Um die Schönheit' lenkte zuerst die 
Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn. Er 
hat die Wandfriese zu einem der Kabinette 
für Kleinkunst entworfen, welche von einem 
eigenartigen Talente ausdrucksvoller Linien- 
führung zeugen. Als Komposition ist der auf 
Seite i- abgebildete Fries besonders zu loben, 
dessen weich und weit wie Fittige sich aus- 
breitende Linien, den Strahlen der sinkenden 
Sonne vergleichbar, an die Nacht gemahnen, 
während man aus den Motiven Seite 1, 21 



und /.') in ähnlichem Sinne Beziehungen zu 
Morgen, Mittag und Abend ableiten kann. Von 
hohem Reiz ist auch der von ihm entworfene 
Thärvorhang, in seiner einfachen strengen, 
gut der Webart angepassten Zeichnung. 
C. Strathmann dokumentiert in seinen neu- 
eren Arbeiten einen wesentlichen Fortschritt. 
Er hat viel an japanischen Vorbildern gelernt 
and doch eine eigene durchaus persönliche 
Ausdrucksform gefunden. Das Original un- 
serer Abbildung zeigt die Linienführung durch 
den Gegensatz der Farbe klarer. Bei einer 
noch grösseren Einfachheit würde die Wirkung 
wohl noch erhöht werden. Das Bild beweist 
eine eminente Begabung für dekorative Auf- 
gaben dieser Art. 9 Der Bildhauer G. WILHELM 
hat schöne Arbeiten in Kupfer ausgestellt. 
Sein Wandbrunnen (S. i7) ist eine hübsche 
Probe derselben, gut in Verhältnissen und 
Umrissen, die Dekoration leicht und flüssig, 
wenn auch nicht sehr eigenartig in der Er- 
findung. Die technisch vorzügliche Ausführung 
ist die gemeinsame Arbeit von Wll-HELM und 
M. Lind, m Schmuz-Bavdiss zeigt in seinen 
keramischen Arbeiten grosses Talent. Die De- 
korierung ist in Anlehnung an Pflanzen- and 
Tierformen frisch und originell, die Technik 
eigenartig. Die Gefässe (S. iß) tragen zwei ver- 
schiedenfarbige Thonschichlen, in welche der 
Künstler vor der Glasur seine Ornamente ein- 
schneidet and so je nach der Tiefe des Striches 



C. STRATHilAS^i 



MÜNCHEN 



T. SaiUUZ-BAVDISS 

ztveierlei Farbenabstufangen erreicht, welche 
der Glasur eine abwechselnde Tönang geben. 
Die Form der Gefässe ist gut erfunden und 
abwechslungsreich, die Farbe kräftig. • Wenn 
wir hier an letzter Stelle P. BEHRENS erwähnen, 
so geschieht es, um zu beweisen, dass die Reihen- 
folge keinerlei Masstab färunsereWertschätzung 
geben soll. Seine farbigen Holzschnitte, von 
welchen hier einer abgebildet isf, Dcrraten, wie 
seine übrigen Arbeiten auf dem Gebiete der 
dekoraliuen Kunst, ein stark entwickeltes Stil- 
ge fahl, ein energischesSlreben nach selbsländiger 
Ausdrucksweise. Ingrossen, vereinfachten, kräf- 
tigen Zügen das Wesentliche einer Erscheinung 
zu charakteristischem Ausdruck <zu bringen, 
ist ihm in diesen Holzschnitten vorzüglich ge- 
lungen. Die breite kraftvolle Art dieser iTechnik 
weiss Behrens in wohlverstandener Weise an- 



zuwenden and erzielt damit eine Wirkung, die 
durch andere Mittel nicht zu erreichen ist. Die 
Wiederaufnahme dieses alten schönen Druck- 
verfahrens, wie sie in München durch ECK- 
MANN, Behrens und einige andere erfolgt, 
ist von hoher Bedeutung, insofern dasselbe zu 
einer breiten monumentalen Behandlungsweise 
drängt, und in den Händen solcher Künstler zu 
einer freien Stilisierung führt, die nicht ohne 
Rückwirkung auf das eigentliche Kunstgewerbe 
bleiben wird. Wir möchten diese Mitteilungen 
nicht schliessen, ohne auf die Ausstellungen hin- 
zuweisen, welche hier als Erster der rührige and 
mit feinem Verständnis für modernes Schaffen 
begabte Kunsthändler LiTTAUER für Erzeug- 
nisse der Kleinkunst veranstaltet. Manches 
daraus hoffen wir, in den nächsten Heften 
unsern Lesern in Bild und Wort vorzuführen. 



P. BEHRESS, OrlgtnaUHob4chnlü 



4$ 



HAMBURG — DRESDEN 



HAMBURG — In der gewerblichen 
Abteilung der Gartenbau- Aussteliang, 
von der eingehend in dem Ausstellungs- 
aafsatz berichtet wird, sind die bekannten 
KÄHLER'schen Majoliken aasgestellt. Von Ein- 
heimischen eine Menge schlechter Keramik und 
ganz elende Nachahmungen KOEPPING' scher 
Gläser. Interesse verdienen die nach einfachen 
japanischen Modellen ausgeführten Korbflech- 
tereien von H. Ahrens. # Die Glaserei oon 
Engelbrecht, die ausser in Hamburg (Rat- 
haus u. a. a. 0.) auch in Dresden (bei Arnoldj 
und in München im Glaspalast vertreten ist, 
und im Champ de Mars ein paar Sachen 
ausgestellt hatte, entwickelt sich zusehends. 
Engelbrecht verarbeitet nach dem Tiffany- 
schen Prinzip amerikanische Gläser, die er von 
den Glasfabriken L. Heidt in Brooklyn und 
KOKOMO in Indiana bezieht — er besitzt, wie 
er sagt, den Alleinvertrieb für Europa. Jeden- 
falls wäre es zu wünschen, wenn sich die 
Künstler statt der schlechten, französischen 
Nachahmungen amerikanischen Glases, dieses 
Materials bedienten, das durchaus nicht teurer 
und ganz unvergleichlich schöner ist. Nament- 
lich den Belgiern, die fast ausnahmslos fran- 
zösisches Glas verarbeiten, sei das geraten. — 
Engelbrecht arbeitet fast ausschliesslich 
nach eigenen and des in Paris lebenden 
Künstlers Christiansen's Entwürfen. Es 
fällt uns der gänzliche Mangel an ornamentalen 
Motiven, die Vorliebe für genrehafte Dar- 
stellungen auf; andrerseits ist das Bestreben 
nach breiter ruhiger Flächenbehandlung, der 
Verzicht auf kleinliches Detail zu betonen, 
das diese Arbeiten auszeichnet. 9 Bei HVLBE 
technisch ausgezeichnete, in den Vorwürfen 
indifferente Arbeiten. Er versucht sichtlich, 
moderner zu werden, aber mit den Blümchen 
ist es nicht gethan. Jeder tüchtige Künstler 
wird gern einer so vortrefflichen Ausführung 
zuliebe HULBE so weit wie möglich ent- 
gegenkommen; an HuLBE, sich die Künstler 
zu suchen. —Y^ 

DRESDEN — Die Jungen bei uns be- 
schränken sich noch fast ausschliess- 
lich auf Plakate, unter denen wir 
gute Sachen haben, auf Wandmalereien in 
Restaurants — OTTO FISCHER ist gerade mit 
einem Riesengemälde für einen solchen Zweck 
beschäftigt — und Buchillustrationen. Un- 
verkennbare Mühe giebl sich die Kunsthandlung 
von E. Arnold um die Hebung des Geschmacks 
und des Interesses für die moderne dekora- 
tive Bewegung. Zum erstenmal in Dresden, 
sogar im wesentlichen in Deutschland, hat 
sie im Anfang des Sommers eine gewerb- 



G. WILHELM 

liehe Ausstellung veranstaltet, in der die besten 
Werk, ausländischer und inländischer Künstler 
la sehen waren, von Deutschen KOEPPING, 
ECKUANN u. a., von Ausländern Carabin, 
Massier, der verstorbene Bildhauer Cherbt, 
H. NOCQ, die Kopenhagener PorzELLAN-MaNV- 
FAKTÜR, KAHLER, MUNTHE, FiNCH, ZSOLNAT, 
TiFFANYu.a. Eine Mengevorzüglicherdänischer 
Einbände und gute deutsche, englische, belgische 
und französische Bücher. — Die König!. Por- 
zellan-Manufaktur in Meissen könnte sich ein 
Beispiel daran nehmen, wie Künstler, die das 
liebe Geld viel nötiger brauchen als sie, unge- 
achtet dessen dem Publikum neue Geschmacks- 
richtungen beizubringen suchen, freilich soll 
sie sich nicht nach ZSOLNAY, sondern nach 
den besten richten, wie BiGOT in Paris und 
nach ihrer Kollegin, der Manufaktur in 
Sivres, die sehr energisch die alte Tradition 
zu durchbrechen beginnt. Wie wir hören, 
soll man sich übrigens in Meissen mit 
Neuerungsplänen tragen. Das Kunst- 



LONDON 



gewerbemuseum hat sich — zwar mit innerem 
Widerstreben — zu einigen modernen An- 
käufen entschlössen, viel zu wenig, um sie 
anzuführen. — Y — 

IONDON — ASHBEE's Guild and Schoolof 
Handicraft arbeitet an verschiedenem 
-^ Mobiliar für den Grossherzog von Hessen- 
Darmstadt, das wir nebst anderem Material der 
Guild publizieren werden. Er baut gleich- 
zeitig in seiner Strasse Chegne Walk in 
Chelsea eine Reihe einfacher hubscher Häuser, 
von denen eines der Vollendung nahe ist. Die 
Guild of Birmingham hat bei MORRIS & Co. auf 
der Oxford Street eine kleine Ausstellung ihrer 
ausgezeichneten Metallgegenstände, Lampen, 
Becher, Ofenutensilien, Schmucksachen u. s. w. 
veranstaltet. Zu der gediegenen Kunst des 
grossen MORRIS passen diese äusserst ein- 
fachen, aber absolut guten Gegenstände vor- 
trefflich. — Während die Keimscott Press dem- 
nächst schliessen wird, bleibt das Geschäft 
von Morris weiterbestehen. MORRIS hat eine 
grössere Anzahl von Studien, Entwürfen für 
Tapeten und Stoffe etc. hinterlassen, die Mr. 
Dearle, ein Mündel des Verstorbenen und 
Mitglied der Firma, ausarbeitet; zugleich ent- 
wirft Mr. Dearle auch eigene Kompositionen, 
die sich in den MORRlS'schen Bahnen be- 
wegen . Das glänzende Buch von A . Vallance, 
T^The art of William Morris^, gedruckt in 
der Chiswick Press, erschienen bei G. BELL 
& Sons, ist bereits gänzlich vergriffen und 
nur noch zu wesentlich erhöhtem Preis (nicht 
unter 12 £) bei den Händlern zu haben. Es 
ist in der That eines der glänzendsten Bücher 
der letzten Jahre. Wundervoll sind die Tapeten 
und Stoffe, getreu in der Farbe, von W. Griggs 
of Peckham reproduziert. Wir geben einen 
Wandteppich des Werkes auf S. 1 wieder. Man 
findet in dem Werk auch die herrlichen Glas- 
fenster von Oxford, wohl das beste, was die 
moderne englische Kunst in Glasmalerei geleistet 
hat, gut reproduziert. Hier befindet sich übrigens 
ein kleiner Irrtum in dem vortrefflichen Text 
von Vallance. Das auf S. 47 erwähnte 
Fenster, Adam und Eva, ist nicht von ROSSETTI, 
sondern von Madox Brown. Höchst dankens- 
werter Weise veranstaltet VALLANCE eine zweite 
Auflage des Werkes in bedeutend verkleinertem 
Format, aber mit wesentlich vermehrtem Illu- 
strationsmaterial und Text. Es kommen ver- 
schiedene Kapitel hinzu, namentlich eines über 
den Sozialismus des grossen Reformators. 
Freilich fallen die farbigen Reproduktionen 
ganz fort. Dafür wird das Buch nur 1 £ 
kosten. Es erscheint ebenfalls bei G. BELL 
& Sons. — Weniger bekannt geworden ist ein 



anderes neues Buch von VALLANCE: A book 
of fiftg drawings bg AUBREY Beardsley 
bei Leonard Smith ERS, das ausser den besten 
und bekanntesten Schwarz-Weisszeichnungen 
des Künstlers einen annähernd vollständigen 
Katalog seiner sämtlichen Zeichnungen ent- 
hält. — Beardsley hat den grössten Teil des 
Sommers in St. Germain bei Paris zugebracht 
und soll sich jetzt wohler befinden. Der 
Verlag von Hacon & RiCKETTS, der nunmehr 
nach Ausscheiden von MORRIS die Führung 
des englischen Buchgewerbes zu übernehmen 
scheint, beginnt in England Boden zu fassen. 
Der kleine Shop in der Warwick Street enthält 
bereits eine stattliche Anzahl ausgezeichneter 
Werke, die wir nicht anstehen, zum Teil — 
ihrer modernen und mindestens gleich vor- 
nehmen Note wegen — über MORRIS zu stellen. 
Ausser den noch vorhandenen Exemplaren 
von The Dial, der glänzenden ersten Publi- 
kation von Shannon und Ricketts, findet 
man ein Dutzend reizender Bücher, die meisten 
von Ricketts, zwei von L. Pissarro illustriert 
und mit seltenstem Geschmack ausgestattet. 
Wir haben das Reproduktionsrecht sämtlicher 
Werke für die Dekorative Kunst erworben. 
L. Pissarro war den ganzen Sommer schwer 
leidend — überarbeitet Cobden-Sanderson 
hat bereits circa 60 Exemplare des Chaucer 
gebunden, die zu seinen vollkommensten Ar- 
beiten gehören. Wie alles Gute findet der beste 
englische Binder Nachahmer. So wünschens- 
wert eine Schule Cobden-Sanderson wäre, 
so wenig vermag man den Nachahmern 
zuzustimmen. Es ist schwer begreiflich, wie das 
Studio sich zur Publikation einer so glatten 
Imitation (vergl Julinummer) hergeben mag. 
L. Wilson hat für den Duke of Port- 
land für dessen Besitzung in Welbeck die ge- 
schmackvolle Einrichtung einer Kapelle und 
einer Bibliothek hergestellt und für die Kirche 
S. Bartholomäo in Brighton eine vollständige 
Ausstattung an Gebetstühlen, Bänken, Metall- 
sachen u. s. w. entworfen. WILSON sucht 
mit grossem Geschick den modernen Stil in 
der Kirche einzuführen. Er geht dabei von 
der Gotik aus, die ihm in der Regel vorge- 
schrieben ist, aber es gelingt ihm, dieser all- 
mächtigen Tradition eine sehr persönliche 
moderne Note zu geben, ohne die hier mehr 
als anderswo gebotene Diskretion zu verletzen. 
Unter den ehrlichen Arbeitern, die aufrichtig 
streben, die englische Entwicklung weiter zu 
führen, steht er an erster Stelle. In der 
All Saints Church (Knights Bridge) ver- 
folgt Harrison Townsend mit Heywood 

SUMNER, dem durch seine Fitzrogbilder be- 
kannten Zeichner, und RathBONE, dem 



48 



ßtichaung voa BVRtiE JOSES; aatgefahrl i/on L. BESSQS 
DEKORATIVE KVNST. HEFT 1. 49 



LIVERPOOL — GLASGOW - FLORENZ 



brillanten Kupferschmied, zusammen eine ähn- 
liche Aufgabe. Heywood Suuner hat eine 
grosse Wanddekoration enlumrfen, die zum 
Teil bereits ausgeführt ist in der äusserst 
wirksamen Sgraffito-Technik, verbunden mit 
Mosaik, und eine höchst dekoratiue Wirkung 



erreicht. RatHBONE ]hat ein Weihuiasser- 
becken aas getriebenem — leider braun ge- 
töntem — Kupfer gemacht, das zu seinen 
besten Werken gehört. Der Pfarrer der Kirche 
findet, es sei nicht ^kirchlich* genug, weil es 
in ganz einfachen ernsten Linien gehalten ist. 
Er irrt sich, es kommt nur auf die Frömmig- 
keit an und die steckt in jedem ernst er- 
dachten und gut gemachten Handwerke. 
Benson hat wieder eine Anzahl neuer vor- 
züglicher Metallgegenstände entworfen. Wir 
publizieren Seite i9 einen Marmorsarg, der 
bereits vor einiger Zeil hergestellt ist und für 
den Benson nach Zeichnungen von HURNE 
Jones die Bronzeeinlagen, die die Aussen- 



wände höchst wirkungs- und geschmackvoll 
verzieren, gemacht hat. Das Monument ist dem 
als Kunstfreund bekannten Rheder Leyland 
aus Liverpool gewidmet und steht auf dem 
Kirchhof von Brompton in London. Es ist von 
einem Eisengitter umgeben, das wir weglassen, 
um nicht die Hauptsache zu schmälern. 
Alexander Fischer hat eine Anzahl neuer 
Schmuckgegenstände hergestelU, die wir 
nächstens zeigen werden. Er steckt immernoch 
— wie die meisten, namentlich französischen 
Schmackkünstler — ■ ein wenig im Figürlichen, 
aber man merkt das intense Sireben, rein 
ornamentale Formen zu erlangen. — y — 

LIVERPOOL — RATHBONE ist als 
Instruktorin ^Metalworkt an die Archi- 
tektur-Abteilung des Universitg College 
in Liverpool berufen, an dieselbe Schule, wo 
bekanntlich Anning Bell seit Jahren thälig 
ist. Rathbone's Übersiedelung von Menai 
Bridge nach Liverpool findet bereits in diesen 
Tagen (Ende September) statt. Damit ist der 
tüclitigen Schule in Liverpool eine vorzügliche 
neue Kraft geworden. — Tf — 

GLASGOW — Mackintosh, die beiden 
Miss Macdonald, G. Walton a. a. 
haben binnen kurzem Glasgow, das 
in Deutschland nur durch die Münchner 
Erfolge der träumerischen schottischen Maler 
bekannt war, ein neues Gesicht gegeben. Von 
ihnen geht eine frische Strömung aus, die 
gar nichts mit dem Praeraphaelitismas gemein 
hat and den erschlafften Adern der Londoner 
neues Blut geben könnte. Wo sie ihre Anregung 
her haben, lässi sich mit Sicherheit nicht fest- 
stellen, sicher wie überall aas den Kolonien; 
man fmdet in ihren originellen Ornamenten 
deutliche Erinnerungen an indische Motive. 
Jedenfalls schöpfen sie aus anderer Quelle als 
die BVBNE Jones und Genossen. —f— 

FLORENZ — Boecklin's Heim in 
Fiesole ist nun fertig geworden. Sein 
Sohn Carl hat die Loggia ausgemalt, 
der Alte selber die Arbeit geleitet. Es ist 
kein moderner Geschmack, der sich hier und 
in den anderen Räumen äussert, aber er passt 
zu dem Riesen. Die schweren dunklen Tapeten 
in dem »Salonf^ in dem Braunrot, das 
manche BOECKLiN's haben, der Kamin, 
orimiliv aber riesig, die Höhe des Zimmers, 
alles das ist ein Stück von ihm. — B.M. GeyGER 
hat ein paar sehr schöne Metallgegenstände 
gefertigt, einen Spiegel in Silber und eine 
Urne in Bronze. Auch an ihm ist nichts 
Modernes, aber was bei BOECKLIN wie die 



AMSTERDAM 



Grösse des WUden erscheinl, 
ist bei ihm der äusserst feine 
eklektische Sinn, mit dem 
beule so viele unserer ersten 
Künstler dem Allen nach- 
träumen. Der Spiegel ist 
in der Komposition völlig 
klassisch, aber innerhalb 
dieser scheinbar abstrakten 
Sphäre äussert sich eine 
ganz feine, fabelhaft sichere 
und persönliche Künstler- 
band, der eine geradezu 
einzige Zeichnung zu Gebot 
steht. Die Urne ist mir 
fast noch lieber mit ihrer 
japanischen Einfachheit, die 
nur da, wo es unumgäng- 
lich nötig erscheint — an den 
Füssen — einen bescheidenen 
Schmuck gestattet und sich 
im übrigen lediglich auf die 
Schönheit der Verhältnisse 
beschränkt. — f — 



B. lt. GEYGER 



AMSTERDAM — Was Cvypers, der 
I\ Vater der modernen holländischen 
■^ ■*- Architektur, für Amsterdam bedeutet, 
ist mit den Bauten, die von ihm selbst stammen, 
nicht abgelhan. Wohl sind Werke wie das 
neue Reichsmuseam, das trotz manchem Mangel 
an Konsequenz, der wohl auf Rechnung der 
Mitarbeiter zu setzen ist, uorbildlich wirken 
kann, glänzende Schmuckstucke der sonst 
architektonisch so langweiligen Stadt, wichtiger 
ist aber die Saat, die, von ihm ausgehend, 
in den Jungen zu reifen beginnt. Einem der 
tüchtigsten unter ihnen, Berlage, von dem 
bereits ein paar einfache, rationelle Häuser 
in Amsterdam and im Haag stammen, bei 
denen ata Bildhauer Zyl, von dem wir 
demnächst verschiedene Werke abbilden, 
thätig war, ist nunmehr mit dem Bau der 
neuen Börse betraut worden und gegen- 
wärtig mit den Plänen beschäftigt. Das 
neue Gebäude, für das hinter dem alten — 
zwischen diesem und dem CUYPERS'schen 
Bahnhof — ein riesiger Platz geschaffen ist, 
dürfte die erste moderne Börse in Europa 
werden. Man kennt die in allen Ländern 
belieble Form, die auch die alle Amsterdamer 
Börse zeigt, mit den griechischen Säulen, denen 
um die Mittagszeit das Höllengezeter der Makler 
entweicht, gar merkwürdig mit der heiligen 
Stille kontrastierend, die der griechischen 
Tempelarchitektur eigen ist. BerlaGE wird 
eine sachliche Börse machen, die nicht über 



den Zweck täuscht, für den sie geschaffen ist, 
und wir zweifeln nicht, dass es ihm trotzdem 
gelingt, den Bau zu einem monamentalen 
Schmuckstück zu gestalten. DlJSSELHOF's 
Zimmer für den Doktor YAN HOREN, an dem 
der Künstler seit Jahren arbeitet, ist nun an- 
nähernd fertig. Es ist nicht leicht, Einlass 
zu finden, DiJSSELHOF umgiebt sich mit einem 
mgsleriösen Nimbus, den kein Ungeweihter 
durchbrechen darf. Wider Erwarten and 
glücklicherweise ist man, wenn sich einem 
nach unendlichen Schreibereien schliesslich 
das geheimnisvolle Zimmer öffnet, nicht ent- 
täuscht, ja man verzeiht allen Ärger über den 
überflüssigen Zeitverlust. Das Zimmer ist 
unseren Erachtens das beste Werk der 
modernen holländischen Bewegung, die so 
reich an dekorativen Reizen ist, und es 
dürfte in der Moderne der ganzen Welt allein 
stehen. Nächstens hoffentlich mehr darüber. 
LlON Cachet arbeitel ebenfalls an dei 
Gesaml-Dekoration eines Zimmers, das dem 
Werke seines Freundes DiJSSELHOF eben- 
bürtig werden dürfte. Er gedenkt die Wände 
mit Stoffen, die in der Bastiken-Technik ge- 
schmückt sind, zu bedecken und die Möbel in 
kostbaren Hölzern mit Einlagen auszuführen.^ 
Die beiden KünstlerLA UWERICKS and DE BaZEL 
haben sich zu ähnlichem Zwecke vereinigt. 
De Bazel für die Dekoration, Lau WERICKS für 
Architektur, und haben bereits eine Anzahl vor- 
züglicher Innendekorationen ausgeführt. Von 



brOssel 



De BäzeL stammen Holzschnitle für Bach- 
einbände, ornamentierte Leisten n. s. w., die 
einen ganz seltenen Geschmack verraten. 9 Der 
intelligenle Goldschmied W. Hoeker. der der 
modernen Bewegung bereits durch Ausführung 
von Entwürfen des erwähnten Bildhauers 
L. Zyl für Schmucksachen nahe gekommen 
ist, hat soeben eine kleine keramische Fabrik 
gebaut, in der Zyl die künstlerische Seite 
vertritt. Man darf auf die ersten Resultate 
dieses vielversprechenden Unternehmens ge- 
spannt sein. TH. MOLKENBOBR, von dem 
verschiedene gute Bucheinbände stammen, 
hat von NIEVWENHUIS eine Tapete zeichnen 
lassen. 

Auf alle hier erwähnten Künstler und Werke 
kommen wir demnächst mit Abbildungen 
zurück, desgleichen auf die Künstler im Haag, 
TOOROP, ThORN, Prikker und vor allem 
COLENRRAVDER, auf ROLAND HOLST, DER 
KlSDEREN und auf Harlem. — Y — 



JiVALDRE, GliafrniHtr 



FAUL DU BOIS, Zinndelamtion 

BRÜSSEL. — Die Abteilung 'für an- 
gewandte Kunst* (unter welchem Namen 
in der Brüsseler Ausstellung die Werke 
des Kunstgewerbes und der Ornamentation 
vereinigt worden sind) gestattet dem fremden 
Besucher nur einen oberflächlichen Überblick 
über die Kräfle, die sich in Belgien auf 
diesem so vielseitigen Gebiete bethätigen. 
Diejenigen, die ich vor allem hervorheben 
möchte, sind nicht vertreten, and statt ihrer 
sind viele da, deren Nennung mir wenig 
Vergnügen macht. 

Man merkt dieser Abteilung »für ange- 
wandte Kunslt an, welche Streitigkeiten ihrer 
Bildung vorausgegangen sind, und in der Thal 
ist die Geschichte ihrer Entstehung erbaulich 
genug. Die Gruppe »Schöne Künste* hat alles 
gethan, um das Kunstgewerbe los zu werden, 
und mit Erfolg; man wollte es der Gruppe 
der 'dekorativen Künste« zuteilen, aber 
das Kunstgewerbe protestierte, und es gelang 
ihm, eine neue selbständige Abteilung unter 
demNamen * für angewandte Kunst' zubilden; 
diese Thalsache der formellen Anerkennung 
neben den 'schönen Künstew^ ist sicherlich 
beachtenswert. 



BRÜSSEL 



Die plötzliche Unabbängigkat erforderte < 
aber seitens der Organisation sehr viel Nach- , 
sieht und damit eine zu weitgehende Be- ' 
räcksichtigung aller Leute, die sich in Belgien 
mit Kunstgewerbe befassen. In dieser improm- 
aierien Versammlung findet sich das Gute neben 
dem Schlechtesten, und daher nehme ich, indem 
ich Einiges davon erwähne, hierfür nur den 
Grad von Verantwortung auf mich, der in einer 
Gesellschaft angebracht ist, wo die Vorstellung ; 
zu nichts verpflichtet. Meine Briefe werden ; 
also mehr blosse Berichte und Auskünfte ent- | 
halten, als Lob und Tadel verteilen. Man wird \ 
es aber leicht durchfühlen können, wo einem ! 
Werke meine volle Bewunderung üukommt. , 

Diese 'Abteilang der angewandten Künste*, '■. 
XU deren Organisation die Herren Van DER ' 
Stappen, Maus, Crbspin, Du Bois und Van 
DE Velde durch die Wahl berufen wurden, ■ 
schliesst eine ermutigende Vielfältigkeit in sich. 
Sie enthält Plakate, Bucheinbände, Teppiche, , 
Tapeten, Stickereien, Spitzen, Zinnarbeiten, I 
Schmucksachen , Töpferwaren, Glasfenster, 
dekorative Malereien und Buchillustrationen. ] 
Kein einiiges Möbel! 

Die dekorative Malerei ist durch zwei grosse \ 
Dtirstellungen vertreten; eine von M. MONTALD, ■ 
die andere von M. Fabry; unter den Buchillu- \ 
strationen finden wir solche von KhnOPFF, Van 
DoüDELET — sehr mittelalterlich —, und sehr 
gelungene moderne Ornamente zu dem Bache 
Kahn's, *Limbes de lumiiret von Lemmen, 
der ausserdem mit einigen Teppichen vertreten 
ist, auf welche wir gelegentlich ausführlicher 
zurückkommen werden. WlJTSMAN hat eine 
Anzahl Entwürfe für Teppiche ausgestellt. 

Unter den Plakatzeichnern ist MELLERt 
^ner unserer besten Künstler; er ragt hier 
durch die gleichen Eigenschaften hervor, 
welche ihn vor anderen belgischen Künstlern 
auszeichnen, durch Würde und Mässigang. 
Aber, am wahr zu sein: die Mässigang ist 
bei Plakaten nicht immer am Platze und das 
ist der Grand, warum ich ihm THEO VAN 
RysseLBERGBE vorziehe, dessen Affichen hier 
leider nicht zu finden sind. 

A. W. FlNCU hat sehr tüchtige Töpfereien 
ausgestellt, es ist viel Kanst darin, ehrliche 
Kunst, ehrliche • und persönliche Art. Gute 
Bucheinbände finden wir in leider sehr häss- 
lichen Schaukästen untergebracht. Gerade 
auf dem Gebiete des Bucheinbandes könnten 
wir in Belgien sehr Tüchtiges leisten, denn 
es fehlt niäd an guten Kräften, unter denen 
kh P. ClAESSENS besonders erwähnen möchte, 
denn seine Arbeiten zeugen von einer seltenen 
Hingabe an den Gegenstand und einer 



wohl&ho'Ugten Bwanagung da Modernen. 
M. RiJKERS ist mit semen »Hisioires extra- 
ordinaires de E. A. Poi* vertreten, in der 
nicht einwändfreien Manier der Schule von 
Nancy. Samblanc und WECKESSER haben 
sich Marius Michel and einige noch 
schlimmere paettdo-amerikanische Verirrangen 
zum Vorbild genommen. 

Von Paul du Bois finden wir eine um- 
fangreiche Ausstellung von Gebrauchsgegen- 
ständen aus Zinn, das er bä uns wieder zu 
Ehren gebracht hat. Ich bin überzeugt, dass 
eine grössere Einfachheit die schon vor- 
handene Elegam noch erhöhen würde. Neben 
ihm figuriert G. Morren mit seinen Zinn- 
and Sdimucksachen; seine grosse Geschick- 
lichkeil und findige Schmiegsamkeit bewähren 
sich besser bei dem Geschmeide als bei 
den Gebrauciisgegenstdnden. Wir erwähnen 
noch die dekorativen Entwürfe von Crespik, 
die Tapelen von A. Huet, die ein aufrichtiges 
und gesundes Streben zeigen, die Glasmalereien 
von Etaldre and Thts. 

Die Aufzählung aller dieser Namen mag 
trocken klingen, aber ein erster solcher Brief 
gleicht dem Aufstellen der Schachflgaren, wir 
werden bald sehen, welche vorrücken und 
welche Schach bi^n werden. Diesen letzteren 
werde ich in meinen Mitteilungen besondere 
Aufmerksamkeit widmen. Man beachte im 
übrigen, dass diese Aufzählung unvoll- 
ständig ist; es fehlen Namtii wie HORTA, 
Hankar, Serrubibb u. a. Aber es wird 
nicht an Gelegenheit fehlen, von {ihnen im ■ 
Einzeltun zu sprechen.. ■ ; vM sb velde. 



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53 






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54 



um ria TlnUnfni* 



BESCHLAGE UND GRIFFE 



Unserer Sprache fehlt ein Sammelivorl für 
die Arbeilen, denen dieser Aufsalz gewidmel 
ist. Er soll von Beschlägen und den eng 
damit zusammenhängenden Griffen für Fenster, 
Thüren a. dergl. handeln, Dingen, die an- 
scheinend sehr geringe Bedeutung besitzen, 
aber in der neuen Bewegung eine auffallende 
Beachtung gefanden haben. In England giebl 
es eine ganze Legion von Künstlern, die sich 
mit modernen Beschlägen beschäftigen, fast 
überall, wo sich der neue Heimsinn regt, ist 
der Beschlag eines der ersten 
Lieblingsthemen geworden, er 
rangiert gleich hinter dem 
Bachschmuck and bildet für 
pieleKü nstler das einzig eBand, 
darch das sie mit dem mo- 
dernen Gewerbe zusammen- 
hängen. Dieser Umstand hat 
manchen Irrtum im Gefolge. 
Das sogenannte Moderne an 
manchem englischen Möbel 
liegt nur im Beschlag. Mit 
Aufnagelung von ein paar 
Metallplättchen glaubt man 
ein neues Gewerbezu schaffen, 
and diese Metallplättchen er- 
weisen sich beim näheren Hin- 
schauen als die Übertragung 
eines niedlichen Holzschnittes, 
der die Seite eines der vielen 
englischen Bücher umrahmt. 
Man verzeihe, wenn wir gleich 
mit etwas Negativem an- 
fangen, aber diese Bemerkung 
gehört an erste Stelle, weil 
man auch unsere heutigen Ab- ^ obhist 

bildungen als willkommene 

DEKORATIVE KUNST. HEFT 2. 5 



Unterstützung dieses Unfuges betrachten und 
sie, so wie sie sind, auf beliebige Thüren oder 
Kästen aufheften könnte, in der Einbildung, 
damit neues Mobiliar zu machen. Hier liegt 
eines der vielen Verbrechen ge^en die Gediegen- 
heit, mit der sich's die Bewegung gar zu leicht 
im Anfang macht, um sich für später den 
Weg am so schwieriger zu gestalten. Man darf 
nicht gegen Imitation von Rokokoschnörkeln 
wettern, wenn man es auf andere Art ebenso 
billig und schlecht macht. 



BeuAlag ttatr Trahe 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 




P. BEHRENS 



Beschläge sind Nebensachen, and die auf- 
gezwungene höhere Bedeutung macht sie zu 
Fehlern. Ein Möbel bat vor allen Dingen 
. durch seine Verhältnisse, durch die Kompo- 
sition seiner wesentlichen Linien seine Eigen- 
art zu beweisen. Das ist, wie bekannt, nicht 
ganz leicht, wenn man dem Grandprinzip, 
das vor allem gross ten Gebrauchswert ver- 
langt, treu bleiben will. Die ernsthaften 
Künstler, die mit dem Bestreben, Neues zu 
schaffen, die Einsicht verbanden, dass es im 
Gewerbe wichtigere Dinge giebt a!s die Origi- 
nalität um jeden Preis, sahen sich auf ein 
scheinbar kleines Feld angewiesen, auf dem 
eifie originelle Schmuckwirkang nicht zugleich 
die gewerbliche Seite des Gegenstandes be- 
einträchtigte. Es blieben neben der Eigenart, 
die in guten Verhältnissen stecken kann, nur 
Einzelheiten übrig und vor allem die Fläche, 
Für beides fanden sie in dem Metall, vor 
allem im Kupfer, ein unschätzbares Material. 
So betrachtet, gewinnt unser Thema positive 
Bedeutung. 

Aber man kann nie genug auf den Grenzen 
dieser Bedeutung bestehen. Zweifellos ist beim 



modernen Interieur die Fläche der einzig mög- 
liche Träger eines Schmuckes. Man hat an der 
Renaissance die verhäng nisvoUe Vermengung 
von Skulptur mit Architektur erkannt; dem 
neuen Geschmack widerstrebt die Bedeckung 
der Fläche mit geschnitzten Fruchtstücken oder 
aufgesetzten Tier- oder Menschenköpfen ebenso 
sehr wie die Verwendung gebückter Leiber zu 
tragenden Pfeilern u. dergl. Er wünscht die 
Konstruktion nicht durch Kunst verdeckt zu 
sehen und will die Fläche nicht zu bildhaueri- 
schen Wirkungen missHraucht wissen. So 
bleibt das Flachornament übrig. Soll dies 
aber wirklich seinen Zweck erfüllen, so mass 
es ganz in der Fläche bleiben; diese Be- 
dingung erfällt nur die Intarsie. 
- Erst langsam beginnt man heule der Einlage- 
technik wieder Aufmerksamkeit zu schenken. 
Sie ist der geborene Schmuck für das moderne 
Mobiliar, weil sie das Ornament gestattet, ohne 
im mindesten die Form des Möbels zu be- 
einflussen und gerade das verlangt, was unser 
Heim immer mehr von dem anderer Epochen 
unterscheiden wird, die Fläche. Die Führen- 
den sind sich darüber längst klar; Amerika 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



Schlou einer Truh« 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



erreicht mit Mosaiken und Intarsien seine 
glänzendsten modernen Wirkungen. Das beste, 
ivas man dort dem Orient verdankt, ist diese 
Technik; wir werden später bei unserer Arbeit 
über TiFFANY genügend Gelegenheit haben, 
auf sie zurückzukommen. 

Erst wenn ihre Bedeutung allgemein an- 
erkannt sein wird, werden die Beschläge jene 
übertriebene, irrtümliche Bedeutung einbüssen, 
die man ihnen heute zumisst. Denn viele 
unserer heutigen Beschläge wären besser durch 
Intarsien ersetzt; alle die nämlich, die ledig- 
lich dem Scbmackzweck dienen, die nicht 
organisch mit einem notwendigen Metalldetail 
zusammenhängen. 

Das Gesetz ist nicht neu. Wir sind wie ge- 
wöhnlich genötigt, in die primitiven Zeiten 
zurückzugehen, um die reinste Form zu ent- 
decken. Wie immer war sie ursprünglich kein 
Schmuckelement, sondern Ausdruck des Not- 
wendigen. Sie ergab sich von selbst, als man 
die Rolle des Eisens als Bindeelement zwischen 
einzelnen Bau- oder Möbelteilen erkannt hatte; 
die Notwendigkeit, diese Eisenverbindungen 
zu schmieden and der grossen Beanspruchung 
gemäss zu befestigen, führte von der Thürangel 
zum Thärbeschlag, dieselbe Notwendigkeit er- 
gab alle übrigen Beschläge. Das Romanische 
enthielt das Gesetz am reinsten, die Gotik baute 
es am glänzendsten aus. Dieselbe Gotik ist 
es, die heute die Rückkehr zu den Beschlägen 
bewirkt hat. 



Die materielle Notwendigkeit des Beschlages 
besieht heute kaum noch — wenn mannichtetufa 
Einzelzwecke, wie die Fingerschatzplatten an 
den Thüren, in denen England, BenSON z. B., 
reizende Sachen macht, dazu rechnet. Zum 
mindesten darf man nicht gegen die moralische 
Berechtigung sündigen und aus dem Beschlag 
ein auch dem Sinne nach überflüssiges An- 
hängsel machen. Ein annehmbares Beispiel 
bieten die beschlagenen Möbel der beiden 
Amsterdamer Künstler LauwerikS und DE 
Bazel, die wir demnächst in einem Aufsatz 
über Innendekoration bringen werden, oder 
die Thüren des Brüsseler Hankar für das 
von ihm gebaute geschmackvolle Geschäfts- 
lokal, das wir ebenfalls abbilden. Bei allen 
diesen ist der Beschlag nicht unbedingt 
notwendig; das Möbel hält auch ohne diese 
äusserliche Verbindung zusammen und die 
Thüren Hankar's werden dadurch kaum 
widerstandsfähiger. Aber es liegen diesen 
Beschlägen überzeugende konstruktive Ge- 
danken zu Grunde, sie ergänzen das Not- 
wendige, betonen die massgebenden Linien 
and schmücken, ohne sich aufzudrängen. 

Um dieser, moralisch genannten, Berechti- 
gung zu genügen, ist daneben die Erfüllung 
einer weiteren, ebenso häufig aii.Mer acht ge- 
lassenen Bedingung nötig : sie betrifft die 
Stärkedimension. Alle reinen Scbmuckbe- 
schläge sind zu dünn ; natürlicherweise, denn 
sie haben keinen Zweck zu erfüllen and würden 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



G. LEMMEN 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



i'ji stärkerer Dicke narnoch mehr stören. Der 
Beschlag mnss aber eine gewisse Stärke Itaben, 
wenn er überhaupt Zweck haben soll. Es ist 
Unnatur, MetaUßächen so dünn zu fertigen, 
dass sie zur Biegsamkeit eines Pappkartons 
herabsinken — wenn man sie nicht, wie gesagt, 
zu Intarsien verwendet und dem Material da- 
durch einen ganz anderen, rein koloristischen 
Charakter giebt. Darin, in der richtigen Wahl 
der Dimension, liegt die ganze unscheinbare 
and so schwierige Kunst des Gewerbes. Das 
springt noch mehr bei den rein praktischen 
Metalldetails, den Griffen, Klinken, Schlüssel- 
löchern a. s. w. in die Augen. Hier liegt alles 
in den kleinsten Nuancen. Es ist nicht schwer, 
einen originellen Thürgriff za machen. Man 
kann in jeder Pariser Ausstellung kunstgewerb- 
liche tObjefs-Griffa sehen von wahrhaft mon- 
ströser Originalität; Bildhauereien, die 
die Seele in Schwang versetzen and 
Gedichte eingeben können, aber weit 
erhaben sind über jeden Gebrauchs- 
wert. Solchem genialen Blödsinngegen- 
über erscheint die Arbeit gering, die 
nichts als einen Griff machen will, 
einen Griff ohne Poesie, aber mit Ge- 
schmack. 

Die natürliche Logik ist hier dem 
Künstler zauorgekommen.— Langebe- 
Dor man an modernes Gewerbe dachte, 
wurden höchst moderne Griffe ge- 
madit, — von Leuten, die an nichts 
weniger als Kunst dabei dachten ■ — 
die noch heule mit zu den besten ge- 
hören. Die Tramwags fast aller Städte 
haben Thürgriffe, die wir nicht an- 
stehen, für kleine gewerbliche Wunder 
za erklären im Vergleich zu dem ver- 
renkten Zeug, das die Nachahmung 
des Allen oder die unsachliche Thor- 
heit junger Bildhauer an die Thären 
heftet. Sie sind hervorragend prak- 
tisch; das müssen sie sein; so eine 
Thür, die in einer Minale womöglich 
zehnmal geöffnet wird, muss in dem 
Moment, da sie die Hand berührt, 
gleichsam mit ihr zusammenwachsen, 
am der geringsten Kraft die grösste 
Aasnutzung zu geben. Und sie sind 
hervorragend geschmackvoll — die 
guten wenigstens — ■ das ist das Be- 
merkenswerte; der scharf umrissene 
Gedanke, der ihrer Konstruktion za 
Grunde liegt, scheint ihnen diese wohl- 
thuende, gediegene, abgeschlossene 
Form zu geben, die sich einschmeichelt. 
Wer Augen hat, wird in unserem 
öffentlichen Verkehrswesen noch viele p. hankar 



solcher Überraschungen erleben. In manchen 
neuen Waggons, in den Griffen , Haken, 
Knöpfen u. s. w. der neuesten Schlafwagen- 
einrichiungen, die auf ein Minimum von Raum 
alles konzentrieren, was zu des Menschen 
dringendsten Bedürfnissen gehört, steckt eine 
ungewollte Eleganz, die nach unserer Meinung 
gar manchem Prunkraum den Rang abläuft. 
Und es ist die Eleganz, die zu ans gehört, 
uns, den Menschen dieses Jahrhundertsendes, 
die gewohnt sind zu fahren, zu reisen, za 
felephonieren und die ihr Leben damit ver- 
bringen, — Zeit zu sparen. Die Künstler, 
die aushelfen wollen, können aas dieser un- 
freiwilligen Mitgift unserer Lebensformen un- 
endlich viel mehr lernen, als aus allen oder 
neuen Skulpturen. Dus moderne Gewerbe 
liegt nicht in der Tiefe des Gemütes, sondern 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 

cm der Oberfläche, im Bereicb 
der Hand; was die Kunst unserer 
Künstler dazugeben kann, muas 
wenig sein, damit es mehr werden 
kann. 

lJnlerdiesem,wennmanwill,be- 
scheidenen Sehwinkel, müssen die 
Abbildungen betrachtet werden, 
die diesen Teil der Arbeit illu- 
strieren. Sie zeigen, dass die hier 
herrschenden Gesetze nicht so 
streng sind, um die Eigenart zu 
unterbinden, die der Atem jedes 
Werkes ist. Nie darf man ver- 
gessen, dass es sich um Details 
handelt, die ihrer Bedeutung ent- 
sprechend nur in untergeordneter 
Weise dieselbe dekorative Wirkung 
äussern können und dürfen, die 
Don rechtswegen in dem Ensemble 
liegt, für das sie bestimmt sind. 
Immerhin wird, wer sehen 
kann, selbst in so unscheinbaren 
Dingen wie den RathbQN ff sehen 
Schmiedearbeiten mit ähnlicher 
Sicherheit die Originalität heraus- 
fühlen, mit der er das Bild eines 
tüchtigen Malers von dem eines 
anderen unterscheidet. Man kann 
in der Einfachheit nicht weiter 
als RäTHBONE gehen, und doch 
steckt in ihr pollbewussie künstleri- 
sche Persönlichkeit, die ihre Eigen- 
art scheinbar spielend äussert. 
Zwischen diesen englischen Ar- 
imten und denen der Belgier liegt 
der Unterschied zweier Baasen. 

Lehmen erscheint als der ge- ^ ^^^^ ^^^^ 

sundere, exaktere; semen Arbeilen 

fehlt ganz die zuweilen fast tändelnde holz; da, wo die einzelnen massig breiten 
Leichtigkeit des Engländers ; sie sind da- Tafeln zusammengeheftel sind, wachsen starke, 
für gediegener, seine Vornehmheit geht tiefer, schön geformte Messingstangen in die Höhe 
Der Engländer setzt seine Sachen aus fein und biegen sich in Kopfhöhe zu Trägern des 
geschmiedeten Plättchen zusammen, Lehmen Bords natürlich aus. Horizontal läuft in 
liebt den breiten, wuchtigen Guss und seine massiger Entfernung unterhalb des Bords 
grÖsste Kunst liegt darin, trotz dieser massiven im Getäfel eine aus abgeschlossenen gleichen 
Art stets jede Plumpheit zu vermeiden. Wir EinzelmotivengebildefeKupfer-Intarsie. Nutzen 
werden im nächsten Heft ausführlich auf ihn und Schmuck können nicht besser vereint 
zurückkommen. werden, die Farbenwirkung — das Messing- 

Van de Veldb hat wie in allen Gebieten gelb zu dem Kupfer auf dem warmen Cedern- 
so auch hier im Kleinen wahre Muster ge- ton — und der Eindruck der Linien, die 
schaffen. Die kupfernen Metallmäntel für vertikalen Streben, zwischen denen das hori- 
seine Kamine gehören zu seinen glänzendsten zontale Motiv verläuft — das ist meisterhafte 
Fanden. Der Besucher der Dresdener Aas- Kunst, die sich getrost neben der glänzendsten 
Stellung findet in der Vertäfelung des dort Dekoration der Alten sehen lassen kann, 
ausgestellten Esszimmers ein geradezu einziges Die abgebildeten französischen Metallarbeiten 

Beispiel für äusserst dekorative Metalluer- des Hauses Fontaine und von l'ArtNouVEA V 
Wendung. Die Vertäfelung besteht aus Cedern- in Paris verdienen um so mehr Anerkennung, 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



als gerade der Pariser Geschmack sich immer 
noch mit Händen und Füssen gegen das 
Flächenornament sträubt, und solche Bestre- 
bungen sich daher nur mit äusserster Mähe 
durchzusetzen vermögend Für Fontaine 
arbeilen Lamiral, CAMtLLE Gardelle u. o. 
Lamiral trifft in der Hegel das Wesen des 
Beschlages; nicht immer vermag er sieb von 
den Verlockungen der Belgier fern zu halfen, 
deren kühne Linien dem anfliegenden Flächen- 
ornament leicht die Solidität rauben. In 
GardeLl^s Thürgriff, der zu den besten ger- 
hört, triumphiert die überlegende Gediegenheit 
des Architekten. Die Liebe, mit der hier das 
Detail studiert ist, könnte man manchem 
Engländer, der gar zu gern aus dem Beschlag 
spielerischen Dilettantismus macht, empfehlen. 
Deutschland bat bis jetzt nur wenig in dem 
Gebiete gethan. Wo der Beschlag auftritt, dient 
er dem Archaismus, d. h. dem denkbar uber- 
fiässigsten Sport. An solide und elegante Klinken 
und Griffe denkt niemand. Seitdem England bei 
uns Mode geworden ist, fängt man allenfalls an, 
zu kopieren. Damit wird auch nicht geholfen. 
Umso dankbarere Beachtung verdient das 
Wenige, das wir haben. Wir bilden einige Be- 



SdtaaftntUr 

schlage ab, die PETER BEHRENS in Manchen 
für ans gezeichnet hat. Die drei für Aas- 
führung in Messing bestimmten Entwürfe, 
die hoffentlich auch ausgeführt werden, zeigen, 
wie weit das Figarale bei solchen Dingen An- 
wendung finden kann, ohne den Gebrauchs- 
wert im mindesten zu stören and können den 
Franzosen zum Muster dienen , die diesen 
Seh winket, wie schon betont, meist ausser 
■acht lassen. Behrens gehört zu der kleinen 
Anzahl der für die moderne Bewegung wich- 
tigsten deutschen Künstler, weil er mit ge- 
werbhaften Anschauungen an die gestellten 
Aufgaben herantriff. Dieselbe Liebe, die er 
der unendlich schwierigen Technik seiner 
Holzschnitte, von denen wir in dem letzten 
Heft das Adlerblatt abbildeten, widmet, über- 
trägt er auf das reine Gewerbe. Die vor- 
liegenden Entwürfe stellen seine ersten Be- 
schläge dar. Nachdenken und Geschmack 
haben ihn gleich etwas finden lassen, das nach 
unserer Meinung den Vergleich mit den aus- 
ländischen Arbeilen wohl auszuhalten vermag, 
auch wenn man der Meinung ist, dass das 
Figurale selbst in so reduzierter Form von 
unserem Gewerbe lieber ganz ausgeschlossen 



6i 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



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it^ 





I LAMIRAL, Baüiiagt Aaigrfahrl oon MAISON FONTAINE, PAHIS 

I 



DEKOIUTIVS KUNST. HBFT I. 



BESCHLAGE UND GRIFFE 

'ST's Beschlägen weisen sie sich sämllich als so individuell, dass 
n Truhe finden es ein Leichtes erscheint, auf den Urheber zu 
Vorzüge wieder, schliessen, wie man es vor Bildern thul. In 
-.ereien so grosse dieser persönlichen Farbe liegt zum Teil ihre 
•rworben haben grosse Bedeutung, ihre Gesundheit and der Be- 
ll vorigen Hefte weis für ihren dauernden Wert. Das gilt auch 
m. Es liegt Stil von Endell's Beschlägen zu einem Stehpull, die 
iten, eine ganz wir hier reproduzieren. Höchst originell und ge- 
irucksform. Das schmackvoll ist die Art und Weise, wie er das 
(S. 59) ist ein im Pult versenkte Tintenfass, das sonst als aus- 
teiner vornehmen geschnittenes Loch wirkt, durch die eiserne 
und in der Vor- Umrahmang mit der Platte verbunden hat. 
technischen Aus- Reizend ist das Motio. Das zeichnerische, 
führung, die wenn man so sagen darf, lineare Element 
aus der für wiegt allerdings vor, der Körper des Metalls 
ihre tüchtigen musste sich ihm kunstvoll schmiegen, und die 
Arbeiten wohl- Technik hat sich vielleicht mehr der Zeichnung 
bekannten angepasst als umgekehrt. Anders bei den 
Werkstätte der reizvollen Schlüsseln und Schildchen. Das 
Kunstscblos- Pult, das wir demnächst in ganzer Ansicht 
HOLD Kirsch in wiedergeben werden, beweist Endell's hervor- 
\mt. — Der als ragende Begabung für die dekorative Linie. 
; RiEMERSCHMiD Wir hielten es für interessant, ihm selbst das 
■achtenswerte Er- Wort über dieses Thema za erteilen. -y<a- 



rfu. VAKT mif welchem er 
muvBAü. PARIS in der Münch- 
ner Ausstellung 
für Kleinkunst vertreten war, 
beweist das, and seine frische 
Erfindungsgabe. Dereinfache 
geschmackvolle Thürbeschlag 
dieses Buffetts, den unsere Ab- 
bildung zeigt, spricht für sich 
selbst. Die hübschen Be- 
schläge TON BERLEPSCH's, 
Seile 71, stammen von dessen 
Möbeln zu einem Bibliothek- 
zimmer, die auch in dieser 
Ausstellung za sehen waren. 
Sie zeugen von dem Ernst, 
mit welchem sich der Künstler 
injedesDetail vertieft hat und 
mit welchem er in allem eine 
seinem persönlichen Empfin- 
den gemässe Form zu er- 
reichen sucht. Vergleicht man 
diese deutschen und Münchner 
Arbeiten untereinander, soer- 



lUEMERS eil Ml ED 



BESCHLÄGE UND GRIFFE 



^ SÜLAMIRAL, GARDELLE u. A. AusgefOhrt Don UAISON FONTAINE, PARIS 



C R. ASUBEE 

WOHIN TREIBEN WIR? 

VOM 

S. Bing 

II 
Wir haben im vorigen Heft die Anfänge der 
modernen dekoratioen Bewegung in England 
verfolgt. Ein Ereignis begann auf sie mit- 
bestimmend zu wirken. Japan eröffnete plötz- 
lich neue Horizonte and zeigte, dass sich das 
Gebiet des Schönen weit Über die Grenzen er- 



C A ASHBEB 



ThOrbetchlag Int Palais da Grouherxogt von Htnai-DarmUadt 



streckt, die ihm unsere Überlieferangen gezogen 
haben. Alles was dem Neuen zugänglich 
war, sah in Japan ein Element, das fähig 
war, ans aus dem alten Geleise mit heraus- 
zuhelfen. 

Von zwei Pankten also, die soamhl ihrer 
Herkunft wie ihrer Art nach ganz entgegen- 
gesetzt waren, gingen — fast zu gleicher Zeit — 
die befruchtenden Einflüsse aas. Der eine 
entfaltete sich aus unserer eigenen Tradition, 
der andere aas einer völlig neuen Ästhetik, die 
unter fernen Himmeln gereift war; beide 
brachten uns zu neuen kostbaren Kanst- 
empfindungen. Doch unsere schwach ge- 
u)ordenen Hände hatten verlernt. Schätze dieser 
Art in angemessener Weise zu verwerten. 
England wurde von Japan mitten auf der 
Sache nach neuen Formen überrascht, die 
es teils seiner eigenen Vergangenheit, teils den 
alten Italienern entnahm. Es zögerte nicht, 
dieses exotische Element mit seinen Funden 
zu verbinden, und aus dieser Vermischung 
gingen Resultate hervor, die zuweilen nicht 
der Würze einer gewissen Eigenart entbehrten. 
Im grossen Ganzen aber machte sich der 
Einfluss in derselben Art geltend, wie es bei 
den Praeraphaeliten der Fall gewesen war. 
Man nahm Verfahren an, die für andere, von 
den unseren ganz verschiedene, Bedürfnisse ge- 
schaffen waren. 

Nach zwölf bis fünfzehn Jahren begann es 
klarer in den Gemutern zu werden. Man 
merkte, dass ein ganz anderer Nutzen aus dem 
japanischen Kunstprinzip zu ziehen war, wenn 



WOHIN TREIBEN WIR? 



man weniger den einzelnen Beispielen and 
dafür mehr dem Geist folgte, der sie belebte. 
Man begriff den Hauplzug des Japanischen : 
diese ewig jugendliche Einbildangskrafl, die 
sich lediglich der Natur unterwirft and kein 
höheres Ziel kennt, als der grossen Meisterin 
ihre feinsten Harmonien abzulauschen. 

Aber der Gedankengang einer Rasse, die 
aas tief warzelndenGewohnheiten entsprungene 
künstlerische Konuenienz, alles das lässt sich 
nicht willkürlich umformen und ohne weiteres 
uon dem Geist eines Volkes durchdringen, 
das unter einem liebenswürdig spielenden 
Äusseren die denkbar strengste Gesetzmässig- 
keit, eine Ästhetik verbirgt, die sich in 
einer mebrtaasendjährigen Geschichte gefestigt 
bat. 

Ein Hauptirrtam machte sich fühlbar and 
zog die schädlichsten Folgen nach sich : Mit 
der Erfahrung, dass der Reiz japanischer 
Kunst auf dem engen Anschluss an die Natur 
beruhe, glaubte man sich im Besitz des 
■ Geheimnisses und machte sich frisch daran, 
dieses anscheinend einfache Verfahren aus- 
zanatzen und alle nur denkbaren Formen 



der Natur so getreu wie möglich nachza-^ 
ahmen. 

Ein merkwürdiger Irrtum! — Giebt es 
etwas Unsinnigeres, als den Versuch, mit 
Menschenwerk den Wandern der Schöpfung 
gleich zu kommen. Die Japaner haben sich 
in ihrer tiefen Verehrung für die Natur von 
dieser Verirrung stets fern gehalfen. In ihren 
Augen ist die Natur stets nur die ewige Er- 
zieherin, der Urstoff für alle Formen des 
Schönen, der ihren erleuchteten Getreuen ge- 
geben wird, damit sie aus ihm unaufhörlich 
neue Schöpfungen ableiten können, Werke, 
die sich dem täglichen Leben anpassen. Jeder 
Versuch ausserhalb dieses Prinzips muss in die 
Irre fähren. Denn das Einzige was allen 
Teilen der himmlischen Schöpfung ihren 
wahren Glanz verleiht und bei jedem neuen 
Anblick das Herz mit seiner Wonne füllt, 
ist der magische Funke des Lebens. Mü 
dieser Habe seine Schöpfungen zu durch- 
dringen ist keinem Sterblichen vergönnt. So- 
bald die Kunst versucht, das wirkliche Leben 
nacltzuahmen, wird sie immer nur Schatten- 
bilder hervorbringen, ähnlich^ den^Werke des 



> CROON (New Crou Sdtal^^ 



Schüter-Auultltung South Keniinston 



OrOHIN TREIBEN WIR? 



C B.CASHBEE ThOrbachiagt Im Palais dra Groahmogi oon Htaea-Daraittadt 

Todes, der dem gefallenen Blatt das, 
was es uns lieb machte, die lachende 
Frische, entzieht. Hätte die Kunst 
kein anderes Ziel so wäre ihr Ideal 
in einer künstlichen Blame oder 
einer gelungenen Wachsfigur er- 
reicht. 

Die Wahrheit liegt wo anders. 
Den befruchtenden Keim, den die 
Kunst aus der Naiar gewinnt, muss 
sie auf ein anderes Gebiet — eben 
das ihrige — übertragen, um daraus 
neue Formen zu gewinnen, ver- 
schiedenartig gestaltet, je nach der 
Klasse von Werken, die sie bringen 
will. Wenn es gilt, den Ein- 
druck einer Landschaft oder einer 
Gestalt wiederzugeben, ohne an- 
deren Zweck als den, das Auge 
zu erfreuen und den Geist anzu- 
regen, bat der Künstler sein Werk 
mit eigenem Leben zu durch- 
dringen, das nicht in der Aussen- 
natur, sondern in seinem Gehirn 
entsteht und die ihm besonders er- 
scheinenden Eigenschaften seines 
Modells in den Vordergrund bringt. 
Um ganz andere Erfordernisse 
handelt es sich bei Schöpfung 
eines rein dekorativen Werkes. Hier - 
muss jenes sekundäre, vom Geist 
des Künstlers ausgegangene Leben, 
das der Staffeleimaler, der Bild- 
hauer, in seinen Werken zur höch- 
sten Kraft entwickelt, nach ganz 
H. RATHBONE bestimmten Regeln eingedämmt 



WOHIN TREIBEN WIR? 




werden. Ganz and gar wird aber 
hier jede Nachahmung des physi- 
schen Lebens zur. 'Thorheil, wo die 
Kunsl beabsichtigt, im geschlossenen 
Raum Ruhe für das Auge — und die 
Nerven zu geben. Der grösste Fehler 
so Dieler tächliger Künstler unserer 
Zeit , die unsere häusliche Um- 
gebung erneuern wollen, liegt in 
der Verkennung dieses unumgäng- 
lichen Gesetzes. Ansialt die Huhe 
zu erstreben, die den Hauptreiz 
des Interieurs, des Zufluchtsortes 
oor der fieberhaften Hast der mo- 
dernen Existenz, aasmacht, malt 
man Freiluft-Perspektioen an die 
Wände and ruft so den Eindruck 
hervor, als sei da die Mauer durch- 
bohrt, am den Blick ins Freie zu 
öffnen. In Stoffen and Tapeten 
sieht man skulpturale und bild- 
hafte Wirkungen, anstatt flächen- 
gemässe Ornamente. Das ist noch 
nicht alles. Man glaubt von den 
Japanern die Berechtigung herzu- 
leiten, auf Slilisierung verzichten 
za dürfen, auf das wesentlichste 
Mittel, um den Formen Gleichmass 
zu verleihen. Wenn man das unter 
Fortschritt versteht, wäre es besser 
gewesen, bei unseren alten Über- 
lieferungen zu bleiben. Denn was 
man dabei aber Bord wirft, war 
das beste der Traditionen unserer 
älteren dekorativen Kunst, das diese 
übrigens za ihrer Zeit gerade von 
dem Orient — den Persern nament- 
lich — gelernt hatten, deren mehr 
geometrisch gehaltenes Schmucksystem diese 
Gesetze klarer zum Verständnis brachte. Es 
ist ein unbegreiflicher Mangel an Einsicht, 
in der japanischen Kunst diese Stilisierung zu 
übersehen, nur weil sie sich unter freieren un- 
gezwungeneren Formen verbirgt. 

Aber die Stilisierung beschränkt sich nicht 
auf die bewusste Umwandlung der Formen, 



-«p- 






'. BERLEPSCH 



C. S. ASBBEB 



sie bedingt vor allem die Vereinfachung, die 
Entfernung alles anruhigen Details und beruht 
nicht zum wenigsten auf der richtigen Ver- 
teilung der Linien und der Farben. Gerade 
darin haben es die Japaner am weitesten ge- 
bracht. Hier mass angesetzt werden, um von 
ihnen zu lernen, diese Weisheit muss sich uns 
zunächst mitteilen, wenn wir von ihnen Vor- 
teil haben wollen, die Einsicht, dass auch 
das grösste Genie nicht des Wissens entbehren 
kann, wenn es vollendete Werke schaffen will. 
Dann wird man begreifen, dass es nicht genügt, 
ein hübsches Motiv hinzuwerfen, das so wie 
es ist, der lebenden Natur entlehnt ist. 

Die schwersten, hier gerügten Fehler werden 
in Frankreich und Deutschland begangen. In 
England, Holland und Belgien haben die Vor- 
geschrittenen die Schwere der begangenen Irr- 
tümer [begriffen and sind sich des rechten 
Weges bereits bewusst geworden. 



DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL 



darauf hinzuweisen, welch eminente Hilfe der 
Bildhauer Zyl einem Architekten von der Art 
Berlage'3, im Streben nach grosser ruhiger 
Wirkung, nach schönen Verhältnissen der 
Massen — werden musste. 

Wir verdanken Z7L die Aasschmäckung 
eines Hauses auf dem Damrok (Abb. S. 7i), 
das der Allgemeinen Versicherungsgesellschaft 
gehört, ferner diejenige eines grossen Gebäudes 
auf dem Muntplein und endlich jene der 
Bureaux einer Versicherungsgesellschaft in der 
Prinsenstraat im Haag, deren dekorative Aas- 
stattung vollständig nach seinen Modellen her- 
gestellt wurde. Diese Arbeiten sind meist 
relatiü kleine Skulpturen, die sich vollkommen 
der Architektur einfügen, von ihr bedingt 



DER HOLLÄNDISCHE BILD- 
HAUER ZYL 

Den ersten Unterricht genoss Zyl in einer 
vom Staate unterstützten Schule — dann in 
einer solchen, deren Lehrgang ganz unier 
staatlicher Kontrolle steht. Aber bald machte 
er sich frei von dieser unpersönlichen und 
wie fast immer nichts sagenden akademischen 
Lehre und suchte freie Bahn für seinen 
neuerungslustigen Geist. Er hatte das Glück, 
volles Verständnis für seine Begabung bei dem 
jungen Architekten Berlage, einem Neuerer 
wie er, za finden. Diese beiden Männer schienen 
für einander geschaffen, sich gegenseitig zu 
ergänzen. 

Zyl ist Bildhauer im wahrsten Sinne des 
Wortes; er unterscheidet sich darin von der 
Mehrzahl unserer Künstler, selbst der Bild- 
hauer; denn er hat nichts vom Maler an 
sich — und von diesem Gesichtspunkte aus 
stellt er eine höchst interessante Erscheinung 
dar, die eingehender za betrachten ich mir 
für später vorbehalte. Zunächst genügt es, 



DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL 



werden und in ihr aufgehen, so dass sie dem 
Auge zugleich Anziehangs- und Ruhepunkt 
sind. 

Die Anerkennung des Publikums hielt sich, 
wie nicht anders za erwarten, zurück und zeigt 
sich auch heule nur seilen; aber doch gewinnt 
sie schon an Boden, und schon tauchen Nach- 



ahmer auf, die gute Sache 
zu missbrauchen. Das sind 
aber nicht die einzigen 
Schwierigkeiten, gegen welche 
zu kämpfen war. Wenig ver- 
traut mit der suggestiven Art 
dieser Modelle, verdarben die 
Handwerker oft die ganze 
Wirkung. Zwei grosse alle- 
gorische Figuren vor der 
Fassade der Prinsenstraal 
im Haag sind auf diese 
Weise vollständig verfehlt; 
ich erwähne das, weil so 
manche Nörgler es nicht 
lassen können, sich an solche 
Zufällig keilen zu hallen. 

Zyl lässl, wie alle unsere 
jungen Känsller, den Einfluss 
seiner archäologischen Sta- 
Kapiiai dien erkennen; seine starke 
Persönlichkeit schützt jedoch 
seine Werke vor der Krankheit unseres 
Jahrhundertendes: dem gedankenblassen Ar- 
chaismus. Als Beweis mag das schöne Kapital 
mit Büffelkopf gelten, das unsere obenslehende 
Abbildung zeigt. 

Die Proportionen und manche Einzelheiten, 
wie die obere Reihe kleiner Spiralen, der fast 



DEKORATIVE KUNST. HEFT S. 



DER HOLLÄNDISCHE BILDHAUER ZYL 



barbarische Geschmack, erinnern an die reiz- 
vollen Kapitale in norditalienischen Kirchen 
des sechsten, siebenten und achten Jahr- 
hunderts, oder an die Überreste meroüingischer 
Architektar. Aber der wohldurchdachte, weise 
abgewägte Eindruck des Ganzen gibt diesem 
Kapital einen ganz eigentümlichen Charakter 
in der Reihe moderner Bildhauwerke. 

Zyl's grosse Jugend, nicht nur dem Alter, 
sondern oielmebr dem Charakter nach, erklärt 
die noch wenig durchgebildete Form seiner 
Kunst. So haben z. B. einige seiner Gestalten 
hässliche Züge, zu stark betonte Aasladungen 
and Vorsprünge und eine oft rohe Lebendig- 
keit, ohne dadurch besondere plastische Wir- 
kung zu erreichen oder sich dem Gedächtnis 
ganz besonders einzuprägen. Was seinen 
Figuren bisweilen fehlt, ist mit einem Worte 
gesogt: Charakter, ein Charakter, -der auch 
ohne starke oft rohe Mittel sich zu äussern 

Dieser Fehler tritt natürlich besonders in 
den feiner durchgeführten Arbeiten hervor, 
wie in den kleineren für Innenräume be- 
stimmten Bronzen und erklärt uns, warum 
so viele im übrigen reizende Entwürfe, von 
denen ein andermal die Rede sein wird, un- 
ausgeführt geblieben sind. Der Künstler, un- 
zufrieden mit sich selbst, begnügte sich nicht 



BERLAGE Sc ZYL Allg. Ubeiaven.-Gti., Ämilerdam 



YL Karyatidi 

mit dem Vorzug, den ihm seine glückliche 
Erfindungsgabe namentlich tieHscher Formen 
und Siellangen gab. Das beweist aber nur 
die grosse Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit 
and die Thalkraft seines Geistes, die ans über 
die Zukunft beruhigen können. In kurzem 
wird es Zyl gelingen, auch für die menschliche 
Gestalt Typen zu finden, welche neben der 
bewegtesten physischen Lebendigkeit einen 
Seelenzastand klar zum Ausdruck bringen. 
Unter dieser Reserve können wir frei an- 
erkennen, dass manche seiner menschlichen 
Gestalten, namentlich dort, wo wir es mit 
reiner Phantasie zu thun haben, vollständig 
dem dekorativen Ziele entsprechen, das er 
sich gesetzt hat. Durch die starke wohl- 
verstandene und genau wiedergegebene Mus- 
kulatur erreicht er ein äusserst wirkungsvolles 
Lichtspiel, wie die nebenstehenden Abbildungen 
zeigen. Um die Art dieser Arbeiten kurz zu 
charakterisieren : sie haben einfache Formen, 
ihre Stellungen sind logisch und fein beob- 
achtet und sie tragen alle den Stempel des 
künstlerischen Temperamentes, dem sie ent- 
sprungen sind. 

Zyl's Darstellungen von Tieren verdienen 

unsere rückhaltlose Bewunderung. Sein Stil 

mag sich noch befestigen ; aber alles, was er 

. bisher in dieser Art geschaffen, wird immer 



FORMENSCHONHEIT UND DEKORATIVE KUNST 



Kunst, mit Formen, die nichts bedeuten and 
nictits darstellen und an nichts erinnern, unsere 
Seele so tief, so stark zu erregen, wie es nur 
immer die Musik mit Tönen vermag. 

Dem Barbaren ist unsere Musik zuwider; 
es gehört Kultur und Erziehung dazu, sich 
ihrer zu freuen. Auch die Freude an der 
Form will errungen sein ■ man muss es lernen 
zu sehen und sich in die Form zu vertiefen. 
Wir müssen unsere Augen entdecken. Wohl 
giebt es schon lange unbewusst in den Menschen 
das Freuen an der Form, in der Geschichte 
der bildenden Künste lässt sich deutlich seine 
Entwicklung verfolgen, aber noch ist es nicht 
zu einem festen, unverlierbaren Besitze ge- 
worden. Die Mater haben uns viel gelehrt; 
aber ihr Ziel war zuerst immer die Farbe, 
und wo sie die Form suchten, suchten sie 
meist das intellektuell-charakteristische durch 
exakte Wiedergabe ihres Gegenstandes, nicht 
das ästhetisch-charakteristische, das die Notar 
nur selten und zufällig in solchen Dimensionen 
bietet, wie sie der Maler braucht. 

Wollen wir formale Schönheil verstehen 
and gemessen, so müssen wir lernen, isoliert 
zu sehen. Auf die Einzelnheilen müssen wir 
unsern Blick lenken, auf die Form einer Baum- 
wurzel, auf den Ansatz eines Bialtes am Stengel, 
auf die Struktur einer Baumrinde, auf die 
Linien, die der trübe Schaum an den Ufern 
eines Sees bildet. Wir dürfen auch nicht 
achtlos über die Formen dahingleiten, sondern 
müssen sie genau mit den Augen verfolgen, jede 
Biegung, jede Krümmung, jede Erweiterung, 
jede Zusammenziehung, kurz jede Änderung 
der Form miterleben. Denn genau sehen wir 



beachtenswert bleiben, nicht nur\wegen des reiz- 
vollen Aasdruckes einer frischen Empfindung, 
sondern auch in Hinsicht aaf seinen inneren 
künstlerischen Werl. a. pjt 

FORMENSCHÖNHEIT UND 
DEKORATIVE KUNST, i. DIE 
FREUDE AN DER FORM. In das- immer 
ungestümer werdende Verlangen nach 
einem neuen Stile in Architektur und Kunst- 
gewerbe, nach einer neuen eigenartigen und 
selbständigen Dekorationsweise klingen miss- 
tönig warnende Stimmen bedächtiger Leute, 
die von der steilen Höhe ihrer gereiften Er- 
fahrung und ihrer durch umfassende histori- 
sche Studien geklärten und vertieften Auf- 
fassung das thörichte Thun der Jüngeren 
mitleidig belächeln und noch immer bereit 
sind, dem Publikum den einzig wahren Weg 
zu zeigen. Sie lehren uns, dass es keine neuen 
Formen mehr geben könne, alle Möglichkeilen 
seien in den Stilen der Vergangenheit er- 
schöpft, alle Kunst bestehe in einer individuell 
getönten Verwendung aller Formen. Ja man 
geht so weit, uns den jammervollen Eklek- 
licismus der letzten Jahrzehnte für den neuen 
Stil zu verkaufen. 

Dem Wissenden kann diese Mutlosigkeit nur 
lächerlich scheinen. Denn er sieht klar, dass 
wir nicht nur im Anfang einer neuen Stil- 
periode, sondern zugleich im Beginn der Ent- 
wicklung einer ganz neuen Kunst stehen, der 



FORMENSCHÖNHEIT UND DEKORATIVE KUNST 



nur einen Punkt in unserm Sehfeld, und 
wirksam für unser Gefühl kann nur werden, 
wai wir deutlich gesehen. Sehen wir aber 
in dieser Weise, so ersteht vor uns eine neue, 
nie gekannte Welt von ungeheurem Heichlum. 
Tausend Stimmungen werden in uns wach. 
Immer neue Gefühle mit neuen Nuancen und 
ungeahnten Obergängen. Die Natur scheint 
za leben und wir hegreifen jetzt, dass es wirk- 
lich trauernde Bäume und boshafte heim- 
tückische Äste, keusche Gräser und furchtbare 
grausenerregende Blumen giebt. Freilich nicht 
alles übt solchen Eindruck aus, es fehlt nicht 
am Langweiligen, Unbedeutenden und Un- 
wirksamen, aber das wachsame Auge wird 
überall, in jeder Gegend, Formen von wunder- 
barem, die ganze Seele erschütterndem Reize 
gewahren. 

Das ist die Macht der Form über unser 
Gemüt, ein direkter unmittelbarer Einfluss 
ohne alle Zwischenglieder, durchaus nicht 
etwa die Folge eines Anlltropomorphismus, 
einer Vermenschlichang. Wenn wir von einem 
trauernden Baume sprechen, denken wir den 
Baum durchaus nicht als lebendes Wesen, 
das trauert, sondern meinen nur, dass er in 
uns das Gefühl des Trauerns erwecke. Oder 
wenn wir sagen, die Tanne strebe empor, so 
beseelen wir die Tanne nicht, der Ausdruck 
des Gescheliens "strebew erzeugt nur leichter 
in der Seele des Zuhörers das successiv ent- 
stehende Bild des Aufrechten. Dergleichen ist 
nur ein sprachlicher Notbehelf, die mangelnden 
Worte zu ersetzen und rascher lebendige An- 
schauung zu erzeugen. 

Auch ist es nicht Erinnerung, die den Formen 
ihre Bedeutung für das Gefühl leiht. Ein 
Kreis mag an den Ring erinnern und damit 
an Treue und Ewigkeil, aber ebenso gut auch 
an Gebundensein, Knechtschaft und Sklaverei, 
und so würde der Kreis bald dieses bald jenes 



Gefühl in uns erwecken. Aber derlei Gefühle 
kommen bei der Formkanst so wenig in 
Betracht, wie etwa in der Musik die Er- 
innerungen, die sich für den einzelnen an 
Flötentöne knüpfen. 

Auch muss man nicht meinen, dass die un- 
hewusste Vorstellung des Wesens eines Gegen- 
standes erst sei'ie Form uns bedeutungsvoll 
erscheinen lässl. Allerdings besteht ein ge- 
wisser Parallelismus zwischen Wesen and 
Schein. Ein dicker Baum erscheint uns stark 
und ist es auch. Aber er ersciteint uns lange 
so, ehe wir um seine wirkliche Stärke wissen. 
Auch deckt sich nicht immer Form und inneres 
Sein. Ein Zorniger sieht oft komisch genug 
aus and ein hohler Baum genau so stark 
wie ein gesunder, ja vielleicht gerade um 
seiner zerrissenen Rinde willen stärker und 
kolossaler. Nicht vom Wesen zum Schein 
geht der Weg, nein umgekehrt, das Aussehn 
giebl uns den ersten Aufschluss über das 
Wesen. Wir übertragen den durch die Form 
erregten Eindruck auf das innere Sein des 
Gegenstandes und treffen eben durch den ge- 
nannten Parallelismus meist das richtige. 
Man denke z. B. an die instinktive Angst der 
Tiere und Kinder. Die Form weckt unmittel- 
bar das Gefühl, wir wissen von keinem 
dazwischenliegendem, psychischem Ereignis. 
Und unbewusste Ereignisse erklären alles und 
eben darum nichts. 

X Worin aber liegt dann die Erklärung des 
Formgefühls9'' fragen die am lautesten, die 
es nie gekostet. Ich könnte antworten, das 
gehört nicht hierher, man geniesst Musik auch 
ohne zu wissen, warum Accorde und Accord- 
folgen im stände sind, uns so gewaltig zu er- 
regen. Ich will aber doch, um die Zweifler 
zu beruhigen und ihnen den Zugang zu der 
Welt der Formen zu erleichtern, den Ver- 
such machen, die Gefühlswirkung der Form- 



RAT FÜR DILETTANTEN 




Maison Fontaine 



elemente und ihrer Zusammensetzungen 
zu beschreiben und auch die psycho- 
logische Erklärung wenigstens andeuten, 
soweit es sich ohne langwierigere Er- 
örterungen ermöglichen lässt. 

A. ENDELL 

RAT FÜR DILETTANTEN 

Wir werden 
unter dieser 
Rubrik im An- 
schluss an 
einen Aufsatz 
mit Illustrati- 
onen, der uns 
_. _^^ ^^ passend er- 

^CNby scheint , ver- 

^ \^y ^ suchen , dem , 

Dilettantismus, 
dessen Pflege 
uns am Herzen 
liegt, Anregungen zu geben. Eine prinzi- 
pielle Erklärung wird hier nötig. Wir 
wollen helfen, aber wir wurden glauben, 
dies nicht zu thun, wenn wir demDilettan- 
tismus Gelegenheit zur Selbstüberschätz- 
ung gäben, wie dies leider im Zuge der Zeit 
liegt. Der Dilettantismus hat der neuen 
Bewegung schweren Schaden gethan; 
von ihm sind sowohl in Frankreich wie 
in England und auch bei uns Produkte 
ausgegangen, an denen sich das Pub- 
likum den Masstab für den künstleri- 
schen Wert der modernen dekorativen 
Bewegung bildete, weil diese Sachen mit 
der Prätention des künstlerischen Werkes 
vorgeführt wurden, ohne zu genügen. 
Wir wollen keinen sozialen Gegensatz 
zwischen Künstler und Laien, wohl aber 
den sachlichen, der zwischen dem, was 
Einfall und guter Wille hervorbringen, 
und dem, was strengem, gediegenem 
Handwerkertum entspringt, säuberlich 
scheidet. Nur mit diesem Vorbehalt also 
helfen wir wie wir können. 

Nicht dadurch macht man Ornamente, 
dass man sich von einem idyllischen 
Spaziergang ein paar niedliche Blümlein 
mitbringt, diese sorgfältig abzeichnet 
und dann durch Wiederholung derselben 
Zeichnung so etwas wie einen Fries 
fabriziert. Die Blumenstilistik der Japaner 
und Engländer hat diesen bereits inter- 
nationalen Irrtum, der nachgerade uner- 
träglich wird, erzeugt. Stil ist das, was 
die künstlerische Persönlichkeit aus der 
Natur macht, nicht die Natur selbst. 






.1. ENDELL 



Was den Engländern hemmend an- 
haftet, ist, dass sie nicht von der Blume 
loskommen. Immerhin steht das, was 
die feineren unter ihnen aus der Blume 
machen, noch himmelweit über der 
naiven Impotenz, mit der der Dilettantis- 
mus die Natur plündert. Hier ist die, 
Reaktion gegen den Naturalismus am 
Platz, gegen den man so lange bei der 
Betrachtung moderner Malerei gewütet 
hat. Weg von der Natur! Freilich muss 
man die Natur ersetzen können, statt 
der Organisation, die in dem Blatte des 
Baumes steckt, eine neue vereinfachte 
Gesetzmässigkeit geben können, die eben- 
so überzeugend ist. Mit der Entstellung 
der Natur ist es nicht gethan, man 
muss die Berechtigung dazu nachweisen, 
das ist Künstlerschaft. Die Blattmotive 
der venezianischen Holzdrucke, welche 
wir in unserer ersten Nummer brachten, 
wird man in der Natur vergeblich 
suchen, und doch sind sie natürlich, 
es sind Vereinfachungen, die ein künst- 
lerischer Geist vollzogen hat. Gelingen sie 
dem Dilettanten, so ist er kein Dilettant 
mehr, sondern Künstler. — Aber es giebt 
Aufgaben, zu denen der Dilettantismus 
schon eher genügt, wenn er Geschmack 
hat. Man beobachte dort z, B. das Blatt 
Seite 25, Es ist, wie man leicht sieht, 
aus geometrischen Zeichen entstanden, 
die der Urheber vermutlich mit dem 
Zirkel in der Hand entdeckt hat. Er 
schlug sich Kreise und modifizierte nach- 
her die Schnittpunkte. Dieses Prinzip 
lässt sich ausdehnen und wir halten es 
für viel leichter, mit ihm bescheidene 
ornamentale Wirkungen zu erzielen, 
als mit der Natur, die eines ebenbürtigen 
Gegners bedarf, um überwunden zu 
werden. Statt der Blümchen nehme 
man mal den Zirkel; mit ihm kommt 
der gute Einfall weit eher zu seinem 
Recht und wenn man zu wählen und zu 
verbinden versteht, wird man hübschere, 
originellere Dinge erreichen, als auf der 
abgegrasten Wiese des Blumenorna- 
mentes, Die Orientalen haben bewiesen, 
was man mit der Geometrie schon zu 
ihrer Zeit machen konnte. Unsere Geo- 
metrie ist wesentlich weiter gegangen und 
kann auch für unsere Zwecke frucht- 
barer sein. Die Intelligenz, die dazu 
nötig ist, steht dem Laien viel eher zur 
Verfügung als Künstlerschaft. 

— T— 



77 



ALB. DAMUOVSE 

ALBERT DAMMOUSE 

Viele Irrtümer in der Keramik erklären 
sich aus dem Umstände, dass der Künstler, 
der die Dekoration, die künstlerische Seite, 
überhaupt den Entwurf fertigt, nicht gleich- 
zeitig dem rein praktischen Beruf angehört. 
Man kann verfolgen, dass nur da, wo diese 
beiden Seelen in einer Brust vereint waren, 
ErspriessUches erreicht worden ist. So bei 
Dammovse. Das Gewerbe seines Vaters, eines 
geschickten Bildhauers in der Manufaktur von 
Shtres, brachte ihn von der ersten Kindheit 
an in enge Berührung mit allem, was mit 
dem Porzellan zusammenhing. Sehr jung trat 
er in die ßcole des Arts decoratifs von Paris 
ein und wurde 1868 von der Ecole Nationale 
des Beaux Arts aufgenommen. Er begann 
seine Laufbahn als Gehilfe des Künstlers 
SOLON MlLi:s, der durch seine Pasta- Auflagen 
bekannt geworden ist und 1870 nach Stoke- 
on-Trent in England in das Haus MiNTON 
berufen wurde. Dammouse trat zuerst 1878 
mit eigenen Arbeiten hervor. Das Haus 
POUYAT & DUBREUIL in Limoges beauftragte 
ihn mit dem Entwurf des Hauptteils der 
Porzellane, mit denen sich das Haus an der 



Pariser Weltausstellung zu beteiligen gedachte. 
Die Ausstellung hatte Erfolg, namentlich mit 
einem 3 x 2 m grossen Panneau, das aas 
bemallen und in grossen, feuergebrannlen 
Kacheln bestand, und jetzt als eines der besten 
Stücke das Limoger Museum ziert. 

Im Jahre 1882 Hess sich Ch. HaV^LAND 
in der neuen Fabrik von Auteuil-Paris von 
Dammouse die ersten bemalten Gres machen, 
die bei den Künstlern -— nicht beim Publi- 
kum — sofort Erfolg hatten. Dieser erste 
Versuch in Steingut war für Dammouse ent- 
scheidend. Während er fortfuhr, für die 
grossen Fabrikanten neue Modelle zu schaffen, 
vernachlässigte er nicht sein eigenes kleines 
Atelier in Saures, in dem er sich zunächst 
nur mit dekorierten Porzellanen beschäftigt 
hatte. Jetzt wandte er sich auch hier dem 
Steingut zu, in dem er einen an künstlerischer 
Zukunft und Gediegenheit weit allen anderen 
Materialien überlegenen Stoff erkannt hatte, 
dessen einziger Fehler war, nicht bekannt zu 
sein. Er hatte sein Teil an der Ermutigung, 
die den gewerblich thätigen Künstlern durch 
die Zulassung des objet d'art in den Marsfeld- 
salon wurde; sein erster Erfolg in diesem 
Salon mit auf Email dekorierten Porzellanen 



ALBERT DAMMOUSE 



reifte in ihm den Enlachlass, sich in Siures 
Öfen für die Herstellung von Gris und 
Fayencen zu bauen. Seine ersten Resultate 
erschienen im Marsfeld 1893. Seit dieser Zeit 
ist er regelmässig dort vertreten, und jedes 
Jahr lässt sich in seinen Sachen ein Fort- 
schritt, eine Neuerung finden. 

Seine Gris hatten dieselben koloristischen 
Vorzüge seiner Porzellane, er uerfügl über 
Harmonien in tiefblau, alarkgrün, zartgrau, 
hellrosa, die ihm allein gehören. Weniger 
bekannt als die grossen Anhänger der fran- 
zösischen Keramik, hat er doch verstanden, 
sich eine scharf umrissene Persönlichkeit zu 
schaffen, der man nie ohne Interesse gegen- 
übersteht. Während Delaherche, BiGOTU. a. 
fast ganz auf die Dekorierung verzichten und 
im ivesenilichen nur mit der Güte ihres Ma- 
terials, also auf demselben Wege, den die 
japanischen feinsten Töpfereien gingen, künst- 
lerische Wirkungen erreichen, hat Dammovse's 
sichere Technik verstanden, den Zufall, der 
gar ofl die gelungensten reinfarbigen Effektt 
gebiert, an seine Zeichnungen zu bannen. 



ALB. DAUMOUSE 



Diese Zeichnung hat an sich keinen über- 
wältigenden Werl, aber wie sie auf das ge- 
flammte Material übertragen ist, die Diskretion, 
mit der sie aufirilt, das giebt den Sachen 
einen ganz besonderen Wert. 

Dammouse beschränkt sich nicht auf die 
Luxustöpferei; er hat ausser seinen Vasen und 
Tellern auch grössere für einen bestimmten 
Zweck entworfene Arbeiten gemacht, so z. B. 
die Friese für die Aussen- und Innendekora- 
tion des Hospice des Vieillards und des Fest- 
saales im Kasino von Boulogne-sur- Seine. 
Seine besten einzelnen Stücke flndet man ausser 
in den der Töpferei dienenden Museen von 
Sivres und Limoges, im *Luxembourg', im 
Musee des Arls d^coratifs, dem Musee Galliera 
und anderen. 



EDOVARD GARNIER 



i^^^. 



ALB. DAMMOUSE 



T. C DVGDALE (ManchalerJ 



MITTE FREU 



ALB. DAMMOVSE 



MITTE FREI! 

Im Garten ist grosser Lärm. Die Kinder 
sollen schnell aas dem Haas etwas bringen, 
laufen dabei immer durchs Gras and über 
die Blumen und werden darob heftig gescholten. 
Später macht eins von den Erwachsenen selber 
in Eile diesen Weg, wünscht das grosse Beet, 
das mitten auf dem Weg zwischen Hausthüre 
und Gartenhaas liegt, zum Kuckuck und 
möchte es gradaus durchschneiden, erinnert 
sich aber des Verbots für die Kinder and be- 
quemt sich wieder zu den anmutigen Um- 
wegen. 

Auf den Plätzen and Strassen der Stadt 
ist es ähnlich. Wo der thatsäcbliche Verkehr 
seine natürlichen Richtungen findet, also in 
den Achsen der Strassen und in mannigfachen 
Durchquerungen der Plätze, dort fmdet er 
auch seine künstlichen Hemmnisse. Genau 
in die Strassenachse sind Denkmäler, Brunnen, 
Blumenbeete u. dergl. gestellt, und schon auf 
dem Stadtplan erkennt man das ehrfürchtige 
Ausweichen der Trambahngeleise vor dem 
Standbild irgend eines historischen Despoten. 
Milien auf jedem Platz steht womöglich eine 
Kirche oder ein Theater oder doch ein öffent- 
licher Brunnen zur Erlabung derer, die am 
ihn herum müssen, oder allermindestens irgend 
etwas, das die geometrische Mitte so bezeichnet, 
wie mancher sich gern den Nordpol irgendwie 
sichtbar hervorgehoben denkt. 

Man möchte vermuten, dass es in den Seelen 
der Kutscher, die da täglich so und so oft- 
mals vor einem Denkmal oder dergleichen 
einen Umweg einschlagen müssen, bedenklich 
gähre. Um so mehr, als sie ja selber, wenn 
sie zur Winterszeit ihre Mussestunden mit dem 



Aufstellen von Schneemännern ausfüllen, diese 
Werke keineswegs in die Verkehrslinien stellen,' 
sondern zwischen hinein, in die *toten Punktet 
des Verkehrs — wie es der Meister vom Städte- 
bau, CaMILLO Sitte, so treffend auseinander- 
gesetzt hat. 

Die Andacht zur Sgmmetrie scheint nan 
einmal eine der allgemeinsten menschlichen 
Neigungen zu sein; oder vielleicht ist sie doch 
nur entweder eine Folge des * aufgeklärten 
Despotismus' (sei es dessen, der von einer 
Person, sei es dessen, der von einem Bureau 
ausgeht), oder aber eine Nachwirkung der 
geometrischen Bauliebhabereien in der Barock- 
zeit, durch die sich diese ganz besonders von 
der Zeit des Mittelalters und der Henaissance. 
wenigstens der deutschen, abhebt. Indessen 
möchten wir noch über diese bekannten ge- 
schichtlichen Erscheinungen hinaus von einem 
derartigen Zug nach Regelmässig keit im 
menschlichen Geschmack sprechen. Nur lässt 
sich unschwer zeigen, dass wir damit erst bei 
den Elementen des Geschmacks stehen: mit 
Sgmmetrie a. dgl. fängt Ästhetisches an, hört 
aber damit nicht auf, sondern geht weit da- 
rüber hinaus. Je entwickelter eine Kunst- 
leistung ist, eine desto geringere Rolle spielen 
in ihr die * Regelmässigkeiten *. 

Also dem Anfänger im Fühlen und Denken 
über Schönheit ist es nicht zu verargen, wenn 
er für eine »schöne Mitte schwärmt und so 
einerseits den baren natürlichen Witz des 
Passanten, der nicht gern an ein Denkmal an- 
rennt, andrerseits die Einsicht des gereiften 
Stadtbaukenners gegen sich hat. Und was 



AI.B. DAMMOISE 



MITTE FREI! 



ALB. riAMMOVSE 



ir.R. DAUIUOUSE 



sich uns da im Städtebau und gleich ein- 
gangs im Gartenbau gezeigt hat, das gilt von 
den meisten Künsten und insbesondere von 
allen sogenannten anhängenden oder ange- 
wandten Künsten, also der dekoratiuen. und 
was sich sonst an die Architektur anschliessl. 
Betrachten wir einmal die Kunst der Aus- 
stattung unserer Wohnräume. Von einer 
Längsseite des Zimmers ist die genaue Mitte 
durch ein von zwei ntöglicbsl gleichen anderen 
Möbeln pankierte.-! Sopha markiert. Wer da- 
raufsitzt, hat nun den Vorleil, seine schweifen- 
den Blicke entweder an der gegenüberliegen- 
den, ähnlich bebandelten Wand anstossen oder 
zwischen den links und rechts verbleibenden 
Raumstücken wählen zn lassen. Vielleicht 
gefällt ihm das Zimmer doch einigennassen, 
und vielleicht kommt er, etwa auf Grand von 
amateurpholograpbischen Erfahrungen , luj 
dem Gedanken, wie's war', wenn man die 
Blicke in der Diagonale durchs Zimmer senden 
könnte. Aber in jenem Winkel, von dem aas 
der richtige Blick zn werfen wäre, steht kein 
Sopha, nicht einmal ein Stuhl. 

Gar der Gedanke, frei durchs Zimmer hin- 
durch blicken und schreiten zu können, muss 
ebenfalls bald aufgegeben werden. Denn in . 
dieser Mitte thront der Tisch mit seinem 
Kollegium von Stählen. Das ist bei kleinen 
Zimmern wohl nicht anders möglich, zumal 
wenn mehr als zwei Personen darankommen 



wollen. In grösseren Zimmern hingegen wird 
man sich doch fragen müssen, was einen zu 
dieser Mittelstellung bestimmt : ob der Ge- 
schmack oder der Nutzen. Es scheint sehr, 
als spiele hier wiederum lediglich jener tragi- 
komische Respekt vor der Mitte. Je kleiner 
allerdings ein Raum, desto mehr gilt das 
vorhin Gesagte vom Gefallen an der Regel- 
mässigkeit als einem elementaren Geschmacks- 
faktor. Ein kleines Zimmerchen, ein kleines 
G Örtchen geben nicht leicht Gelegenheit, so 
viel Schönheit zu entfalten , dass sich die 
iMannigfalligkeil eines tengliscben Stils* lohnen 
würde; da wird sich eine Ampel, die von der 
genauen Mille der Decke herabhängt, und 
ein kleiner Wasserstrahl im Zentrum jenes 
Häufchens von Gras und Kies wohl als 
passend erweisen. 

Wo indessen das Bedürfnis streng ge- 
bietet, dort müssten GeschmacksgewohnheUen 
weichen. Unsere eigentlichen Arbeits- oder 
überhaupt Thätigkeitsräume zeigen noch am 
ehesten eine freie Mitte: so meistens die Küche, 
ein Gemach, das man wegen seiner sehr nötigen 
Freiheit von Künstlichkeiten und seiner natür- 
lichen Aasprägung seines Zwecks bereits als 
den ästhetisch wertvollsten Bestandteil unseres 
Wohnungswesens gerühmt hat. Das hindert 
freilich nicht, dass grössere Küchen und Labora- 
torien je nach Bedarf, aber nicht nach 
* Ästhetik', die Mille durch einen Herd oder 



DEKOnATIVE KUNST. HEFTS. 



MITTE FREI! 



dergleichen ausgefüHl haben. Auch der er- 
freuliche Zug von Natürlichkeif ferner, der 
aas einer Werkstätte, zumal einem Atelier, 
selbst aus einem Kinderzimmer entgegenweht, 
mag grossenleils auf die freie Mitte und ihre 
guten Folgen, wie i. B. bequemere Ausblicke, 
zurückzuführen sein. Wenn wir ein Atelier 
und ebenso alte Stadtansichten malerisch 
nennen, so gehört zu diesem Malerischen ganz 
besonders der Gegensatz gegen die im eigent- 
lich Architektonischen grossenleils unvermeid- 
lichen geometrischen Hegelmässigkeiten. Dass 
die Malerei selber am allerwenigsten der Mitte 
zu huldigen hat, , ausser vielleicht insofern sie 
dem Monumentalen und dem Architektonischen 
oder wenigstens Ornamentalen nahe kommen 
soll, braucht wohl nicht erst betont werden. 

Aach in anderen Räumlichkeiten als denen 
des Wohnens kehrt die Frage nach der Mitte 
wieder. In Ausstellungssälen hängen freilich 
die Bilder an den Wänden, und allmählich 
wird man geschmackvoll genug, diese Massen 
durch ein oder das andere künstlerische Nichts 
zu unterbrechen. Trotzdem entgeht nicht so 
leicht eine Mitte dem Dämon des Verstellens, 
und wenn's auch nur ein Bronzeßgürchen auf 
einem Postamentchen wäre, welche beiden in 
einer Ecke sich doch so wohl befinden könnten. 
Die zwei Ausstellungen des Jahres 1897 zu 
München und die zu Dresden verslellten ihre 
Eingangskuppelhallen gerade in der Mille, 
also auf dem lebhaftesten Kreuzungspankt der 
Besuchswege, mit grossen Gruppen. 

Dasselbe finden wir in den eigentlich ge- 
werblichen Gebieten. Die Würde des Menschen 
oder vielmehr des guten Bürgers scheint am 
besten durch Bucheinbände gewahrt, die vorne 
genau in der Mitte etwa eine goldene Welt- 
kugel tragen, oder durch Becher, die ebenso 
ein passendes Ornament zeigen, oder durch 
Teppiche, deren Linien gleichmässig von allen 
Seilen ein Mittelbild umrahmen, dieses natür- 
lich ganz folgerichtig verborgen unter einem 
in der genauen Mitte darüber gestellten Tisch. 
Allein bereits kennen wir Bucheinbände, deren 
Tilelworle oder Tifelsgmbol mit einer vielleicht 
mehr oder minder affektierten Zurückhaltung 
in eine Ecke gerückt sind, und in ähnlicher 
Weise andere Neuerungen in kunstgewerb- 
lichen Einzelheilen. Bei den Taschentüchern 
freilich hat schon längst das Gebrauchs- 
bedürfnis so viel vermocht, das Monogramm 
von der Mitte weg in einer Ecke zu halten. 

Beim modernen Gewerbe kommt nun haupt- 
sächlich der Umstand in Betracht, dass es 
sich, kurz gesagt, vom Geometrischen zum 
Organischen wendet. Man ist des vielen Orna- 
mentenwerks, das so schön Peripherie und 



Mittelpunkt scheiden Hess, herzlich satt, und 
herzhaft wird nun in die Welt der pflanz- 
lichen Vorbilder und der sie neu gestaltenden 
eigenen Phantasie gegriffen. Man sehe sich 
z. B. die Teppiche und teppichähnlichen Ar- 
beiten von Hermann Obrist an, mit ihren 
allerdings dem Gebrauchszweck und Stoff ent- 
sprechend gleichmässigen, aber ganz einfach 
gleichmässigen Beihen freikombinierter Natur- 
molive: hier fehlt von vorn herein schlechter- 
dings jede Gelegenheit zu einem Milteleffekt. 
Ähnliches gilt oon mannigfachen anderen 
Leistungen der neuen deutschen angewandten 
Kunst, wie sie die Münchner Ausstellung von 
1897 in eigenen Zimmerchen, eingerichtet von 
den Herren Th. FISCHER und M. DDLFER, 
vorgeführt hat. Ein Vergleich mit den in 
derselben Ausstellung enthaltenen Zimmern 
arabischer und klassizistischer (Empire-) Aus- 
stattung Hess sich natürlich nur zum Teil 
ziehen, zeigte aber doch, dass eine Befreiung 
von dem Absolutismus oder sagen wir geradezu 
Terrorismus der Mitte Jenes neue deulsche Ge- 
werbe auszeichnet, auch wenn andere Nationen 
derzeit ebensogut daran sein mögen. 

Schon einmal, vor drei bis vier Jahrhun- 
derten, hat der natürliche, individaalisiische 
und sozusagen organische Sinn der germani- 
schen Völker sich in dem Gegensatz der freier 
bewegten, zumal nicht gern sgmmetrischen 
Renaissance Deutschlands zu der geometrisch 
geschlosseneren Italiens Luft gemacht ; und seit- 
her war es immer wieder das 'Geheimnis der 
Formt oder besser der sogenannten Form, das 
uns der Süden mit niemals vollkommenen Erfolg 
zu lehren versuchte. Heule kehrt der damalige 
Widerstand eines deutschen Stils gegen einen 
italienischen Stil und der spätere eines eng- 
lischen gegen einen französischen wieder. Eine 
Folge dieses abermaligen Widerstandes ist der 
allmähliche Rückgang des Götzendienstes, der 
mit der Mitte getrieben wird. Unser Ruf nach 
freier Mitte aber, mag er nun dem Stadt- 
architekten oder dem Teppich Zeichner, dem 
Gärtner oder dem Dekorateur gelten, soll einer 
der Rufe sein, durch die zwar keine neue 
Kunst und kein neuer Stil gemacht, aber doch 
wenigstens ein 'Aberglaube vernichtet werden 
dürfte. HANS schmidkvsz 



T. C. DUGDALE (Uanchnl 



C. JV. ELLWOOD (Hollouiaff Schult) 



drnate einrt Klavli 



KORRESPONDENZEN 



IONDON — Das ^Department of Science 
and Art* erhielt, wie die Zeitungen 
-J melden, durch das Auswärtige Amt die 
Mitteilung, dass zufolge Dekrets des Königs 
von Spanien in Madrid eine spanische In- 
dustrie-Ausstellung am 20. Okt. dieses Jahres 
eröffnet werden soll. 9 Die kgl. Schule für 
Kunststickerei macht alle Anstrengungen, sich 
auf der Höhe der Zeit zu halten ; neben den 
Cbungsklassen für die gründliche und syste- 
matische Ausbildung der Schüler wurden Vor- 
lesungen über verschiedene auf Stickerei und 
Ornamentieichnen bezügliche Gegenstände ein- 
geführt. Den ersten Vortrag hielt WALTER 
Crane im 'Imperial Institule* am 3. März 
dieses Jahres; ihm folgten eine Reihe von 
Vorlesungen durch einen andern Fachmann, 
und ebensolche sind für den Herbst in Aus- 
sicht gestellt. 9 Der Gebäudestock des Soulh 
Kensington Museums, in welchem Kunslschätze 
Don unersetzbarem Werte aufgestapelt sind, 
giebt seit Jahren zu Klagen und Bedenken 
Anlass; nicht nur wegen der mangelnden Über- 
sichtlichkeit dieser unvollendeten und provi- 
sorischen Anlage, wofür als Entschuldigung 
gellen mag, dass bis jetzt kein Plan beschafft 
werden konnte, welcher allen Ansprüclten ge- 
nügt hätte, sondern wegen der grossen Feuers- 
gefährlichkeit, die durch den letzten Bericht 
einer zu diesem Zwecke zusammengetretenen 
Kommission bestätigt wurde. Als einzige prak- 
tische Folgerung hieraus wurde die Versetzung 
einer besonders feuergefährlichen Hätte be- 
schlossen, welche seit langem in dem offenen 
Baume zwischen den Flügeln des Mittelbaues 
stand und nun weiter abgerückt wird. Damit 
scheint man sich beruhigt zu haben. Hätte 
es sich um irgend eine neue Kriegswaffe ge- 
handelt, die mehr Menschen zu töten vermag 



als eine andere, so wären Mittel sicherlich 
sofort bereit gewesen. Da es aber nur eine 
Angelegenheit der Bildung and Erziehung 
unseres Volkes anbelangt, wird so » Ün- 
wichtigest auf bessere Zeiten verschoben. Ich 
dächte, man hätte schon lange genug auf 
diese Zeiten gewartet, und der Augenblick 



J. HALNOfi (Htm Cron SthaU) 



wäre endlich gekommen, eine Umwandlung 
dringend zu erheischen. Diese Angelegenheit 
ist geradezu entehrend für unser Land. Denn 
ivie unser grosser William Morris zu sagen 
pflegte : die alten Denkmäler und Kansischätze, 
die uns vergangene Zeilen überiieferl haben, 
sind nicht das ausschliessliche Eigentum eines 
Landes, sondern das Erbe der ganzen Mensch- 
heit, und England ist nicht nur sich selbst, 
sondern der ganzen Welt verantwortlich für die 
sichere Erhaltung der anschätzbaren Kunst- 
werke in seinem Besitze, jener Schätze, deren 
Verlast durch keinen Reichtum ersetzt werden 
könnte, denn die Toten, die sie geschaffen, 
erstehen nicht wieder. Ein Vorkommnis, 
das uns betrifft, wenn es sich auch nicht hier 
zugetragen hat, mag in diesem Berichte Er- 
wähnung verdienen. Herr Jean Lahor in 
Paris, ein eifriger Bewunderer des verstorbenen 
Morris und Anhänger der gegenwärtigen 
Entwicklung der dekorativen Künste in Eng- 
land, hat kürzlich einen Vortrag veröffentlicht, 
den er in der Universität zu Genua im ver- 
gangenen Januar gehalten hat. Es mag 
vielleicht kleinlich scheinen, die wenigen Fehler 
anzuführen, die die Schrift enthält, wie z. B. 



dass als MORRIS' Todestag der 4. statt der 
3. Oktober 1896 angegeben wird, dass das Jahr, 
in welchem er die alte Offizin von Merton 
Abbey in Surrey übernahm und dort seine 
Werkstätle errichtete, 1881 (Juni) und nicht 
187i war; und dass es ein Irrtum ist, anzu- 
nehmen, Morris' utopischer Roman» News from 
nowheret habe die Inspiration zu BellamYs 
»Looking backward^ gegeben — das zwei 
Jahre vorher erschienen war; eher das Gegen- 
teil ist der Fall, da Morris sein Buch als 
eine Art Antidot gegen jene falsche Auffassung 
des Sozialismus schrieb, welclxer auch der 
amerikanische Schriftsteller zuneigte. Aber 
auch im übrigen wäre zu wünschen gewesen, 
Lahor wäre mit kritischerem Urteil an die 
Lobpreisung moderner englischer Werke heran- 
getreten. In die Bewunderung für MORRIS 
schliesst er eine Menge Dinge mit ein, oder 
schreibt sie seiner Schule und seinem Einfluss 
zu, welche MORRIS als Erster verurteilt hätte, 
besonders auf dem Gebiete der Architektur. 
(Uns fällt auch die ungerechte Behandlung 
der bedeutendsten Brüsseler Architekten zu 
Gunsten ihrer Nachahmer auf. D. R.) Alles 
in allem aber können wir nur dankbar sein 
für den Tribut, der uns hier von einer be- 
nachbarten und befreundeten Nation gezollt 
wird. Indem er Gegenwart und Vergangen- 
heit vergleicht, sagt der Autor: 'Rappeions 
que l'Angleterre avait ete bat tue dans les 
grandes expositions artistiquea, qu'elle s'efail 
humiliee, avait, comme il convenait, reconnae 
ses defaites, et que bientöl, avec sa tenace et 
puissante volonte, eile s'etail rearmee, preparee 
pour mieu.r lutter et pour vaincre. Ce mouve- 
ment palriotique d'opinion se manifesla, par 
la crealion, en tout le rogaume, d'icoles d'art 
et de musees speciaux.t — Sei es nun Scham- 
gefühl oder Ehrgeiz, wie Herr LAHOR be- 
hauptet, oder irgend ein anderer Grund — 
sicher ist, dass dieser grosse Aufschwung vor- 
handen ist, dass die grossariige Organisation 
der Kunstschulen in Verbindung mit der 
Zentralschule von South Kensingion in der Ver- 
breitung künstlerischer Grundsätze und in der 
Heranbildung von Künstlern eine weitwirkende 
TItal vollbracht hat. Die Daseinsberechtigung 
dieser Unterrichtsanstalten — das muss be- 
sonders betont werden — liegt nicht darin, 
Bildermaler zu züchten, sondern in der Pflege 
und Entwicklung der künstlerischen Seite 
unserer gewerblichen Manufakturen. Jeden 
Sommer wird in eigens dazu eingerichteten 
Räumen des South Kensington Museums 
eine Ausstellung der Preisarbeiten im natio- 
nalen künstlerischen Weltbewerbe veranstaltet. 
Der Bericht darüber giebt an, dass nicht 



il. H. BAXTER (Lehatrr) Detail out tintm FHa 

weniger als S2 000 Arbeiten zur letzten Jahres- 
prüfung von den verschiedenen Klassen der 
Kunstschalen — eingerechnet jene des Landes 

— eingesandt wurden. Diese Ziffer bezeichnet 
sicherlich nicht die Gesamtzahl der Schäler- 
arbeilen des' letzten Jahres, sondern nur jene, 
welche nach Ansicht der Lehrer gut genug 
waren, um der offiziellen Prüfung unterstellt 
zu werden. Es ist dabei interessant, zu be- 
obachten, wie die Ansprüche an die ausge- 
stellten Werke sich von Jahr zu Jahr steigern, 
und dass trotzdem gewisse Fehler immer wieder- 
kehren. So macht sich in den Zeichnungen 
für Tapeten, Cretons u. dergl. ein Strien 
nach Besonderlichkeit, eine Sacht nach Origi- 
nalität bemerkbar, welches die seltsamsten 
Formen bedingt. Auch scheint es, dass der 
Zweck, dem ein Werk dienen soll, den Schülern 
nicht immer klar vor Aagen stand. So ist 
es wohl eine einleuchtende Bedingung für das 
Muster eines Bodenteppichs so gut wie für die 
Zeichnung eines Plafonds, dass es von jeder 
Stelle des Zimmers aas betrachtet werden 
könne, ohne dass es dabei auf dem Kopf 
steht. Und doch zeigt ein sonst sehr schöner 
Entwarf für einen Teppich mit hübsch stili- 
sierten and erfundenen Vogelformen von einem 
Schäler in Macciesfield in der Mitte ein Rund- 
stück mit einem Eichhörnchen, das nur von 
einer bestimmten Seile gesehen aufrecht er- 
scheint. Eine Zeichnung — aus Scarborough 

— für ein Damast-Tischtuch hut, im übrigen 
wunderschön, eine Bordüre, in welcher die Trut- 
hühner auf dem Kopf stehen. Man sollte sich 
doch klar werden, dass eine Tischdecke nie 
von der Mitte aus gesehen wird und dass 
folglich das Ornament stets von den äusseren 
Seiten oder Ecken aaszugehen hat, während 
umgekehrt bei einem grossen auf dem Boden 
liegenden Fussteppich der Beschauer darauf 
zu stehen pflegt and das Muster daher von 
der Mitte ausgehen soll. Unter den Stickereien 



finden sich viele sehr tüchtige Stücke, nicht 
nur auf Papier entworfene Zeichnungen, 
sondern auch ausgeführte Arbeiten. Miss 
KemPs Büffetiläufer hat eine hübsche Bordüre 
mit gut und klar ornamentierten Blumen. 
Aber die langen- Verbindungsstengel, die alle 
von einem Zentrum ausgehen, wirken zu ver- 
worren. Arthur Baxter aus Leicester hat 
sechs vorzügliche Entwürfe zur Ausstattung 
einer Bibliothek ausgestellt. Der Grundton ist 
grün und alle Einzelheiten sind harmonisch 
ausgearbeitet und wohldurchdacht, vom ge- 
malten Wandfries bis zu den Beleuchtungs- 
körpern und Thürbeschlägen. Ein anderer 
Entwarf für Innendekoration stammt von 
Albert Coumber aus New Gross, der uns 
die hübsche Ausschmückung eines türkischen 
Bades zeigt mit mosaikbedeckten Wänden und 
lünettenartigen Bleifenstern. Von G. M. ELL- 
WOOD von der Hollowag Schule sehen wir einige 
ausgezeichnete Arbeilen, so das Panel für die 
Vorderseite eines Pianos in Gips mit leichtem 



Miu KEMP (Canltrbarg Schule). Halftt einet Laufen 



E. C. SIIEPIIERD 



Cyetan 



n-MofJv fOr . 



Kolorit, das sich zart von dem nalürlidten 
Eichenholze abhebt. Die Schrift ist in Gold, 
in den beiden Medaillons aber klingen Gold, 
Fleischlon, blasses grün und heliotrop schön 
zusammen, während die zarten Ausläufer der 
Pflanzen weiss gehalten sind. Die Zeichnung 
eines dreiteiligen Wandschirmes ist von dem 
gleichen Künstler, der Mittelteil aus Kupfer, 
die beiden Flügel in grün and anderen Tönen 
gefärbtem Holz gedacht. Im ganzen waren 
die Zeichnungen für Metallarbeiten, namentlich 
für elektrische Beleuchtungskörper, welche sich 
doch so besonders für dekorative Behandlung 
eignen und den jungen Künstler zu selbst- 
ständigen Leistungen anregen sollten, durch- 
aus unbefriedigend. Man könnte vielleicht 
Miss COGGlN's (aas Neiv Gross) Ofenschirm 
in Schmiedeisen mit Abteilungen aus durch- 
brochenem Kupfer davon ausnehmen, wenn 
nur die Schilder an den gotischen Kreuz- 



1. U. B.i.\TER (Uieattr) 



blumenknäufen za beiden Seiten mit dem 
übrigen besser übereinstimmten. Ein anderer 
Künstler ans New Gross stellte einige gute 
Zeichnungen für Melallsachen aus, dabei einige 
Thürfüllungen, denen die Form der Distel zu 
Grande liegt ; während Edward C. Shepherd 
unter anderen Zeichnungen einen Schloss- 
Beschlag ausstellte, der der Form des Cgcla- 
mens nachgebildet ist. FREDERICK Halnon's 
Entwurf für eine Uhr ist ausgezeichnet und. 
besonders willkommen im Hinblick auf die 
gebräuchlichen schauderhaften Zeichnungen 
der Fabrikanten, die überall im Gebrauch 
vorherrschen. In Alfred WRlCHfs Zeich- 
nung für bemalte Ziegel ist die Einheit der 
Wiederholung innerhalb der Grenze Jedes ein- 
zelnen Ziegels gewahrt, ohne dass das Ganze 
irgendwie einen anerfreulichen Eindruck des 
Verzerrt- oder Zusammengepresstseins macht. 
Für Bach- Ausstattung waren einige treffliche 
Zeichnungen oon leinenen 
Einbanddecken ausgestellt, 
einschliesslich einer für das 
Werk »The Year that the 
locust halh eatent, in dem be- 
kannten Pfauenfeder-Thema; 
desgleichen finden wir eine 
Anzahl Entwürfe für Buch- 
deckel, die, von einem Glaplon- 
Schüler herrührend, eine neue 
Art der Anwendung von 
Schablonen zeigen. Die Idee 
hätte mit grösserem Erfolge 
angewandt werden können, 
wenn die Formen etwas ge- 
nauer betont worden wären. 
Unter den am meisten fesseln- 
den Zeichnungen der ganzen 
Ausstellung sind die Stadien 
für naturgeschichtliche Vor- 
würfe, ornamental behandelt, 
Bibiioihekümmcn ZU erwähnen; indessen, so 



Ät/ir sie unsere Bewunderung 
verdienen, möchte man doch 
wünschen, däss der Künstler 
noch einen Schritt weiter ge- 
gangen wäre und die gleichen 
Formen in praktisch verwend- 
bare Entwürfe gebracht hätte. 
Der hier entfaltete dekorative 
Sinn ist ausserordentlich, wie 
z. B. in der vortrefflichen 
Studie einerHausschwalbe, als 
Silhouette behandelt. Andere 
Studien von Eulen, Seemöven 
u. s. w. offenbaren grosse 
Fähigkeiten und berechtigen 
zu der Hoffnung, dass wir 
von diesen Zeichnern in Zu- 
kunft noch schöne dekorative 
Sachen zu erwarten haben. 

AYMER VALLANCE 



1. H. BAXTER (Ltlcetter) 



BERLIN — Wenn im Herbst in den 
Museen und privatenAusslellungsräumen 
rechte Schausammlungen gewerblicher 
Kunst nicht mehr oder noch nicht zu stände 
kommen, dann bringt das Geschäftsinteresse 
immer noch einige kunstgewerbliche Neuheilen 
in die bunten Auslagen der Kaufhäuser. 
Leipzigerstrasse, Friedrichstrasse, Linden; auf 
diesem Wege hält die permanente Kunstmesse 
ihre Kramläden offen, und der Gang durch 
diese Strassen zeigt heute fast alles, was von 
internationalen Bestrebungen def Kunsthand- 
werkes sein Publikum sucht. Statt in der 
grossen Kunstausstellung ein geschlossenes Bild 
der gegenwärtigen Kunst in der Industrie zu 
finden, mass man hier aus dem Wust der 
Läden sich mühsam die Elemente sammeln, 
die eine Anschauung 'geben vom Wesen der 
modernen Dekoration. 



Es ist eine erschöpfende Arbeit nötig, um 
in dem Dornengestrüpp zu beiden Seiten ein 
paar Blüten zu finden. Denn Kunstgewerbe 
ist eigentlich überall hier. Es ist in den Kaffee- 
häusern und Aschingerstuben, beim Bäcker 
and beim Schlächter; kunstgewerblich sind 
die Bonbonschachteln, die Firmenschilder und 
die Zigarrenetiketten. Wer kann heute ohne 
blinkende Kunst sein Geschäft betreiben. 

Der gute Geschmack empfindet das ja nicht 
mehr; aber es ist darum nicht weniger vor- 
handen, es ist nicht weniger tgpisch, jede 
Erbärmlichkeit für sich. Hinler jedem Erzeug- 
nis steht einer aus dem grossen Heere der 
künstlerischen Halbbildung, und so wird das 
Lächerliche zu einem ernsthaften , sozialen 
Ereignis. Man muss sich das sagen, um nicht 
die wenigen guten Sachen in ihrer Bedeu- 
tung zu überschätzen. Ein paar feinsinnige 



V/u WALDRON 



Schablonrii ßr^Ex-librli 



ÖERLIN 



tfiu DAWSON rSingUg) 



Zelehnung 



Passanten, die selten auch Käufer sind, haben 
iltre Freude daran; das ist alles. 

Bei KaySER ist ein Schaufenster gefällt mit 
reichverziertem Tafelgeschirr aus Zinn. Sehr 
bezeichnend für unser anpersönliches Kunst- 
gewerbe heisst dieses Fabrikat ' Kayserzinn f^; 
die Komposition der Metallmasse ist ein Ge- 
heimnis der Firma. Nicht der Name des das 
Rohmaterial formenden Künstlers wird ge- 
nannt, sondern die in rätselhafter Anonymität 
thronende Firma. Das ist so die Gepflogen- 
heit all unserer Geschäfte. Übrigens ist bei 
diesen Zinnarbeiten der Name des Künstlers 
sehr gleichgültig, denn es sind in Kunst and 
Technik nur schlechte Nachahmungen der 
feinen, nervösen Arbeiten von Charpentieii 
und DUBOIS, die sich das Zinn für ihre per- 
sönliche Dekorationsfreude erst neu entdeckt 
haben. Die Ziermotive, selbst die naturalisti- 
schen, sind aus bekannten mittelmässigen 
Sammelwerken zusammengesucht , und die 
Kühnheiten, die den Franzosen Temperament- 
sache waren, sind hier imitiert, mit thörichter 
Freude am springend Gegenständlichen. Nach- 
geahmtes Temperament — das ist schrecklich. 
Die weichen, zeichnerischen Reize, die Jene 
französischen Künstler dem Material entlockten, 
sind dabei zu der Wirkung versilberten Gips- 
stuckes vergröbert worden. 

Das ist der erfreuliche Gegensatz fast aller 
englischen Arbeilen, und eine starke Ursache 



der allgemeinen Wirkung ihres Kunstgewerbes, 
dass sie vor allem das Technische genau 
kennen und dem Material neue künstlerische 
Gestaltungsmöglichkeiten dadurch abgewinnen. 
Die englischen Thonwaren im Hohenzollern- 
Kaufhaus, so miltelmässig sie in vielen Einzel- 
heiten der Form sind, wirken sehr interessant 
durch die geachickte Art, mit der der Glas- 
fluss getönt ist und durch das reinliche, von 
der üblichen " malerischen ^ Sudelei sich vor- 
teilhaft unterscheidende Auftreten der Grand- 
masse im Ornament. Auch einige gewebte 
Tüllgardinen erfreuen durch vorzügliche 
Maschinenarbeit, so offenbar an ihnen auch 
der Stillsland in der Erfindung origineller 
Muster bei den Engländern wird. 

Wenige Häuser weiter bietet sich der Be- 
weis, dass die raffinierteste Technik in den 
Händen der Manier wenig zu befriedigen ver- 
mag. Wer die Schaufenster der königlichen 
Porzellan-Manufaktur einmal gesehen hat, der 
kennt damit auch das ganze Gebiet der künst- 
lerischen Produktion dieses Instituts: es ist 
ewig das tflutschiget, elegante Berliner Rokoko. 
Man kann der künstlerischen Leitung die ent- 
schiedensten Vorwürfe nicht ersparen. Hier 
ist einmal eine Fabrik, die ohne geschäftliche 
Rücksicht eine Musleransfalt in jedem Sinne 
werden könnte. Jeden wirklichen Künstler 
müsste es reizen, die überreichen Ausdrucks- 
miltel der Porzellanfabrikation in den Dienst 



THÜRINGEN 



einer persönlichen Schmuckanschauang zu 
stellen. Die enge Vereinigung der Bildhauer- 
arbeit mit der Malerei erlaubt den Ausdruck 
der kompliziertesten and wechselreichsten Zier- 
gedanken. Und doch zehrt die Kunst der 
Manufaktur noch immer von dem Erbe 
BoucHER's, Watteaü's und CüVlLLl^'s. Die 
Technik ist ja nach einer Richtung hin aus- 
genutzt, die Herstellung vorzüglich, aber die 
Kunst ist ohne jedes moderne Empfinden? 
Kopenhagen, das in der Friedrichstrasse seine 
feinen Arbeiten zeigt, Siures und selbst Ber- 
liner Privatfirmen sind dem königlichen In- 
stitute weit überlegen. 

Auf einem einzigen Gebiete ist allgemeine 
Sommerbläte — es ist das Gebiet, das der 
Frau allein, ihrer Toilette gehört. Das Material 
ist hier ja an sich schon künstlerisch, und 
seine natürlichen Eigenschaften wirken oft 
auch wie Kunst; trotzdem ist es erstaunlich, 
wie die Industrie mit dem Beirate der Frauen 
— die, im eigennützigsten Interesse, Känstler- 
temperamente von Natur sind — alle Möglich- 
keiten tausendfältig ausnutzt. — Bei Petrus 
sind einige Zusammenstellungen von Seide und 
Spitzen, die, neben dem alle Sinne streicheln- 
den Genuss, noch zeigen, dass die Spitzen- 
fabrikation, trotz iOO jähriger Konvention, 
moderner empfindet als andere Kunslinduatrien 
ohne weite Vergangenheit. Diese mit der 
Maschine hergestellten Tüllspitzen und Täll- 
stickereien sind schon in ihrer klaren Zeich- 
nung und voll malerischen Wechsels in der 
Fadenführung. Es macht prickelnde Freude, 
an den Säumen der strahlenden Kleiderflächen 
diese Zierlichkeiten zu finden, über den farbigen 
Untergrund ihr reizendes Blütengespinnst zu 
verfolgen. Was der Kunst verloren ging, die 
Beziehung zum Leben, die Frau hat es in 
ihrem naiven, glücklichen Schmuckinstinkt 
immer festgehalten. kabl scheffler 



GRIMSTONE (Glasgow) CrtlonmiaUr 

THÜRINGEN — Es ist eine Freude, wenn 
man, nachdem fast ein Jahrhundert der 
schlimmsten Geschmacksverwirrung, der 
Unsolidität und der schlechten Fabrikware 
dahingegangen, auf ein einsames Dorf kommt 
und dort, unberührt von allem, was draussen in 
der Well vorging, eine bäuerliche Werkstätte 
findet, in der mit grosser handwerkerlicher Ge- 
schicklichkeil und in seiner ein fachen Weise doch 
mit künstlerischem Stilgefühlnach uralten Tradi- 



Thanngrr Täpferiuaren 
DEKORATIVE KUNST. HEFT 2. 



THÜRINGEN - MÜNCHEN 



p. HBIDER, ThongefOm 

Honen gearbeitet wird. Ich fälire im obigen 
Bilde einige Beispiele der Thüringer Töpfer- 
waren vor, wie man sie noch an entlegenen Orten 
findet und auf die ich die Aufm^ksamkeit 
lenken möchte. Die mit einem Henkel ver- 
sehenen Gefässe sind Krüge, in denen der 
Bauer seinen Trunk mit aufs Feld nimmt 
(wozu auch besonders die hier nicht abge- 
bHdelen dickbäuchigen, enghalsigen Thon- 
flaschen gehören); das zweihenkelige Gefäss 
• isl eine bäuerliche Blumenuase. Die Form 
ist bäurisch derb, plump, aber charaktervoll ; 
dagegen weist die Farbe Reize auf, die za dem 
entzückendsten gehört, was einfache Töpfer- 
waren geben können. Die Gefässe rechts und 
links aussen haben eine eigentümlichschillernde, 
an Schhmgenhant erinnernde Oberfläche, deren 
grüner Graodton ein in allen Farben spielenden 
Glanz zeigt. Das dunkle Gefäss ist in einem 
wundervollen tiefen Blaugrün mit metallischem 
Glanz gehallen. 

Hier ist ein Material gegeben, das nur des 
Künstlers, der es za neuen Schöpfungen aus- 
beulet, harrt and das in seiner Eigentümlich- 
keit in den Töpferwerkstätten anderer Gegenden 
nicht zu finden. 

SCHÜLTZB-NADMBÜRG 



^ui Llllaaer't Kaiatialon 

MÜNCHEN — Wir bringen neben- 
stehend die letzten Arbeiten der 
keramischen Familie von HEIDER: 
Ein Vater mit seinen drei Söhnen, von welchen 
jeder eine Species der keramischen Kunst ver- 
tritt und die so in ihrem Zusammenwirken 
als etwas Einheitliches aufzufassen sind. 
Wer sie in ihren Ateliers an der Mai- 
strasse aufsucht, empfängt dort den Eindruck 
ihres ernsten Schaffens, er sieht Künstler, die 
sich nicht scheuen, Handwerker zu sein. Das 
drückt sich auch in der Tüchtigkeit ihrer 
Arbeiten aus, von welchen wir vor allem den 
Tierfries aus glasierten Fliessen hervorheben 
wollen als eine der besten Leistungen dieser Art. 
Der nach dem Entwurf wiedergegebene kraft- 
voll slilisierte, vorwärts stürmende Büffel, dessen 
Bewegung durch das Astwerk links und rechts 
gesteigert und wieder festgehalten wird, ist 
ein Beispiel der ganz vorzüglichen Lösung 
des Vorwurfs, welchem die Künstler auch in 
seinen übrigen Teilen mit Darstellungen von 
Steinböcken und einem Pantherpaar so grossen 
Reiz, so markige Form zu geben wussten. Die 
mit Tierköpfen verzierten Vasen, die etwas 
an KAHLER's ähnliche Leistungen erinnern, 
zeichnen sich besonders durch ihre klare, 
vornehme Kontur aas and durch den vor- 



L. TIFFANY, Neu/ York, Zlrr^lOier 




KcramlKhe Arbellen 



MÜNCHEN — PARIS 



G. LACOMBE. Vtrtama 

züglicben Übergang des Körpers der Vase 
zur Verzierung. Aber auch die Konsiruklion 
der übrigen Gefässe weist, wie z. B. die beiden 
Slücke unserer Abbildung links unter dem 
Büffel zeigen, einen grossen Fortschritt in 
Beziehung auf präcise charaktervolle Form- 
gebang auf Die HEIDER'schen Arbeiten sind 
mit die besten dieser Art, welche zur Zeit in 
Deutschland hergestellt werden. Möge ihr 
Beispiel anregend wirken. In LlTTAl'ER's 
hübschen Räumen war eine Ausstellung iion 
Gläsern und keramischen Arbeiten uon GALl.t, 
TiFFASY, Heider, Schmuz-Baudiss u. a. zu 
sehen. Tiffany's Ziergläser wirken vor allem 
durch ihre nicht wiederzugebenden Farben- 
und Lichleffekte, welche von einer Vollendung 
in der Technik der Glasherstellung zeugen, 
hinler welcher unsere deutsche Fabrikation 
leider weit zurückbleibt. Der Amerikaner hat 



H. DE TOULOUSE-LAUTREC 



Bolxtchnibertl 

in der Verwendung und Verbindung ver- 
schiedenfarbiger Glasflüsse eine Geschicklich- 
keil und Sicherheit erreicht, welche ihm ge- 
stalten, damit umzugehen, wie der Maler mit 
Pinsel und Farbe. Darin — nicht in der 
oft unproportionierten Form dieser Gläser — 
beruht ihr grosser Werl. — cd — 

PARIS — Die Reisezeil ist nicht vorüber- 
gegangen, ohne dass die Eisenbahn- 
uerwaltungen die Mitwelt zu recht, 
fleissiger Benutzung der ihr zur Verfügung 
gestellten Beförderung smitiel einluden. Und 
da es sich um französische Verwaltungen 
handelt, so haben sie den Einladungen selbsl- 
versiändlich nicht die Form einer trockenen 
Anzeige gegeben, sondern die der illustrierten 
Affiche. 

Zum Besuche der Normandie und Bretagne 
rufen zwei Afflehen von PAUL 
Berthon und von L. Ko- 
walski. Beide ohne Interesse. 
Auch die von Pal für die 
West- und Brighton - Bahn 
ermangelt besonderen künst- 
lerischen Wertes. Die beste 
Reiseanzeige hat in diesem 
Jahre zweifellos die Staals- 
bahn gegeben. Sie ist von 
G. Meunier und soll die 
Zahlungsfähigen auf die 
Schönheilen des Seebades 
Royan aufmerksam machen, 
gehört aber nicht zu den 
besten Mevniers. Zwei 
junge, hübsche, elegante 
Blondinen, denen die Aus- 
sicht auf den Badeort zum 
Hintergrunde dient, gehen am 
Strande spazieren. Da gerade 
von Af flehen gesprochen wird, 
so sei auch die neueste von 



PARIS — DRESDEN — HAAG 



C. LACOMBE, Vertalllet 

H. DE Toulouse- Lavtrec für den Pbolo- 
graphen Sescau erwähnt. Sie zeigt (siehe 
S. 92) den ganzen, ausserordentlichen Chic 
dieses Künstlers, seine Leichtigkeit, die freilich 
schon ein wenig die Nachlässigkeit streift. 
Ein unter dem Tuche schwitzender Photograph 
visiert eine dem Apparate den Rücken kehrende 
roigekleidete Pariserin, 

Alles in allem : die Glanzzeit der Pariser 
Afßche ist vorüber, sie konnte der Notar der 
Sache nach nicht lange dauern ; eine lediglich 
auf Laune und guten Einfall gegründete 
Malerei hat keinen Bestand. Lävtrec ist der 
einzige noch, der interessiert, und selbst er wird 
nie mehr Höhen wie den DlVAN Japonais etc. 
erreichen. Sein Bestes steckt gegenwärtig in 
den ausgezeichneten Lilbos, die Pellet in 
kleiner Auflage herausgiebt. Das ist das wahre 
Feld jener geistvollen Kunst, die sich vergeblich 
bemühte, durch grosses Formal wirklich deko- 
rative Grösse zu gewinnen. Ein reines Plakat 
hat Frankreich noch nicht geschaffen, trotz- 
dem es die Plakatkunst geboren hat. Es fehlt 
eben auch hier der kunstgewerbliche Gesichts- 
winkel, der bei der Affiche die dekorative Aus- 
nalzang des Textes in erster Linie verlangt. 
Belgien, England, Amerika sind die glück- 
licheren Erben. Der intelligentere Teil der 
Sammler beginnt sich daher auch immer mehr 
diesen Ländern zuzuwenden. SL' ART NOU VE AU 
hat für den bekannten Industriellen Menier 
eine Anzahl Mietsvillen bei Trouville einfach 
and hübsch eingerichtet. Wir bilden einige 
kolorierte Holzschnitzereien von G. LACOMBE 
in Versailles ab, die ein Gegenstück zu 
Zyl darstellen, nur mit geringerer archi- 
lekturaler Betonung. Es sind abstrakte Kunst- 
werke — wenn sie auch zum Teil als die 
Flächen eines Bettes Anwendung gefunden 
haben — aber von so starker dekorativer 
Wirkung, dass sie in unser Bereich fallen. 
Die Note, die der Freund VAS GOGH's, 
Ganguin, der sein Leben in Tahiti verbringt, 
mit seinen Bildern, Schnitzereien und kerami- 
schen Werken in die französische Moderne 



HoliKhnilirrH 

gebracht hat, wird von LACOMBE in origineller 
Weise fortgeführt. unitn-Bouatri 

DRESDEN — Im Kanstsalon der ERNST 
AitNOLD'schen Hofkunsthandlung (A. 
Gutbier) findet gegenwärtig die zweite 
Ausstellung altjapanischer Holzschnitte und 
altjapanischer Kleinkunst statt, die weil voll- 
ständiger ist, als die 1895 veranstaltete Japan- 
Ausstellung. Die ausgestellten Stücke sind mit 
grössler Sorgfalt aasgewählt und charakteri- 
sieren die Vorzüge einzelner Künstler und ihre 
verschiedenen Techniken sehr deutlich. In 
Bälde werden wir auf Einzelheiten dieser so 
lehrreichen und in dekorativer Hinsicht be- 
deutungsvollen Ausstellung zurückkommen, -m- 

HAAG — Colenbrander, in dem man 
den Erwecker der neuen dekorativen 
Kunst Hollands erblicken kann, der 
Schöpfer der wundervollen ersten, modernen 
keramischen Arbeiten der Rozenbourger Fabrik, 
die heute bereits zu den Seltenheiten gehören, 
hat sich ganz auf die Teppichzeichnung ge- 
worfen. Seine Zeichnungen werden in der 
A mersfoort' sehen Tapijtfabriek (Direktoren : 
Garjeanne und Mouton in Haag) in Amers- 
foort bei Amsterdam ausgeführt, mit der der 
Künstler bereits seit längerer Zeil in fester 
Verbindung steht. PH. ZiLCKES schreibt für 
uns eine Arbeit über das Gesamischaffen 
Colenbrander' s, die wir mit Reproduktionen 
des Mobiliars, der Keramik, der Teppiche 



G. LACOUBE 



HobichnIhtrtI 



and allen anderen Zweigen, mit denen sich 
die nie rahende Energie des grossen Dekora- 
leurs beschäftigt hat, publizieren werden. — 
TOOHOP scheint sich auch immer mehr ge- 
werblichen Arbeiten zu nähern. Schon seine 
Plakate and Bacheinbände uerraien deutlich 
diese Tendenz, die ja auch in seiner Malerei 
greifbar hervortritt. Jetzt arbeilet er an einem 
reizenden Kasten, den er in kostbarem Material 
auszufahren gedenkt. 9 Last not least: Thorn 
PitiKKER. Wir behalten ans eine eigene Arbeit 
über die fabelhafte Linienkunst dieses fein- 
sinnigen Geistes vor, der eine ganz separate 
Stellung in Holland einnimmt. -y- 

NEUE BÜCHER.— Otto Eckmann, 
Neue Formen, L Serie. Verlag Don 
MAXSPIELMEVBR,Berlin.PreisM.12.~. 
Schon im vorigen Hefte konnten wir dies 
neue Werk ankündigen, das ans heute vor- 
liegt, und dem wir die nebenstehenden cha- 
rakteristischen Proben verdanken. Die obige Ab- 
bildung gibt die Idee für die Dekoration einer 
Vorhalle oder Einfahrt. Die in dem Werke 



in verschiedenen Farben wiedergegebenen Vor- 
hänge zeigen eine lichtgestimmte and eine 
tiefere Art der Anwendung, und Eckmann 
notiert dazu: 'Die starke Farbe wurde ge- 
wählt, weil es viel schwieriger ist, in kräf- 
tigen Tönen eine Harmonie zu erzielen, als 
in matten and grau gehaltenen. Ausserdem 
entspricht unserem deutschen Auge eine ge- 
wisse massvolle Farbenfreudigkeit (siehe Mem- 
ling, Dürer, Holbein etc.) mehr als die be- 
liebte Graumalerei, welche wir von west- 
lichen Völkern bezogen haben. Die Decke za 
diesem Entwürfe würde eventuell aus einfachen 
Kassetten bestehen können, mit roten and 
gelben Linien angedeutet auf weissem resp. 
gelbem Grande oder aas einem Rande von 
Lilienmotioen.* In ornamentaler Hinsicht be- 
sonders interessant ist die umstehende Rand- 
leiste. Das Ornament ist aus dem Rhyth- 
mus entstanden, welchen der zornige Schwan 
in starker Bewegung macht und das Bei- 
spiel ist lehrreich für die Art der Stilisierung 
überhaupt. Denn nicht in der sklavischen 
Nachahmung und Verwendung von Natur- 



NEUE BÜCHER 



formen, sondern in der eigentümlichen Art 
ihrer Gestallung oder Auflösung liegt das, 
was wir Stil zu nennen pflegen. Von dem 
zornigen Schwane allein die rhythmische 
Linie zu entlehnen und nicht den Schwan, 
das ist das Problem für die ornamentale 
Verwendung. In dieser Beziehung sind denn 
auch jene Blätter Eckmann's am besten, welche 
sich insofern am weitesten von der 
Natur entfernen , als man über der 
neuerstandenen Form das pflanzliche 
oder tierische Vorbild vergisst. 

Eckmann's »JVeue Formen* sind in 
doppelter Beziehung beachtenswert: als 
die bedeutende Leistung eines der ersten 
deutschen Künstler, welche sich dem 
Kunstgewerbe zugewendet haben and 
als ein eigenartiges und ganz persön- 
liches Vorlagewerk für moderne De- 
koration, das nicht nur Vorbilder, 
sondern namentlich Anregung bieten soll. 
Es ist ein erfreuliches Zeichen, dass 
auf diesem Gebiete die neue Bewegung 
sich Bahn bricht, und wünschen wir 
deshalb dem verdienstvollen Unter- 
nehmen, dem der bekannte Verlag eine 
vorzügliche Ausstattung gegebsn hat, 
besten Erfolg. 

H. Friling, Moderne Flachorna- 
mente. Erste Serie, 2i Tafeln, BRUNO 
Hessung. Berlin. 

In diesem Vorlagewerk sind, wie der 
Titel angiebt, Ideen für lextiles HJuster- 
zeichnen und dekorative Malereien aller 
Art, insonderheit Ornamente für Gewebe, 
Druckstoffe, Stickereien, Tapeten, Decken-, 
Wand- und Glasmalereien vereinigt und, 
wie das von dem geübten Künstler nicht 
anders zu erwarten ist, technisfji vor- 
züglich ausgeführt. Das zeigen die hier 
beigefügten Abbildungen. Schon der 
Inhalt spricht von der reichen Er- 
findungsgabe Frilings, und wenn auch 



von den ca. 250 Mustern, welche das Werk • 
enthält, so manche, insbesondere jene mit 
Tierdarstellungen nicht vorbildlich genannt 
werden können, so sind doch die Mehrzahl 
der aus der Pflanze entwickelten Motive, 
namentlich die einfacheren Formen, sehr ge- 
schickt and geschmackvoll komponiert and 
bieten Anregung in Hülle and Fälle. -<ff- 




NEUE BÜCHER 



a. FRILING Aui .«od. Flacharnamenlt. 

FERD. LUTHMER, WERKBVCH DBS DEKORA- 
TEURS, Union, Stalfgart, geb. M. 17.50. 

Ein gutes Buch des Professors der Frank- 
furter Kunsfgewerbeschule, diktiert von künst- 
lerischem, fein beobachtenden Geiste, anziehend, 
mit der vollen Kenntnis des Technikers 
geschrieben, für den ausführenden Fach- 
mann, wie den bedürftigen Laien. Die Dis- 
position klar und übersichtlich, die Illustrierung 
reichhaltig and vielseitig. 

Die Stellung des Verfassers zu ansern 
modernen Bestrebungen zeigt sich in knappen 
charakteristischen Salzen, wie : Stil in höherem 
Sinne ist der einheitliche, der Bestimmung 
durchaus angepasste Grandgedanke, oder: 
darin liegt der Wert einer jeden Hausein- 
richtung, dass sie ein persönliches Gesicht 
hat. Hübsch ist, wasLVTHMER über die Frau 
sagt, in deren Gebiet die Fragen der Wohnungs- 
einrichtung gehören: »Ausser dem Umstände, 
dass die Lebensaufgabe der Frau, die den 
grössten Teil ihrer Zeit im Hause verbringt, 
sie darauf hinweist, ihre Umgebung so an- 
genehm und schön za gestalten, wie ihre 
Mittel nur irgend zulassen, ist mehr noch: 
die Forderungen der Schönheit und Anmut, 
welche sie an ihrer eigenen Person durch die 
Sorge für ihre äussere Erscheinung, ihre Toilette 
täglich zu erfüllen hat und die sie ganz be- 
sonders dazu befähig^, in die durchaus uer- 
luandten Aufgaben der häuslichen Dekorations- 
kunst mit Leichtigkeit einzudringen. Die 
praktischen Studien der Farbenlehre — am 
nar eines anzuführen — welchen sie anaus- 
geseizt bei der Wahl ihrer Toilette obliegt, 
wird sie ohne weiteres bei der Einrichtung 
ihrer Wohnung verwerten können. Und wenn 
wir auch nicht so weit gehen wie unsere 
Grossoäter und Väter, denen jede Beschäftigung 
mit Fragen der Hausaiisstattang als weibisch 
und des Mannes anwürdig galt, so werden doch 
auch wir einen grossen Teil der Sorgen für 
diese Dinge gern unseren Frauen überlassen — 
so wie es unsere germanischen Stammes- 
genossen in England and Amerika schon lange 
thun — sehr zum Vorteil des künstlerischen 



and eigenartigen Charakters, den dort, mehr wie 
bei uns, auch das bescheidenste home trägt. t 

Diese unzweifelhaft richtige Bemerkung er- 
hält besonderes Interesse, wenn man den Satz 
umkehrt and fragt: trägt die englische Kanst 
nicht den Charakter dieser Einwirkung der 
Fraa ? Sollte der süssliche, zarte, weiche Zag 
der modernen Kunstrichtung in England, der 
anbestreitbar etwas Weibliches an sich hat, 
dort seinen Grund and Ursprung haben? Es 
wäre immerhin eine erfreuliche Antwort, die 
der Engländer da dem Franzosen auf sein 
Sprichwort geben könnte: oä est la femmfif 

Wir müssen uns beschränken, eine kurze 
Übersicht über den Inhalt von LUTHMER's 
Buch za geben: Der erste Abschnitt: *Die 
Dekoration in der Haasausstattung * teilt sich 
in die Kapitel über den Beruf des Dekorateurs 
in Vergangenheit und Gegenwart, über die 
theoretischen und praktischen Erfordernisse 
and Kenninisse seines Gewerbes; über die Aus- 
stattung der einzelnen Räume von der Durch- 
fahrt angefangen bis zum Wintergarten. Der 
zweite Abschnitt aber behandelt wohl zum 
ersienmale die sogenannte Festdekoration. Der 
Schmuck der Tafel wie die Triumphpforte, 
das Dirigentenpult wie der Wohllhätigkeits- 
bazfr werden unter einem künstlerischen und 
feinsinnigen Gtsichtswinkel erörtert. 

Das Buch — von der Verlagsgesellschaft 
aaf das beste aasgestattet, verdient volle Em- 
pfehlung. — 05 — 



•Modrrne FlathorRamen 



Vfrlagmntlttll F, liriictni: 



Für die Htdaklioa otra 
mn A.C. Mnndifn. Kau 





angsam hat die Renais- 
sance der dekorativen 
Künste auch im Publi- 
kum neue Begriffe ent- 
stehen lassen. Früher 
war der fortgeschrittene 

Geschmacksmensch 
Sammler, er suchte 
sich Antiquitäten oder 
Bilder, und sein Haus glich entweder einem 
Trödlerladen oder der Filiale eines Museums, 
Seitdem aber die Künstler darauf gefallen 
sind, unsere Gebrauchsgegenstände zu ver- 
schönern und den Schmuck unseres häus- 
lichen Lebens zu erneuern, mit einem Wort 
Kunst ausserhalb der Sphäre der Malerei 
und Skulptur zu machen, hat der moderne 
Geschmacksmensch neue Ziele, Er verachtet 
nicht nur die galanten Scherze der Zeit 
Louis XIIL oder die Gemälde Meissonnier's, 
sondern findet auch sein bürgerliches Mobiliar 
aus der Zeit LOUJS Philippe's erneuerungs- 
bedürftig; er hält plötzlich seine Tapeten, 
sein ganzes Heim bis auf sein Essservice in 
falschem Ronen für höchst banal und ge- 
schmacklos. 

Und er denkt an einen Wechsel: er will 
eine bequeme geräumige Wohnung, sein 
Mobiliar von einem > modernen^ Tischler und 
für Stoffe und Tapeten -»englischen Siih, wie 
er ihn in den modernen englischen Läden 
findet. 

Sind ihm nun plötzlich die Augen für eine 
neue, vernunftgemässe Schönheit aufgegangen ? 
Mit nichten ! es ist einfach die Mode, weil in 
den Ausstellungen die ornamentale Kunst eine 
besondere Stellung einnimmt, weil es sehr guter 
Ton ist, in diesen — Bazaren, die anfangen, 
den grössten Läden Konkurrenz zu machen, 
kleine Sächelchen, Einbände, Stoffe, Schmuck- 



sachen, Dinge zu kaufen, die von Künstlern 
höchst eigenhändig gefertigt sind. 

Dieser Umschlag ist gar zu leicht ge- 
kommen und scheint eher geeignet, uns zu 
beunruhigen, als zu befriedigen, denn es fehlt 
bisher an einem Beispiel in der Weltgeschichte, 
dass die Menge jemals einer dauernd schönen 
Sache so einstimmig zujubelte. Die eigent- 
liche Ursache dieser Bewegung ist leicht zu 
finden. Das Streben nach einer sozusagen 
anonymen Schönheit, wie es die Kunst des 
Gewerbes mit sich bringt, die von Rechts wegen - 
einzig und allein nur nach Form, Verhältnis 
und Stoff fragt, — denn nur dahin geht der 
wesentliche Teil unserer neuen Bestrebungen 
— dieses Streben genügte der Eitelkeit der 
Künstler, die nicht das Zeug zum Handwerker 
hatten, durchaus nicht, Sie wollten durchaus 
nicht vergessen, dass sie Maler oder Bildhauer 
waren ; wenn sie daher versuchten, eine Vase 
oder einen Teppich zu machen, so wurde die 
Vase zur Skulptur, der Teppich zum Gemälde. 

Das Bewusstsein dieses Mangels an Gesetz- 
mässigkeit, an sachlichem Verständnis, der 
in das Gewerbe Faktoren einführt, die ihm 
durchaus fremd bleiben müssten, Hess mich 
im Frühjahr 1895 im RiVElL schreiben: rDie 
Künstler folgen nicht dem reinen Drange 
ihrer Kunst, sondern schmeicheln einem mo- 
mentanen Geschmack des Publikums an allem, 
was ^künstlerische ist, ein Geschmack, der 
so wie er ist, vielleicht gefährlicher ist, als die 
frühere Neigung zu schlechter Handelsware, 
Das Publikum wird nie im stände sein, eine 
Schönheit zu erfassen, die sich lediglich in 
der Form, im Verhältnis und im Material 
äussert, und die sogenannte ornamentale Kunst 
besteht heute leider darin, die gewöhnlichen 
Gebrauchsdinge in unnütze Kunstgegenstände 
umzuwandeln. Eine Vase wird nie dadurch" 



DEKORATIVE KUNST. HEFT 5. 



97 



MODERNE TEPPICHE 



schöner, dass man einen weiblidien Akt, eine 
Blame oder einen Frosdi darauf kkbt and 
PALlsSY'a monsiröte Fabrikale oder unsere 
Fayencen, die mit ihren Vögeln, Gemüsen and 
Frachtstücken Sinnestäaschangen heroorzu- 
rufen saciten, sind nichts weiter als Gescltmacka- 
eerirrungen and jedes Begriffs von Schön- 
heit bar.* 

Gerade diese Irrtümer nahm das PuMikum 
mit grösster Freude auf and begrüsste sie als 
geniale Neuerung. Ein Krug, der durch sein 
Gewicht jeden Gebrauch unmöglich machte, 
gefiel darcli das ^Sujet*, ein flieget durch 
den überladenen Rahmen, der das Glas ver- 
hinderte, zu reflektieren ; ein Einband wurde 
durch Email so beschwert, dass es un- 
möglich wurde, ihn in ein Regal zu stellen, 
und ein Stuhl galt nur dann für künstlerisch, 
wenn er aus einer nackten Figur in glieder- 
oerrenkender Stdliing bestand. 

Zwei Prinzipien ergeben sich daraus, am 
Gegenstände zu schaffen, die nicht el>ense 
bässlich and anvottkommen sind: 

1. Form, Mass, Sloff and Farbe müssen der 
Bestimmung am denkbar besten entspreclien. 

2. Der Schmuck darf dem Nutzen nicht 
schaden. 

Eine ebenso unerbittliche Verurteilung ver- 
dient die heutzutage immer stärker auftretende 
Tendenz, mit einem Material ein anderi-s nach- 
zuahmen, die immer ein Zeichen des Verfalls 
des Gewerbes bedeutet. Nicltts als die strikte 
Konsequenz dieses Prinzips: die Natur des 
Materials so wenig wie möglich zu verstecken, 
würde genügen, am eine vollkommene Um- 



wandlang der Kunstindustrie herbeha führen, 
die sich heute noch auf entgegengesetztem 
Wege befindet. 

Man braucht nur die Schwelle eines Hauses — 
und zwar eines besseren — zu überschreiten, 
am sofort zu sehen, wie die Malerei im Flur 
den Marmor und das Holz nachahmt, oder 
gar Gobelins. Die Tapete sucht die ver- 
schiedensten Gewebe wiederzugeben, Tuch, 
Sammet, Leinen, Damast und zuweilen sogar 
ebenso wie die Malerei: Stickerei, Keramik, 
Mosaik oder Marmor. Wir sind nicht glücklicher, 
wenn wir die Plafonds oder den Boden unter- 
suchen ; denn die massenhaft verteilten Masken, 
Fruchtstücke und Verzierungen aller Art suchen 
Skalplar zu sein und sind nur vergänglicher 
Putz. Das Linoleum wird verdorben, weil 
es einen Teppich oder Steinparkeft imitiert; 
als Wandbekleidung wird es geschwind zu 
erhaben gearbeitetem, kordaanischem Leder. 

Diese Beispiele, die man bis ins Unendliche 
fortsetzen könnte, zeigen, dass die Lüge dem 
Menschen tief im Blut sitzt, unzertrennlich 
mit seinen Schöpfungen verbunden und bei 
Dielen der einzige Zweck. Würde heute plötz- 
lich ein neuer Stoff mit den wunderbarsten 
Eigenschaften erfunden, er würde in den 
Kreisen der Industriellen nur die eine Frage 
hervorrufen: was kann man mit ihm am 
Itesten nachahmen? 

In dem enthusiastischen Bestreben, Neues 
zu schaffen und den vorhandenen Massen- 
produkten persönliche und rein künstlerische 
Werke entgegenzustellen , setzten sich die 
belgischen Künstler — /«7s aus Unerfahren- 



Fl COLESBRAfiDER 



AMEKSFOORridit TAPIJTFABRIEK. Hoag 



MODERNE TEPPICHE 



heit, teils von reuoluHonärem Geist getrieben — 
in den denkbar stärksten Gegensatz zu der 
Überlieferung, aber sie verletzten dabei jene 
Tradition, deren Elemente unverletzlich sind. 
Gerade in der Kunst der Teppiche wurde am 
meisten gesündigt. Ich schrieb damals in 
demselben Aufsatz bei der Besprechung der 
Teppiche meines Landsmanns COPPENS: *er 
hat Teppiche gemacht, die wie ein Gemälde 
entworfen sind, sie haben ein Sujet, Schatten, 
Halbtöne, Perspektive. Man kann sie daher 
nur von einer Seite richtig sehen. So ein Teppich, 
der also auf dem Boden nicht zu seinem 
Rechte gelangt, kann auch nicht an die Wand 
gehangen werden, da er noch weniger ein 
Gemälde oder eine Stickerei ist. Ich bin in 
einem früheren Versuch selbst einem der Fehler 
verfallen und diese Einsicht gestattet mir wohl, 
solche Irrtämei^ zu rügen. Ein Teppich ist, 
abgesehen von seiner Gebrauchsbestimmung, 
eine rein ornamentale Sache und darf infolge- 
dessen nichts, was ihm den Charakter einer 
Anekdote geben kann, also keine Darstellung 
des Natürlichen, enthalten. Dagegen darf das 
Motiv der Ornamentation von der Natur an- 
qereqt sein, sich aus stilisierten Tier- oder 
Pflanzenformen zusammensetzen, wie man in 
dem ägyptischen Lotusornament die wesent- 
lichen Teile des Lotus wiederfindet. Wenn 
nun das gewählte Motiv, wie in einem 
CopPENS* sehen Teppich, der Fisch ist, so 
handelt es sich darum, eine Arabeske zu finden, 
in der das in Frage stehende Tier nur den 
Vorwurf für eine dekorative Umformung 
liefert. Der Künstler verkennt sein Ziel, wenn 
er wirkliche Fische darstellt, die im Wasser 
zwischen Wasserblumen und Mondreflexen 
herumschwimmen. Wenn man diesen falschen 
Weg weiter verfolgte, würde man zu den 
Bettvorlagen seligen Angedenkens mit den 
wütenden Tigern oder gutmütigen Hunden 
zurückkommen. Ich fürchte, man geht noch 
weiter und wird uns, nachdem die Flora und 
Zoologie geplündert ist, Familienporträts oder 
Bildnisse berühmter Leute zu Füssen legen, 
immer in dem Bestreben, »iVeues« zu finden. 
Man vergisst, dass die Kunst sich nicht durch 
die Vermehrung der Sujets erneut, sondern 
durch die strenge Beobachtung ihrer ewigen 
Gesetze.* 

So schrieb ich 1895 und richtig erschien 
im folgenden Jahre Chambon mit einem 
» landschaftlichen <n Teppich und CoPPENS' 
brachte einen Schwan in natürlicher Grösse 
auf einem Weiher zwischen Lilien. Alles das 
wurde noch durch die Erfindung des Teppichs 
» Genre - Bilderrätseh überboten , die wir 
keinem geringeren als FßLIClEN ROPS ver- 



danken, Er stellte auf einem mit Ginster- 
gebüsch bedeckten Ufer einen auf einer Schild- 
kröte reitenden Schmetterling dar, der ein 
Bouquet trug, wohl um sich zu einem ga- 
lanten Abenteuer zu begeben. 

Um gerecht zu sein, muss man zugeben, 
dass nicht unsere Zeit allein solche Irrtümer 
begeht; die Kunstgeschichte weist genug Bei- 
spiele auf für ähnliche Sünden an dem Ge- 
schmack und der Vernunft. Schon im IV. Jahr- 
hundert beklagt der Bischof Amasius die Thor- 
heit, »soviel Geld für die Werke einer Kunst 
aufzuwenden, die mittels Gewebe die Malerei 
nachahmt. Wenn Leute mit so gewebten 
Stoffen bekleidet auf der Strasse erscheinen, 
sehen die Leute sie an wie »wandelnde 
Bildern und die Kinder zeigen mit Fingern 
darauf. Man sieht auf diese Weise Löwen, 
Panther, Bären, Felsen, Bäume, Jäger. Be- 
sonders fromme Leute tragen auf dem Stoff 
ihrer Kleidung sogar Christum, die Jünger und 
die Darstellungen der Wunder. Man sieht die 
Hochzeit von Kana und die Krüge mit dem 
in Wein verwandelten Wasser, den Gelähmten, 
der mit seinem Bette davongeht, die Sünderin 
zu Füssen Christi oder den geheilten Lazarus.^ 

Wenn man diese Irrtümer gewähren Hesse, 
so würde zwischen den Begriffen des eigent- 
lichen »Teppichs<ii und des »Wandbehanges<f^ 
die ärgste Verwirrung entstehen. Ihre Ver- 
schiedenheit ergiebt sich aus der Technik 
und der Bestimmung. Der Wandbehang wird 
durch Handarbeit ausgeführt, der Teppich 
auf mechanischem Wege, der Wandbehang 
hat die Wände zu schmücken, der Teppich 
den Boden, und es springt in die Augen, dass 
ein für vertikale Flächen berechneter Schmuck 
nicht für horizontale verwandt werden kann. 

In seinen interessanten Aufsätzen über die 
»Esthitique des Arts Industrieis* berührte 
Charles Buls, der jetzige Bürgermeister 
Brüssels, unser Thema; t^Es ist besser*, sagt 
er, *rein aus der Phantasie genommene Orna- 
mente anzuwenden, als Bilder des mensch- 
lichen Körpers oder von Tieren u. dgl., deren 
genaue Formen wir kennen. Der Teppich 
ist gewissermassen ein Mosaik aus Fäden, er 
muss also dekorativ sein, breite Flächen dar- 
stellen und darf nicht versuchen, Reliefs nach- 
zuahmen, wie es die Malerei vermag.* Und 
weiter: ^Die Dekoration der Gewebe ist den 
allgemeinen Regeln des Ornaments unter- 
worfen und die Schönheit des Ornaments ist 
von der richtigen Verwendung seiner Haupt- 
faktoren abhängig: Wiederholung, Wechsel, 
Unterbrechung u. s. w: Auf die Art des Orna- 
mentes hat die Bestimmung des Gewebes grösste 
Wichtigkeit. Wenn das Gewebe als Teppich 



100 



FRANK BBANGWrS Aiu VART NOVVEAÜ. PofU 



O. ECKMANN Gewtbt In Sthtrrtbtdl 



MODERNE TEPPICHE 



Karton i>. A. JORRAND, auig. d. O. CRONIER 

verwandt wird, darf das Ornament nicht den 
Fass zarückstossen dadurch, dass es Reliefs 
darstellt. Das Gewebe an den Wänden darf 
diese nicht zu durchbohren scheinen dadurch, 
dass es tiefe Perspektiven darstellt, sondern 
muss so dekoriert sein, dass den Wänden der 
Charakter ihrer einheitlichen festen Fläche 
gewahrt bleibt.* (Lea Tissas. Revue de Bei- 
gique, juillel 1876.) 

Und man kann zur weiteren Bekräftigung 
noch den Namen Edgar Poii's anrufen, für 
den der Teppich die Seele des Zimmers ist 
und der in seiner »Philosophie de l'Ameuble- 



Hohemollern-Kaii/haut H. HIRSCHWALD, BerUn 

ment* als erstes Gesetz dafür aufstellt: *deut- 
liche Hintergründe, scharfe, kreisförmige Zeich- 
nung, ohne jede Bedeutung*. Er fügt hinzu: 
»Die Geschmacklosigkeit der Verwendung von 
Blumen oder anderen natürlichen Bildern 
sollte innerhalb der Grenzen der christlichen 
Welt verpönt sein. Ob es sich um Teppiche, 
Vorhänge, Wandbekleidung oder um Stoffe 
für Sessel handelt, jeder Gegenstand dieser 
Art sollte nur mit Arabesken geschmückt sein.* 
Ich will hier nicht im einzelnen vorführen, 
was die neue Kunst im Teppichwesen in Eng- 
land, Frankreich, Belgien, Deutschland und 



G. LEUUEN 



MODERNE TEPPICHE - DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS 



FRANK BHANGWVS 



Fl LAUT NOUVEAV. PAIIIS 



anderen Ländern hervorgebracht hat. Die 
hier beigefügten Reproduktionen besorgen das 
selbst und sind leicht auf Grund meiner Dar- 
legungen zu beurteilen. Aber ich kann unter 
ihnen wenigstens den Namen eines Künstlers 
nicht mit Stillschweigen übergehen: des Hol- 
länders COLENBRA^^DER , der, nachdem er 
früher die beste Keramik der Fabrik von 
ROZENBOURG gemacht hat, sich jetzt ganz der 
Teppichkunsl widmet and mit demselben Er- 
folg. Seine Teppiche (ausgeführt in der 
AMERSFOOR-tschen Tapijlfabriek im Haag) 
sind weder barock, noch gehören sie der 
Malerei, und sie erinnern ebensowenig an die 
unvergleichlichen Muster der Perser oder 
Chinesen. Ihre Zeichnung ist lediglich aus 
genialen, geometrischen Kombinationen ge- 
bildet, von unendlicher Mannigfaltigkeit und 
kann als Vorbild für das richtige Verständnis 
für die Dekoration und die denkbar grösste 
Annäherung an das gesteckte Ziel gelten. 
Seine Farben fügen hierzu den Wert einer 
gediegenen Prachlwirkang. 

COLENBRANDBR scheint mir heute der per- 
sönlichste Neuerer auf unserem Gebiet und 
zwar ein Neuerer auf den engen Pfaden der 
gesunden Tradition. 

In neuester Zeil hat sich , ebenfalls im 
Gebrauchsteppich , der Engländer Fra nk 
Rrangwyn mit seinen Arbeilen für L'Abt 
NOL'VEAü hervorgelhan. die koloristisch höchst 
interessant sind und auch in der rein flach- 
ornamentalen Ziichnang, die mir nur zu- 

OEKORATIVE KUNST. HEFT .1, / 



weilen noch ein wenig zu kompliziert erscheint, 
den Erfordernissen des Gewerbes genügen. 



DIE SCHMUCKKÜNSTLER 

BELGIENS: 

GEORGES LEMMEN 

Der Besucher der letzten Brüsseler Kunst- 
ausstellungen, der die ausserordentliche Thätig- 
keit, die sich auf allen Zweigen der dekora- 
tiven Kunst regt, konstatieren konnte, wird bei 
dem Gedanken erstaunen, dass all dieses neue 
Leben, all diese Werke, alle Anstrengungen, 
um die gewerbliche Kunst wieder zu beteben, 
noch nicht zehn Jahre zurückreichen. Wenn 
man die Kataloge der Ausstellungen von den 
letzten zehn Jahren darchblättert, findet man 
immer wieder dasselbe Schema, eine Abteilung 
für Malerei, eine für Skulptur, eine für die 
graphischen Künste und eine für Architektur. 
Aber nicht nur in den offiziellen Ausstellungen 
fehlte der Platz für die Werke der angewandten 
Kunst, selbst die Salons der Jungen, der- 
selben Leute, die in der Malerei und Bild- 



jDlE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS 




hauerei so reuolulionär wie nur möglich vor- 
gingen, verrieten dieselbe Gleichgültig keil gegen 
das der Vergessenheit äberlassene Gebiet Wohl 
gab es in Brüssel eine Sociili des Arls decoratifs, 
aber die war nichts als ein Ableger Pariser 
Tapeziere. Man findet keinen Künstler von 
Bedeutung in ihren Katalogen, und ihre Werke 
verrieten nichts als die bcwussle schlechte Nach- 
ahmung alter Formen gemäss den Wänichen 
der Kunden, für die sie gemacht wurden. 

Woher die plötzliche Veränderung i Woher 
kommt es, dass sich jetzt in Belgien keine 
Ausstellung Öffnet, die nicht den angewandten 
Künsten besondere Abteilungen anweist? Woher 
der plötzliche Umschwunii in den Werken der 
gewerblichen Künste und im Publikum, das 
ihnen die grösste Aufmerksamkeit zuwendet? 
Woher diese neuen Bedürfnisse und dieser 
neue Geschmack? 



England, das nicht nur da, wo der Sinn 
für das Milieu noch vorhanden war, er- 
frischend gewirkt hat, sondern auch den 
Ländern, wo jenes Gefühl für die Schönheit 
des Milieus ganz erstorben war, neues Leben 
gegeben hat, das England der BVENF. JONES 
und Morris war auch bei uns der Be- 
fruchter. Seine Eroberung wurde für uns 
zur grössten Wohllhat ; der grosse Erfolg 
seiner Werke hob nicht nur den Geschmack 
im Publikum, sein grössler Erfolg lag bei 
den Künstlern, denen es die Rückkehr zur 
Anwendung der Kunst lehrte. 

Natürlich balle auch bei uns der englische 
Einfall seine schlimme Seile; wie bei jeder 
Kunsl, die Mode geworden ist, so gab es auch 
bei uns Leute in Menge, die sich nicht be- 



gnügten, England zu studieren, sondern es 
einfach nachmachten und so eine Menge un- 
brauchbaren Materials zur Welt brachten. 
Aber der englische Einfluss traf auch auf 
tüchtige Künstler, ja er fand bei ihnen zu 
allererst fruchtbaren Boden, sie waren die 
ersten, die Englands Bedeutung anerkannten 
und oft verkündeten. Aber weil sie begabt 



waren, nahmen sie von dem Fremden nur 
die Lehre an, die weit entfernt, ihnen zu 
schaden, nur dazu diente, ihre Persönlichkeiten 
zu entwickeln. 

rr Unter ihnen befand sich der Künstler, von 
dessen Werken ich heute berichten will. 

Georges Lehmen debütierte, wenn ich 
mich recht erinnere, im Salon Brüssels com 
Jahre 188i, und sein erstes Bild war ein 
Porträt. Es bleibt nur wenig Biographisches 
über ihn zu berichten. Er beleiligle sich nach- 
einander an zwei Brüsseler Malervereinigungen, 
dem ESSOR und den XX und beschickte, nach- 
dem sich die XX aufgelöst hatten, regelmässig 
die Ausstellungen der LlBREESTHtTlQVE. Seine 



DIE SCHMUCKKUNSTLER BELGIENS, 

Inleriears heroor. Als in Brüssel 
und im Ausland die ersten Aus- 
stellungen der angewandten Künste 
iKranstallet wurden, erschien er mit 
seinen Teppichen, seinen Kissen und 
Stickereien, seinen Kupferarbeiten, 
Fayencen und Glasmosaiken, Buch- 
umschlägen und Vorsatzpapieren. 
Selbst in dieser Zeit, während er 
ganz uon seinen gewerliiichen Ar- 
beiten beansprucht schien, ver- 
nachlässigte er nicht seine Porträf- 
kunst und zuweilen geschah es, 
dass er auf derselben Ausstellung, 
in der seine Teppiche zu sehen 
waren, in der Abteilung Malerei 
mit Porträts vertreten war. 

Diese künstlerische Doppelseele 
ist nicht ohne Interesse, weil in den 
Eigenheiten, die Leumen's Porträts 
auszeichnen, dieselben Vorzüge zur 
Geltung kommen, die den Werl 
seiner gewerblichen Arbeiten aus- 
machen. 

Was verlangt ein Porträt, um 

sich von einem anderen Gemälde 

ersten Bildnisse zählen zu den besten der bei- zu unterscheiden •} — Grösste Gewissenhaftig- 

gischen Schule: daneben trat er mit inter- keil, skrupulöse Genauigkeit, Sicherheil in 

essanten Studien des Nackten und feinen der Zeichnung, oollkommene Beherrschung 




G. LEMMEN 



DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS 



A?IArT21S^fiN*D'£K 

TXPOSITION-CT-VEHTt-Dt= 
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IVENUEDE LATOI SON- D' OR« 

i£ ANSIART 

der Farbenharmonie. 

Lehmen hat alles das. 
Er besilzljene Gewissen- 
haftigkeit, die mit der- 
selben Liebe das ein- 
zelne behandelt, mit der 
das ganze entworfen ist. 
Was bei seinen dekora- 
tiven Werken zuerst in 
die Augen springt, ist 
die bewundernswerte 
Festigkeit seiner Zeich- 
nung. Er gehört nicht 
zu denen, die sich von 
ihrem Bleistift ver- 
führen lassen ; nichts 
bleibt dem Zufall; er 
weiss, was er will, vor- 
her und erreicht es auf. 
Anhieb. Damit ver- 
bindet sich eine immer 
scharf umrissene Origi- 
nalität, die stets der- 
selben Person gehört und 
trotzdem sich nie in den 
verschiedenen Gebieten 
seines gewerblichen 
. Schaffens wiederholt, 
sondern sich jedesmal 
ihren Gesetzen anpasst. 
In den Motiven, die 
er zum Schmuck per- 
wendet, zeigt sich seine g. le.vmen 
Stärke am deutlichsten; 

es sind wirkliche, nicht nur dem Namen nach 
Schmuckmotive. Zu oft begegnet man heut- 
zutage gewerblichen Dingen, die direkt aus 
der Malerei übertragen sind. Es sind keine Buch- 
einbände, Muster für Tapeten und Stoffe u. s. w., 
als die sie verzeichnet stehen, sondern Bilder, 
die sich hinter gewerblichen Namen verstecken. 
Anders bei Lemmen. Er versteht jenen ent- 
scheidenden Gegensatz zwischen der Zeichnung 
des Bildes und der der reinen Dekoration, 
die vollkommene Verschiedenheit der Stil- 



begriffe, die das Wesen dieses Gegensatzes aus- 
macben. Zur Fläche gehört das Ornament, 
keine modifizierte Blume, keine auf irgend 
etwas Körperhaftes schiiessende Darstellung, 
sondern eine Linie, die aus der Fläche nichts 
anderes machen will, als sie ist und immer 
nur sein kann: Ebene. 

Lemmen ist in erster Linie Teppichkünstler; 
gerade beim Teppich springt die Notwendig- 
keit dieser klaren Vorstellung von der Be- 
deutung des Ornamentesin die Augen. LEMMEN 
setzt das selbst eingehend in seinem Aufsatz 
über Teppiche in diesem Heft auseinander. 

Diese vorwiegende 
Befähigung für sein 
Spezialgebiet verrät sich 
bei Lemmen auch da, 
wo er in anderen Ge- 
bieten auftritt; in seinen 
Plakaten, unter denen 
das für die Dekora- 
tive Kunst das letzte 
ist — dem Princip 
entsprechend eine rein 
ornamentale Verwer- 
tung der Schrift — in 
seinen Vorsatzpapieren 
und Buchumschlägen, 
vielleicht selbst sogar 
in seinen Melallarbeiten : 
es sind immer mög- 
lichst breitflächige Mo- 
tive, wie sie am besten 
zu Teppichmustern ver- 
wandt werden. 

Das schmälert durch- 
aus nicht den Werl 
dieser Arbeiten , im 
Gegenteil, es giebt ihnen 
stets eine eigenartige 
Nuance. 
i Was mir an Lem- 
I MEN's gewerblichen Ar- 
beiten nicht am schlech- 
testen gefällt, ist das 
Plakat freiwillig Konventionelle 



DIE SCHMUCKKÜNSTLER BELGIENS 



an Urnen. Ihre Originalität springt nie in 
die Augen, aber erobert sich um so sicherer 
den Liebhaber; sie stellt immer im Bann 
einer gewissen Konoenienz, die mit jedem 
wirklich dekorativen Werk notwendigerweise 
nerbunden ersclieint. Wer dekorative Werke 
zu unmittelbaren Niederschlägen seiner Natur- 
eindriicke machen will, begreift nicht, worin 
das Wesen des Dekorativen besteht, dass die 
\atttr stets das Leben will, während die 



Kunst des Schmuckes stets die Bewegung 
des Lebens zu vermeiden sucht. 

Ich hoffe, genug gesagt zu haben, um das 
Eigene in Lemmen's Werken zu bestimmen. 
Die Abbildungen der von ihm gefertigten 
Gegenstände und die Ornamente auf Seile 106 
werden das übrige tliun, und hoffentlich 
erblickt dann der Leser mit mir in Lem- 
MEX einen der begabtesten und tächtigsien 
Kampfer für unsere neue Kunst. 

O. n. DESTR^K 



KÜNSTLERISCHE VORSATZ- 
PAPIERE 

Nur das ordentlich gebundene Buch ver- 
dient eigentlich Bach zu heissen. Der wirk- 
liche Bücherfreund erkennt die anderen über- 
haupt nicht an. 

Johannes Trojan hat in seiner einfachen 
und geraden Weise sehr hübsch darüber ge- 
schrieben (in seinem Vers- und Prosabuch 
> Für gewöhnliche Leutet — Verlag von Frevsd 



& Jeckel, Berlin) : *Es ist natürlich, dass, wer 
überhaupt Bücher liebt, auch auf ihr Äusseres 
Wert legt. Uneingebundene Bücher sind für 
jeden derartigen Mensehen ein Greuel. Sie 
stehen zwischen den ordentlich angezogenen 
umher wie Männer in Hemdsärmeln. Noch 
mehr Verdruss aber als die broschierten be- 
reiten die sogenannten kartonierten Bücher, 
welche den Ansprach erheben, ordentlich ge- 
kleidet zu sein und es doch nicht sind, sondern 
den Eindruck imn I-^aten machen, die mit 



, £. H. WEISS, Karbrahe 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



Papiertväscbe und in karrierlem baumwollenem 
Sommeranzug in eine ansländig gekleidete Ge- 
sellschafl hineingeraten sind. Aber von allem 
das Greulichste sind die Bücher in den mo- 
dernen, fabrikmässig hergestellten Katlun-Ein- 
bänden, welche nach etwas aussehen, aber 
möglichst wenig kosten sollen. Dabei kommt 
alles zu Tage, was Geschmacklosigkeit in Ver- 
bindung mit Armseligkeit leisten kann.' 

Zum ordentlich gebundenen Buche gehört 
aber nicht bloss saubere und dauerhafte Aus- 
führung des Einbandes und ein geschmack- 
voll überzogener oder sonstwie geschmückter 
Deckel aas entsprechendem Stoffe, sondern 
auch ein schönes Vorsatzpapier, wenn der 
Vorsalz nicht gar mit Seide oder 
Leder zu beziehen ist, wie es bei 
ganz prächtigen und vornehm aus- 
staffierten Büchern geschieht. 

Den Vorsalz eines Buches kann 
man als das Verbindungsglied 
zwischen dem Buchblock und dem 
Buchckckel bezeichnen. Der weisse 
Vorsatz ist einfach ein Bogen Pa- 
pier, den der Bachbinder vor den 
Titel und hinter den Schlassbogen 
des Buches klebt. Von ihm ist nichts 
weiter zu verlangen . als dass er 
genau von der Farbe des Text- 
papieres sei. Ursprünglich Hess man 
sich wohlan diesem weissen Vorsatz 
genügen , bald aber fühlte man, 
dass zwischen Deckel und Buch- 
block eine Überleitung statthaben 
müsse, bleich nach einem gepresslen 
dunklen Lederdeckel mochte man 
nicht gerne auf leeres helles Papier 
slossen. So kam man darauf, auch 
den inneren Deckel zu schmücken, a. i.e. 



und, indem man dies Ihat, ergab sich sofort die 
\olwendigkeit des entsprechenden Schmuckes 
für die Seite des Vorsatzes, die sich andeninneren 
Deckel anschliesst. Das Ganze aber, die Be- 
kleidung des inneren Deckels und der ihm 
folgenden Vorsatzseite, ist nun der bunte Vor- 
satz, den man noch als Spiegel und fliegendes 
Blatt gesondert bezeichnet, indem unter Spiegel 
die Bekleidung auf der Deckelseite verstanden 
wird, unter dem fliegenden Blatt aber die der 
eigentliclien Vorsatzseite. 

A US dem V/esen des bunten Vorsatzes als einer 
Oberleitung vom Buchdeckel zum Buchblock 
ergeben sich die Grundforderungen, die man 
an die Art seines Schmuckes zu stellen hat. 
Es ist klar, dass der Schmuck des Vorsatzes 
in einem gewissen Verhältnis zu dem des 
Deckels stehen muss. Ist dieser reich, bunt, 
von einem ausgeprägten Stile, so muss auch 
der bunte Vorsatz entsprechend sein; auf einen 
etwa mit Ledermosaik vielfarbig ausgelegten 
Deckel von orientalischem Geschmacke kann 
unmöglich ein graues Vorsatzmuster in goti- 
sierender Linienführung folgen. Indessen darf 
der bunte Vorsatz doch auch nicht mit dem 
Deckel rivalisieren wollen. Er soll den Cha- 
rakter, den Stil mit ihm gemeinsam haben, 
aber es muss ein Gradunterschied zwischen 
beiden bestehen ; der Vorsatz muss diskret 
etwas zurücktreten. 

Dies sind die allgemeinen Grundforderungen, 
die natürlich ebensowohl dann gelten, wenn 
ein bestimmter Künstler den Gesamtschmuck 
eines bestimmten Buches übernimmt, wie dann. 



DEKORATIVE KUNST. HEFT 3. 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



ivenn der Buchbinder aus der Menge des vor- 
liegenden, nicht für einen bestimmten Fall 
hergestellten Materials seine Auswahl für die 
Ausslallung irgend eines Buches trifft. 

Für den Künstler, der sich mit der Auf- 
gabe beschäftigt, ein bestimmtes Buch in 
seiner Gesamtheit schmückend auszustatten, er- 
geben sich noch folgende weitere Fragen. Zu- 
erst die Technik. Radierung und Stich wird 
ohne weiteres entfallen, nicht allein, weil der 
Kupferdruck für diesen Zweck zu kostspielig 
ist, sondern vornehmlich deshalb, weil der 
dekorative Zweck hier mit den Mitteln der 



der Vorsalz nicht zum Textteile des Buches 
selber gehört, sondern ein Gebiet für sich ist, 
auf dem alle anderen Techniken dem Holz- 
schnitte ebenbürtig sind. Gerade auch die 
Lithographie mit ihren uerschwimmenden 
Tönen wird hier häufig besonders glückliche 
Anwendung finden, sie, die dem Eindrucke 
jener mit Vorliebe und mit Recht gerne zu 
Vorsatzzwecken verwandten Marmorier- und 
Kammpapiere am nächsten kommt. Natürlich 
bleiben auch für die Wahl der Technik die 
bereits festgestellten Grundforderungen der 
Ästhetik des Vorsatzpapieres bestehen. 

Eine weitere Frage für den Künstler, der 
ein bestimmtes Buch zu schmücken hat, ist 
die, ob er auf den Inhalt des Buches Rück- 
sicht nehmen soll oder nicht. So gestellt, ist 
die Frage eigentlich müssig, denn es versteht 



anderen graphischen Künste und Bunlpapier- 
lechniken leichler und schöner zu erreichen 
ist. Dass Reliefdrucktechniken und Prägungen 
gleichfalls nicht in Betracht kommen, ver- 
steht sich von selbst, denn diese Techniken 
sind im Inneren eines Buches immer unan- 
gebracht. Es bleiben also in der Hauptsache 
der Holzschnitt, die Steinzeichnung und jene 
spezifischen Buntpapiertechniken übrig , mit 
denen die marmorierten und Kammpapiere 
hergestellt werden. Von den mechanischen 
Reproduktionsarien kann nur der Behelf für 
den Holzschnitt : die Strichätzung in Betracht 
kommen, denn die Autotypie mit ihrem Netz- 
hintergrund verbietet sich wegen ihrer Stil- 
widrigkeit von selbst, ganz abgesehen davon, 
dass sie unter allen Umständen ein glattes 
Papier verlangt. Im übrigen besteht kein 
Grund, irgendwelche Technik als schlechthin 
ungeeignet zu bezeichnen. Man möchte viel- 
leicht anfangs geneigt sein, dem Holzschnitt 
vor allen anderen den Vorzug zu geben, in- 
dem man von der zweifellos richtigen An- 
schauung ausgeht, dass der Konlnrenholz- 
schnitt, als von welchem hier natürlich immer 
nur die Rede ist, wegen seiner Stilverwandt- 
schaft mit dem Schnitte der Buchdruckertypen 
die eigentliche Buchschmucktechnik ist und 
bleibt, — indessen man vergisst dabei, dass 



sich ohne weiteres von selbst, dass Inhalt und 
Schmuck im Einklänge stehen müssen. Fasst 
man die Frage aber in der Richtung, inwie- 
weit sich der Künstler dem Inhalte anzu- 
schmiegen habe, so ergeben sich Gesichtspunkte 
von wesentlicher Bedeutung für dieses ganze 
Gebiet überhaupt. 

Nichts liegt näher {weil nichts einfacher ist), 
als dass der Künstler versucht, mit seinem 
Schmucke auch ausserhalb des Textes den In- 
halt zu illustrieren. Aber wie wir es heule 
schon nicht mehr gerne sehen, wenn im Te.vt 
selber jene üblichen Illustrationen stehen, die 
dem Leser die Freiheit der eigenen Vorstellung 
nehmen und sich doch nur in den aller- 
sellensten Fällen mit den Vorstellungen so des 
Verfassers wie des Lesers decken, so wollen 
wir auch und erst recht keine Iltustralionen 
ausserhalb des Te.vtes. Und in diesem Falle nicht 




jr^t 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



bloss aus den eben angedeuteten Gründen, son- 
dern aus einem sehr berechtigten Stilgefühl, das 
auch hier Zweckmässig keitsge fühl ist. Deko- 
ration soll nicht illustrieren, der Aussenschmuck 
soll den Inhalt nicht vorwegnehmen; er soll 
höchstens andeuten, hinleiten, vorbereiten. 
Daraus ergiebl sich in erster Linie der Grund- 
satz, dass alles illustrativ Figürliche möglichst 
zu vermeiden ist, und dass das rein Ornamen- 
tale, die ausdrucksvolle Schmucklinie oder 
die stimmungentsprechende Farbe, beides viel- 
leicht vereint, das günstigste Mittel ist, ästhe- 
tischen Reiz mit Stimmungsvorbereitung zu 
verbinden. Das Vorsatzpapier ist gewisser- 
massen die Tapete des Buches, wie der Deckel 
seine Fagadendekoration ist. Wie es aber ge- 
schmacklos wäre, wenn eine Tapete etwa das 
Porträt des Zimmerinhabers zum Motiv hätte 
oder seine Lebensgeschichte erzählte, so ist es 
stilwidrig und geschmacklos, wenn der Vor- 
satzschmuck den Inhalt des Baches deutlich 
illustriert. Im günstigsten Falle hört es dann 
direkt auf, Vorsatz zu sein und wird ein 
Illastrationsblatt , das sinnloserweise einmal 
vor and einmal hinter dem Text sieht In 
den allermeisten Fällen aber wird es ein un- 
erquickliches Zwitterding sein. Man kann 
sagen : völlige Neutralität, die, ohne jeden auch 
nur andeutungsweisen Bezug auf den Inhalt, 
sich darauf beschränkt, bezuglos zu schmücken, 
ist immer noch sehr viel besser, als plumpe 
Illuslrationstendenz. Auch vor der billigen 
Verwertung von Emblemen aas dem Bereiche 
des Inhalts wird sich ein Künstler von Ge- 
schmack hüten, und, wenn er es nicht thut, 
wie z. B. Walter Crane in der Vorsatz- 



zeichnung zu seinen Pan-Pipes, wird er von 
dem Vorwurf nicht frei bleiben, dass er es 



G. LEHMEN 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



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VAN DE VELDE 



sich leichter gemacht hat, als 
es seiner würdig ist. Hat der 
Kunstler Geist genug, dass er es 
wagen kann, im rein Dekorativen 
gleichzeitig einen Wesensabschein 
des Buchinhaltes zu geben, so wird 
er, eben als Kunstler von Geist, alle 
billigen und plumpen Mittel, die 
als Anleihen aus der Requisiten- 
kammer des Textes wirken können, 
verschmähen und den inneren Ein- 
klang mit dem Inhalte durch Mittel 
erreichen, die lediglich seiner 
Kunst angehören. 

In den allermeisten Fällen wird 
der Künstler, der sich auch mit 
diesem Gebiete des Buchschmuckes 
beschäftigt, gar nicht in die Ver- 
suchung kommen, illustrieren zu 
wollen, denn es wird meistens so 
sein, dass er nicht das Vorsatz- 
blatt für ein bestimmtes Buch, 
sondern Vorsatzpapiere überhaupt 
macht, die dann zur beliebigen Ver- 
wendung durch den Buchbinder 
in den Handel gebracht werden. 
Leider beschäftigen sich jetzt nur 
noch sehr wenige Künstler mil 
Arbeiten dieser Art, und ganz be- 
sonders wenige in Deutschland. 
Die Folge davon ist, dass den 



Buchbindern nur jene fabrikmässig her- 
gestellte Marktware zur Verfügung steht, 
die mit ganz wenigen Ausnahmen jedes 
wirklich ästhetischen Reizes entbehrt, weil 
sie kein künstlerisches Gepräge hat. Selbst die 
heutigen Kammpapiere stehen nicht mehr auf 
der Höhe des Geschmackes wie die aus früheren 
Zeiten, doch muss man ihnen immer noch den 
Vorzug vor den zeichnerisch gemusterten geben, 
die, abgesehen von der Trivialität und Klein- 
lichkeit in ihren Linien, auch farbig von einer 
vollkommenen Nüchternheit oder Geschmack- 
losigkeit zu sein pflegen. Hier ist also wieder 
ein Gebiet, das geradezu auf die Künstler wartet. 
Die Fabrikanten von Buntpapieren werden 
zweifellos gern nach dem offensichtlich besseren 
greifen, wenn es ihnen nur angeboten wird 
und in jenem Sinne ästhetisch ist, der die 
Zweckmässigkeit als Grundbedingung achtet. 
Aber nicht bloss die Buntpapierfabrikanten 
werden es den Künstlern Dank wissen, die sich 
auf dieses Gebiet wagen, sondern es werden 
sich bald auch die unter den Bücherfreunden 
als Auftraggeber einfinden, die ihren Büchern 
gerne eine persönliche, einheitliche Ausstattung 
geben und ihnen nicht bloss durch ihr Ex 
libris ein Eigentumszeichen verleihen wollen. 




CHARLES RICKETTS, London 



116 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



Zusammengehen der Wünsche des Auf- werden, 

traggebers mildem Geschmacke und den Fähig- Dieser Punkt ist in erster Linie massr 

keilen des Künstlers ergeben. Hier kann z. B. gebend für die Arbeit zu Fabrikationszwecken, 

auch eine Vereinigung des Vorsatzschmuckes Das Ornamentale wird hier völlig zur Be- 

mit dem Ex libris statiftnden, und hier nähert dingung, es sei denn, dass der Künstler von 

sich die Au fgabe des Kunstlers überhaupt wieder vornherein nur eine bestimmte Art von Büchern 

der vorhin betrachteten, wo ein bestimmtes Buch im Auge halle, z.B. Kinderbilderbücher, wo 

in Frage stand. Denn natürlich würde ein entsprechend Figürliches wohl angebracht sein 

verständiger Bibliophile dem Künstler, der ihm könnte; aber derlei wird eine seltene Aus- 

die Vorsalzpapiere macht, auch den Deckel- nähme sein. Im allgemeinen bleibt die rein 

schmuck der Bücher seiner Bibliothek an- dekorative Linie, das Muster in einer oder 

vertrauen, und es entfiele nur völlig die Rück- mehreren Farben, das empfehlenswerteste. Im 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



eines Vorsalzblatles genau an das Buchformat, 
ob Quart, Oktav u. s. f., dächte, auf das es 
zugeschnitten werden darf. Auf die gedrückte 
Winzigkeit der heute üblichen Master wird 
ein wirklicher Künstler dabei auch beim Hin- 
blick auf die kleinsten Formate nicht ver- 
fallen. 

Mit der Frage des Formales hängt die der 
Berandung zusammen. Im allgemeinen werden 
auslaufende Muster vorzuziehen sein, die zu 
grossen Blättern zusammengefügt werden 
können und die nicht an Wirkung verlieren, 
wenn sie beschnitten werden. Blätter mit 
strenger Umrandung wird man in der Haupt- 
sache nur im Hinblick auf ein bestimmtes 
Bach herstellen. 

Für die Farbe der Vorsatzblätter, die nicht 
im Anschluss an einen bestimmten Bachdeckel 
gemacht werden, mass der Grundsatz gelten, 
dass sie eher diskret, als zu lebhaft sein darf. 
Denn man muss im Auge behalten , dass 
unsere Bucheinbände in der Mehrzahl dunkel 
sind, und von diesen dunklen Einbänden 



LVaEfi PISSARRO 



einzelnen entscheidet des weiteren alles der 
känstterische Geschmack. Dass dieser dann 
willkommener sein wird, wenn er dem Wunsche 
der Zeit nach eigenem Ausdrucke entspricht, 
als wenn er überkommene Formen ohne Selbst- 
ständigkeit wiederholt, braucht nicht betont 
zu werden. 

Aas dem Zweckwesen des Vorsatzpapieres er- 
geben sich nun noch folgende Punkte: Zuerst ist 
das Format und damit die Grösse der Linien- 
fährung zu bedenken. Es wird sich empfehlen, 
hierin einige Beschränkung walten zu lassen 
und das Durchschnittsformat unserer Bücher 
im Auge zu behalten. Ein Vorsatzpapier ist 
keine Zimmertapete, und nicht alle Bücher 
haben Lexikon formal. Dagegen wird auch 
von vortrefflichen Künstlern, wie sich später 
bei der Betrachtung der hier wiedergegebenen 
Muster zeigen wird, zuweilen Verstössen. Eine 
allzu grosszügige Linienführung wird, auf 
kleinere Formate zugeschnitten, immer ver- 
hättnislos wirken. Es geht das verloren, was 
ein gutes Vorsatzmuster mit in erster Linie 
haben muss : eine in sich geschlossene Flächen- 
wirkung. Auch die Zeichnung eines Vorsatz- 
papieres, mag dieses auch ohne Rücksicht auf 
den Abschluss der Linien beschnitten werden, 
muss gut im Baume stehen. Das richtige 
wäre, wenn der Künstler bei jeder Zeichnung 



t. WEISS. Karlsruhe 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



K. K. WEISS. Karhrulir 



rrüBAYSE. 1.1» 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 

soll ja der Vorsatz auf das belle Papier des 
Textes äberleifen. Indessen will das nicht be- 
sagen, dass die farbige Ausdrackslosigkeit der 
unkänstlerischen Vorsatzpapiere das richtige 
träfe. Ein künstlerisches Vorsatzblatt wird auf 
eine Flächenwirkiing ausgehen, an der Farbe 
und Linie gleichmässig beteiligt sind. Dabei ist 
aber zu bedenken, dass diese Flächenurirkung 
nicht wie bei der Tapete einen verhältnis- 
mässig entfernten Standpunkt des Beschauers 
zur Voraussetzung hat, sondern dass sie 
hei Betrachtung aus nächster Nähe eintreten 
soll. Alles Unruhige, Fleckige wirkt hier 
doppelt fatal. 

Es ivurde eben darauf hingewiesen, dass 
die Rücksicht auf die meist dunklen Einbände 
unserer Bücher dazu zwingt, allzu lebhafte 
Farben zu vermeiden. Dieser Zwang wird 
wohl noch eine Weile fortbestehen, indessen 
darf gehofft werden, dass, wenn in den Vor- 
satzschmuck doch mehr und mehr die Lust 
des künstlerischen Sinnes an lebhafter Farbig- 
keit eindringt, auf diesem Wege auch der 
Buchdeckelschmuck farbig beeinflusst werden 
wird. Der Schmuck des Buchdeckels und des 
Bachuorsatzes bedingen einander, aber dabei 
muss der Deckel nicht immer der ausschlag- 
gebende Teil sein. Es ist auch das umgekehrte 
Verhältnis denkbar, und beider Thatsache, dass 
sich bei uns immerhin noch mehr Künstler mit 
dem Vorsatzschmack beschäftigen als mit der 
Deckelaasstattang, ist es sogar wahrscheinlich, 
dass das künstlerische Gepräge der Vorsatz- 
papiere den Geschmack der Deckeldekoration 
beeinflussen wird. Die Frage des Buchdeckel- 
schmuckes soll in späteren Heften ein- 
gehender behandelt werden; in diesem Zu- 
sammenhange gebührt nur dem Umstände 
Erwähnung, dass in manchen Fällen dasselbe 
Muster, das für den Vorsatz verwendet wird, 
auch den Schmuck des Deckels ausmacht, 
hier nur noch durch eine besondere Fücken- 
dekoration gehoben. Diese Kombination findet 
man zuweilen bei modernen englischen Papp- 
bänden, wo es aber auch vorkommt, dass ein 
t/orsalzartiges Muster den Deckel schmückt, 
während der Vorsatz selber weiss bleibt. 

Ein Hinweis darauf, dass der auf diesem 
Gebiete ihätige Künstler gut thut, auch den 
Stoff nicht ausser acht zu lassen, auf dem, 
und die Farbart, mit der sein Muster gedruckt 
werden soll, ist zuguterletzt deshalb nicht un- 
nötig, weil die Künstler meist an kostbareres 
Material zu denken pflegen als die von Satur 
praktischeren Fabrikanten. 

Nach diesen Betrachtungen allgemeiner Natur 
mögen einige Bemerkungen zu den hier enl- kongstad r.\s.uvsse 




DIJSSELHOF, Amsterdam 
DEKORATIVE KUNST. HEFT 3. 



Vorsatzpapier 



ni 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



weder im Original oder in verkleinerien ein- 
farbigen Abbildungen wiedergegebenen Vor- 
salzmaslern am Platze sein. 

Die schönen japanischen Musler (s. Beilage), 
die wir dem Inhaber der WAGNER'schen Kunsl- 
handlang in Berlin, Herrn Hermann PÄCHTER 
verdanken, sind ursprünglich nichl als Vor- 
satzpapiere gedacht, können aber sehr wohl 
zu Vorsatzzwecken benutzt werden. Herr 
Pächter hat sie in einem japanischen Musler- 
buche für Stoffdruck entdeckt und in Japan 
neu für sich scitneiden und auf Papier drucken 
lassen. Einige unter ihnen, so die auf grau- 
blauem Grunde liegenden blauen, grünen, vio- 
letten und rosafarbenen Chrgsanlhemen und 
auch die weissen Margeriten mit grünen 
Blättern auf schwarzem Grunde (es war nichl 
möglich, jedem Hefte alle Muster beizukleben. 



DE BAZEL, Aaalerdam 



da das freundlichst zur Verfügung geslelltu 
Material nicht für die Auf läge der *D. K.t aus- 
reichte; von den zehn verschiedenen Mustern 
konnte jedes einzelne Heft nur vier erhallen) 
sind nur für Bücher grösseren Formales, leb- 
haften Deckelschmuck vorausgesetzt, verwend- 
bar. Von den übrigen verdient das mit den 
weissen Wasservögeln auf rosa Grund be- 
sondere Erwähnung. Hier ist Figürliches mit 
erlesenstem künstlerischem Geschmack flächig 
so verteilt, dass das Ganze trotz der reiz- 
vollsten Mannigfaltigkeit feiner Details in Linie 
und Farbe entzückend zusammengeht. Unsere 
Ausschnitte geben nur ein Sechzehnte! des kösl- 
lichen Blattes, auf dem sich nicht ein einziges 
Detail wiederholt. Dieses Blatt wirkt, wie der 
Verfasser ausprobiert hat, als Vorsatz vor- 
züglich. Ebenso das amüsante Muster mit 
den schwarzen Fröschen auf 
dem blauen, bunt mit Blät- 
tern überstreuten Wasser. 
Es ist schlechthin muster- 
haft, wie hier aus vielen 
Farben ein einheitlicher Ton 
gewonnen ist. Das charak- 
teristische der japanischen 
Kunst, die Verbindung von 
feinster Naiurbeobachtung 
mit der Fähigkeit, dekorativ 
anzuordnen und slilistisch 
zuzuspitzen, zeigt sich auch 
in diesen schönen Blättern, 
aus denen wohl einiges ge- 
lernt werden kann. 

Die eigentlichen japani- 
schen Vorsatzpapiere sind 
für uns kaum verwendbar, 
da sie auf ganz andere For- 
mate berechnet sind und 
auch sonst unserem Ge- 
schmacke für diesen Zweck 
nicht entsprechen. Es sind 
meist Golddrucke und als 
solche moderne Surrogate 
für die alten Goldpuder- 
papiere, wie sie, ausser zu 
Vorsatzzwecken hauptsäch- 
lich zum Bekleben der 

Schiebethüren verwandt 
wurden. 

Die Vorsatzpapiere von 
Lehmen bewähren die 
bekannten Vorzüge dieses 
Meisters der ausdrucksvoll 
dekorativen Linie. Ihre 
Muster sind auf Anein- 
anderfügung zu grossen 
Blättern berechnet, die in 



Allditnbche Yonalipapitn 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



später in einem Hefte oeröffenllicht werden, 
das aasschliesslich seinem reichen Schaffen 
gewidmet sein soll. 

Während diese belgischen Biälter dadurch 
erhöhten praktischen Wert haben, dass sie 
in grossen Bogen vorliegen, in denen sich 
das Grundmusler fortlaufend wiederholt, so 
dass sie nach dem jeweiligen Bedürfnis auf 
entsprechende Formate zugeschnitten werden 
können, stellen die beiden holländischen Blätter 
in sich abgeschlossene Muster dar, die^nur als 
Einzelblätter in dem Formate, wie sie imr- 
liegen, benutzt werden müssen. Das eine von 
ihnen, im Originale von Dijsselhof in 
Amsterdam in Holz geschnitten (Seite ISl), 
ist übrigens für ein bestimmtes Buch (»Kunst 
en Samenlevingt) hergestellt. Bemerkenswert 
an diesem schönen Blatte ist, dass sich der 
Schmuck des Spiegels and der des fliegenden 
Blattes symmetrisch genau entsprechen. Der 
Zwischenraum zwischen beiden kommt in den 
Falz. Für gewöhnlich und zumal bei Blättern, 
die nicht für ein bestimmtes Buch gemacht 
werden, wird man auf diese genaue Sym- 
metrie zwischen Spiegel und fliegendem Blatte 
nicht Bedacht zu nehmen haben. Für die 
Fälle aber, wo es geschieht, kann dieses 
Dijsselhof' sehe Blatt als musterhaft gelten. 



AltdänlKha VonabpapUr 

der Farbe durchweg sehr zurückhaltend sind. 
Immer nur zwei verwandle Töne, die nie grell 
von einander abstechen. So wird die scharfe 
Linienführung im Interesse des Gesamttones 
durch die Farbe gemildert. Dadurch wird auch 
das beträchtlich grosse Format in der Zeichnung 
einiger dieser Blätter gewissermassen verdeckt, 
und nicht ohne Absicht hat Lemmen gerade 
das grösste Muster einmal ganz blass gedruckt. 
Immerhin werden die grossmustrigen Blätter 
nur bei Bächern ausgedehnteren Formates zur 
vollen Geltung kommen. 

VAN DE Velde's Muster (Seite 116) ist von 
verwandter Art. Man kann ja überhaupt 
bereits von einem modernen belgischen Orna- 
mentalstil reden. Doch zeigt auch hier VAN 
DE Velde weicheren Duktus. Das Muster 
liegt in zwei Drucken vor, einmal Gold auf 
weiss, und einmal ganz zart gelbgrau auf 
weiss. Die übrigen Vorsatzblätter dieses auf 
allen Gebieten der dekorativen Kunst thätigen 
Künstlers von vorbildlicher Bedeutung werden 



ANKER KYSTER, Koptahag 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



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ANKBR KYSTER, Koptnhagen 



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KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



f. STVCK, Uaachta 

Es ist graucreme auf weiss gedruckt. — Das 
andere holländische Blatt, das von DE Bazel 
in Amsterdam ist, (Seite 122) interessiert vor- 
nehmlich wegen seines Ornamentenslils, der 
deutlich kolonialen Einflass zeigt. Da es in 
sich selber symmetrisch angelegt ist, erfordert 
es eigentlich ein Gegenblalt, in dem sich sein 
Muster in umgekehrter Reihenfolge wiederholt, 
so dass sich also dann wie bei dem DiJSSEL- 
HOF'schen Blatte der Schmuck des Spiegels 
und des fliegenden Blattes symmetrisch ent- 
sprächen. Man kann daraus ersehen, dass 
es nicht eigentlich praktisch ist, feste in 
sich symmetrisch geschlossene Muster zu 
zeichnen, die nur die eine Seile des Vorsatzes 
decken. 

In sich streng symmetrisch, aber zur Deckung 
beider Vorsatzseilen bestimmt, ist das Blatt, 
das TVRBAYNE in London fär die Luxus- 
ausgabe der bei Blades, East & Blades 
erschienenen * Maslerpieces of Art* gezeichnet 
hat (Seite 119). Bei ihm ist auf den Falz 
nicht durch einen freien Zwischenraum Be- 
dacht genommen. Es ist im Originale in 
(rold auf weiss gedruckt. 



Eine Stellung für sich nehmen 
die Papiere von ANKER Kyster 
in Kopenhagen ein (s. Abbild.), 
Marmorier- und Kammpapiere, 
die dadurch künstlerischen Wertes 
sind, dass in ihnen eine gewöhn- 
lich handwerksmässig geübte Tech- 
nik (über die Herr A. K. in diesen 
Blättern selber berichten wird) 
durch Zuziehung eines Künstlers 
von Rang (Bin'desbOll) künst- 
lerisch ausgenutzt erscheint. Leider 
lässt sich der Reiz dieser Blätter 
in Ätzungen auch nicht annähernd 
wiedergeben , da er noch mehr 
der Farbe als dem Schwung der 
Flächenformen angehört. 

Immerhin aber lässt sich aas 
unseren Reproduktionen der grosse 
Unterschied erkennen, der zwischen 
diesen künstlerischen Blättern und 
den entsprechenden handwerks- 
mässigen besteht. An welche Master 
früherer Zeiten sie sich anlehnen, 
zeigen die Ätzungen auf Seite 123, 
]2i und 125, die nach alten däni- 
schen Papieren dieser Art gemacht 
worden sind. 

Für die Eckmann' sehen Blätter 
der gleichen Technik gilt dasselbe. 
Man kann auch bei ihnen aus 
den Reproduktionen keinen vollen 
Begriff ihres Reizes gewinnen, aber 
man wird doch mit Vergnügen sehen, wie 
selbst aus einer Technik, die viel mit Zafatls- 



BASTARD, ParU 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 



dealsamen Einklang za bringen. PETER Beh- 
rens balle in diesem Falle eine symbolisch 
gehaltene Bühnendichiang lyrisch -phantasti- 
scher Notar Dor sich, von deren drei Bildern 
jedes für sich ein eigenes Slimmungsgepräge 
hat, das sich auf der Bahne auch äusserlich 
durch eine beherrschende Farbe ousdräcken 
soll. Der erste Akt, der die Stimmung des 
müden Schmerzes, der Hingabe an ein all- 
gemeines Wehegefühl hat, wird in allen Äusser- 
lichkeiten von der grauen Farbe beherrscht; der 
zweite Akt, der einen jachen Umschlag in den 
äasserslen Gegensatz dazu bringt, in die heisse, 
herrische Begierde, mit allen Sinnen rücksichts- 
los in das stürmische Leben za greifen, hat 
als Grandfarbe gelb und gold; der dritte Akt, 
der die schlichte Harmonie des unverbildet 
natürlichen Menschen zeigen will, welcher 
von der Verdrossenheil des Wellschmerzes 
soweit entfernt ist wie von der leeren Genass- 
wut der seelenlosen Sinnlichkeil, zeigt blau 
als Hauptfarbe. Man vergleiche mit dieser 
andeulangsweisen Inhaltsangabe der Dichtung 
das Vorsatzblatt, das Peter Behrens dazu 
in Holz geschnitten hat, und man wird gesteben 
müssen, dass ein vollerer und feinerer Ein- 



CHB. NEUREÜTHER, Schlltrback b. W. 

erscheinungen zu rechnen hat, die Hand und 
der Geschmack eines Künstlers Formenspiele 
zu gewinnen weiss, die den künstlerischen 
Sinn ihres Urhebers verraten. 

Die Blumenleiste von KONGSTAD BaS- 
MüSSEN (Seite 120) scheint nicht so sehr 
für Vorsatzpapiere des gebundenen Buches, 
als zum Schmucke jener schmalen Falzstreifen 
bestimmt zu sein, die wir bei französischen 
Broschüren zwischen dem Umschlag papier 
and dem Text finden. Diese Streifen, die 
beim Einbinden des Buches natürlich fort- 
fallen, mit Schmuck zu versehen, erscheint 
eigentlich vom Cberfluss, und nur bei Zeit- 
schriften, deren Hefte längere Zeit ungebunden 
aufbewahrt werden, bis ein Band vollständig 
isl, wäre diese Falzstreifzierde verständlich. 

Das schöne Holzschnittblatt von Peter 
Behrens, das wir in Beilage wiedergeben, 
verdient besondere Hervorhebung, und zwar 
nicht allein seines ästhetischen Wertes, 
seiner Geschmackseigenschaften wegen, son- 
dern vornehmlich auch deshalb, weil es 
in ganz ausgezeichneter Weise zeigt, wie ein 
Künstler von Geist bei voller Einhaltung des 
rein dekorativen Zweckes und ohne die leiseste 
Abirrung in plumpe Blustrationssucht doch 
im Stande sein kann, ein Vorsatzblatt, das er 
für ein bestimmtes Buch anfertigt, mit dem 
Stoff and Wesensgehalte dieses Buches in be- 



O. ECKMANN 



KÜNSTLERISCHE VORSATZPAPIERE 







and gesunden Zweckversland. In 
den Originalzeichnungen steht das 
Muster mit den stilisierten Hunden 
schwarz auf rot, das mit den 
Wasseruögeln schwarz auf braun- 
grau, das mit den Bändern and 
Blumensternen schwarz auf weiss 
und die beiden übrigen schwarz 
auf hellblau. 

Das Franz SrvcK'sche Vorsatz- 
blatt, von dem wir aaf Seite 126 
eine Hälfte wiedergeben und das 
dem bei Dr. E. Albert & CO. in 
München erschienenen STUCK- Werk 
entnommen ist, verdient unser be- 
sonderes Interesse einmal deshalb, 
weil wir in ihm die erste derartige 
Arbeit eines modernen deutschen 
Künstlers vor uns haben, und dann 
wegen der glücklichen Idee, das 
Verlagszeichen auf dem Vorsatz an- 
zubringen. Diese Manier verdient 
Nachahmung, doch sollte dann 
auch immer, wie bei dem Stück- 
Werk, Vorsalz und Deckelschmuck 
genau zu einander passen. Der 
ganz ungewöhnliche Sinn StüC^s 



klang zwischen Text und Deko- 
ration nicht zu denken ist. Linie 
and Farbe sind an diesem herr- 
lichen Ergebnis gleich beteiligt. Die 
von der Hand des Künstlers selber 
hergestellten Abzüge zeigen seine 
farbigen Absichten natürlich noch 
vollkommener , als die in der Ma- 
schine hergestellten. 

Die auf den Seiten U% 117, i18 
and 119 wiedergegebenen Zeich- 
nungen sind die Arbeiten eines 
jungen deutschen Künstlers, E. H. 
Weiss, der auch sonst schon her- 
vorragende Begabung für den künst- 
lerischen Bachschmuck (Couver- 
iüren, Zierstücke u. s. f.) an den 
Tag gelegt hat. Auch diese Zeich- 
nungen für Vorsatzblätter , die 
billig auf mechanischem Wege ver- 
üielfältigt und zu grösseren Bogen 
zusammengesetzt werden können, 
verdienen es, praktische Verwendung 
zu finden. Wie alle Arbeiten dieses 
in immer aufsteigender Entwicke- 
lang begriffenen Talentes, dessen 
Namen sich alle Unternehmer auf 
dekorativem Gebiete merken sollten, 
zeigen auch sie feinen Sinn für den 
Geist der Linie, anmutige Erfindung e. lammbrt, naaam 



Vonabpapier für eine Moppt 



GRABMALSKUNST 



ANKER KYSTER, Kopenhagtn 

für den Stil der lateinischen Renaissancetgpe 
and seine geschmackvolle Sicherheit, Typo- 
graphisches anzubringen , bewährt sich auf 
diesem Blatte Itestens, wo Typen und Orna- 
ment organisch so schön zusammengehen, wie 
man es bei modernen Arbeiten nur ganz 
selten findet. Auf die Arbeiten von Pissarro, 
ItiCKETTS, Bastard, Lammert,Nbvreuther, 
kommen wir gelegentlich in anderem Zu- 
sammenhange zurück. 

OTTO JÜUÜS BIERBÄÜM 



GRABMALSKUNST 

Auf -dem Gebiete der Kunstgeschichte sind 
wir längst gewöhnt, als einen wesentlichen 
Faktor zur Charakterisierung eines Volkes 
und seiner Kunstentwickelang die Art zu be- 

DEKORATIVB KUNST. HEFT 3. 1 



trachten, wie es seine Toten begräbt. Neben 
dem Bedürfnis der Gottheitsverehrung weckt 
der Drang, das Gedächtnis eines Verstorttenen 
festzuhalten, zuerst die edleren Gestaltungt- 
triebe der Menschheit, und so erzählen ans 
die Felsengräber der Phönizier, die Terrassen- 
monumente der Perser and die Pyramiden der 
Ägypter vielleicht am meisten vom Fahlen 
und Wollen ihrer Erbauer and deren Zeit- 
epoche. 

Je komplizierter die Kulturuerhättnisse wer- 
den, umso mehr andere Kunstfaktoren treten 
gleichwertig neben die Grabmalskanst in die 
Schranken, aber eine spezielle Bedeutung bleibt 
ihr doch in allen Zeiten erhalten : sie 6e- 
schäftigt sich im Gegensalz zur Kunst der 
Kirche und des Staates mit dem Individuum; 
keine andere Kanstbethätigung kann so deal- 
lich zu uns reden vom Gemütsleben des Einzel- 
wesens, sei es nun, dass derjenige, der ein 
Denkmal errichtet, wirklich den Toten damit 
zu charakterisieren versucht, sei es, dass er 
eigentlich sich selber damit zur Geltung 
bringen will. 



GRABMALSKUNST 




richten, aus üppigem Grün hervoriaachend, 
von einem vergangenen Geschlecht, das seine 
Empfindungen mit einer gewissen Absichtlich- 
keit zum Ausdruck brachte, aber es waren 
doch Empfindungen. Der zweite Garten ist 
schon gemessener ; das Material ist ärmlicher 
geworden und die Bildhauer -Arbeiten sind 
kärglicher, aber noch immer treten uns per- 
sönliche Zöge trotz aller Unbeholfenheit ent- 
gegen. Der dritte Garten reicht in unsere 
Tage herein; das Material ist reicher ge- 
worden, es blinkt uns oftmals glänzend poliert 
entgegen, aber die Bildhauer- Arbeil ist durch- 
weg verschwunden; derselbe Stein kehrt wieder 
einmal, zweimal, zehnmal, und streckenweise 
gleicht die Gräberreihe nichts anderem, als 
einem steingewordenen Adressbuch. Die Zeit 
der Fabrikarbeit ist angebrochen; das Indi- 
viduum des ausführenden Arbeiters ist ver- 
schwunden, and mit ihm ist auch das Indi- 
viduum des Toten, dem seine Arbeit gilt, ver- 
loren gegangen. 

Wir dürfen das historische Bild, das einst 
die Grabmalskunst unserer Zeit bieten wird, 
gerechterweise nicht nach dieser Schilderung 
bemessen. Auch in den historischen Epochen, 
auf die wir jetzt bewandernd blicken, ist das 



F. SCHUMACHER, Ulpilg 



Diese Bedeutung hat die Grabmalskanst 
auch heule nicht verloren, und wenn wir uns 
bemühen, das steinerne Kapitel unserer mo- 
dernen Kulturgeschichte zu lesen, das auf 
unseren Friedhöfen geschrieben steht,' so 
können wir manch ernstes Wort daraus ver- 
nehmen. 

Wie sehr der Friedhof auch heute ein Volk 
charakterisiert, wird man am deutlichsten ge- 
merkt haben, wenn man in fremdem Lande 
den Gottesacker betreten hat. Wer hätte nicht 
im Camposanto zu Genua etwas vom ruhm- 
redigen Palhos des Italieners, auf dem Pire- 
Lachaise etwas von der konventionellen Wohl- 
ansiändigkeit der Franzosen und auf dem 
Friedhof in Wien etwas von der koketten 
Eleganz des Österreichers gespürt? — Weil 
schwerer ist es, im eigenen Vaterlande die 
Ranen richtig zu lesen. 

In Leipzig liegt, von wenigen beachtet, 
mitten in dem vom Verkehr entstelltesten 
Teile der Stadt der alte Johannisfriedhof. Er 
zerfällt in drei aneinander gereihte, hofartig 
abgeschlossene Gärten, deren jeder gleichsam 
eine Generation repräsentiert. Der erste Garten 
ist ein Stück unverfälschter Poesie; liebevoll, 
oftmals phantastisch ausgebildete Steine be- 



F. SCHDUACHEB, Lrlpilg 



GRABMALSKUNST 



Mittelgut durchweg verschwunden, and wir 
mustern vor allem die Höben, die aus dem 
Sand der Zeit hervorragend besteben bleiben. 
So wird es unserer Zeit auch dereinst ergehen, 
and da werden sich manche schöne Einzel- 
werke echter Künstler auf unseren Friedhöfen 
finden. Was aber unsere Verwunderung her- 
Dorrufen mass, das ist die Tbatsacbe, dass 
der Prozentsatz, den diese echte Kanst der 
niedrigsten Massenware gegenüber ausmacht, 
so gering ist, und dass all jene Zwischen- 
stufen fehlen, die den Einzelwert des Kunst- 
werkes gar nicht beanspruchen und doch 
einen Hauch von Kanst in ihrer Gestaltung 
zeigen. 

Bescheidene Gräber mit einfachen Tafeln 
wird es immer geben, sie können durch die 
liebevolle Innigkeil, mit der sie geschmückt 
sind, oftmals die besten Trostpunkte auf einem 
modernen Friedhof ausmachen; von ihnen 
sprechen wir nicht, wir sprechen von jenen 
zahlreichen Grabmonumenten, dieeinen reichen 





F. SaiVUACHEB, Leipilt 



F. SCHVMACHER.\Lclptlg 

Aufwand von Mitteln zeigen und jeden Funken 
von Gefühl dabei vermissen lassen. Wäre 
dem Beschauer nur das Bewasstsein dieses 
Aufwandes erspart, die Sache würde weit 
weniger schlimm sein. Hier aber liegt einer 
der Hauptschäden unserer Friedhofskunst: 
was sie an Gemüt nicht besitzt, sucht sie 
durch Material zu ersetzen, — ihr schlimmster 
Feind ist der polierte Granit, der das 
Charakteristikum des modernen Friedhofs 
anderen Zeiten gegenüber ausmacht. Gäbe 
es keinen polierten Granit auf der Welt, 
unsere Kirchhöfe würden weit erträglicher 
aussehen. — Nicht nur, dass das Material 
an sich der zarleren künstlerischen Behandlung 
widerstrebt and dadurch eine Phantasie- 
losigkeit der Form von selber heranzieht, nein, 
selbst geschickt behandelt ist es einer wärmeren 
intimen Wirkung kaum fähig, sondern gesellt 
zur Phantasielosigkeit meist den Ausdruck 
des Ruhmredigen und Gefühllosen. Niemals 
kann solch ein Monument im Lauf der Zeit 
mit der Nalar zasammenwacltsen, was selbst 
dem ärmlichsten Stein seinen Reiz verleiht, 
unantastbar und natarfremd bleibt es in seinem 



GRABMALSKUNST 



aaf unseren Gräbern, aber auf diese kost- 
spielige Art von Gebilden, die man meistens 
auch vom eigentlichen Grabmal loslösen and 
in ein Museum stellen könnte, kommt es nicht 
in erster Linie an; der Künstler muss ein 
Schaffen lernen, das eng und untrennbar mit 
der architektonischen Gestaltung des Grab- 
mals verbunden ist, ein Schaffen, das dekorativ 
wirken will. 

Eine schöne kunstvolle Schrift, ein eigen- 
artig Itehandelles Wappen, ein ornamentales 
Friesband, eine stilisierte Blume, das sind 
Dinge, die auch einfachen Gräbern einen 
künstlerischen Reiz and ein eigenes Gepräge 
geben können, aber es giebt nicht viele, die 
diesen Reiz beherrschen; die unbeeinflasste 
Behandlung einer komplizierten Figur gelingt 
manchem Bildhauer leichler, als das fein- 
fühlige Anpassen an einen bestimmten Gesaml- 
willen, das selbst das bescheidene Ornament 
erfordert, wenn es gut wirken soll. 

Zu dieser ornamentalen Plastik muss weit 
mehr echter Künstlergeist herangezogen werden. 
Wenn uns aber dieser Geist zum Schmuck 
unserer Friedhöfe zur Verfügung sieht, dann 
wird sich auch ganz von selber eine grössere 



F. SCUVilACHBB. /.d| 



hohlen Glänze und so stehen sie denn da 
auf unseren Gräbern, die Obelisken, Kreuze 
und Sarkophage, die Sarkophage, Kreuze und 
Obelisken and bisweilen schaut eine antiki- 
sierende Ädicula dazwischen heraus oder eine 
Büste auf reinlich poliertem Sockel. — Wenn 
man das Geld, das hier zum geistlosen Po- 
lieren des Steines verwandt wird, anwenden 
wollte, um Stein mit künstlerischen Ge- 
danken zu beleben, ein wie reiches Feld für 
das Schaffen unserer Künstler würde eröffnet 
werden. 

Gerade hier, wo ein nie versiegendes, wirk- 
liches Bedürfnis der Kunst entgegenkommt, 
ein Bedürfnis, das man nicht erst erzieherisch 
zu wecken braucht, steht ein Gebiet für die 
dekorative Kunst offen, wie es kaum ein 
zweites gibt. Der Künstler wird es sich aller- 
dings nie in grossem Umfang erobern, wenn 
sein Streben nur darauf geht, Grabfigaren zu 
machen. Es gibt ja sehr " schöne Engel, 
Genien, Porträts und allegorische Gestalten 



F. SCHUMACHER, Leipzig 



GRABMALSKUNST 



fühl hat er auch der Grabmalskunst gegen- 
über. Gehen wir deshalb auf die hergebrachten 
religiösen Symbolformen nur dann zurück, 
wenn wirklich im eigenen Geist oder im 
Reflex der Persönlichkeit, der das Grabmal 
gilt, etwas liegt, was diese Religionssprache 
nicht zur blossen Phrase werden lässt. — 
Es gibt so viel Ausdrucksnüancen in der Kunst, 
die einem Grabmal den Stempel des Heiligen 
and Weihevollen geben können, die vom 
Mystischen des Todes, von der Liebe der 
Mitmenschen und der Hoffnung jedes Menschen- 
herzens reden, dass wir nicht jener Ausdrucks- 
mittel bedürfen, falls wir nichts bei ihnen 
empfinden. 

Hier jeweilig die Form zu finden, die dem 
dunklen Gefühl entspricht, das ist die Auf- 
gabe des Künstlers, and diese Aufgabe ist 
gross und verlockend, weil vielleicht nirgends 
sonst so eindrucksvoll wie in der Grabmals- 
kanst das philosophische Bedürfnis, das jedem 
fühlenden Menschen innewohnt, mit dem 
künstlerischen Ausdruck zu ringen vermag. 

Und es ist seltsam, oftmals kann die 
Architektur eine verständlichere Sprache zu 
uns reden als die illustrierende Plastik, eben- 
so wie die Musik oft mehr zu sagen versteht, 
als die Philosophie. 

FRITZ SCHUMACHER 



Js. 



F. SCHUMACHER, Leipzig 

Mannigfaltigkeit in^der Gesamtgestaltung 
unserer Denkmäler entwickeln. Wir werden 
schon im Entwarf freier werden in der Art 
des Ornamentierens, wir werden uns loslösen 
von der Schablone der schulgerechten Gesims- 
formen, die so ertötend auf die künstlerische 
Phantasie wirkt, wir werden lernen, auch 
ohne Gesimse und ohne grossen Statuen-Auf- 
wand dem Ausdruck zu geben, was wir dar- 
stellen wollen. Dann wird die Sprache des 
Gemütes, die uns jetzt nur so selten auf dem 
Friedhof entgegentönt, weit allgemeiner wieder- 
gefunden werden. Und darauf allein kommt 
es an. 

Der menschliche Instinkt hat in der Bau- 
kunst ein gar feines Empfinden für das, was 
wirklich aus dem Gemüt hervorgegangen ist. 
Er fühlt es deutlich, ob beispielsweise ein 
Gotteshaus aas einem frommen , gläubigen 
Sinn erstanden ist, oder aus dem Geist 
religiöser Gleichgültigkeit, der aus den meisten 
modernen Kirchenbaalen so ertötend heraus- 
schaut, — und dasselbe fein scheidende Ge- 



KORRESPONDENZEN 

NÜRNBERG — Das Bagerische Ge- 
werbemuseum eröffnet eine Sonder- 
ausstellung von Erzeugnissen des mo- 
dernen Kunstgewerbes, welche bis Mitte De- 
zember den Nürnbergern eine willkommene 
Gelegenheit bietet, durch zahlreiche Ankäufe 
ihr Interesse für diese Arbeilen zu bethätigen. 
Sendungen, die für diese Ausstellung bestimmt 
sind, sind zu frankieren und für Platzmiete der 
Betrag von M. 10. — pro Quadratmeter zu ent- 
richten. Das hat leider eine Anzahl Künstler 
abgehalten, sich zu beteiligen, andere wiederum, 
wie Eckmann, von Gosen, Kornhas, Wil- 
helm sind vertreten. Herr Dr. Paul R&e, 
der Bibliothekar des Bayerischen Gewerbe- 
museums, wird an der Hand dieser Aus- 
stellung eine Serie von Öffentlichen Vorträgen 
auf dem Gebiete des Kunstgewerbes halten. 



133 



NÜRNBERG - PARIS 



Wir können die BeleÜigang an dieser 
Aasstellung bestens empfehlen and 
sind gern bereit, Anmeldungen and 
dergl. zu vermitteln. 

PARIS — In dem Salon des 
»Figaro* ist am 15. Nooember 
Don A. MXRTY, dem Direktor 
des Artisan Moderne, eine Ausstellung 
eröffnet worden, die sich besonders 
der Weihnachtsbedürfnisse annimmt 
oder vielmehr der ^trennes, der Neu- 
jahrsgeschenke. Wenn man an die 
Geschmacklosigkeiten denkt, die die 
Fabrikation der Bonbonniiren u. s. w., 
all der kleinen Artikel, in die zur Weih- 
nachtszeit eine Unsumme Geld ange- 
legt wird, hervorbringt, kann man 
sich nur freuen, dass auch in dieses 
Gebiet künstlerischer Geist einzu- 
dringen beginnt. Die Aasstellung, die 
übrigens am i. Dezember nach 
Berlin — in den Kunstsalon von 

Keller & Reiner — gelangt, ent- 
hält reizende Bonbonschachteln nach 
Zeichnungen von Vallotton und 
Belville, Schreibmappen undBuch- 
halter von den beiden Nancger Künst- 
lern Martin and Pnouvß, Photogra- 
phieständer in gehämmertem Kupfer 
von JaCQVIN, Blumentöpfe von Dela- 
HERCHE, ein Schreibzeug von NocQ, 
eine Vase oon Charpentier-Bigot, 
Rauchkasten von BELVILLE and 
vieles andere. Es sind keine Gegen- 
stände oon grossen Prätentionen, es 
ist mehr oder weniger Spielecei, aber 
es ist wenigstens Geschmack dabei, 
künstlerischer Sinn und gediegene 
Ausführung. Wir bilden den Deckel 
eines Bonbonkastens von VALLOTTON 
ab. Die Zeichnung ist vollkommen in 
Einlage-Technik mit hübsch zu ein- 
ander getönten Hölzern ausgeführt, 
also ohne jede Malerei. In derselben 
Technik ist der in der Zeichnung 
ebenfalls von Vallotton stammende 
Buchaufschneider hergestellt, den wir 
gleichfalls abbilden. — Marty gab 
früher die Estampe- Originale her- 
aas, die berühmte Sammlung mo- 
derner Originaldrucke; jetzt macht 
er es ebenso mit modernen gewerb- 
lichen Dingen — ein Zeichen der Zeit. 
Wie die Gravüren werden auch diese 
gewerblichen Gegenstände nur in 
100 Exemplaren hergestellt. In 
der rae Caumartin wird demnächst 



die diesjährige Aasstellung Plumet's 
und seiner Freunde eröffnet, auf die 
wir zurückkommen werden. 9 In 
der Ecole Normale ctEiueignement 
du Dessin der rue Vavin, einer bisher 
von der Stadt unterstützten Privat- 
zeichenschale anter Direktion des 
Architekten GüäRiNS, in der Grasset 
seine Vorträge hält und Merson 
seine Schäler zu sentimentalen Banali- 
täten, die dekorativ sein sollen, ab- 
richtet , sind gegenwärtig Arbeiten 
der Schäler Grasset's aasgestellt. 
Man konstatiert mit Unbehagen das 
Umsichgreifen dieses Stils, der noch 
keiner ist, erst einer werden will und 
zu nichts weniger geeignet ist, als 
Schäler zu machen. Was bei Grasset 
talentvoll and interessant, ja relativ 
wertvoll erscheint, insofern als man 
mit Recht oder Unrecht hoffen kann, 
dass er aus der gegenwärtigen Halb- 
heit — zwischen Malerei und Orna- 
ment ■ — herauskommt, wird bei den 
Schülern, die diese Phase als das 
einzig Erstrebenswerte ansehen, aner- 
träglich. Es gehört gar zu wenig dazu, 
die nun einmal festgesetzte Methode 
derber Stilisierung natürlicher Dinge 
zu erlernen, and so sammelt sich 
denn eine Herde von Künstlern bei- 
derlei Geschlechts um den Mann, der 
etwas Besseres verdiente, als diese 
Art Schule zu machen, die eine fleisch- 
gewordene ewige Kompromittierung 
bedeutet. Diese Leutchen machen 
Einbände, keramische Sachen, Holz- 
arbeiten, Leder arbeiten, wer weiss was 
alles, d. h. immer wohlverstanden 
nur die Zeichnung dazu, was den 
Wert dieser Vielseitigkeit ungemein 
reduziert. Denn es handelt sich ihnen 
nur darum, die einmal sanktionierte 
Methode auf alle möglichen und un- 
möglichen Gebiete zu übertragen, die- 
selbe Blume auf dem Buch, auf dem 
Topf, an der Wand, am Möbel anzu- 
bringen. Von irgend einer zweckent- 
sprechenden Differenzierung des Orna- 
mentes war nur bei den Arbeiten 
eines Fräulein Wjnterwerber etwas 
za entdecken, die Talent zu haben 
scheint. Das Maupassant-Denkmal 
ist jetzt im Parc Monceaa aufgestellt 
und neulich enthüllt worden und 
sieht dort besser aas, als im Champs 
de Mars, freilich ohne besser geworden 
za sein. -y- 



NANCY — WIEN 



N 



ANC Y — Die Nancyer Känallergrappe, 
mit Ausnahme Emile GallJ^s, hat 
hier eine gewerbliche Aasslellang er- 



öffnet, aber die 
werden. 



eingehend berichten 




WIEN — Unsere Kanstgeu>erbeschule, 
oder wie der volle Titel dieser An- 
stalt lautet, die SCHVLE 
DES ÖSTERREICHISCHEN MüSEüMS 

fOr Kunst und Industrie hat 
im Laufe dieses Monats die Ausstel- 
lung derSchälerarbeiten abgehalten. 
Za loben waren nur die Arbeiten des 
Spitzenkurses und die der Ciseleur- 
schule, alles übrige stand tief unter 
der holdesten Mittelmässigkeit. Aller 
Augen sind nun auf den neaer- 
nannten Direktor des Museums, 
Hofrat A. V. SCALA, gerichtet and 
man hofft von ihm, dass unter 
seiner Ägide neues Leben am 
Stubbenring erwachen wird. Hof- 
rat y. SCALA war noch vor kurzem 
Direktor des Handelamuseama, das 
er xurhohen Blüte gebracht hat. 
War doch für ans dieses Museum 
eine Art L' ART NOUVEAC und SCALA 
unser BING. Ein guter Anfang ist 
bereits zu verzeichnen: an Stelle 
der vom Museum herausgegebenen 
Mitteilungen tritt vom Januar 1898 
an eine reichillustrierte Monats- 
schrift in Folio, betitelt: *Kunst 
und Kansthandwerk* in die Öffent- 
lichkeit. Leiter und Herausgeber ist A. 
r. SCALA selbst. Eine Probenummer gelangt 
schon im Nouember zur Ausgabe. -- Die 
erste Veranstaltung des neuen Direktors 
war eine Ausstellung von Werken Louis 
C. TiFFANY'a. Sie stammen aas den Glas- 
hütten dieser Kunstanstalt und geben Zeugnis 
von einer ausserordentlichen Technik und 
von der Höhe des amerikanischen Kunst- 
geschmackes. Bemerkenswert ist, dass unsere 
Presse es nicht der Mähe wert findet, auf 
die Wichtigkeif dieser Arbeilen hinzuweisen 
und so geht diese Ausstellung im Publikum 
spurlos vorüber. Was ist uns Tiffany! Und 
dabei kommt dieser Reformator der Glas- 
technik zum erstenmale in das Bereich der 
tchwarzgelben Grenzpfähle. Osterreich hätte 



allen Grand, die Sache nicht auf die leichte 
Achsel zu nehmen, sondern angesichts der 
hochentwickelten, aber leider im Stillstand 
befindlichen Glasindustrie Nordböhmens den 
Konkurrenten von der andern Seite der 
grossen Pfütze scharf za beobachten. Einmal 
aus dem Sattel gehoben, kommen wir nicht 
sobald wieder hinein. Die Direktion bat es 
leider verabsäumt, die Preise za den einzelnen 
Stücken hinzuzufügen, die doch zur Wert- 
schätzung dieser Kunst von grosser Bedeutung 
sind. Das Bewusstsein, dass ■ diese Objekte 
einen ausserordentlichen Geldwert besitzen, 
soll in das Volk dringen, um auf diese Weise 



VALLOTTON, Parti 



T Bonbonnlire 



dem ausübenden Kunsthandwerker Lust zur 
Arbeit und dem Käufer Freude am Besitz za 
machen. Denn bei Tiffany ist nicht nur 
die Kunst imponierend, sondern auch die Preise 
sind es. — Der rührige Kunstsalon EuGEN 
Artin hat gelegentlich seiner SleTOGT-Aus- 
stellung, die er im Gartenbaapavillon ver- 
anstaltete, den Wienern zum erstenmale kera- 
mische Objekte der Künstlerfamilie V. HeiDER 
vorgeführt. Die Exposition vollzieht sich 
unter enormer Beteiligung des Publikums, 
welcher Erfolg nicht zum mindesten auf das 
Conto des Alfred RoLLER'schen Plakates 
zu setzen ist, das sogar eine Zeitungskontro- 
verse hervorgerufen hat. Für die Plakat- 
kunst sicher ein grosser Erfolg. — Unsere 
Secession, die Vereinigung bildender Künstler 



WIEN — DRESDEN 



Österreichs, giebt von Mille Januar n. Jahres 
ein Organ heraus, das sich » Ver Sacrum* be- 
titelt. Das neue Blatt wird unter anderem 
unsere angewandte Kunst uom modernsten 
Standpunkt vertreten. ^ /, 

DRESDEN — Eine höchst interessante 
Darbietung im Dresdner Kunstleben 
war in diesen Wochen die von der 
Ernst ARNOLD'schen Hofkunsthandlung ver- 
anstaltete japanische Ausstellung, welche einer 
solchen von 1895 folgte and weit mannig- 
facher und lehrreicher war als jene. Mit 
grosser Sorgfalt and Sachkenntnis war eine 
Fülle ausgewählter Kunstwerke in Holzschnitt, 
Thon, Porzellan, Bronze, Eisen, Holz, Elfen- 
bein, Lack u, s. w. zusammengebracht, die 
in der Art der Aufstellung auch sehr zu ein- 
gehenden Betrachtangen einlud. Die Perlen 
unter den Holzschnitten waren u. a. 6 Blatt 
von Marononbu, — eine Kurtisane von 
Shunsho, eingehüllt in ein einfaches aber 
in kraftvollen schönen Linien stilisiertes Ge- 
wand, ferner zwei markante Schauspieler- 
Bildnisse von ShaRakv, die durch kräftige 
flotte Zeichnung besonders auffielen. Den 
grössten Gegensatz hierzu bildete die Dar- 
stellung einer jugendlichen Japanerin in kost- 
barem Gewände von Yeiri. — MasanoBÜ, Ho- 
KUSAI und UtaruarO waren auch gut ver- 
treten. Von dem letzteren die seltene Folge 
von der Seidenkultar in wandervollen Exem- 
plaren komplett. HlROSHiGE zeigte seine 
Kunst in der Darstellung der Landschaft, 
seinen Vogelstadien u. s. w. Eine köstliche 
Sammlung von SURIMONOS — meist Metall- 
drucke (aas Dresdner Privatbesitz) — sowie 
i2 Kasemonos vervollständigten das Bild 
der Japan-Drucke. Hervorzuheben ist hierbei, 
dass in der That sowohl im Sujet, wie in 
der Erhaltung gute Blätter ausgewählt waren. 
Sehr fein war die Sammlang des Jnros 
(Medizinbücher) in der je ein Exemplar eine 
besondere Technik charakterisierte. Das 
schönste der Netzke's, ein kleines Nixchen, 
zeigen wir hier in einer Abbildung. Grosses 
Interesse bot sodann die Kollektion der Stich- 
blätter und Messergriffe, die dank des Ent- 
gegenkommens eines Dresdner Sammlers un- 
gemein reich ausgefallen war. Die ältesten 
Sägearbeiten in Eisen waren bis zu den ver- 
ziertesten Exemplaren in Gold, Silber and 



Shaküdo (ein stahlblauschimmerndes, feines, 
goldhaltiges Metall) alle vertreten. Im königl. 
Kupferstich-Kabinett sind neben den Gravüren 
der drei Böcklin - Werke von Bruckmann 
neue Plakate ausgestellt, unter denen eigent- 
lich nur die Anzeige eines Brüsseler Ein- 
rahmers von Theo van Rysselberghe, so- 
wie einige »Harpers Magazine* von E. Pen- 
field Anspruch auf künstlerische Eigenart 
machen können. Das Weberplakat (für 
E. Hauptmanns Dichtung) von Emil OrliK, 
Prag, ist kraftvoll and von mächtiger Wir- 
kung. Zwei von den grossen monumentalen 
Wandgemälden, die Professor Hermann PRELL 
im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers für den - 
Thronsaal der deutschen Botschaft im Caffa- 
rellischen Palaste zu Rom gemalt hat, sind 
im grossen Saale des Sächsischen Kunstvereins 
ausgestellt. Die Motive zu diesen Gemälden 
hat Professor Prell, der besonderen Vor- 
liebe des Kaisers entsprechend, der altdeutschen 
Göttersage (Edda) entnommen. — Abbildungen, 
sowie eine ausführliche Besprechung von 
Dr. P. Schumann soll in der *Kanst für 
Allet erscheinen, da hierbei doch mehr künst- 
lerische als dekorative Interessen in Frage 
kommen. Das grosse Geschäftshaus des 
Apothekers ILGEN, erbaut von den Bau- 
meistern Schilling and Gräbner, ist fertig 
und bildet nicht nur einen Schmuck des 
Pirnaischen Platzes, sondern der ganzen Stadt. 
Die Raamverteilung ist so modern wie mög- 
lich, die Kombination eines Cafis und Cafi 
Chantants mit Wohnräumen im selben Hause 
ist denkbar glücklich gelöst. In der Kon- 
struktion überwiegt glücklicherweise das Eisen. 
In der rein künstlerischen Aasstattang aber, 
also in dem Schmuck, vermisst man das 
Moderne nur allzusehr. Dass die beiden 
Architekten auf den in Dresden tgpischen Stil 
Rücksicht genommen haben, vermag nicht 
darüber hinwegzuhelfen, dass Barock und 



DRESDEN - BERLIN 



Eisenkonslruklion zwei anvereinbare Begriffe 
sind. Der von dem Bauherrn gewählte Name 
*Kaiserhaua€ kommt dieser falschen Prätention 
nur allzusehr zu Hilfe. a. 



Bi 



I ERLIN — Die Gründung der Berliner 
Kunsthandlung Keller & Beiner 
schafft der modernen gewerblichen 
Kunst eine neue und wichtige Stelle in unserer 
Reichshauptstadt. Wohl hat schon das Hohen- 
zollern - Kaufhaus, dank der umsichtigen 
Leitung seines Gründers HiRSCHWALD, der 
an der englischen Invasion in Deutschland 
keinen geringen Anteil hat, die besten geujerb- 
lichen Gegenstände des Auslandes bei uns ein- 
geführt, aber es fehlte bisher in Berlin an 
einer Stätte, die diese Tendenz mit lediglich 
künstlerischen Absichten durchfährt, nicht 
unter vielen schlechten Sachen wenig gute 
verbirgt, sondern konsequent bestrebt ist, nur 
das Beste zu zeigen and zwar nicht nur das 
fremdländische, sondern auch das Werk des 
eigenen Landes. Das versprechen uns KELLER 
& REISER. Ncanentlich ihre Absicht, Kunst 
and Gewerbe in geschlossenen Interieurs za 
vereinigen , verdient regstes Interesse. Der 
neue Salon bringt gegenwärtig die MeüNIER- 
Kollektion der Dresdener Ausstellung and ein 
Zimmer VAN de Velde^s; ausserdem am 
1. Dezember eine Sonderausstellung des Pariaer 
Zinnkünstlers A. CBARPENTIER. 

^as Hohenzollernkaufhaus hat eine grosse An- 
zahl neuer moderner Möbel und Schmuckgegen- 
stände — u. a. interessante belgische Sachen 
— und keramische Arbeiten ausgestellt. 



DEKORATIVE KDNST. HEFT 3. 




BERLIN - NEUE BOCHER 



J. SATTLER. Berlin 



Vlgnellai 



fEIRl Junta Uedditn 

NEUE BÜCHER — Es liegen uns 
zwei interessante Werke vor, die zur 
gemeinsamen Betrachtung anregen, 
das eine: OuDE HoLLANDSCHE Sieden aan 

DE ZUIDERSEE bei DE ERVEN F. BOHN, dem 
tüchtigen Verlier des Ggsbrecht von Aemstel 
von Derkinderen ; das andere bei einem nicht 
weniger gut beleumdeten Berliner Verleger 
ähnlicher Richtung: J. A. Stargardt, nämlich 
der II. Band des im Auftrage Hegls, von Boos 
geschriebenen und Sattler gezeichneten Werkes 
tDiB Kultur der rheinischen Städte*, 
dessen I. Band in so kurzer Zeit vergriffen 
wurde, dass man sich zu einer zweiten 
Auflage entschlossen hat. 

Beide Werke interessieren ans hier durch 
die Art ihrer Illustration. Sie haben ein 



ähnliches künstlerisches Ziel: eine vergangene 
Zeit durch die Hand eines Künstlers unserer 
Tage neu zu beleben, oder sagen wir, für 
uns interessant zu gestalten. Beiden gelingt 
es. Das holländische Buch — eine moderne 
Illustration alter Stadtchroniken — hält sich 
lediglich an die Architektur, das deutsche 
zieht auch andere Faktoren der Zeit, vor 
allem die Menschen in seinen Gesichtskreis. 
Die Zeit ist bei beiden im wesentlichen die- 
selbe — die Gotik. — Hier fand Sattler sein 
Feld. Was so oft bei seinen Illustrationen 
moderner Bücher stört, seine bis zum Archais- 
mus getriebene Vorliebe für die stolzeste Epoche 
unserer Vergangenheit, wird in diesem Werke 
zu einem geradezu einzigen Wertfaktor. Nur 
er konnte dies Werk, für dessen Veranstaltung 
man dem materiellen Veranstalter, Herrn 
V. Heyl, nie genug danken kann, vollbringen, 
hier hat seine Last am Gotischen sich ein- 
mal aasgetobt. Man fühlt bei jeder Kleinig- 
keit, bei den Initialen, bei den reizenden 
kleinen Kopfstücken dieselbe Liebe, die er 
auf seine Vollbilder verwendet, Bilder, die 
seinen allerbesten Sachen gleichkommen, eben 
weil sie hier natürlich sind. Und es ist doch 
viel mehr als blosser Archaismus, was aas 
diesen Schwarz-Weiss-Bildern spricht. Man 
betrachte diesen Tod auf dem Floss in der 
weiten, weiten Ebene. Solche Weite bat 
keiner anno dazumal besessen, so hat nie- 
mand den Tod gesehen; diese künstlerische 
und geistige Perspektive ist modernes Werk. 
Was dem Werk den scheinbar wunderbar 
echten Lokalton giebt, ist die gotische Kon- 
venienz , in der das Ganze verläuft , ein 
künstlerischer Wille, der sich dem alten Mittel 
unterordnet, um neuen Geist zu verbreiten, 
der, wie ein glänzender Schauspieler, neue 
Gefühle aus alten Tragödien zu zaubern 
weiss, den Wert des Alten umformend ver- 
doppelt. 

Ganz anders die jungen Holländer, Nieawen- 
kamp und Veldheer, die das Bohn'sche Buch 
gemacht haben. Sie sind modernerer Art. 
Auch sie verdanken dem Alten viel, vor allem 




J. G. VELDHEER 



I 'Oadi Hollandtche Sttdnt 



NEUE BÜCHER 



die Anregung für das Neue, aber sie sieben 
dem Allen objektiv gegenüber. Die Archi- 
tekturen NieauKnkamp's sind Eindrücke ganz 
moderner Augen, sie sehen nicht mit der 
Exaktheit, mit der Saltler empfindet, sie sehen 
auch nichts Altes hinein, sie geben lediglich 
den malerischen Effekt dieses köstlichen alten 
Gerumpels and möchten am liebsten etwas 
ganz anderes daraas machen; die Biegungen, 
Winkel, die Linien, die sie sehen, möchten 
sie anders biegen, anders winden; was gerad 
isl, krumm, was krumm ist, gerade machen. 
Worauf sie hinaasmöchten, zeigen die rein 
ornamentalen Sachen des Buches von Veld- 
heer. Das ist gar keine Gotik und gar 
nichts uon dem reizenden Barock, das man 
in ein paar non den Architekturen findet; 
es sind haarscharfe, rein dekorative Arabesken, 
in erster Instanz überseeischer Herkunft wie 
die gaiue moderne Ornamentik Hollands, 
atfer so verarbeitet, dass sie wie ein Ausdruck 
unserer modernsten Bedürfnisse erscheinen. 

Eines haben beide Bücher gemein, sie sind 
bachgewerblichen Ansichten entsprungen, 
zanftgemäss gemacht in gutem Sinne. Beide 
enthalten keine Gemälde als Illustrationen, 
sondern typographischen Schmuck und die 
Vollbilder in einer dem Bachdruck ent- 
sprechenden Technik, so dass sie auch nur wie 
grössere typographische Zeichen erscheinen. 
Der Holländer hat vor dem Deutschen voraus, 
dass der grösste Teil seines Bildwerkes — ■ wie 
übrigens bei fast allen jungholländischen 
guten Druckwerken — in Holz geschnitten 
ist, während sich der Deutsche mit dem 
Zinkklischee begnügt. Man kann ungestraft 
die Liebe zu den Alten so weit treiben, sich 
ihrer Technik — des Holzschnittes — zu be- 
dienen, der nie uon dem mechanischen Ver- 
fahren erreicht werden wird. — 



oeben erbalten wir 
noch zwei neue deut- 
sche Bücher , die , 
obwohl sie keinen 
Schmuck, keine Illu- 
stration enthalten, 
mindestens ebenso in- 
teressant sind. Zwei 
Bücher von ALFRED 
LiCHTWARK in Ham- 
burg ; das eine : Ham- 
burg-Niedersachsen, das andere: BLUMEN- 
KULTUS — Wilde Blumen betitelt (Verlag 
von G. KOHTMANN, Dresden, ä M. 1.80). Sie 
repräsentieren sich nicht in dem bewussten 
flatterigen Papier Umschlag, sondern im ge- 



schmackvollen, rostfarbenen Leinenband, mit 
schwarzaufgedruckter Blumenvignette — von 
Eckmann vermutlich — , die den goldgedruckten 
Titel einschliesst. Endlich mal ein Autor, der 
seinen Verleger zu dem bringt, was sich in 
England and Amerika von selbst versteht: 
einem anständigen Bach dauerhafte Hülle zu 
geben! — Und man hat recht gethan; diese 
Bändchen verdienen häufiger als einmal ge- 



J. SATTLBB, Berlin 



Vlgnettt 



lesen zu werden, man kann auf sie die ver- 
traute Phrase unserer Weihnachtslitteratur- 
kritiker anwenden : *sie sollten auf keinem 
Familientische fehlen /« — Dafür sind sie ge- 
schrieben ; keine gelehrten Bächer, wie sie 
sonst wohl ein Maseumsdirektor von sich giebt, 
sondern höchst einfache, höchst gediegene, 
höchst verständige und verständliche Worte. 
Das eine enthält Hausrezepte, nicht für den 
Magen, sondern für die Augen; es ergänzt 
des Verfassers reizendes Buch: Makart- 
BOUQUET UND BLUMENSTRAVSS (VerlagS- 
Anslalt F. Brackmann A.-G.J. Es handelt 
von den Blumen ; was man mit ihnen machen 
kann und was man nicht mit ihnen machen 
soll, giebt Regeln für die Blumen am Fenster 
und im Garten, im Boden, im Topf and im 
Glase; Regeln, die sich für den verständigen 
Geschmacksmenschen von selbst verstehen, 
denen aber leider bei jeder Gelegenheit noch 
so oft unbewasst widersprochen wird, dass 
es sich wohl gelohnt hat, sie mal niederzu- 
schreiben. Lichtwark verschweigt, dass die 
amerikanische Gartenkunst schon einen enor- 
men Schritt über den Hamburger sogenannten 
englischen Stil hinausgethan hat, dass es (in 
Vasen and Gläsern in Belgien und England 
schon masterhafte, ganz billige Sachen giebt 
ffür Vasen die Poterien von Finch — man 
kann Wasser hineingiessen ! — für Gläser die 
PowelFschen and andere in London]). Der 
Autor, der diese Sachen so gut kennt wie 
wir, übergeht sie mit Absicht. Er sieht das 
Heil nicht im Ausland; der eigene Boden soll 
das Mittel bringen, das er braucht. Dieser 
streng nationale Standpunkt beherrscht die 
ganze Wirksamkeit Lichtwcwks. Wir teilen 



W. O. J. NIEUWENKAÜP Aui .Oudt HoOandtche Sltden- 



NEUE BÜCHER 



/. SATTLER, ntrtln 

ihn nicht; wir glauben, dass die nationalen 
Grenzen in künsllemcben Dingen heule andere 
sind als die politischen, dass ein gegenseitiges, 
intensives Durchdringen der speziell ange- 
wandl-künstltriscben Tendenzen dem National- 
eigentum des einen wie des anderen Volkes 
zum mindesten zum Vorteil gereichen kann, 
ja, dass hier bis zum gewissen Grade der Inter- 
nationalismus nötig werden kann, der sich 
im Gewerbe und Industrie, die ihn direkt 
bedingen, als setbslversländlich erwiesen bat. 
Aber wir achten diesen Standpunkt. Und 
relativ gedacht, ist bei der deutschen Sucht, 
das Ausland nachzuahmen — eine Tendenz, 



Äai -Die Kullar der Rhirinttchen SlSdle' 

die in künstlerischen Dingen schlimmer ist, 
als das entgegengesetzte Prinzip — ein Mann 
doppelt wert, der selbst bis zur Einseitigkeit 
den nationalen Standpunkt nicht nur vertritt, 
sondern alle Mittel thatkräftig wirksam zu 
machen sucht, die ihn unterstützen können. 
Diese Wirksamkeit ist bei weitem schwieriger 
als immer auf das Ausland zu verweisen, wo 
die gebratenen Tauben herumfliegen, und fre- 
dingt, wenn sie nicht in Thorheit umschlagen 
soll, einen ganzen Mann. 

In dem anderen Bache Lichtwarka be- 
schränkt sich derselbe Standpankt auf das 
dem Autor liebste Gebiet, sein Hamburg. Es 



NEUE BOCHER — ANZEIGEN 



ist eine]Art Kultargeschicbte 
Hambarga , die er darin 
skizziert, ivie man sie in den 
gelehrten Fachwerken , die 
DonStädlegeschichte handeln, 
oergeblich suchen wird. 

Aas den oolkspsgchologi- 
schen Elementen , aus den 
polnischen and ökonomischen 
Faktoren analysiert oder syn- 
thetisiert er die gegenwärtigen 
Kanatverhältnisse Hamburgs, 
die, was das Vereins- and 
Maseumswesen and alles das, 
aias Staat und Pablikiun 
dazu than können, anlangt, 
in Deutschland auf einsamer 
Höhe stehen. Man kann die 
Essenz des Buches auf den 
Autor selbst anwenden. Solche 
Einzelkräfte wie Licbtwark, «^ 
denen eine freiere Staatsform ^ 
grössie Wirksamkeit erlaubt, 
können in Hamburg mehr 
than als ganze Ministerien 
anderswo. Hamburg ist zu 
gratulieren , dass es solche 
Menschen wie Licbtwark und 
Brinckmann zu finden — und 
zu hallen versteht. Dies Buch 
sollte auf keinem Regierungs- 
tische fehlen. 

Wir möchten dem Wunsche 
nach gedeihlicher Entwicke- S 
lang, mit dem das Buch 
schliesst, die Überzeugung 
hinzufügen, dass eine Re- 
publik, die nur durch die 
praktische Einsicht und die 
Intelligenz ihrer freien Unter- 
thanen zu dem Ehrenplatz 
»gleich nach den König- 
reichen* in der Ökonomie der 
Nation gelangt ist, auch im 
modernen Gewerbe, das vor 
allem schärfste Einsicht in 
den praktischen Wert der 
Dinge verlangt, nicht zurück- 
bleiben wird. -f- 



DIREKTOR; C. R. ASHBEE 

MOBILIAR - BELEUCHTUNGSKÖRPER - METALL- 

QEQENSTAnDE - SCHMUCK. 

Oie QtLDE VERANSTALTET IM DEZEMBER EINE AUSSTELUUNCI 
I8SE BEI KELLER h REINER IN BERLIN W. 3b. 
POTSDAM ERSTRA8BE 132, 







-TRA- 
-TIO- 



C. Anqerer 

^^ IN Wien 

, ni/l OnmilBEISTRUSE V- 48 



MITISntrillCHE 

UHTUBTALT 



EMPFEHLEN SICH BESTENS 

ZUR ANFERTIGUNG VON 



Autotypien, phototypien, chemitypien 



UND CHROMOTYPIEN. 



41 



LoQii XVI., Empire etc. 
v.#fR> in GalfiDDphstik 

na<^ illuetrierfem :%fa1o3 

und auf "Verlangen noc^ ßcBondcren 

JlZodellcn der i^ünsflcr. 





franzfiscber^Sobit 

'^ miwDM 

) ' 

itlMiMknir. 

EingclngsBa ScbuUmarkt Sr. 71614. 

$pciumit> RMafltmitc üRgnlK-CaiKt« 



• Clt*i(i Tikriial. ■ 



«titte MiMtn. M> 



Raasa-tinoleiin. 



DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN 



VON 

C. NYROP 



Neues and Altes ringen gegenwärtig in 
wanderliclier Weise miteinander auf dem Ge- 
biete der Kunst and der Kanslindastrie. tDie 
Kanst sinkt Tag für Tagt, raft man von der 
einen Seite. tJetzt erwacht die Kanst, eine 
neue, grosse Kanst*, so tönt es mit Begeiste- 
rung Don der andern. Die ganze Bewegung 
ist merkwürdig plötzlich gekommen. Als 
BLANQVI im Jahre 1851 seine vortrefflichen 
Briefe über die erste Wellaasstellung schrieb, 
sah er in Russland, Amerika und Australien 
die Zukunft, in Indien, China und der Türkei 
die Vergangenheit. Von Japan spricht er gar 
nicht, and doch lag ein bedeutendes Stück 
Zukunft in diesem damals so fernen Lande. 
Nicht zwanzig Jahre später entdeckte man 
erst mit Erstaunen, dann mit Bewunderung 
Japans feine, fesselnde Kanstarbeiten. Japan 
ward nachgeahmt. Dieser Japonismus war 
aber nur ein Cbergangsglied. Die Liebe zur 
Natur, die aas der japanischen Kunst atmet, 
verbreitete sich wie ein befreiender Hauch. 
Das Naturstudiam erweckte die Phantasie 
unserer Künstler, so dass sie anfingen, nach 
freier, grosser Schönheit zu streben. Man 
drehte den alten Stilarten den Rücken. 

Der frische Strom war jedoch nicht lauter 
Harmonie. Es fanden sich darin wunder- 

DBKORATIYE ECKST. HEFT i. Ji 



liebe, ja wilde Einfälle. Es bildeten sich 
Urfeile für und wider, die leidenschaftlich 
gegen einander kämpften. In der dänischen 
Kanslindastrie kam dieses auf der nordischen 
Ausstellung in Kopenhagen 1888 zum Vor- 
schein. 

Der Mann, der bei dieser Gelegenheit alt 
Leiter auftrat, der jetzige Etatsrat PHILIP 
SCHOU, sah die Zukunft der dänischen In- 
dustrie in der Entwickelung der dänischen 
Kunstindustrie ; es ist daher natürlich, dass 
man auf dieser Ausstellung diejenigen däni- 
schen Künstler, die von den neuen Strömungen 
berührt waren, auch als Aussteller in der 
Abteilung für die Industrie findet. Die Aas- 
stellung hatte sie veranlasst, sich zusammen- 
zuschliessen, und sie stellten gemeinschaftlich 
unter dem Namen »der Dekorationsoerein* 
aas. Die von ihnen ausgestellten Arbeilen 
uerarsachien einen überaas hitzigen Kampf, 
der sogar seine Spuren in grossen europäischen 
fachlichen Zeitschriften hinterliess. Während 
ein französischer Kritiker in der » Gazette des 
beaux artst von »dieser jungen, vergnüg- 
lichen Kunstt spricht, braucht BRUNO BuCHER 
einen so starken Aasdruck wie »Scbaader- 
kammer', wenn er die Ausstellung des Vereins 
erwähnt. 



DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN 



Unter den in dem Dekorationsverein aas- 
stellenden Künstlern befand sich eine ziemlich 
grosse Anzahl Keramiker, wie Thorvald 
BiNDESBöLL, Niels Skovcaard, Joachim 
Skovgaard II. a., von deren Hand man jetzt 
eine Reihe vorzüglicher Arbeiten in dem Kopen- 
hagener Kanstindusiriemuseum sehen kann. 
Solche Arbeilen, wo der Künstler der einzige 
Schaffende ist, können nicht hoch genug ge- 
schätzt werden. Die neue Richtung strebt 
ja unter anderm danach, die Kunst und das 
Handwerk auf das innigste mit einander zu 
verbinden ; nach diesem Ziele hin arbeitete 
auch Philip Schoü eifrig als Direktor der 
königlichen Porzellanfabrik in Kopenhagen. 
Das, was die Künstler des Dekorationsaereins 
erstrebten, danach trachtete auch die könig- 
liche Porzellanfabrik, nämlich freie, frische 
Schönheit; deshalb spielt die Aasstellung 
dieser Fabrik im Jahre 1888, die erste unter 
der Leitung PHILIP SCHOV's, eine so grosse 
Rolle in der Geschichte der dänischen Kunst- 
industrie. 

Vom Anfange des Jahrhunderts an hatte 
die dänische Kunstindustrie, eine Zeitlang in. 
römische Empirekleidung, zuletzt in verhältnis- 
mässig reiche Renaissancegewänder gehüllt, 
auf sogenanntem klassischen Boden gearbeitet,. 



jedoch stets in antikisierender Richtung. Noch 
bei der Pariser Weltausstellung 1878 kon- 
statiert Juuus Lessing in der dänischen 
Kunstindustrie: *die uneingeschränkte Herr- 
schaft des hellenischen Stils. Dieser Stil*, 
sagt er, > ist die einzig angesehene and ge- 
achtele Richtung in Kopenhagen*. Irrtümlich 
schreibt er diesen Stil dem Einflasse Thor- 
WALDSEN's zu. Die antikisierende Richtang 
der dänischen Industrie stammt aus einer Zeit, 
da Thorwaldsen noch ein junger, unbe- 
kannter Anfänger war; sie wurde ausgebildet, 
bevor seine Kunstwerke den langen Weg von 
seinem Atelier in Rom bis Kopenhagen zurück- 
legten, und sie besitzt auch nicht die reine, 
ideale Schönheit seiner Kunst. 

Wie aus obigem hervorgeht, war die däni- 
sche Kunstindustrie durchaus konservatio. Die 
Gotik, das Rokoko, sowie die allnordischen 
Formen halten dann und wann Versucht, die 
Übermacht zu erlangen, waren jedoch nicht 
durchgedrungen. Es wurde daher der Stadt 
Kopenhagen eine grosse Überraschung bereitet, 
als die königliche Porzellanfabrik auf der 
Ausstellung von 1888 in ganz neuen Kleidern 
auftrat, denn auch diese Fabrik hatte bisher 
selbstverständlich den antikisierenden Slil- 
arten gehuldigt. 



DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN 

Die Fabrik wurde im Jahre 1775 von 
dem dänischen Chemiker Frantz Heinrich 
M Oller geschaffen. Er hatte selbständig 
herausgefunden, hartes Porzellan herzustellen. 
Es gelang ihm, eine Gesellschaft zu bilden, 
die seine Erfindung ausnützen sollte, und er 
verstand es, den dänischen Hof dafür zu 
interessieren. So geschah es, dass die Fabrik 
im Jahre 1779 an den dänischen Staat über- 
ging. Müller wurde königlicher Beamter und 
die Fabrik sollte nun wesentlich nützlich sein. 
Um möglichst viel Geld im Lande zu be- 
halten, sollte sie hauptsächlich blaugemaltes 

Porzellan zum Gebrauch herstellen. Selbst- i 

verständlich aber machte sie nicht wenige ' 

Abstecher in das Reich der Kunst. Es sind 
noch die niedlichsten kleinen Figuren aus 
der ersten Zeit der Fabrik vorhanden, Statu- 
etten, Gruppen, wie auch Vasen etc., die jetzt 
zu hohen Preisen gesucht werden und davon 
zeugen, dass der Fabrik tüchtige künstlerische 
Kräfte zu Gebote standen. 

Damals herrschte das Rokoko. Was diese 
Stilart geschaffen hatte, musste jedoch ver- 
schwinden, als die antikisierende Richtung 
ihren Anfang nahm, and Dänemark hatte 
im Jahre 1815 in dem Württemberger G. F. ahsold krog 

Hetsch einen Sohn erworben, der mit seiner 

ganzen Energie unablässig einschärfte, dass ihm hervorgerufenen »reinen* Formen mit 
ein Kunstwerk nur auf dem Boden der Klas- ihren geraden Linien, tklassischent Orna- 
sizitäl geschaffen werden könne. Ungefähr menlen und der starken Vergoldung wurden 
vom Jahre 1820 an übte er Einfluss auf die als ein Triumph des guten Geschmackes be- 
königliche Porzellanfabrik aus, und die von grüsst. Mit einiger Modifikation stand die 

Fabrik nach auf dieser Grundlage, 
als der Japonismus anfing; damals 
aber war sie bereits nicht mehr eine 
Staatsinstitutio n . 

Nachdem die Fabrik eine geraume 
Zeil hindurch für den dänischen Staat 
ein zehrendes Aktiv gewesen war, 
wurde sie im Jahre 1867 an einen 
Privatmann, den Grosshändler G. A. 
Falck verkauft, dem es gestattet 
wurde, sie auch ferner tKöNlGLlCHE 
PORZELLANFABRIKt ZU nennen. Er 
machte indessen nur die Veränderung, 
dass er die alten Rokokoformen aufs 
neue aufnahm ; die Freude aber, wo- 
mit diese Formen begrüsst wurden, 
zeigte, dass die Mitwelt begann, 
der pseudo-klassischen Einförmigkeit 
müde zu werden; bald sollte eine 
noch grössere Veränderung eintreten. 
Im Jahre 1882 verkaufte FALCK 
die Fabrik an die Aktiengesellschaft 
Aluminia; so kam sie unter die Leitung 
des Mannes, der ihr im Laufe weniger 
c. uiSBERG Jahre einen Wellruf verschaffen sollte. 



CAM. MOBTESSBN STBPHAS VS5ISG 

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DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN 



Die ursprünglich nur kleine Fayencefabrik 
Alaminia nahm einen schnellen Aufschwang, 
als der polytechnische Kandidat Philip SCHOü 
im Jahre 1868 mit ihr verknüpft wurde. Er 
bildete sie zu einer Aktiengesellschaft am and 
sein energischer Eifer, der darauf hinausging, 
Leben und Bewegung in die dänische Kunst- 
industrie zu bringen, fährte ihn von der Fa- 
yence zum Porzellan. Die Fabrik Aluminia 
stellte — jedoch nur in geringem Umfange — 
Porzellan her, dessen Dekoration nicht jene 
»Hinneigung zu den antiken Formen* zeigte, 
die deutsche Weltausstellungs - Kritiker als 
eigentümlich dänisch nachgewiesen hatten. 
Auf SCHOlfs Anregung kaufte die Aklien-Ge- 
seUschaft die königliche Porzellanfabrik, and 
nachdem die erforderlichen neuen Öfen auf- 
geführt worden waren, gewann er im Jahre 
1884- den Architekten Arnold Krog, der zu- 
gleich ausübender Maler war, als Künstler an 
die Fabrik, Alles, was dekorativ schön war, 
mochte es da oder dort zu finden sein, inter- 
essierte KrOG, während der Japonismas und 
die Natur seine Liebe besassen. Hiermit hatte 
die neue Aera der Fabrik ihren Anfang ge- 
nommen. Unter ScHOlfs und Krog's Leitung 
bereitete die Fabrik sich mit aller Kraft zu der 
nordischen Ausstellung in Kopenhagen vor. 

Diese Vorbereitung bedeutete in technischer 
Beziehung die Einfuhrung der Unterglasur- 



malerei and in künstlerischer Beziehung den 
Bruch mit der bisher in Dänemark gebräuch- 
lichen kunstindustriellen Tradition. Man brach 
nicht allein mit der antikisierenden Stilart, 
sondern auch überhaupt mit dem Satze, dast 
alte Stilarten für neue Kunslindusirie mass^ 
gebend sein sollten. Als die Fabrik im vorigen 
Jahrhundert, dem Gebote des Staates Folge 
leistend, mit der Blaumalerei anfing, fand 
sie, ein glücklicher Aladdin, ein sogenanntes 
* Muschelmaster*, das sich bis zum heutigen 
Tage erhalten hat und sogleich eine gesuchte 
Ware wurde. Es ist ein stark stilisierter, 
chinesischer blühender Pflaumenzweig; die 
Blaumaler der Fabrik aber, die es tausend 
und abertausendmal malten, haben kaum 
eine Ahnung davon gehabt, dass ein Vor- 
bild aus dem fernen Osten die Grandlage 
ihrer Arbeit bildete; jetzt weiss die Fabrik 
mit völliger Gewissheit, dass es das ferne 
Japan ist, welches zur Erreichung eines Resul- 
tates beigetragen hat, das selbst in Frankreich 
von Männern wie MariüS Vachon, Edouard 
Garnier, Lücien Falize and Roger Marx 
mit Bewunderung begrüsst worden ist. 

Wie es sich erwarten' Hess, stand das Ire- 
sonnene dänische Publikum der Fronlverän- 
derang der Fabrik im Jahre 1888 kühl gegen- 
über. Was sie hervorbrachte, war ihm zu neu, 
zu fremd. Anders aber ging es, als die Fabrik 



DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK IN KOPENHAGEN 



ün folgenden Jahre in Paris atusleüle. Hier 
fand sie volles Verständnis. Ihre Aasstellang 
nannte man *eine unerwartete Offenbarung, 
welche die Kanat, Porzellan zu machen, gleich- 
sam mit einem neuen Charakter heroortreien 
lässt*, und dieser Eindruck mar dauernd. Meh- 
rere Jahre nachher schreibt der Direktor des 
Moseums in Siores, Edovard Garnieb, dass 
alle Freunde der Keramik sich noch stets der 
vortrefflichen Ausstellung der Fabrik im Jahre 
1889 erinnern. Er sagt: *Von allen Seiten 
hörte man einstimmiges, wohlverdientes Lob. 
Die Masse, aus der die ausgestellten Gegen- 
stände bestanden, war schön, die Töne fein 
und delikat, die Glasur rein und die Formen 
pornehm. Die Dekoration war möglichst ein- 
fach. Auf den weissen Stücken eine niedliche 
Maus oder ein Frosch in Relief, auf den deko- 
rierten Stücken eine Blume, ein Zweig, ein 
Schmetterling oder eine Libelle in blauer, an- 
mutiger Farbe. Dies war das ganze, der da- 
durch erreichte Erfolg war jedoch gross and 
berechtigt; und später hat die Fabrik neue 
Fortschritte gemacht.* Dass es sich so ver- 
hält, ersieht man u. a. aus dem offiziellen 
Berichte Deutschlands Über die Aasstellung in 
Chicago 1893. Diesem Berichte gemäss standen 



die Kunstarbeiten der Fabrik mit ihren weichen, 

tiefen Unterglasurfarben als tunäbertroffen* 
auf der ganzen Aasstellang. 

Neben einer vollendeten Technik ist et die 
die japanische Kunst durchdringende Liebe 
zur Natur, die hier aufs neue gewirkt hat. 
Von der heimischen Natur inspiriert, schufen 
die Künstler der Fabrik die in ihrem Wesen 
dänischen, zu gleicher Zeit aber auch durch- 
aas freien Kunstwerke, die einen so grossen 
Erfolg gewonnen haben, Unika, von denen 
jedes einzelne den Namen des betreffenden 
Künstlers trägt. Denn Arnold Krog ist nicht 
der einzige Name, den die Fabrik aufzuweisen 
hat. Neben diesem Künstler, der 1891 Mit- 
direktor an der Fabrik wurde, können viele 
andere, wie z. B. G. RoHDE, Th. Fischer. 
C. LnsBERG, Gerhard Heilmann, Carl 
MORTENSEN und St. Ussing, sowie die Damen 
M. Host, A. Schmidt, J. Meyer und B. Na- 
THANlELSEN genannt werden. 

Es ist Tliatsache, dass die königliche Por- 
zeüanfabrik in hohem Grade befrachtend ge- 
wirkt hat. Die Siege, die sie im Auslände 
gewann, verschafften ihr nach and nach Ver- 
ständnis auch innerhalb der Grenzen Däne- 
marks, dergestalt, dass die Entwicklang der 



DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-FABRIK INTKOPENHAGEN 



dänischen Keramik mehr oder minder selb- 
ständig wesentlich in dieselbe Richtung ge- 
gangen ist. Die königliche Porzellan fabrik 
oder vielmehr die von ihrem Direktor PHILIP 
SCHOV vor ungefähr 15 Jahren heroorgerufene 
Bewegung zum besten der dänischen Kiinst- 
industrie hat aber auch über das keramische 
Fach hinaus gewirkt. Die in dem *Deko- 
rationsuerein* 1888 ausstellenden Künstler, 
die nach wie vor wirksam sind, haben 
Nachfolger bekommen; endlich muss auch er- 
wähnt werden, dass der Verein für das Buch- 
handwerk, dessen Wirksamkeit unter seinem 
aasgezeichneten Leiter, dem Xijlographen F. 
Hendr/KSE.v, von den ersten Bücherfreunden 
der ganzen Welt geschätzt wird, in dem Jahre 
gestiftet wurde, in welchem die königliche 
Porzellan fabrik ~ und zwar auf der Kopen- 
hagener Ausstellung JS8S — sich in ihrer 
neuen Gestalt zeigte. Die dänische Kunst- 
industrie beschränkt sich auf zwei Gebiete: 
die Keramik und das Bachhandwerk. 

Der Kampf für die neue Kunst besteht auch 
heute noch und wird noch eine geraume 
Zeit bestehen. Jede natürliche Entwicklung 
schreitet ruhig vorwärts. Wenn es schon jetzt 
in Dänemark vielen klar ist, dass man schöne 



Kunst schaffen kann, ohne ihr die allen Stil- 
arten zu Grunde zu legen, so hat die könig- 
liche Porzellanfabrik in Kopenhagen in hohem 
Grade dazu beigetragen. 

Es lag in dem von Philip Schou seiner 
Zeit entwickelten Plane, dass in Kopenhagen 
ein dänisches Kunslindustriemuseum errichtet 
werden sollte. Ein solches besteht jetzt. Es 
wurde im Jahre 1896 eröffnet und mit dem 
Professor PlETRO Krohn als Direktor bat es 
die Flagge der neuen Kunst gehisst. Die Zu- 
kunft wird hoffentlich zeigen, dass hier ein 
neuer Ausgangspunkt geschaffen ist, der von 
Bedeutung sein wird. 



&&&&&&&&&&& 



T. J. COBDEN-SANDERSON 

In dem anmutigsten Teil des vorstädtischen 
Londons, in- Hammersmith, ebenso weit von 
dem Tumult der Cilg wie den feierlichen Pa- 
lästen des Hgde Parks, zwischen den beschei- 
denen Villen des Themse-l'fers Upper Matt 



STEPIIAS VSSIST, 



DEKORATIVE KUNST. HEFT i. 



T. t- COBDEN-SANDERSON 



liegt Keimscolt House, wo MORRIS so manches 
vollendete Druckwerk zu Tage förderte. Hier 
wohnte er, hier war er am liebsten. Wenn 
auch seine Bücher nur einen geringen Teil 
seiner ungeheuren Thätigkeit absorbierten, sie 
waren seine Lieblinge, er hat einen grossen 
Teil von ihnen selbst geschrieben, war an 
allen mehr oder weniger geistig beteiligt, es 
war nur natürlich, dass er seine zärtUchste 
Sorgfalt auf sie verwandte. 

Die kleine Handpresse im Parterre, die zu 
Lebzeiten ihres Besitzers nie ruhte, liegt still. 
Man hat vor einigen Wochen die letzten von 
Morris komponierten Seiten als Bruchstück 
(specimen of Froissart) ausgedruckt, bald 
wird nichts mehr zu thun sein, und das alt- 
modische, gemütliche Haus, in dem so viel 
gedacht und geschafft worden ist, wird nur 
noch der Pietät der Hinterbliebenen dienen. 

Aber der Geist, der hier stark war, lebt 
weiter. Er ist von dem kleinen Gartenhaus 
an der Themse in die ganze Well gedrungen, 
überall befruchtend, überall erweckend und 
das Vorhandene fördernd. 

Eine der ersten Stellen, auf die er traf, war 
das Häuschen schräg gegenüber der Kclms- 
cott Press; noch einfacher, winziger als das 
MORRls'sche; » The Daves Binderij « sieht daran, 
hier arbeitet Cobden-Sanderson, der erste 
Bindermeister Englands. 

Der Berührungspunkt mit Morris war bei 
ihm wie bei vielen anderen nicht ein künst- 



lerischer Standpunkt, sondern ein philosophi- 
scher. Der Sozialismus, dem Morris so viele 
Mittel und Zeit opferte, der bei ihm der Er- 
reger war, und die treibende Kraft blieb, ent- 
zündete auch in seinem Freunde COBDEX- 
Sanderson die gleiche Begeisterung. Er 
war ursprünglich Advokat und gab diesen 
Stand auf, um Handwerker zu werden, um 
sich so in Einklang mit seinem sozialen Ideal 
zu bringen. 

Man hat oft genug die Aufrichtigkeil dieser 
Leute in Frage gezogen, weil man zwischen 
ihrem Sozialismus und der Tliätigkeii, die 
Bücher für mehrere Hunderte das Exemplar 
druckt oder Einbände fertigt, die noch teuerer 
sind, nicht die logische Brücke fand. Uns 
kann es an sich gleicbgüllig sein, welche 
Gedanken den Schöpfer eines Werkes beseelen, 
das uns zur Beurteilung vorliegt. Die ange- 
regte Frage spielt aber zu sehr in die ganze 
Bewegung hinein und berührt auch künst- 
lerische Momente, sodass wir sie nicht ganz 
umgehen können. 

Der scheinbare Widerspruch zwischen den 
Anschauungen und den Werken dieser Soziali- 
sten löst sich sehr leicht. Es versteht sich 
von selbst, dass ästhetische Menschen, die 
gleichzeitig künstlerisch produktiv sind, nicht 
das Heil der Welt im kunstlosen Barbarentum 
zu erblicken vermögen. Ihr Sozialismus em- 
pörte sich vor dem Unrat des Unternehmer- 
tums, das billig und schlecht arbeitet and 



T. J. COBDEN-SANDERSON 



dabei reich wird, das Volk verroht und die 
Untreue waCbraft. Sie wollten rechtschaffen 
arbeiten, vor allem Dinge herstellen, die mo- 
ralisch waren, weil bei ihrer Herstellung keine 
lauschenden Fabrikationsmittel angewendet 
wurden, sondern gutes Material und gute 
Technik. So kamen sie xnr Handarbeit. Das 
ist zweifellos in unserem Zeitaller der Maschine 
ein Bückschritt, aber er war notgedrungen. 
Diese Künstler waren durchaus keine Gegner 
der Maschine, nur erbitterte Feinde der Leute, 
in deren Besitz die Maschinen arbeiteten, und 
da sie selbst nicht als Fabrikbesitzer zur Welt 
kamen, sannen sie auf ein Mittel, sicli uon 
der Maschine zu befreien, und das konnte 
nur die Handarbeit sein. Das Ideal des alten 
Morris war, tausend Mitarbeiter zu finden, 
Leute, gleichgesinnt wie er; er sagte: »die 
Menschen haben die Pflicht und es ist ihre 
Bestimmung, mit ihren Händen zu arbeiten; 
die Arbeil muss ihrer würdig sein und keine 
moralischen oder phgsischen Übet für sie zur 
Folge haben.t Das Ideal van de Velde's 
ist, Fabriken zu treiben, das Gute so en masse 
herzustellen, wie jetzt die Schleuderware ge- 
macht wird, dem gering Bemittelten, der in 
unserem Zeitaller, wo man alles für nichts 
haben kann, schlimmer daran ist als in den 
Zeilen ohne Maschinen, Schönes zu geben, 
zum mindesten nichts Hässtiches. 

Man sieht, dieser Sozialismus hat nichts 
mit jenem zu Ihun, der sich in unseren Parla- 
menten breit macht. Ja, MORRIS, COBDEN- 
Sanderson, Crane, van de Vei.de weisen 
ausdrücklich jede Beziehung zu jenem zurück; 
eine Kluft liegt zwischen beiden : die Politik. 
Diese Leute sind keine Politiker, sondern Ar- 
beiler, und ihre einzige Propaganda ist die 
Arbeit ihrer Hände. 

Die schlimmste Begleiterscheinung dieser 
Beaktion war der unvermeidlich hohe Preis 
der Handarbeil. Der -war nicht zu umgehen. 



Aber die Reaktion halle auch andere misslicbe 
Folgen. Die bewasste Umgehung der Maschine 
masste , wenn nicht zum Archaismus , so 
jedenfalls zu Entwürfen treiben, denen ein 
wichtiges Zeitelement fehlte. Es ist klar, 
dass ein für Ausführung in Handarbeil be- 
stimmter Vorwurf anders ist als ein für die 
Maschinentechnik gemachter. Selbstuerständ- 
lich wünscht der Künstler, u>enn er einmal 
auf Handarbeit angewiesen ist, diese auszu- 
nützen und kt>mmi so dazu, Dinge herzu- 
stellen, die sich der Maschinentechnik direkt 
widersetzen. 

Das ist der wundeste Punkt unserer modernen 
Nutzkunst, dieser circulus viciosus. Keine 
Frage: soll sie unserer Zeit wirklich nützen, 
so darf sie nicht die Maschine ausser Spiel 
setzen. Wo aber sind die Künstler, die' heute 
für maschinelle Fabrikation zu arbeilen ver- 
mögen. Wir sind lieufe so weit, dass die 
Künstler Handwerker werden ; es ist sehr viel, 
ungeheuer viel, dass sie »Sozialislen' genug 
sind, um die eo ipso nur den Begüterten zu 
gut kommende Staffeleikunst mit dem Hand- 
werk zu vertauschen ; aber hierbei erleichterte 
ihnen der Nimbus der Benaissancetradition 
den kecken Schritt. Wir dürfen uns nicht 
allzuviel darauf einbilden ; freilich wir waren 
so lief unten, dank der bodenlosen Vernach- 
lässigung des Handwerks, dass uns schon 
dieser erste Schrift gross erscheint. Aber, wir 
sind — diesen Schritt vorausgesetzt! — noch 
um kein Haar breit weiter als man in der 
Benaissance war; der Schritt der heute ge- 
than werden muss, ist der zum Maschinisten, 
die Künstler müssen Fabrikanten werden. Und 
vor diesem Schritt wird sich noch gar mancher 
Ateliersozialist besinnen. 

Diese zweischneidige Erwägung darf man 
bei Betrachtung so ausserordentlich tüchtiger 
Künstler wie Cobden-SandersON niclit ausser 
acht lassend Bei ihm giebt sie — im Gegen- 



T. J. COBDEN-SANDERSON 



salz zu vielen anderen — keinen Anlass zur 
Schmälerang seines persönlichen Verdienstes. 
Denn die Art, wie er die Handarbeit treibt, 
hält sich von jener gefährlichen Verschärfung 
des erwähnten Gegensatzes möglichst frei, 
wie wir sogleich sehen werden. 

Man unterscheidet bei der Binderei zwei 
völlig getrennt^ Manipulationen, die eine rein 
technisch: die Vorbereitung des Bandes — im 
englischen ■'For warding " — d.h. also die unter 
Umständen höchst schwierige Arbeil, die dem 
Buch den Körper giebt, so dass es regel- 
recht in seiner Schale sitzt. Über diese 
Regeln sind die Fachansichten verschieden. 
Cobden-SanderSON verlangt von einem gut 
gebundenen Buche, dass es sich an jeder 
Stelle ohne Schwierigkeit öffnet, die über- 
wiegende Mehrzahl der Binder verzichtet dar- 
auf. Für uns scheint die Entscheidung 
ausser Frage. Es ist das mindeste, das man 
von einem Buche verlangen kann, dass es 
sich Öffnet, und die dies vernachlässigende 
Theorie, die am meisten in Paris zu Hause 
ist, kennzeichnet dadurch nur ihren von Grund 
aus verkehrten Standpunkt, in dem Buch ein 
objet d'art zu sehen, das nur seines köstlichen 
Einbandes wegen da ist. — Eine andere 
Frage ist es, ob es möglich ist, jedes Buch 
dieser Anforderung gemäss zu binden, da es 
hierbei nicht lediglich auf den Binder an- 
kommt, sondern auf den Zustand, in dem 
. ihm das Buch geliefert wird — Papierstärke 
etc. — Wir verweisen für diese Frage auf 
das Interview bei Cobden-Sanderson, das 
The Studio im Novemberheft 1893 veröffent- 
lichte, in dem Cobdes'-Sanderson's, nach 
unserer Meinung einzig richtige, Anschauungen 
über das Forwarding ausführlich dargelegt 
sind. 

Die zweite Manipulation beschränkt sich 
auf den Schmuck des Deckels, d. h. der 



Aussen- und Innenseile — '■Finishingt. Die^ge- 
borene Technik dafür, wenn es einmal Hand- 
arbeit sein soll, ist die Prägung mit kleinen 
Eisen (a petils fers — tools), die einzige, der 
sich zu den klassischen Zeiten des Einbandes 
die Relieurs Frankreichs und der anderen 
Länder bei ihren Vergoldungen bedienten, das 
beste Leder dafür: Maroquin. Cobden-Sak- 
nERSON legt' nun auf die vollendete Aus- 
nutzung der Technik der Allen grösstes Ge- 
wicht, er hält auf die tadellose Vergoldung, 
die der Stolz der französischen Doreurs war 
und ist; aber während diese sich lediglich 
darauf beschränken und währenddes grösslen 



ir>8 



T. J. COBDEN-SANDERSON 



Teils unseres Jahrhunderts als Vorlagen für 
ihre Dekorationen die Einbände der Allen 
mit geringen Modifikationen benutzten, bat 
Cobden-SandersON nicht nur seinen streng- 
eigenen Stil, sondern sucht auch technisch zu 
erneuern, indem er die grosse Kompliziertheit 
der allen Vorlagen möglichst vermeidet. Die 
Alten wandten Hunderte von Eisen zur Fer- 
tigung eines Einbandes an. Cobden-Sa\'- 
DERSON begnügt sich mit einem Dutzend etwa, 
er wählt seine Zeichnung so, dass dieselben 
Formen geschickt plaziert immer wieder vor- 
kommen. Man ist seil ilim in anderen Ländern 
in dieser Vereinfachung noch sehr viel weiter 
gegangen; er hat den Anfang gemacht. Er 
legt nicht das Gewicht auf möglichst viel 
prunkendes Goldgewirr, sondern sacht dem 
Deckel durch die Wahl des Leders — wo 
er Mosaik verwendet, bei der Wahl der ver- 
schiedenen Ledersorten — und durch die dem 
Format streng angepassle Zeichnung, die 
immer ganz individuell ist, besonderen Heiz 
zu verleihen. Er betont also die Ele- 
mente, die nicht lediglich von der 
Handarbeit abhängen. Dem Reiz 
seiner Zeichnung wird selbst der 
geschworene Feind englischer De- 
koration nicht widerstehen können. 
Hier scheidet sich Cobden-Sander- 
SON energisch von MORRIS. Man 
kann ihm nie den Vorwurf des Ar- 
chaismus machen, den man MORRIS 
nur seilen ersparen kann. Die Motive 
sind immer der Flora entnommen, 
aber es sind keine Rosen, Tulpen, 
Maiglöckchen mehr, sondern Orna- 
mente, schonanslcheigeneSchöp fang 
und geradezu einzig durch ihre ge- 
schickte Verteilung. Hier wird die 
hei anderer Verwendung zuweilen 
gar zu leicblfüssige englische Orna- 
mentik zur vornehmsten Grazie. 
Wanderbar schliesst sich der netz- 
artige, zuweilen spinn weben feine 
Charakter der Dekoration dem Leder 
an, die goldenen Linien scheinen den 
feinen natürlichen Runen des Leders 
nachzulaufen, es ist hier eine ideale 
Zusammensfimmung von Material 
und Technik erreicht, die sich nicht 
mehr mit den einfachen Gesetzen 
des Gewerbes finden lässt, sondern 
nur der Eingabe einer genialen 
Hand gelingt! 

Wir werden demnächst die übrige 
englische Bindekunst Englands be- 
trachten , nnd im Lauf der Zeit 
auch die gleichen Heslrehungen in nunNE-JOSES 



anderen Ländern verfolgen. Viel ist seit 
den ersten Bänden Cobdes-Sanderson's ge- 
schehen , die Dänen und Belgier haben 
Gleichartiges auf eigenen Wegen gefunden. 
In einem Punkt bleibt der englische Meisler 
aber auch heule noch vollkommen uner- 
reicht: in der Verteilung der Schrift. Er 
behandelt die Schrift wie ein Ornament: 
mit der grösslen Leichtigkeit plaziert er jede 
Quantität Bucixstaben zwischen die zartesten 
Blumenornamente; sei es an die Ränder, 
oder in die Mille, oder gar in mehreren Quer- 
streifen über die ganze Fläche des Deckels 
hinweg. Es Hegt nicht nur an der Zeichnung 
der Buchstaben selbst, von denen eine grosse 
Anzahl der geschickten Hand der Frau MORRIS 
entstammt, sondern vor allem an der Ver- 
teilung, der Einfassung, an tausend anmerk- 
lichen Dingen, die gefühlt, nicht konstruiert 
werden können. 

Viele der Bände — die gelungensten sind 
die im kleinen Format -— zieren Werke der 



T. J. COBDEN-SANDERSON ~ FARBIGE GLASFENSTER 



Kelmscott Press, und die starre Golik des 
Innern wird durch die uns viel uerwandtere 
Formensprache dieser Einbände gemildert. 
Sie heben gerade in dieser Verwendung das 
Verdienst Cobdes-Sasderso^^'s heroor, der 
trotz der nächsten Nähe seines grossen Freundes 
sich nicht abhalten Hess, seine eigenen Wege 
zu gehen. ■— Wir bilden eine Anzahl bisher 
unveröffentlichter Einbände ab ; beiden meisten 



lil-RNI- JONES, GIntftn. 



sieht die Goldprägung auf farbigem Maro- 
quin, bei einigen auf weissem Pergament, 
das dem blanken Gold zur schönsten Frische 
verhilft. ,y^ -f- 

FARBIGE GLASFENSTER 

Man hat in unserem Jahrhundert die im 
17. unterbrochene Entwickehmg der Glas- 
malerei wieder aufgenommen. Man fand das 
verlorengegangene technische Geheimnis wieder, 
die Farbentechnologie entdeckte koloristische 
Effekte, an die die Alten nie gedacht haben, 
und man lernte, die schönsten Farben auf 
Glas au f chemischem Wege haftbar zu mächen. 
Aber die Fortschritte der Technik allein können 
nicht den ungeheuren Aufschwung erklären, 
der von England ausging und sich mit grosser 
Geschwindigkeit aller an der neuen dekora- 
tiven Kunst beteiligten Länder bemächtigte. 
Der Grund liegt in der eigentümlichen Eni- 
Wickelung der Malerei in den letzten Jahr- 
zehnten. Das Beispiel der Engländer, vor 
allem DANTE ROSSETTl's, MaDOX BROWNS 
und BURNE-JONES', der im Aasland der po- 
pulärste wurde, drängte in allen Ländern die 
Jungen, immer mehr ihrer Malerei jenen 
dekorativen Linienschwung zu gehen, den die 
Engländer sich aas Italien geholt hatten, für 
den jedes Land neue Quellen ausfindig zu 
machen wasste und der sich in den grellsten 
Gegensatz zu der typischen Malrichtung unseres 
Jahrhunderts, dem Realismus, setzte. Die Eng- 
länder merkten bald, dass diese Tendenz den 
abstrakten Charakter der Malerei immer mehr 
oeränderte, dass sie ihr immer mehr die Be- 
rechtigung des Slaffeieibildes nahm, und sie 
zogen alsbald die Konsequenz, ihren immer 
mehr zu Kartons werdenden, farbigen Kom- 
positionen eine bis zum gewissen Grade prak- 
tische Verwendung .zu geben. Der Begriff 
Karton wurde die Entschuldigung für die 
Befriedigung jenes dekoratioen Gelüstes, den 
der Realismus der Franzosen und Holländer 
zu hartnäckig unterdrückt hatte, als dass sich 
nicht die Jungen wieder nach seinem Rhyth- 
mus zu sehnen beginnen sollten. Er blieb in 
den meisten Fällen ein platonischer Begriff. 
Nicht ein Zehntel der vielen Kartons wird 
heute ausgeführt, ja die meisten Maler denken 
überhaupt nicht ernstlich an die Ausfährung ; 
sie stecken noch viel zu tief in der Maler- 
tradition und bilden sich unbewusst ein, dass 
ein solches Werk ebensogut wie ein Staffelei- 
bild verkauft werden könnte, nachdem es • 
etwas ganz anderes geworden ist. Sie merken 
ihren Irrtum kaum, da sich ihre Staffelei- 
bifder ebensowenig verkauften . . . 



SELWVN IMAGE 



DEKORATIVE KUNST. HEFT i. 



FARBIGE GLASFENSTER 



Dieser Staffeleicharakter bestimmt die Art 
der modernen fartiigen Glasfenster, die bis 
heule vorliegen. Es ist ein Cbergangsprodukt 
wie so uiele halbgewerblichen Erscheinungen 
der nächsten Gegenwart — mit rudimentären 
Spuren der oergangenen Malerei, die immer 
mehr verbleichen, mil hoffnungsvollen An- 
deutungen für die Zukunft, die sich immer 



sicherer ausgestalten. Diese Entwickelang 
macht eigentlich von vornherein jede Kritik 
überflüssig; die Schwächen des heutigen Glas- 
fensters springen so in die Augen, man ist 
noch so weit von einem Definitivum entfernt, 
dass man kaum davon reden dürfle. Die 
Kritik ist zu einfach, ah dass sie helfen könnte. 
Was wir sagen können, sagt sich jeder Maler 
selbst; es sind grosse positive Werte nötig, 
die aas dem Ubergangsstadium zur Voll- 
kommenheit fähren können — and diese 
Werte fallen nicht vom Himmel, sondern 
müssen langsam ausgereift werden. Wir ver- 
mögen nur anzudeuten, welcher Art sie sind. 

Heateentspringl das Glasfenster einem Karton, 
der ebenso gut oder schlecht ein Teppich hätte 
werden können oder ein Piakai, oder eine 
Wanddekoration, kurz eins der vielen vagen 
Produkte, die sich die Moderne hervorgesucht 
hat, eigentlich nur um Namen zu haben. 
Nur ganz ungewisse Erwägungen treiben den 
Maler post festum zur Bestimmung seines 
Kartons. Die wenigsten denken an technische 
Bedingungen. Dem Ausführenden bleibt über- 
lassen, das in Glas überzusetzen, was sich 
übertragen lässt. So werden zwei Individuali- 
täten an demselben Werke zugelassen, die sich 
natürlicherweise entgegengesetzt sind. 

Betrachten wir die in ihrer Art glänzendsten 
Werke BURNE-JoyES unter den Engländern, 
Grasset's unter den Franzosen, oder gelungene 
deutsche Sachen, wie sie M. LechtER in 
Berlin und andere fertig gebracht haben. 

Immer sind es figürliche Darstellungen ; die 
wesentlichen Linien der Umrisse, die wesent- 
lichen Flächen werden in die Glastechnik über- 
setzt. Die Sachen müssen primitiv wirken, es 
ist unmöglich, ein Porlrät Whistler's mil 
allen seinen Schattierungen, eine Landschaft 
MONET's mil ihren punktierten Lichteffekten, 
einen Leibl oder MENZEL zu einem Glas- 
fensler zu verwenden. 

Und doch stellen diese Leute die spezifische 
Kunst unserer Zeit dar, haben lange Zeil genug 
gebraucht, um sich durchzudrücken, haben 
uns mit ihren Augen sehen gelehrt, und wir 
sind Stolz darauf geworden, sie zu besitzen. 

Alles das sollen wir auf einmal vor diesen 
Glasfenstern vergessen ! 

Denn dass wir es hier nicht mit einem Ge- 
mälde, sondern einem Glas fensler zu thun haben, 
kann uns doch nicht darüber hinweghelfen, 
dass diese Darstellungen in rohster Form Dinge 
andeuten, die jene Maler uns mil unvergleich- 
licher Vollkommenheit entdeckt haben. 

Und ganz abgesehen von unserer künstle- 
rischen Überlieferung : giebt es etwas weniger 
Zeitgemässes als in unseren Tagen, wo alles 



FARBIGE GLASFENSTER 



der Erkenntnis geopfert wird, unsere Sinne mit 
bewusst prin\iÜven Darstellungen zu täuschen 
zu suchen. 

Der Versuch hol sein Recht, wenn die Täu- 
schung gelingt. Die gläubigen Beter in den 
romanischen und gotischen Kirchen, deren 
herrliche Glasgemälde ein mächtiges archi- 
tektonisches Gefühl widerspiegeln, denselben 
Geist, der in dem Raum und in dem Gemüt 
der Gemeinde schlummerte, sie legten sich, 
wenn ihr Blick die flüssigen Farben der 
Fenster traf, nicht die Frage oor, ob jene 
Gestalten ihrer Zeichnung nach möglich 
waren. 

Wir haben auch heute diesen Dingen gegen- 
äl>er nicht den verstandesmässig kontrol- 
lierenden Standpunkt, weil auch uns noch 
die Macht jenes Geistes packt, der damals in 
den Kirchen wach war, und deshalb gehen 
wir auch heute noch am leichtesten da mit, 
wo sich das moderne Primitive des Archaismas 
bedient, also an die Formen erinnert, die wir 
von den Alten her kennen. 

Aber anders ist es, wenn wir in diesem 
Primitioen Elemente entdecken, die der Kunst 
unseres Jahrhunderts, gerade der, die sich die 
grösste Annäherung an die Natur zum Ziel 
gesetzt hat, eigen sind, wenn z. B. die scharfe Be- 
obachtungskanst eines FORAIN oder Lavtrec 
auf diese Weise verwandt wird. Dann wirkt 
das Primitive wie Verstümmelung, und wir 
vermögen nicht der Skepsis Schweigen zu ver- 
bieten, die nach der Existenzberechtigung 
solcher Werke fragt. 

Und trotzdem gewinnen diese anfangs so 
abslossenden Sachen, wenn man sie wieder- 
sieht. Die Periönlichkeil, die in den Bildern 
dimer i$mier enthalten ist, kann sich auch 
hier nicht verleugnen. Sie ist hier anders, 
man möchte sagen, nackt, es fehlt ihr viel 
von dem geistreichen Charme, der die Bilder, 
Lilhographien und Plakate derselben Künstler 
umhüllt, aber man findet dafür etwas Neues, 
was man früher nicht gesehen hat: den deko- 
rativen Wert ihrer Linien. Es gelingt bei 
vielen, sich über das, was diese Zeichnungen 
darstellen sollen, hinwegzusetzen und sich nur 
an dem Spiel der Linien und dem Kontrast 
der Farben zu freuen. Man kommt dann 
auf einen rein künstlerischen Extrakt, der 
den für rein ästhetische Empfindungen zu- 
gänglichen Beschauer wohl zu befriedigen 
vermag. 

Nur : warum, wenn so weit gegangen wird, 
nicht die letzte folgerichtigste Konsequenz 
ziehen und jede Beziehung zu der Natur be- 
wusst abbrechen ? Warum dann nicht das reine 
Ornament, das den Verstand in Frieden lässt 



und nur das Schönheitsgefühl erquickt, warum 
nicht die an keinen Stoff gebundene freie Linie? 
Keine Frage, es steckt eine grosse Kunst 
in Bl'RNE-Joy^S' Kartons, vielleicht das beste, 
was er je gemacht hat, auf das wir nie ver- 
zichten möchten. Aber nicht darum handelt 
es sich, sondern: kommt diese Kunst nur in' 
dem Glasfenster zur Geltang? Passt sie dafür 



FARBIGE GLASFENSTER 



besser als für ein anderes Gewerbef Hat sie 
überhaupt etwas mit Geiverbe zu thun9 

Und . wie viel Impotenz versteckt sich bei 
anderen dahinter? Man denke an die Rolle, 
die ein L. 0. Merson in Paris erlangt hat! 
Seine faden Sentimentalitäten des ärgsten 
Epigonentums gelten in der Stadt der höchsten 
känstlerischen Anspräche für modern, liur 
weil er auf den geschickten Einfall kam, sie 
auf Glas übertragen zu lassen. Neben diesem 
Nichts erscheint Grasset wie ein Genie. Bei 
ihm findet man zum mindesten eine stark 
dekorative Linie, ja man kann so weit gehen, 
zu sagen , dass seine Art am besten im 
Glasfenster vor allen anderen Verwendungen 
lar Geltung kommt. Von seinem starken 
Stilgefühl zeugt seine grosse Serie Jeanne 
d'Arc für die Kathedrale von Orlians, die 
mit seltenem Verständnis dem Stil der 
Kirche angepasst und trotzdem ein persön- 
liches Werk ist. Aber auch da, wo er ganz 



UltM UAItJ NEWILL 



frei ist, sind seine Kartons Bilder, nie Orna- 
mente. 

Man könnte einwerfen, dass ja auch die 
Alten stets figürliche Darstellungen verwandten, 
thalsächlich bestätigen aber die Schätze der 
Alten nur unser Prinzip. Der um das Jahr 1000 
lebende TheOPHILUS, dessen Vorschriften wie 
für die Malerei, so auch für die Glasmalerei 
bis zum ii. Jahrhundert befolgt wurden, 
spricht allerdings nur von Figuren mit Ge- 
wändern in seinem Kapitel über Kirchen- 
fenster; aber wirken diese Figuren figürlich? 
Man betrachte die glänzenden Werke des 
12. Jahrhunderts. In der Regel sind, wie in 
Chartres, die Figuren relativ so klein, dass 
schon aas diesem Grande von selbständiger 
Wirkung keine Rede sein kann. In Chartres 
sind auf einer Fläche von 9 m etwa zehn 
Gruppen mit zahlreichen Figuren übereinander- 
gestelli. Wo grössere Dimensionen angewandt 
werden, wie in der wandervollen Passion in 
Poitiers, tritt nur noch deutlicher 
das bewusste oder unbewasste Be- 
streben der Kunst jener Zeit her- 
vor, mit ihren Figuren rein orna- 
mental zu wirken. Man hat längst 
die starke Beziehung zwischen den 
iialienischen Mosaiken und den 
frühen Glasfenstern des Nordens ge- 
funden. Einer der feinsten Kenner 
der französischen Glasmalereien, 
der verdiente Pariser Architekt 
L. MaGNE, von dem man u. a. 
in den beiden ersten Heften der 
*Arl et Decorationt einen oortreff- 
lichen Aufsatz »Le Vitraih findet, 
fährt den Christ -in Poitiers auf 
den im Mosaik der Markuskirche 
zurück. 

Worauf es diesen Leuten, mag 
man die französischen Kirchen 
durchgehen oder die wenigen, diewir 
aus der besten Zeit haben, ankam, 
das waren Ensemblewirkangen, 
sie wollten die Architektur auf die 
Fläche übertragen, in der Linie den 
Rhythmus wiedergeben, der in dem 
Raum ruhte und vor allem ein- 
heitliche Farbenwirkungen hinein- 
bringen. Das schönste Beispiel da- 
für ist wohl die St. Chapelle in Paris, 
dieses aus Säulen und Fenstern be- 
stehende Schmuckkästchen fran- 
zösischer Gotik, dessen särntüche 
Fenster bis auf die Rosette, die 
leider später und nicht in derselben 
Farbe komponiert ist, einem künst- 
lerischen Willen entstammen. Wer 



floro, Karion ßr tia Gbafaater 



FARBIGE GLASFENSTER 



-W. u. SCHWISI) Karton f. Glasfmsler in Clasgoai 

jemals darin war, wird sich über die Auf- 
gabe der Glasmalerei ein für allemal klar 
sein. Nie wird man den zauberhaften Ein- 
druck beim Eintritt in der ersten Minute ver- 
gessen, das flutende Rot, das in lausend Zick- 
zackwindungen in den kleinen Haum dringt. 



Selbst hier, wo man den Fenstern so nahe 
ist, bedarf es erst genauen Hinschauens, bis 
man erkennt, dass diese Zickzacklinien die 
Kontaren menschlicher Figuren darstellen, und 
wenn man eingebend studiert, wird man sogar 
die Darstellung des allen and neuen Testa- 
mentes in den beiden Fensterreiben heraus- 
finden. Aber dies Studium hat nichts mehr 
mit dem ästhetischen Genuss zu than. Für 
den sind die Bleifassungen nur ein köst- 
liches Gitter, durch das der Zauber herein- 
bricht. 

Sobald die Glaskünstler anfingen, zeichne- 
rische Ambitionen zu hegen und die Glas- 
mosaik immer mehr zur Malerei wurde, ging 
diese Kunst zu Ende. Wir können heute 
diesen Ehrgeiz nicht zurückdämmen und mut- 
willig etwas verleugnen, dessen Besitz uns 
mit Stolz erfüllt. Nur das reine Ornament 
bietet hier den Aasweg. Es zwingt uns nicht, 
uns selbst zu vergessen und gewährt, was 
wir brauchen. 

Das ist's, was sich bei Betrachtang all der 
modernen stilisierten Landschaften und Figuren 
aufdrängt, die uns nachher als Glasfenster 
begegnen, mögen sie von dem Archaismus 
oder von den thatsächlich in der modernen 
Kunst liegenden dekorativen Elementen her- 
kommen. Sie verletzen das, was uns die 
beste Kunst unserer Zeit geschenkt hat und 
geben nur die Andeutung eines Ersatzes, den 
die Zukunß bringen soll. Es hilft nichts 
dagegen zu murren , der Übergang muss 
durchgemacht werden, and wir alle, die wir 
teilnehmen, werden ein kleines Verdienst dabei 
haben, wenn wir dem Übergang fördernd 
beistehen und zum mindesten die Künstler 
nicht abhalten, den schweren Weg zu gehen, 
den sie seihst finden müssen. Eine sprung- 
weise Entwickelang giebt es nicht und hat 
es nie gegeben. Zweifellos hat Bvune-Jones 
erst, nachdem er an seinen Kartons die Festig- 
keit seiner Linie erprobt hatte — eine Eigen- 
schaft, die man nie in seinen Gemälden oder 
Zeichnungen findet — reine Ornamente ge- 
macht. Er hatte in MORRIS, der sich mit 
der Ausführung der Kartons befasste, einen 
nnschätzbaren Helfer, den man verkennt, 
wenn man ihm nur technische Seiten zuspricht. 
Morris war für Burne-Jones unddie anderen 
alle, mit deren Arbeiten er sich beschäftigte, 
das Stilbewusstsein, das ihnen selbst abging. 
Er brachte dies zur Geltung und unter- 
drückte möglichst das störende Beiwerk; auf 
diese Weise erwarb er sich ein Becht, als 
Mitschöpfer so wundervoller Werke wie der 
Glasfensler von Oxford oder Cambridge zu 
gellen, auch wenn er sie nicht entworfen hat. 



FARBIGE GLASFENSTER 



Freilich, MORniS hat kein einziges modernes 
Glasfenaler geschaffen, modern im Slil, modern 
in der Technik. Viel verdanken wir ihm' 
hier wie auf jedem anderen Gebiete, er hat 
ans wieder Aufgaben gezeigt. Aber wir 
können nichts besseres thun, als den Weg, 
den er zur Lösung dieser Aufgaben wenigstens 
im üorUegenden Gebiete einschlug, schleunigst 
zu verlassen ; er führt in die Vergangenheit, 
nicht in die Zukunft. 

Es ist auffallend, dass dieser auf das 
Ornament zielende Standpunkt noch in keinem 
der Fach werke über moderne Glasmalerei 
betont wurde, und es erklärt sich nur da- 
durch, dass die Autoren der bisher vorliegenden 
Werke gewöhnlich selbst Glasmaler sind. Wir 
wollen von diesen Fachschriften nur die zwei 
neuesten flüchtig betrachten, eine Broschüre 
von J. Ga uniN, dem Inhaber der besten 
Pariser Werkslälte für Glasmalerei, betitelt 
*Propos d'Art et de Techniqne» (Selbstverlag, 
6 rue de la Grande Chaumiere, Paris) and 
das glänzend ausgestaltete Werk des in ähn- 
licher Slellung in London thätigen Engländers 
H. HOLIDAY -Stained Glass as an Art' (bei 
Macmillan & Co., Lt'', London), beide Ende 
vorigen Jahres erschienen. Zumal das eng- 
lische Werk enthält alle einschlägigen tech- 
nischen Fragen mit dankenswerter Exaktheit, 
ermüdend ausführlich wird der künstlerische 
Teil der Bemalang behandelt. Beide Bücher 
kommen nach langen Umwegen zu der Offen- 
barung , dass die Zeichnung stilisiert sein 
müsse, beide versagen sich den Schluss auf 
das reine Ornament. 

Man kann ihnen das nicht verdenken; es 
ist uon keinem Menschen zu verlangen, dass 
er sich in das eigene Fleisch schneide. Mit 
dem Moment, da sich das Ornament des 
Glases bemächtigt, hört die Rolle der heutigen 
Glasmaler auf, resp. sie modifiziert sich in 
denkbar wesentlichster Art. Heute ist der 
Glasmaler *Künsller«, er sieht in engster Be- 
ziehung zur Malerei, sei es, dass er sich seine 
Karions machen lässl oder selbst macht. 
Dieser Nimbus ist es wohl, von dem er sich 
am schwersten trennt. Vollzieht sich der 
Umschwung, so wird die Kunst nicht ge- 
ringer — denn es ist watirhaftig nicht leichler, 
in einem rein ornamentalen Karton persönlich 
zu sein, als in einer gemalten Episode — 
wohl aber wird die Übertragung des Karions 
leichter, zum mindesten einfacher und befreit 
sich Don der manuellen Malgeschicklichkeit der 
gegenwärtigen Glaskünstler. Sie wird wieder, 
was sie in ihrer ersten Zeit war, Mosaik. 

Aber diese Enlwickelung lässl sich nicht 
aufhalten. Sie erhielt eine unerwartete Hilfe 



n f. Ghaftniter In Glaigoi» 



FARBIGE GLASFENSTER 



verwandte. 'TiFFANY a. a. leiteten diese Ver- 
wendung in breitere Bahnen. 

Die Asthenie des Materials fusst auf der 
Erfahrung, dass das, was den gotischen 
Gläsern den ausserordentlichen Reiz giebt und 
ihrer koloristischen Qualität zu Hilfe kommt, 
in der unebenen Oberfläche des Glasflusses 
besteht, deren Zufälligkeilen die alten Glas- 
mosaikisten zu benutzen verslanden. Das 
amerikanische Glas erreicht zuweilen die Stärke 
des alten Materials, aber es verzehnfacht den 
Farbeneffekl ; es enthält in demselben Stück be- 
liebig viele Nuancen gemischt, die durch Über- 
einandergiessen von farbigen Glasplatten ent- 
stehen, sich willkürlich durchdringen und so ein 
Material geben, das an sich schon Bild ist. 



C. VLE, tiandirn 

— wieder einmal nicht durch die Kunst, 
sondern die Technik — von Amerika, wo 
man eine neue Glasart erfand, die unter der 
Bezeichnung i amerikanisches Glasi sich lang- 
sam aber stetig, in letzter Zeil rapid den 
allen Kontinent erobert, ein Material, das alle 
Schätze der Vergangenheit in den Schalten 
sleltf. 

Von wem die Erfindung eigentlich stammt, 
ist uns unbekannt, die Facliwerke des Konti- 
nenls reden von den Amerikanern so wenig 
wie möglich; die ersten Proben tauchten vor 
ca. 20 Jahren in Amerika auf, die ersten 
Fabriken waren die von Henri — die nicht 
mehr existiert — von Heidt, die beule noch 
die erste ist; diese in Brooklyn, mehrere 
andere in Kokomo im Indiana-Staat, wo man 
aus der Erde strömende Gase als natürliche 
Wärmequelle zur Fabrikation benutzt. 

Fest steht, dass der hochbegabte Maler 
John La Farge zuerst das neue Material 
künstlerisch zu Mosaiken und Glasfenstern 



C. VLE, Manrhai 



FARBIGE GLASFENSTER 



Aus solchem Material isl 
esnicht schwer, Glasgemälde 
za machen. Der Karton ver- 
hält sich hier lur Aas- 
fährung wie die Puppe zum 
Schmetterling. 

Wir bilden einigeder Glas- 
fenster ab, die BING vor 
einigen Jahren nach Kar- 
tons französischer Künstler 
durch TiFFANY aasführen 
Hess. TiFFANY hat seine 
ganze Kunst eingesetzt, um 
die lustigen Einfälle Lav- 
TREC's and seiner Genossen 
festzuhalten. Der Jardin des 
Tuiteries nach K. X. Rous- 
SEL ist eine Harmonie in 
braungelb und blau; die 
Matter mit Kind nach P. 
VüILLARD ist namentlich 
in hellbraun und grünblau 
gehalten. 

Wir erwähnten schon im 
ersten Heft bei Würdigung 
der Lampen TiFFANY s.dass 
das uon ihm verwandte Glas- 
material jetzt bereits stück- 
weise in der ganzen Welt 
za haben ist und hoben an 
anderer Stelle den Ham- 
burger Engelbrecht her- 
vor, der ein grosses Lager 
der Gläser unterhält und 
sich ihrer mit grossem Ge- 
schick bedient. Wir bilden 
eine Anzahl setner Fensler 
ab, von deren Entwürfen 
im übrigen das gilt, was 
wir von der ganzen Gal- 
tung gesagt haben. 

An figürlichen Glas fenster- Kartons besitzt 
auch die ältere deutsche Kunst unseres Jahr- 
hunderts kostbare Werke, die sich getrost 
neben den englischen Präraphaetiten sehen 
lassen können. Wenn wir nur den einen 
Grossen — Moritz von Schwind — hätten, 
könnten wir schon stolz sein. Seine wunder- 
bare, einfache Ausdrucksfähigkeit, sein sicherer 
Geschmack prädestinierten ihn zum Karton- 
künstler. Die beiden abgebildeten befinden 
sich in Glasgow. 

Weniger bekannt dürfte sein, dass sich auch 
unser grosser BOCKLIN auf dem gleichen Ge- 
biete uer sucht hat. Auf der Baseler BOCKLIN- 
Ausstellang hing gleich am Eingange eine 
blumensireuende Flora, die zur Aasführung 
in Glasgemälde bestimmt war, aber nie dazu 

DEKORATIVE KUNST. HEFT t. U 



R. EVALDRE, BrOuel 



gelangte. Im anderen Saale hing das Gemälde 
gleichen Namens, nach dem BOCKLIN mit 
grösstem Geschick den Karton entworfen hat 
mit Weglassung aller Details und stilisieren- 
der Veränderung des Landschaftlichen; die 
Figur isl ziemlich dieselbe geblieben. Man 
kann an diesem Karton sehen, welch deko- 
rative Grösse in der BöCKLIN' sehen Linie steckt. 
Die Amerikaner haben durch ihr wunder- 
volles Material indirekt einen enormen und 
zwar wohltbätigen Einßuss auf die Ent- 
wickelung des Kartons gewonnen: es zwingt 
den Künstler zur Vereinfachung, indem es 
für die Ausführung des Kartons nur Mosaik 
zulässt. Denn es braucht nicht erst auf den 
geradezu bodenlosen Irrtum hingewiesen zu 
werden, der das herrliche amerikanische 



FARBIGE GLASFENSTER 



Material mit der Hand bemall, um gewisse 
Detaih des Kartons zur Darstellung za 
bringen. Wir erwähnen ihn, weil wir ihn 
Ihatsächlich in Deutschland bemerkt haben. 
In das Glasfensler gehört keine Schattierung; 
umso weniger, wenn es sich um Ausführung 
in einem Material handelt, das an sich über 
die schönsten Schattierungen verfügt. Man 
sieht an den Bäumen in dem RoussEL'schen 
Karton und dem Kleid der Frau in dem 
VviLLARü' sehen Vorwurf, zu welch natür- 
lichen Varialionen das Material Raum lässt. 
Einen Fehler hat das amerikanische Glas. 
Es lässt seiner Stärke und der Konzentration 



Entworfen u. aaigef. v. K. ENGELBRECHT, Hamburg 

seiner Nuancen entsprechend das Licht un- 
gleich weniger durch als das gewöhnliche 
Glas. Das beschränkt, wenn auch nur im 
gewissen Grade, seine Verwendbarkeit. Der 
Architekt LA Farge, ein Sohn des bekannten, 
hat einmal gesagt, man müsse in den Kirchen 
zweierlei Fenster verwenden, solche, die nur 
der Dekoration wegen da sind, und solche, 
die Licht geben. Jedenfalls giebt es in der 
That Fenster, deren Anlage wesentlicher aus 
Rücksicht auf Symmetrie u. dergl. als aus 
Zweckmässigkeitsgründen geboten erscheint. 
Im übrigen lassen sich aus den hellen Nuancen 
der amerikanischen Gläser sehr wohl Fenster 
herstellen, die den erwähnten Nachteil nur in 
ganz geringfügigem Masse haben. Die Praxis 
pflegt, diesem Umstände Rechnung tragend, 
mit Vorliebe amerikanische Gläser mit anderen 
zusammen za benutzen ; die Franzosen — bei 
denen übrigens auch minderwertige inländische 
Nachahmungen im Gebrauch sind — ver- 
wenden sie namentlich zu den Rahmen der 
Glasgemälde u. s. w. 

Die Technik der amerikanischen Glasfenster 
werden wir demnächst bei der Specialarbeit 
über TlFFANY eingehend behandeln. 

Die Verwendung amerikanischen Glases 
macht nun noch lange kein modernes Fensler. 
Amerika ist, trotzdem es das neue Material 



FARBIGE GLASFENSTER 



R. EVALDHE, BrOutt 

erfanden hat, im Karton darctiaus nicht weiter mancherlei Beziehung gegenwärtig an der 
als Europa. Gute Fenslermosaiken gehören Spitze marschieren : Belgien und Holland. In 
auch dort noch zu den Raritäten. Die über- beiden hat sich das zeichnerisch-dekoratiue 
wiegende Masse liegt in den Händen von Element bereits so weit entwickelt, um für 
Pseudomodernen vom Schlage MersON's, so rein dekorative Zwecke die richtige Vorlage 
Laub, Low, um nur die besten zu nennen, zu geben. In beiden Ländern giebt es Glas- 
Moderne Fenstermosaiken findet man bisher fcnster, deren Moliue aus reinen Ornamenten 
nur in zwei Ländern, die Überhaupt in bestehen. 



FARBIGE GLASFENSTER 



Brüsseler ArchUekt Haskar and viele andere 
sind gefolgt Sie fanden in dem vorzüglichen 
Techniker EVALDRE (OvERLüP) eine aus- 
führende Kraft ersten Ranges. 

EVALDRE verarbeitet nar die französischen 
Imitationen der amerikanischen Gläser; sein 
Material hat nicht den Reichtum der Ameri- 
kaner, dafür aber den Vorzag, den Ab- 
sichten des Küi\stlers genau folgen zu können, 
da alle Mischfarben, der Reiz TiFFANts, weg- 
fallen. Während der Künstler, der mit ameri- 
kanischem Glase arbeitet, seinen Entwurf nach 
dem verfügbaren Glasflusse einrichten mass — 
kann er das einfachere Material sicherer be- 
herrschen. Freilich vermag dieser Umstand 
nichts an der anäberlrefflichen Pracht der 
Amerikaner zu ändern, und, wenn man Vor- 
teile und Nachteile abwägt, kann man nur 
wünschen, dass auch die Brüsseler sich zu 
dem neuen Material bekehren. Die Belebung, 
die dem Ornament dadurch zu teil wird, kann 
ganz eigene Reize ergeben. 

In Brüssel hat man denn auch die prak- 
tische Seite des farbigen Glasfensters begriffen. 



Der Zufall lässt den geduldig Suchenden 
wohl auch in anderen Ländern Ähnliches 
finden. Wir verweisen auf das Glasfenster in 
BoNNiER's Arbeitszimmer und die ungari- 
schen Arbeiten M. ROTH's. Auch in Deutsch- 
land lassen sich neben den in ihrer Art aus- 
gezeichneten, stilisierten Glasbildern, wie z. B. 
denen M. Lechter's, dessen beste Arbeiten 
das vom Kaiser subventionierte romanische 
Haas im Berliner Westen schmücken, Ansätze 
zu rein ornamentalen Arbeiten konstatieren. 
Carl Vle in München und R. HESSE in Leipzig 
haben einige ganz einfache hübsche Fensterorna- 
mente gemacht, Blumenornamente zwischen 
geometrischen Linien. Doch sind das immer 
nar Aasnahmen, während in Brüssel bereits 
von einer festen Tradition gesprochen werden 
kann, die sich nur des Ornaments zu dem 
gedachten Zwecke bedient. Nirgends giebt es 
soviel farbige Glasfenster wie in Brüsseli sie 
fallen dem Fremden gerade so auf, wie in Paris 
die Plakate. Man sieht kaum ein neues Haas, 
in dem diese farbige Kunst nicht ihr Fleckchen 
findet. 

In erster Linie ist dies auf VAN DE Velde, 
HoRTA und Lehmen zurückzuführen ; Serru- 
RlER in Lüttich, der dort, uro es' so viele reiche 
Leute und bisher so wenig künstlerisches 
Interesse gab, schöpferisch wirkt, dann der 



K. ENGELBRECHT, Hamhiir 



FARBIGE GLASFENSTER - WOHIN TREIBEN WIR? 

Hier ist es nicht mehr der Luxasgegensland, 
der Kansf macht, anhekämmert, ob sie am 
Platz ist, sondern ein höchst wichtiger Teil 
der Architektur, deren Gesetze allein über die 
Verwendung entscheiden. 
i* '^Diese Gesetze konzentrieren sich auf die 
Licht frage; sie verbannen farbiges Glas aus 
einer Fensteröffnung, die an sich nur eben 
die für den Raum nötige Lichtmenge durch- 
lässt, bestimmen den helleren oder dunkleren 
Ton der Gläser, und fordern es da, wo der 
Blick nicht hinausdringen soll. Gerade in 
der Architektur unserer Grosstädte, die immer 
mehr auf Ausnützung des Raums bedacht ist 
and die Menschen in häaßg allzu enge Be- 
rührung zueinander bringt, bei unseren präch- 
tigen Vorderhäusern mit den hässlichen Bück- 
gebäuden , gewinnt dieser Umstand grösste 
Wichtigkeit. Man trägt ihm bereits auch in 
Deutsch tand Rechnung, nar nicht auf künstle- 
rische Art. Der fade Luxus unserer modernen 
Riesenhäuser, der den Trompeter v.on Säckingen, 
Wagner'sche Opern oder die reichstreue Ge- 
sinnung mit Vorliebe in den Treppenhäusern 
illustriert, hat gerade in dem Glasfenster ein 
willkommenes Opfer gefunden. Wenn sich 
unsere Architekten doch ein wenig darauf be- 
sinnen wollten, dass auch ihr Gewerbe Kunst 
ist, sozusagen ; vielleicht würde dann der Um- 
stand, dass es nicht einen Pfennig mehr kostet, 
eine Sache geschmackvoll zu machen, als sie 
der traurigen Indolenz der Fabrikanten zu 
überlassen, sie bestimmen, sich nicht eine der 
wenigen Gelegenheiten zu verschliessen, durch 
die künstlerischer Geist in die moderne Woh- 
nung zu dringen mrmag. — y — 

& 

WOHIN TREIBEN WIR? 
111 

In grossen Zeitkrisen, wenn plötzlich der 
Verfall, in den man, ohne es zu merken, 
geraten war, zum Bewusstsein kommt und 
die Quelle des Übels, die die ursprüngliche 
Kraft lahm legte, offenbar wird, entspriessen 
in der Form von neuen Theorien Heilmittel, 
die alsbald zu unumstösslichen Grundsätzen 
werden. Nichts ist gefährlicher als eine über- 
mässige Anwendung solcher Universalmitlel. 
In meinem Aufsatz des zweiten Heffes haben 
wir bereits gesehen, wohin die missverstandene 
Heillehre, unsere Kunst durch eine Rückkehr 
zni Natur zu verjüngen, führte. Nicht weniger 
gefährlich in den Folgen ist eine andere 
Theorie geworden, die, von dem Grundsalz 
aasgehend, dasslalle künstlerischen Bethöti- 



WOHIN TREIBEN WIR? 



gangen einer Familie angehören, die Teilung 
der Kunst in einzelne Gebiete verdammte und 
sich namentlich gegen die Anschauung wandte, 
die zwischen hohen und niederen Künsten 
unterscheidet. 

Von dem Prinzip, dass alle Künste gleich- 
wertig sind und zusammenhängen, folgerte 
man, dass sie alle nach einem and demselben 
Ziele XU streben hallen und ein gemeinsames 
Ideal besässen. Und schliesslich war von 
der Anschauung ab, dass die verschiedensten 
Anlagen allen künstlerischen Belhäligungen 
genügen, nur noch ein Schriil bis zu dem 
Cbergriff einer Kunst in die andere. 

Wir haben alle die Befreiung der Maler 
und Bildhauer von ihren hierarchischen Vor- 
urteilen als glücklichen Fortschritt begrüsst 
und sind ihnen dankbar, dass sie ihren Ein- 
fluss za Gunsten der Hebung des Gewerbes 
aufbieten und uns die Hand dazu reichen 
ivallten, dasselbe vom Versinken za bewahren. 



Eine Schar von Künitlern, und zwar von 
den angesehensten, haben die abstrakte Rich- 
tung ihrer Anschauungen aufgegeben, nicht 
nur um Formen and Modelle zu schaffen, 
sondern auch selbst um mit eigener Hand 
Gegenstände, die dem Gebrauch dienen sollen, 
zu fertigen. Da nunmehr eine Anzahl von 
Jahren seit dem Anfang dieser Strömung 
verstrichen sind, und schon greifbare Besullate 
genug vorliegen, lässt sich die Art der Folgen 
dieser Bichlnng bereits erkennen. 

Wir müssen gestehen, dass das Resultat 
weit hinter den ersten Erwartungen zurück- 
geblieben ist. Wohl hat die Strömung, die 
alle Herzen mit der Hoffnung auf eine auf- 
steigende Sonne erfüllte, dem vergnüglichen 
Sinn des Dilettantismus etwas gegeben; wohl 
verdankt man ihr Werke, die nach der Ästhetik 
der abstrakten Kunst beurteilt, grössien Wert 
besitzen, aber nur ganz wenige unter ihnen 
entsprechen dem ursprünglichen praktischen 
Programm. Suchen wir die 
Ursachen dieser Enttäusch- 
ung. Das Prinzip, das so ein- 
fach ist, dass man es kaum 
niederzuschreiben wagt, die 
Regel, dass die Struktur eines 
jeden Gegenstandes sich in 
erster Linie den strengen Ge- 
setzen seines unmittelbaren 
Zweckes zu unterwerfen hat, 
scheint, gerade infolge seiner 
Einfachheit, dem immerkom- 
ptizierlen, auf das Ideal ge- 
richteten künstlerischen Geiste 
zu entgehen. Die Notwendig- 
keit, bei der Schöpfung eines 
Gebrauchsgegenstandes die 
grundlegende Konstitution 
seiner Art zu schaffen, sich 
mit den Konstraktionsmetho- 
den za befassen, die für seine 
praktische Verwendung am 
förderlichsten scheinen, die 
Frage, ob der einmal herge- 
stellte Gegenstand auf ratio- 
nellem Wege reproduziert wer- 
den kann, alles das, was 
gelöst werden muss, bevor 
man an äasserliche Ver- 
schönerungen, an den künst- 
lerischen Originalitätswert, 
an die symbolische oder litte- 
rarische Bedeutung denken 
kann, sind offenbar zu all- 
tägige Bedenken, als dass es 
Geistern , Welche gewohnt 
sind, in höheren Regionen 



WOHIN TREIBEN WIR? 



aber ohne den strengen Gehorsam vor der 
Disziplin des Metiers an der Wtederbelebang 
des Gewerbes arbeiten, werden ihre Kund- 
schaft in dem engern Kreise der Liebhaber 
finden, denen darin liegt, die einzigen Exem- 
plare von höchst raffinierten Werken zu be- 
sitzen und die steh nicht darum bekümmern, 
ob diese Werke zugleich Musler des Gebrauchs- 
wertes darstellen. 

Es giebi gewiss Ausnahmen, die wir freudig 
begrässen, Fälle, wo ein Künstler sich bewusst 
wird, dass die Art seiner Veranlagung ihn 
in die neue Richtung treibt. Damit es ihm 
gelingt, muss ein derartiger Künstler aber 
das Feld seiner früheren Thätigkeit oöllig 
vergessen und sich mit Leib und Seele der 
neuen Bestimmung 



U. ROTH Aul 'Maggar IparmavHiel- 

ZU schweben, zuzumuten sei, sich gründlich 
mit denselben zu befassen, ohne ihrem 
wahren Temperamente Abbruch zu than. 

Der Gegensalz zwischen den beiden Arten 
Don Qualitäten springt in die Augen. Wie 
kann man von jenen Privilegierten , denen 
die Natur die Gabe verlieh, mit ihrer Ein- 
bildungskraft jenem erhabeneren Sinne, jener 
tiefern Bedeutung, den sie den materiellen 
Dingen beilegen, ideale Formen zu geben, 
wie kann man von jenen Träumern das ab- 
gewogene Verständnis für die genauen Be- 
dingungen des praktischen Lebens verlangen 9 
In allem, was sie vornehmen, wird sich immer, 
selbst gegen eignen Willen und Wissen, ihre 
träumerische Art, der unvertilgbare Stempel 
ihrer gewohnten Tradition offenbaren. Alle 
solche Künstler, die mit wertvoller Findergabe, 



C. VLB, Uandua 



WOHIN TREIBEN WIR? 



mit Freuden die Wiederbeiebunff einer Kunst 
besonderer Art zu feiern, jener Kunst der 
Prachlgegenstände, die in der Vergangenheit 
der Stolz verschiedener grossen Kallurepochen 
gewesen. Denn man bat für jede Bereiche- 
rung des Gebietes des Schönen, das nie zu 
reich werden kann, dankbar 'zu sein. Diese 
Art Gegenstände kommt aber nicht vom 
Standpunkte des Nutzwertes in Betracht und 
darf nicht der Entwickelang des Gewerbes 
zu Grunde gelegt werden. 

Die Moral hieroon ist, dass man nicht 
zurückschrecken soll, die alte Teilung der 
Kunst in zwei genau abgegrenzte Gebiete auf- 
recht zu halten nur mit der Erwägung, dass 
ein neuer Faktor dabei in Rechnung getreten 
ist, der die Art der Klassifikation verändert. 

Man nehme auf die eine Seite alles, was 
das Prinzip L'ART POUR L'ART schafft. 



R. HESSE, Leipzig 

die am so schwieriger ist, als dem Künstler 
die gründliche Erfahrung abgeht, die nur 
eine lange praktische Lehre ergicbt. 

Ich möchte nicht, dass das eben Gesagte 
missverstanden wird. Es ist eine wirkliche 
Freude, wenn mancher Künstler, der vorher 
nur mit dem Pinsel, dem Stift oder dem 
Meissel arbeitete, jetzt seinen Äusserungen 
ein grösseres Feld eröffnet und sich Quellen 
erschliesst, die nar zu lange dem höhern 
Kunstgebiete fremd geblieben sind. Diese Be- 
freiung verdanken wir dem köstlichen Inhalt 
imserer Vitrinen. Wenn diese neuen künst- 
lerischen Bestrebungen uns auch nur Schöpf- 
ungen gebracht hätten von der Art der Gläser 
KOEPPING'S — Meisterwerke voll grÖssten 
Reizes für die Augen, aber ohne jede gewerb- 
liche Prätention — oder von der Art einer 
Bronzelampe VALLGREN's, die allerdings für 
den Gebrauch bestimmt ist, aber 1500 Frs. 
kostet, so würde es schon genügen, um darin 



E. GRASSBT, Pari* 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 

MODERNE KUNST IN DER FRAN- 
ZÖSISCHEN ARCHITEKTUR: 
DAS PARISER HAUS 

Während fast sieben Jahrhunderten hat die 
an wundervollen Elementen reiche französische 
Architektur Werke oon so unvergleichlicher 
Vielseitigkeit and so mächtigem Charakter 
geschaffen, dass der Einfluss des Genies un- 
serer Rasse sich über ganz Europa ausgebreitet 
hat. Die kräftige Blüte des Mittelalters war so 
fruchtbar, die Pracht des 17. Jahrhunderts hat 
einen solchen Glanz ausgestrahlt und die Eleganz 
des 18. eine solche Anmut verbreitet, dass alle 
Völker dem Heiz unserer monumentalen Kunst 
unterlagen und aus ihr Anregung schöpften. 
Allein die Kunst, die man unrechterweise Re- 
naissance nennt, war eine vorübergehende 
Verirrnng, während der die gesunde, logische 
yy flir Überlieferung der vorhergehenden Epochen 

jene Kunst, die nur das Auge oder den Geist 
erfreuen will. Dahin gehört zuerst, der alten 
Teilung entsprechend, die grosse Skulptur 
und die Staffeleimalerei, und daran hat sich 
das Gebiet aller und jeder Gegenstände zu 
schliessen, die einer phantastischen oder poe- 
tischen Einbildungskraft entsprungen sind, 
unter welchen Namen sie auch auftreten 
mögen. Auf die andere Seite gehört als Gegen- 
salz die NÜTZLICHE KUNST (gleichoiel 
ob man ihr diesen Namen oder den der 
dekorativen oder angewandten Kunst zuerteilt), 
die Kunst, die sich daran zu halten hat, aus- 
schliesslich ornamentalen oder rein praktischen 
Zwecken zu genügen und welche vernunft- 
gemäss auch die Architektur ein begreifen sollte. 
Mit dieser sauberen Verteilung jedes Dings 
auf das Gebiet, wo es hingehört, wird Klar- 
heit in die Gemüter einziehen und wenn jeder 
Künstler sich genau darüber klar sein wird, 
bevor er sein Werk anfängt, zu welchen 
dieser beiden Gebiete es seiner Absicht nach 
gehören soll, dann wird die Unzahl von 
Irrtümern verschwinden, die die Zukunft ver- 
dunkeln und der schönen Bewegung gefähr- 
lich werden, auf die das Ende unseres Jahr- 
hunderts stolz ist. S. BING 

einen nicht immer glücklichen, aber am Ende 
doch siegreichen Kampf gegen die aus dem 
Studium der Antike hergeleiteten Formen und 
gegen Italien auszufechfen halte, das in Frank- 
reich alle Lügen jener Architektur einführte. 
Diese glänzende Entwickelung versiegte am 
Anfang unseres Jahrhunderts, zumal in den 
G. LBMUEN dreissiger Jahren, und unsere Baukunst hat 

DEKORATIVE KUNST. HEFT i. 777 5 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 



sich ihrer grossen Vergangenheit unwSrdig 
erwiesen. Sie wird heute verkannt, zuweilen 
sogar verachtet und jedenfalls nicht jener Ver- 
jüngung für fähig gehalten, die sie früher 
bei jedem Aufschwang des französischen Volkes 
an sich vollzog. Man weigert ihr den Stil, 
einen Sonderausdruck der Gedanken und Sitten 
unserer Zeit and bleibi hartnäckig unempfäng- 



B. VAunREHEB 



Hof da Lgctt Baffe 



lieh gegen die mutigen Versuche unserer Zeil, 
die schon geraume Weile am Werk sind und 
endlich immer mehr einen entscheidenden 
Moment vorzubereiten scheinen. Man über- 
treibt die Strenge gegen unsere heutige Archi- 
tektur bis zur Ungerechtigkeit. Fraglos hat 
das erste Kaiserreich uns einen bösen Sloss 
versetzt and die Archäologie um 1850 unsere 
Unabhängigkeit gefährdet. Aber es war doch 
zu viel Energie in ihr, um ganz zu unter- 
liegen. Trotz vieler, zum Teil auch heule noch 
anbesiegter Hindernisse, erhebt sie wieder mutig 



ihr Haupt, und wenn auch zur Stunde das 
Ideal, dem sie zustrebt noch nicht deutlich 
festzustellen ist, sicher wäre es Blindheit, dieses 
Vorrücken zu leugnen und die durchaus deut- 
lichen Bestrebungen zu übersehen, die ich hier 
zu verfolgen gedenke. 

Die bürgerliche Architektur ist eng mit dem 
alltäglichen Leben verknüpft, sie ist sein Reflex. 
Das Haus ist die prägnanteste Form 
der Kunst, der unmittelbare Aus- 
druck menschlicher Bedürfnisse. 
Ich werde mich vor allem mit 
ihm beschäftigen, und zwar ge- 
denke ich zunächst an dem Pariser 
Haus den Fortschrift festzustellen, 
ohne übrigens die Irrtümer zu ver- 
schweigen, die ihm noch hindernd 
im Wege stehen. 

Von dem alten Paris ist nur 
noch wenig übrig geblieben. Wohl 
besitzt es noch eine ganze Anzahl 
Achtung gebieltnder Gebäude von 
alters her, aber seine Häuser sind 
neu. Mehr als jede andere Stadt, 
Luxuszentrum, geschaffen, um zu 
gefallen und zu verführen, hat es 
die alten, malerischen, aber un- 
sauberen Strassen fast ausnahms- 
los geopfert und überall mit seinen 
grünen Plätzen, seinen breiten, be- 
schatteten Boulevards und Avenuen 
Licht und Luft geschaffen. Sicher 
kann man den meisten der Häuser 
aus den letzten 25 Jahren, selbst 
den neaeslen, nichl den Vorwurf 
einer allzu engen Konvenienz er- 
sparen. Ihren Fassaden fehlen Be- 
wegung und Abwechslung, überall 
findet man dasselbe Modell. Lange- 
weile im Äussern, falschen, billigen 
und banalen Lu.xas im Innern. 

Aber wenigstens ist dies Haus 
gut konstruiert; aus vorzüglichem 
Material und rationell in der Raum- 
verteilang. Ein weites Vestibül führt 
nach der breiten, hellen und in der 
Regel mit Aufzug versehenen Treppe. DasAnti- 
chambre wird durch einen breiten Flur ersetzt, 
der alle Empfangsräume bedient und nach 
der einen Seite in den Gang zu den Schlaf-, 
Bade- und Toilettezimmern, nach der anderen 
Seite in den Gang zur Küche, Speisekammer 
und Dienerzimmer endigt, die stets eine be- 
sondere Treppe besitzen. Das Speisezimmer 
geht nach vorn heraus und verlängert sich 
zu einer Loggia, die reiche Fülle von Licht 
in den Raum lässt. 

Das ist die typische Raumverteilung. Ihre 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 

in die Aagen springenden Vorzöge werden 
durch alle modernen Hilfsmittel, die der 
Heizung und der Beleuchtung dienen, 
üermehrl. Die alten Kamine werden 
immer mehr durch Zeniralhevtung er- 
setzt; das elektrische Licht wird zur 
Regel, Wasser ist überall in Cberfluss. 
Man wird bei einem Vergleich dieses 
Hauses mit dem aus der Zeit Louis 
Philippe's ja selbst des zweiten Kaiser- 
reichs den grossen Fortschrift in konstruk- 
tiver Beziehung nicht verkennen. Alles 
das macht das Haus aber noch nicht 
zum Werke künstlerischen Wertes. Seine 
dekorative Form entspricht durchaas 
nicht unserer Zeil. Daraufhin zielen nun 
die Bestrebungen einer ganzen Anzahl 
von Künstlern und zum Teil sind ihre 
Bestrebungen von Erfolg gekrönt. Leider 
werden sie aber nur von einer ganz 
kleinen Gruppe geschätzt, im Publikum 
sind sie so gut wie unbekannt. Zwischen 

A. de BAUDOT Vallhul dna Hi 



I. dt BAVUOT 



Publikum und den Architekten Hegt eine 
Kluft. Diese erscheinen wie eine geschlos- 
sene Kasse, an die man nicht heran kann. 
Die Menge giebt sich wohl mit einem Bild- 
hauer ab, mit einem Maler — sie versieht 
vielleicht auch diesen gegenüber nichts von 
der Sache, aber sie beschäftigt sich wenigstens 
damit. Der Architekt dagegen ist ihr ein 
Buch mit sieben Siegeln, sie hat keine Be- 
ziehung zu ihm und wenn sie sich mit ihm 
abgiebt, geschieht es, um Prozesse gegen ihn 
zu fähren. 

Dieser betrübende Zustand hat eine Anzahl 
intelligenter junger Leute nicht abgehalten, zu 
versuchen, dem Publikum näher zu kommen, 
es durch Belehrung, durch Schaustellung ihrer 
Leistungen für ihr Gebiet zu interessieren. Zu 
diesem Zweck wurde 1893 die Architektur- 
Abteilung im Marsfeldsalon eingerichtet. Diese 
und andere Äusserungen ähnlicher Art sind 
nicht unbemerkt gehlieben. Der allgemeinen 
Kritik wurde dadurch die Aufgabe erleichtert. 
Anstatt dem Publikum Ensemblepläne hinzu- 
hängen, die es in ihrer Kompliziertheit nie zu 
verstehen vermag, wählte man in die Augen 
springende Details, die man als Modelle in 
natürlicher Grösse aufbaute, und Einzelheiten 
der Dekoration, Möbel, Teppiche, Stoffe u. s. w., 
selbst Fragmente uon Zimmern. Auf diese 
Weise lehrte man das Publikum, das wirk- 
liche Gebiet der Architektur zu erkennen und 
gab ihm einen Begriff von der engen Beziehung 
zwischen ihr und allen anderen, dem Nutzen 
und Schmuck des Heims dienenden Dingen. 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 

Reinigung des Geschmacks zu be- 
treiben, anstatt die Gedanken, die die 
Werke der Vergangenheit heroor- 
brachten, mit unseren Ideen zu ver- 
gleichen und aus diesem Vergleich 
moderne Kunstprinzipien zu folgern, 
ergab man sich der erbärmlichsten 
Nachahmung. — Der öffentliche 
Unterricht Ihut alles, um dieser un- 
glücklichen Tendenz noch Vorschab 
zu leisten. Die tron der Ecole des 
Beaux-Arts ausgehende Baulehre ver- 
meidet jedes Eingehen auf die not- 
wendigen Beziehungen zwischen der 
Wissenschaft und der modernen Ar- 
chitektur, auf die vernünftige An- 
wendung der Materialien u. s. w. Ihr 
Grundgedanke ist der Klassizismus. 
Dem ist alles, was Neuerang bringen 
kann, logischerweise entgegengesetzt. 
Daraus folgt Unterdrückung der Per- 
sönlichkeit in den Schülern, deren 
vage Instinkte gerade der Förderung 
im entgegengesetzten Sinne bedürfen. 
Der Unterricht soll frei machen, 
hat Bude gesagt. Genau das Gegen- 
teil ist bei uns der Fall, er macht 
unfrei und unfruchtbar ; er ist ganz 
verderblich für die zögernden Ta- 
lente, die, wenn nicht persönliche, 
doch mindestens harmonische Werke 
schaffen könnten, er unterjocht sie 
CHARLES PLVMET . Y^tib^i d^ fl-«,« 61. Av. Uaiai.ff. Pari. Vollständig Und ist höchst gefährlich 

für die besser Begabten, m denen er 
Damit ist ein grosser Schritt zur gegen- nur das Virtuosentum entwickelt, 
seitigen Annäherung geschehen. Aber es bleiben Der Prix de Borne ist eine Einrichtung, die 
noch eine Menge grosser Hindernisse, vor allem sich vielleicht in einer Zeit verteidigen Hess, 
die Allmacht der Tradition und der rück- als die Beise nach Italien schwierig und kost- 
blickende Geist des öffentlichen Unterrichts, spielig war, obwohl selbst damals ein Besuch 
Merkwürdig! — Während man in den Spaniens und vor allem die genaue Kenntnis 
Wissenschaften und der Industrie alles von unseres eigenen Landes grösseren Nutzen ge- 
der Zukunft erwartet, denkt man nicht daran, bracht hätte. Diese berühmte Auszeichnung 
auch in unserer Kunst die Augen nach hat eine mit besonderen Vorrechten ausge- 
uorwärts zu richten und wird nicht müde, staltete Klasse bei uns geschaffen, die nicht 
die Vergangenheit nach unseren Wünschen aufhört, ihre mehr oder weniger geschickten 
zu fragen, sie, die den allgemeinen und be- Zusammenstellungen längst vorhandener arclti- 
sonderen Bedürfnissen unserer Gewohnheiten feklonischer Teile in die Welt zu setzen, 
immer nur beziehungslos gegenüber bleiben Natürlich hat man oft genug gegen diese 

kann. Der Romantismus hatte in unserem Art von Erziehung protestiert und wiederholt 
Gebiet nur ein krampfhaftes Zurückdrängen Programme entworfen, die den Geist dieser 
in die tiefste Finsternis des Mittelalters und Lehre moderner und vor allem mehr im Sinne 
der Renaissance zur Folge und brachte diesen französischer Art gestalten sollten. Diese Ver- 
unmöglichen Zwiespalt zwischen uns und den suche sind bisher an der Macht der Vor- 
Formen unserer Baukunst hervor. Die sklavische urteile gescheitert Mit warmer Überzeugung 
Abhängigkeit von der Vergangenheit nahm haben sich A. DE BAUDOT und PAUL GOUT 
den Durchschnittsbeg abangen jeden Hauch zu Aposteln des neuen Geistes gemacht und 
von Persönlichkeit. Anstatt das Studium der wiederholt für die Beform unseres Studien- 
Allen zum Zweck der Urteilsbildung und der gangs gestritten. Trotz ihrer grossen persön- 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 



liehen Autorität und der Überzeugungskraft 
ihrer Beweisgründe haben sie bisher nur un- 
wesentliche Veränderungen erreicht. Man hat 
wohl den pädagogischen Unterricht ein wenig 
erweitert, einen Lehrstuhl für französische 
Architektur, den Boeswiswäld inne hat, ge- 
schaffen und einen für Geschichte der Archi- 
tektur an LuciEN AfAGiVE gegeben: Ver- 
besserungen, deren Werl nicht zu leugnen ist. 
Aber der eigentliche Lehrkurs der Ecole des 
Beaux-Arts ist nichtsdestoweniger derselbe ge- 
blieben, der Schritt vorwärts isl unmerklich; 
statt der Modelte der Antike, die jetzt ein 
wenig vernachlässigt werden, hat man sich 
die schlechteste Epoclie der Architektur, den 
Stil Louis XV. zum Musler genommen, der 
ebenso unausrottbar geworden zu sein scheint, 
wie vorher die Antike. 

Im ganzen isl von unserer Schule nichts 
zu erwarten, sie wird noch 
lange allen drängenden Zeitge- 
danken verschlossen bleiben. 

Um so anerkennungswerler 
ist der Mut derer, die sich frei 
gemacht haben. Sie sind 
selten. Ausser den erwähnten 
Schwierigkeilen haben sie 
mit einer Menge besonderer 
Hindernisse zu kämpfen, und 
zwar solcher, die speziell bei 
uns mit der bürgerlichen Ar- 
chitektur, d. /i. derBaukunst, 
die sich mit den Privat- und 
den Mietshäusern beschäftigt, 
verknüpft sind. 

In Paris überwiegt das 
Mietshaus. Bis zum vorigen 
Jahrhundert behielt die Fa- 
milie aus der Mittelschicht 
der Bevölkerung die Gewohn- 
heil, allein in einem Hause 
zu wohnen. Heute teilen Arme 
und Reiche dasselbe Haus; 
die Wohnungen sind dem 
Vermögen ihrer Insassen ent- 
sprechendbescheiden, elegant 
oder prächtig. Die Mieter sind 
Nomaden und wechseln un- 
aufhörlich. Das Privathaus 
wird immer seltener. Auf diese 
Weise verliert das Haus seinen 
persönlichen Charakter'^ es 
behält ihn nur in den kleinen 
Städten oder auf dem Lande. 
Die Pariser Bevölkerung hat 
in so hohem Grade zuge- 
nommen, die Grundstücks- 
preise sind damit so gestiegen, a. de baudot 



dass man durch die Höhe der Häuser gewinnen 
musste, was die Breite versagte. Die Häuser 
sind zu reinen Spekulafionsobjekten geworden. 
Die Schwierigkeit für den Architekten, 
Häuser zu bauen, die dem Geschmacke der 
verschiedensten Mieter zusagen, bedarf keiner 
Erklärung. Was jedermann gefallen soll, 
muss banal sein. Daher die Ähnlichkeit der 
Pariser Mietshäuser, daher überall derselbe 
Mangel an Geschmack, selbst oder vielmehr 
zumal in den prächtigsten Wohnungen. Es 
ist für uns ein schlechter Trost, dass es in 
anderen Weltstädten nicht besser ist, dass 
die Fehler, die bei uns abslossen , in 
Berlin z. B. in noch viel höherem Grade 
hervortreten, dass die Bertiner in schlechtem 
Material ihren noch schlechteren Geschmack 
äussern und der Luxus bei ihnen noch tiefer 
steht als bei uns. Es sind geringe Grad- 



llaui III Paris 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 



unterschiede; von der Kunst ist man dort 
wie bei ans gleich weit entfernt. 

Bei uns vermehren sich noch die Schwierig- 
keiten, die diese grosstädtischen Verhältnisse 
ergeben, infolge der unvernünftig strengen Vor- 
schriften unserer Stadtverwaltung, die alle 
Vorsprünge an den Häusern, alles was ihnen 
also in dieser Richtung Bewegung und Origi- 
nalität geben kann, verbietet. Es ist ganz 
in der Ordnung, dass in Paris kein Haus 
gebaut werden darf ohne die Kontrolle der 
Seinepräfeklur ; aber wenn sie ein Recht 
hat, auf das Erfüllen aller hygienischen Be- 
dingungen beim Hau zu achten, woher stammt 
ihre moralische Befugnis, jede Phantasie der 
Architekten, die in den Fassaden sich gellend 
machen könnte, zu unterbindend 



CHARLES PLVilET 



Slrauenfroiil da Haasa Gl, Au. Malakoff, Pai 

182 



Gegenwärtig arbeitet man an einem Projekt, 
das diesen Misständea abhelfen soll. Die Kom- 
mission, die sich zu diesem Zwecke vereint 
hat, zählt LOüIS BONNIEB, über dessen Werke 
wir demnächst berichten werden, zu iliren 
eifrigsten Mitgliedern. BoilNlER hat mittels 
äusserst geschickter Zeichnungen, in denen 
die geschmeidige Findergabe seines Talentes 
hervortritt, die Vorteile festgestellt, die die 
Architektur aas einer Milderung jener Vor- 
schriften zu ziehen vermöchte, und die un- 
gemeinen Verschönerangen angedeutet, die da- 
durch dem Strassenbild za teil werden könnten. 
Hoffentlich haben diese äusserst dankenswerten 
Bemühungen Erfolg. 

Bei den Privathäusern stellt natürlich der 
Eigentämer das Hemmnis dar. Hier tritt 
eine weitere Konsequenz 
unseres Archaismus zu 
Tage. Unsere reichen Leute 
sind gewohnt, sich mit 
mehr oder weniger echten 
alten Bibelots zu umgeben. 
Aus diesem sehr disku- 
tablen Geschmack schöpfen 
sie dieVorsteilung, ihr Haus 
könne nur dann ein Kunst- 
werk werden, wenn es den 
Alten nachgeahmt sei. 

Solche Ideen haben 
jüngst einem mächtigen 
Hause im Stile Louis XU, 
auf der Place Malesherbes 
ins Leben geholfen, das 
vielleicht an den Ufern der 
Loire, in der Nachbar- 
schaft des Schloss von 
Amboise oder des von Blois 
am Platze gewesen wäre. 
Die Vorliebe für eine an- 
dere Geschichtsepoche hat 
ein grosses Haus auf der 
Place d'Jina im plumpsten 
aber echtesten Stil des 
18. Jahrhunderts verschul- 
det. Lange Zeil konnte 
man mitten auf der Avenue 
Montaigne ein fürstliches 

Wohnhaus pompejani- 
schen Ursprungs bewun- 
dern . Ein anderer Millionär 
kaufte die Ruinen der 
Tuilerieen, Hess sie mit 
ungeheueren Kosten nach 
Korsika bringen und baute 
auf einer der Anhöben bei 
Ajaccio das Werk PHIU- 
BERT DE L'OrMES und 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 

Jean BVLLAVts wieder 
auf. Eine weniger kost- 
spielige aber ebenso Ihö- 
richle Laune befriedigte 
neulich ein reich gewor- 
dener Kaufmann, indem 
er sich eine richtige chine- 
sische Pagode in seinem 
Garten ak Feslsaal bauen 
Hess. Gegenwärtig errichtet 
man auf der Avenue du 
Bois de Boulogne eine ge- 
treue Kopie des Grand 
Trianon. Und so könnte 
ich endlos weiter auf- 
zählen. 

Al>€r es giebt noch 
schlimmere Dinge. Wie 
erträglich erscheinen diese 
Anachronismen im Ver- 
gleich mit der Salat-Archi- 
tektur, die sich nicht mit 
einem Stilbegnügl, sondern 
an demselben Hause Grie- 
chenland milBom,Henri II. 
mit Loais XIV. und dazu 
noch mit dem Directoire zu 
vereinigen weiss! 

Beisolcben Machwerken 
sinkt die Stelle des Archi- 
tekten zu der eines verächt- 
lichen Dieners herab, der, 
am seinen Posten zu be- 
halten, die tollsten Befehle 
seines Herrn ausfährt. Zu 
bedauern ist, wer sich dazu 
hergiebt. 

In einem aasgezeich- 
neten Bericht über die bür- 
gerliche Architektur, der Charles plvüet iiofuiie da iiausa ei, Av. Uaiakoff, Parh 
auf dem diesjährigen Kon- 

gress der SociitiCentrale des Archilectes francais Zeil vorschreiben. Sie sind es, auf denen die 
vorgelesen wurde, waren die schwersten Ver- Hoffnung auf bessere Entwicklung beruht, 
brechen aufgezählt, »die im Namen der Ar- Die beiden Meisler zuerst: EMILE VaVDREM ER, 
chäologie mit Würde begangen worden sind«, der abgeklärteste anter den Neuen, dessen 
Der Verfasser des Berichtes ist durchaus kein ganzes umfassendes Werk von seltener Ein- 
wütender Revolutionär, sondern ein feiner, ge- heil und Harmonie durchdrungen ist, ein 
schmackvoUer Künstler : Gvstave HauUN. Dokument, aus dem man die besten Lehren 

Man begreift nach alledem die Schwierig- zu schöpfen vermag, vor allem die Wahrheit 
keit der Aufgabe unserer Architekten, und von der unbedingten Notwendigkeit des Zu- 
umsomehr verdienen die Wenigen Anerkennung, sammenhangs zwischen Zweck und Form; — 
die sich and ihre Kunst hoch genug achten, A. DE Baudot, ein Kämpfer vor allem, der 
um sich energisch von diesem Gang der Dinge mutigste Verteidiger alles Kühnen, der Ent- 
weg und gegen den Strom neuen Zielen zu- schlossensle und Stärkste in seinen Über- 
zuwenden. Sie fordern nicht, dass man die Zeugungen, der unerbittliche Feind des Klassi- 
alie Überlieferung, soweit sie gesund ist, mit zismus. 

Fassen tritt, betonen aber in erster Linie die Um diese beiden schliesst sich eine immer zu- , 

Gesetze, die das Leben and der, Geist unserer nehmende Zahl von jungen und unabhängigen 



WETTBEWERBE 



Pfadfindern, die sich im übrigen beziehungslos 
gegentibersüJien and oon denen jeder seine 
Eigenart zum Aasdrack za bringen suchi: 
Paul S^DILLE^ dem die Einführung der 
omamentalen Polgchromie nerdankt wud; — 
LVCIES Magse, ein dnfacher, logisch denken- 
der Künstler; — G. RA CLIS, der immer 
neu zu ütyerrasctten versteht ; — DCTERT, ein 
Freigelassener der Villa Medicis, der anter 
anderem die glänzende Verdnigung oon Tech- 
nik und Kunst in der Maschinenhalle der 
letzten Welt -Ausstellung fertig brachte und 
soeben im Museum eine geschickte, originelle 
Ausschmückung aus Blumen- und Tiermotioen 
vollendet hat; CHARLES GisUYS, dessen aas- 
gezeichneter Lehrmethode die Ecole des Arts 
decorcdifs dnen gewissen Aufschwung zu danken 
hat; — EuGtSE Grasset mit seiner kräf- 
tigen Stilbierung ; Ch. Plumet, L. Boxsier, 
Bruseau und L. Besouville haben die 
vollkommene Umwandlung des Interieurs 
unternommen mit Benätzung aller technischen 
Vervollkommnungen unserer Zdt und darin 
jetzt schon Glück gehabt. Plumet nament- 
lich hat vor kurzem in einem Hause der 
Avenue Malakoff die persische Dekorationsari, 
wie sie bei den emaillierten Ziegeln des Pa- 
lastes des Darius zum Vorschein kommt, mit 
grösstem Erfolg praktisch benutzt; eine Tech- 
nik, die im grösseren Stile angewendet, die 
mannigfachsten polychromen Wirkungen er- 
geben könnte. 

Unter dieser Gruppe habe auch ich meinen 
Platz mit einer Anzahl junger Künstler zu- 
sammen, die das gemeinsame Ziel und die 
Verwandtschaft der Geschmacksrichtung zu- 
sammengeschlossen haben : G UILLEMOSA T, 

Garas, Provessal, Herscher a. a. Wir 
haben das seltene Gluck gehabt, in Frastz 
JOURDAIN, dem unerschrockenen Freund mo- 
derner Art, einen Verfechter unserer Absichten 
zu finden, dessen geschickte Feder das Organ 
unseres Kreises geworden ist. 

Über die Werke aller dieser Künstler werden 
im Laufe der Zeit in dieser Zeitschrift ein- 
gehende Arbeiten erscheinen, aus deren Ge- 
samtheit sich die Bedeutung unserer Bewegung 
zu erkennen geben wird. 

Damit unsere moderne Architektur festen 
Boden fasse, müssen wir sie vor fremden Ele- 
menten schützen. Sie muss französisch bleiben. 
Wenn die Nachahmungen des Alten ihr schäd- 
lich gewesen sind, so würde es ihr sicheres 
Ende bedeuten, sie unter den Einfluss anderer 
Länder zu stellen. Unter beiden Übeln ist das 
letztere das schlimmere. Wir haben ein Beispiel 
vor den Augen für die Verirrung, die fremd- 
ländischer Einfluss zur Folge haben kann. 



H. Cum ARD, der früher reizende, durchaus 
eigenartige Pripaihäaser machte, hat in 
Belgien sein Herz vertortn. Namentlich einer 
der havorragendsien Brässder, HORTA, hat 
ihn fasziniert. Die Verirrung geht bei Gvi- 
MABD bis za der Einbüdang, er habe mit 
seinen Motiuen, die in WirkHchkät nichts als 
Karrikataren der kühnen Einfälle HORTA's 
sind, einen >nationalen€ StU erfunden. Sein 
jungst vollendetes Gebäude in Auteail Gastet 
Beranger mit seiner extrauaganten, um jeden 
Präs komplizierten Inneneinrichtung giebt 
einem das Alpdrücken. GviMARD hat zweifel- 
los Wert, schon seine ausserordentliche Energie 
giebt ihn. Aber er verschwendet seine Kraft 
in thörichten Extravaganzen. Auf richtigem 
Wege könnte er bleibende Werte schaffen. 

Sicht durch das Ausland wird sich je fran- 
zösische Kunst entwickdn. Die Kunst jeder 
Rasse hat ihre eigene Art, die aus der Her- 
kunft des Volkes, aas den Einflüssen des 
Klimas, der Bildung und der sozialen Ver- 
hältnisse folgt. Die Sprache der einen wird 
nicht von den anderen verstanden und lässt 
sich nicht ohne weiteres verpflanzen. Die fran- 
zösische Architektur muss ihre angeborenen 
Eigenschaften behalten, ihre Klarheit, Ver- 
nunft und ihre Harmonie; nur hier liegen 
die Bedingungen ihrer Verjüngung. Ohne 
sich zum Sklaven ihrer glänzenden Tradition 
zu machen, kann sie stolz auf das reiche 
Erbe sein, das ihr die Vergangenheit gelassen 
hat, und mit neuem Geist selbst dort schöpfen, 
wo so oft fremde Völker sich Frohsinn und 
Licht geholt haben. camille gardelle 

WETTBEWERBE — Über die auf 
unser Preisausschreiben für eine elek- 
trische Tischlampe eingegangenen 
zahlreichen Entwürfe wird die Jurg in diesen 
Tagen entscheiden und wird das Ergebnis 
in nächster Nummer mitgeteilt werden. 

Das preussische Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten er- 
lässt ein Preisausschreiben für eine Hochzeits- 
medaille oder Plakette (Wachsmodell, Grösse 
20 — 30 cm im Durchmesser). Für den besten 
Entwurf sind M. 2000 und fernere M. 3000 
für weitere Preise ausgesetzt. Als Jurg fun- 
giert die preussische Landeskunstkommission. 
Die Einlieferung hat bis zum 23. April 1898 
im Bureau der Königlichen Akademie der 
Künste in Berlin zu erfolgen. — Nachdem die 
beruhigende Versicherung gegeben wird, dass 
eine amtliche Verleihung der Medaille nicht 
in Aussicht genommen ist, mag es Privaten 
erwünschte Gelegenheit geben, Exemplare der 
Medaille zu massigem Preise zu erwerben und 



18i 



WETTBEWERBE — KORRESPONDENZEN 



Geiiialln Panel 



mil der bei jedem einzelnen Falle einzu- 
gravierenden Inschrift bei Hochzeiten als 



Ehrengabe für Eheleute oder deren Angehörige 
sa verwenden. — Die schönen Preise wären 
wohl einer besseren Sache wert gewesen. # 

DerVerband keramischer Gewerke in Deutsch- 
land erlässt ein Preisaasschreiben für den Ent- 
warf eines Tafelservice in Porzellan oder Slein- 
gat mit drei Preisen von zusammen M. iOO. — -. 
Der Erlös aas dem Verkauf der Entwürfe 
an die Mitglieder des Verbandes kommt den 
Prämiierten zu. Die Zeichnungen sind in 
natürlicher Grösse bis 3t. Mai 1898 an Pro- 
fessor Alex. ScHUiDT-Koburg einzusenden. 

Die Kommission für die Aasstellung mo- 
dernen Kunstgewerbes in t.eipzig setzt Preise 
aus in der Höhe von 20 — 80 M. für Arbeilen 
der Holzschnitzerei and Drechslerei (Wand- 
konsolen, Noienpalle, Kleiderhalter, Staffeleien 
und Wetterglaseinrahmungen) ; für Feder- 
zeichnungen von Kopfleisten , Initialen und 
Seh lussuig netten ; für Entwürfe zu Tisch- 
karten in Aguarell- oder Gouache- Malerei ; 
für farbige Entwürfe zu Tischdeckchen, Tisch- 
läufern, Ofenschirmen etc. in Kontur- oder 
Plattstich. — Einsendungen sind bis zum 
1. März 1898 an das Bureau des Kunst- 
gewerbemuseams in Leipzig zu richten, wo 
die Arbeiten acht Tage ausgestellt werden. 

KORRESPONDENZEN 

MÜNCHEN — Der Seite 186 abge- 
bildete, von Fräulein LINDA KöGEL 
entworfene Notenschrank zeigt Fül- 
lungen — Introduzione, Largo, Finale wollte 
die Künstlerin damit symbolisieren — in einer 
neuen and eigenartigen Technik, bei welcher 
aus dem Licht in den Schallen gearbeitet 
wird, indem dunkles, mit Kreide leicht vor- 
präparierles Mahagoniholz mit weisser oder 
gelblicher Ölfarbe übergangen wird. Die paslos 



DEKORATIVE Ki:\ST. HEFT». 



MÜNCHEN - BERLIN 



I^ KOGEL Nottnithrank 

aufgetragene Farbenschichl wird durch Binde^ 
miilel und Behandlung mit einem Haarpinsel 
geglättet, und dann die Zeichnung mit ver- 
schieden starken Holzstiften hineingearbeitet. 
Mit dem Pinsel wird nachgeholfen, sodass die 
dunklen Töne durch den durchschimmernden 
braunen Untergrund erzielt werden. Das Ge- 
lingen der ganzen Arbeit hängt hauptsächlich 
davon ab, dass der richtige Moment beim Auf- 
trocknen der Farbe abgepasst wird, da nur 
dann der Strich fliessend und reizvoll zur 
Geltung kommt, und dass die Platten, solange 
sie noch nicht ganz fest sind, sorgfältig vor 
Staub bewahrt werden. Die fertigen Einlagen 
können beliebig getont werden. — Für kleine 
Sachen eignet sich das Verfahren recht gut. 
Es hat den Vorzug, sich dem Holze als Füllung 
besser anzupassen, als es die bisher oft ge- 
brauchten Einlagen von bemaltem Porzellan 
thun, die meist als fremder Bestandteil wirken. 

-Pp- 

BERLIN — Unser ganzes neues Kunst- 
gewerbe entspringt nicht einem inner- 
lichen, kultivierten Drange, sondern 
einem äusseren dekorativen Bedürfnisse. Das 
beweist in Berlin sehr deutlich die Art, wie 
moderne Schmuckanschauungen praktische 
Verwendung finden. Zuerst haben die Scbau- 
läden die neuen Formen für opulente Aus- 
staltangen benutzt. Die Konkurrenz treibt 
die Ladenbesitzer der vornehmen Geschäfts- 
strassen, einander in der äusseren Eleganz 
ihrer Verkaufsräume zu überbieten. Sie 



suchen zu dem Zwecke alles Neue und Auf- 
fallende und Blendende, um mit der schlau 
erweckten Überraschung und Neugierde- einen 
bequemen Kundenfang zu verbinden. In der 
Grosstadt geht diese geschäftliche Prunksacht 
von einer Branche auf die andere über, man 
möchte glauben, mit geheimer Gesetzmässig- 
keit. In einem Jahre sind es die Konfektions- 
läden, die sich in dem gerade neuesten Kunst- 
gewerbekleide präsentieren; plötzlich lässt es 
hier nach und die Schuhwarengeschäfte be- 
ginnen den Wettbewerb. Im nächsten Jahre 
sind es vielleicht die Zigarrenläden, dann die 
Stehbierhallen oder die Cafis u. s. w. Auf diese 
Weise sind an das Kunstgewerbe bisher ziemlich 
wechselvolle Aufgaben herangetreten und sie 
sind im ganzen nicht übel gelöst worden. Es 
sind gewiss entsetzliche Geschmacklosigkeiten 
begangen worden, aber zumeist hot doch die 
aus England und Amerika importierte Mode, 
viel echtes Material zu verwenden, immer ge- 
wisse Grenzen gezogen. Denn gar zu plumpen 
Händen vertraute man den teuren Stoff nicht 
an. Der Besitzer wollte sein Mahagoniholz, 
Messing, Schmiedeeisen und Glas zur Eigen- 
wirkung bringen. Diesen Bestrebungen danken 
wir eine grössere Einfachheit im Schmücken 
beiallem Aufwand, einige gute Tischlerarbeiten, 
gediegenere Metallbearbeitung und eine wohl- 
thätige Farbigkeit, die unabhängig ist von 
dem Pinsel des Anstreichers. Eine Folge dieser 
Anregungen sind die in den letzten acht Jahren 
gemachten Versuche, zwischen dem Äusseren 
des Geschäftshauses und des Wohnhauses, den 
verschiedenen Zwecken entsprechend, eine für 
jeden erkennbare Unterscheidung zu machen. 
Die Schwierigkeiten waren hier natürlich 
grösser, weil die in allen schon zur festen An- 
schauung gewordene Stiltradition die grossen 
Zweckkübnheiten, die allein sichtbar scheiden' 
konnten, nicht zulassen mochte. Für die Un- 
sicherheit, den ersten dieser Aufgaben gegen- 
über, bietet das kostbare Equilablegebäude 
den Beweis. Eine reife Professorenkunst 
bat sieb dort überall bemüht, den ihr zu 
nüchtern scheinenden Konstruklionsgedanken, 
vom Pflaster bis zur Fahnenstange, mit 
barockem Zierat zu verkleiden, sie hat sich 
nicht gescheut, den Fenstern das Licht zu 
nehmen durch hohe ornamentale Aufsätze, 
und sie bat an den Platz, den das geschäft- 
liche Bedürfnis für Plakate, Firmenschilder, 
Glasbuchslabcn beansprucht, so wenig vor- 
her gedacht, dass diese Auffälligkeiten nun 
die Gesamtwirkang des mit reicher Phantasie 
erdachten Gebäudes vollständig verderben. 
Nicht viel glücklicher im Gedanken, doch 
unendlich viel schlechter in der Aasführung 



BERLIN 



alles einzelnen, sind die grossen Geschäfts- 
häuser am Hausüoigteiplatze und am Spittel- 
markte. Überall sind Glas und Eisen aus- 
giebig angewandt, aber die ornamentale Putz- 
sucht verdirbt die besten Anlagen, Wallot- 
stuck war eine Zeitlang das gesuchteste. In 
der Architektur des am Neuen Markte und 
längs der Rosenstrasse errichteten Häuser- 
blocks ist der Zweck schon zu selbstherrlichen 
Wirkungen benutzt. Die stets geistreichen Stil- 
kunstler Kayser und VON Grossheim kompi- 
lierten hier aus internationalen Anregungen 
eine Mischung, die die Forderungen des Ge- 
schäftshauses, das ausschliesslich Comptoir- 
zwecken dient, in vorzuglicher Weise repräsen- 
tiert. Die erkerartig vorgebauten Fensterflächen 
in Eisenkonstruktion, die auf einen abge- 
schlossenen Raum deuten, die breiten, säulen- 
artigen Ziegelstreifen, die auf jede Gesims- 
unterbrechung zur Betonung der Stockwerke 
verzichten, der Platz, der für Reklamen in 
sehr geschickter Weise vorgesehen ist: das 
alles verkündet mit sicherem Takt die ^Frei- 
heit in der Notwendigkeit*, Man sieht auf 
den ersten Blick, dass die Fassaden Comptoir- 
rääme abschliessen. Der ganz unnötigen Lieb- 
haberei für gotisierende Ornamentik haben 
die Künstler erfreulicherweise nur bis zur 
Höhe des ersten Stockwerkes Raum gewährt. 
Mit jeder klugen und unklugen Stilmeierei 
endgültig gebrochen zu haben, ist das Ver- 
dienst der Architekten Messel und Alt- 
GELT, die den Neubau des WERTHEIM' sehen 
Kaufhauses jetzt vollendet haben, Sie haben 
mit den nackten Steinquadern eine monu- 
mentale Wirkung erzielt, die in Berlin noch 
nie erreicht worden ist. Von der Erde bis 
hinauf zum Mansardendache, in mächtiger 
Ausdehnung, spiegelt eine einzige Glasfläche, 
von eleganten Eisenkonstruktionen gehalten, 
von breiten Granitpfeilern getrennt. Durch diese 
abgerundeten, unprofilierten Pfeiler, durch die 
schlanken Eisenteilungen dazwischen, erhält 
die ganze Masse etwas gleichmässig Leichtes 
und durch die Glaswirkung etwas Grosses 
und Freies, das nicht nur auf innere Be- 
durfnisse deutet, sondern auch dem Blicke 
freien Eingang ins Innere gewährt. Man 
sieht, wie die Stockwerke sich übereinander 
bauen, man kann verfolgen, wie sie ihre 
Stützpunkte in den Pfeilern suchen. Es wird 
auf den ersten Blick deutlich, worauf es hier 
ankam: Raum zu schaffen, viel Raum; einer- 
seits für die Verkaufshallen und andererseits 
für die Ausstellung der Aller weltswaren. In 
einem solchen Bazar darf nichts in den 
Schränken bleiben, alles muss offen den be- 
gehrlichen Frauenblick reizen. Was sind das 



für Auslagen ! Die erste Etage zieht mit 
einem Geländer von dünnen Messingstäben 
jedesmal respektvoll im Halbkreis um die bis 
zu ihrer Höhe hinaufreichenden acht Schau- 
fenster herum. Die Verkaufsräume erstrecken 
sich ohne Wand, nur von dünnen Säulen 
gestützt, saaltief zum Hofe hinüber. Da ist 
nichts mehr von den Steinkammern des Wohn- 
hauses geblieben. Alles das sieht schon der 
Draussenstehende, Auch in Einzelheiten der 
Fassade ist viel Neues und Erfreuliches, Die 
wenigen Ornamente sind der mühseligen Be- 
arbeitung des harten Granit entsprechend ganz 
primitiv zugehauen. Die Darstellungen der 
auf den Mittelpfeilern eingelassenen Bronze- 
Gussplatten veranschaulichen in etwas flacher 
und reichlicher Manier die Universalität der 
Darbietungen dieses Warenhauses, Es ist zu 
loben, dass dieser bildnerische Schmuck ge- 
gossen und nicht getrieben ist. Denn das 
Treiben mit der nuancenreichen Feinheit hätte 
der wuchtigen Einfachheit der Architektur 
kaum die Wage gehalten. Auch erfreut der 
durchgehende braune Ton des Metalles, Eine 
künstliche Patinierung hätte mit ihren male- 
rischen Detailreizen alles verderben können. 
Aber die Bildhauerarbeit lässt doch den grossen 
Zug selbstsicherer Beschränkung, der die Archi- 
tektur auszeichnet, vermissen. Am Dache sind 
zwischen den beiden Obelisken — auf die zu 
verzichten allen Baukünstlern leider unmög- 
lich scheint — breite Barockmotive sichtbar, 
die wieder unsanft in die Gefilde der Stil- 
geschichte zurückführen. Wie das Innere des 
Bazars sich gestalten wird, ist noch nicht zu 
überblicken. Die Beurteilung wird hier erst 
ermöglicht, wenn die Räume dem Publikum 
offen stehen und der bunteste Weihnachts- 
trubel, schillernde Farben und künstliches 
Licht die nackten Räume beleben. Das Haus 
ist vorläufig ein erfreulicher, moderner An- 
blick. Sobald der Besitzer es aber bezogen 
haben wird mit seinem riesigen Aufgebote 
von »Volkskunst^, wird der unwillkürliche 
Vergleich von Schale und Kern, je nach dem 
Temperament, heiter oder tragisch stimmen. 
Aber eine Hoffnung bleibt. Ein so kluger 
Kaufmann, wie Herr Wertheim es ist, weiss 
sicher was er thut. Er würde solche Summen 
für monumentale Einfachheit nicht ausgeben, 
wenn er nicht wüsste, dass er damit des 
Erfolges beim Publikum sicher ist. Es be- 
reitet sich auch in der That ein Sinn für 
architektonische Zweckschönheit vor. Wie 
weit dieser Sinn Modethorheit, wie weit er 
ein Erziehungsresultat ist, lässt sich noch 
nicht sagen. Jedenfalls kann man schon 
heute erkennen, dass die Spekulation richtig 



187 



BERLIN 



LEIPZIG — PARIS 



war und dass sich durch diese hohen Pforten 
ewig ein schwarzes Gewimmel drängen wird. 
Vielleicht vergisst die Menge dann die Lehre, 
die sie draussen empfing, nicht ganz und 
formuliert sie zu gereinigten Forderungen für 
alle die kleinen Gegenstände, die das eigene 
Haus schmücken sollen, so dass langsam der 
künstlerische Geist von aussen nach innen, 
von der Architektur auf das Kunstgewerbe 
wirkt. Aber ich vergesse : das Publikum, 
das bei WERTHEIM überselig in dem bunten 
Jahrmarktstreiben umherzieht, das sollte eigene 
Geschmacksforderungen stellen 9 — Sie sehen, 
wie leicht man ins Phantasieren kommt. So 
wollen wir uns denn mit der Architektur be- 
gnügen. B Die Unterrichtsanstalt des könig- 
lichen Kunstgewerbe-Museums stellt die Schüler- 
arbeiten des vergangenen Jahres aus. Es ist 
auch hier genau so gekommen, wie zu erwarten 
war. Die Nachahmung der historischen Stile 
hat zum Teil nachgelassen, und dafür ist 
die Imitation der modernen englischen und 
amerikanischen Arbeiten als Losung ausge- 
geben. Es versteht sich von selbst, dass die 
frühere Manier, alte bewährte Vorbilder zu 
plündern, relativ besser war, als die bunte 
Abmalerei der noch ganz ungesiebten Ar- 
beiten moderner Künstler. Das Entlehnen 
ist ja im Dekorativen ganz allgemein; aber 
man darf sich doch nicht so plump ertappen 
lassen, wie die liebe Jugend hier. Da ist 
kein Blatt, das nicht sofort das berühmte 
Muster erkennen Hesse. Wie ist das alles 
gröblich missverstanden; das Gegenständliche 
ist aufgegriffen, nie das Prinzipielle. Wie 
jammervoll wird an diesen Schülerarbeiten 
die Impotenz des Erziehungssgstemes offenbar. 
Da ist kein Stuhl, nicht die Zeichnung eines 
brauchbaren Stuhles. Keine verwendbare Ta- 
pete, kein Stoff, keine selbständige Tischler- 
arbeit, keine Deckenskizze, die man direkt 
übertragen könnte, keine Lampe, kein Thür- 
schloss — nichts, garnichts. In der Mal- 
klasse ist keiner, der eine menschliche Figur 
zeichnen kann, darum wird Akt hier nur 
gemalt. Je weniger einer zeichnen kann, 
desto i> flotter^ malt er. Einfach, nicht wahr? 
Wenn das die Einleitung werden soll zu 
unserem »nun aber wirklich neuemoi Kunst- 
gewerbe, dann ist der Bankerott vor der 
Thür. In diesem Jahre beginnt 0. ECK- 
MANN seine Thätigkeit als Lehrer der zweiten 
Malklasse. Wie viel Hoffnung setzen die 
Wohlmeinenden auf ihn! Man wird ja sehen, 
was dabei herauskommt, wenn die zwei oder 
drei Dutzend Schüler die Kühnheiten ihres 
Lehrers, die oft an der Grenze des Erlaubten 
stehen, zu übertrumpfen suchen. Das könig- 



liche Kunstgewerbe- Museum hat seine Teil- 
nahme an der interessanten Ausstellung im 
Hohenzollern-Kaufhause durch den Ankauf ver- 
schiedener, wertvoller Objekte bewiesen, nämlich 
Toilettentisch und Stuhl von Plumet, kerami- 
sche Produkte von LÄUGER-Karlsruhe, BiGOT- 
Paris, RöRSTRAND, Belgien, Englandetc. Auch 
andere Museen und Sammler haben bereits 
namhafte Ankäufe bewirkt. k. scueffler 

LEIPZIG — Die Medaille, welche die 
Stadt Leipzig als Anerkennung der bei 
^ der Sächsisch-Thüringischen Gewerbe- 
ausstellung hervorragend beteiligten Aussteller 
anfertigen Hess, ist ein trauriges Zeichen der 
Geschmacklosigkeit der mit der Bestellung 
beauftragten Herren. Eine Lipsia (natür- 
lich!) die mit einem Lorbeerkranze Hantel- 
übungen macht. Dass es nicht an besseren 
Entwürfen gefehlt hat, beweist die Abbildung 
(Seitei89), welche die Arbeil selbst als Siegerin 
darstellt, ausruhend von dem Kampf, und die 
somit auch als Idee etwas Neues, weniger 
Abgedroschenes bietet. -co- 

PARIS — Der Streit um den Raum für 
die nächsten Salons ist bis auf weiteres 
zu Ende. Wie bekannt, ist der In- 
dustriepalast abgerissen worden, und auch 
der Raum, in dem bisher der Marsfeldsalon 
tagte, ist nicht mehr disponibel. Die unge- 
heuerlichsten Projekte kamen auf um neue 
Unterkunft zu schaffen. Der Plan, den 
Pavillon Chinois im Bois de Boulogne für 
den Marsfeldsalon zu adaptieren, hatte am 
meisten Aussicht. Da kam es ans Licht, dass 
der Umbau des Pavillons einem Architekten, 
der zum Salon der Champs Elysees gehört, 
übertragen werden sollte, weil dieser Architekt 
fruchtbare Beziehungen zu dem Conseil Muni- 
cipal, der über den Pavillon Chinois zu ver- 
fügen hat, unterhält. Tableau! De BAUDOT, 
der Repräsentant der Architektenabteilung des 
Marsfeldes, giebt sofort seine Demission und 
mit ihm tritt die ganze Abteilung der Archi- 
tekten aus dem Marsfeld aus. Das beste ist nun, 
dass in letzter Stunde der Conseil Municipal 
den Pavillon Chinois nicht bewilligt, sondern 
beide Salons angewiesen hat, gemeinsam, aber 
mit getrennten Eingängen in demselben Ge- 
bäude, der Maschinenhalle der Ausstellung von 
1889, auszustellen. So ist das Marsfeld um seine 
Architekturabteilung gekommen^ ohne etwas 
davon zu haben, ein empfindlicher Verlust, denn 
diese Abteilung machte den wesentlichsten Be- 
standteil der gewerblichen Beteiligung aus und 
umfasst Leute wie Plumet, Selmersheim, 
Benouville, Gardelle u. s. w., also Archi- 



188 



PARIS - NEUE BÜCHER 



F. SCIintACHBB. Leipzig 

leklen, die dem Marsfeld das Mobiliar lieferten. 
Diese wollen sielt nun zu einem eigenen Salon 
zasammenlhun, und dazu können wir ihnen 
nur Gluck wänschen. Je beslimmler sich auch 
äüsserlich die Scheidung zwischen der reinen 
and der nützlichen Knnst aoUzieht, amso- 
weniger werden sich beide Teile ins Gehege 
kommen, und das kann für die Nutzkunst 
nur von Vorteil sein. Der Schritt beweist, dass 
der Nimbus des *Salons* auch in den Aagen 
der Beteiligten anfängt, zu erbleichen. Hoffen 
wir, dass die Secessionislen das nötige Geld für 
das eigene Haus zasammenbekommen. -y- 

NEUE BÜCHER — William Morris, 
His Art, His Writings and His 
Public Life. A Record by Aymer 
VALLA^•CB. Preis 25 Schillinge; London 1897, 
George Bell and Sons. 

Dem im vorigen Winter erschienenen, reich 
ausgestatteten und auch uom bnchlechnischen 
Standpunkt vortrefflichen Werke von Aymer 
Vallance tThe Art of William Morris* ist 
soeben eine vereinfachte, dabei aber textlich 
reich vermehrte Aasgabe gefolgt, deren be- 
scheidener Preis das Werk auch weiteren 
Kreisen zugänglich macht. Denn die erste 
Ausgabe gehörte jener Art von Büchern an, . 
die lediglich für eine bestimmte kleine Anzahl 
wohlhabender Sammler gedruckt werden, and 
deren hoher Preis — eine beabsichtigte Schatz- 
wehr gegen das allgemeine Publikum — nicht 
zum mindesten aus einer sehr beschränkten 
Auflage seine Berechtigung ableitet. Das 
kleine Morrisbuch ist die erste umfassende 
Schilderang des Lebenswerkes William Morris', 
denn der Text zieht jetzt auch diejenige 
Thäligkeit Morris' in seinen Betrachtungs- 



kreis, welche ihn, in seinen letzten Lebens- 
jahren wenigstens, in weitester Ausdehnung 
in Anspruch genommen hat, sein sozialistisches 
Wirken nämlich. So führt uns das Buch 
das grosse und reiche Thätigkeitsgebiet jenes 
seltenen Mannes jetzt in fast abgeschlossener 
Form vor, wenngleich die fehlende Schilderung 
seines häuslichen und persönlichen Lebens 
den Charakter einer Biographie von ihm 
nimmt. Diese Auslassung ist im Hinblick 
auf die noch lebenden Angehörigen des Dahin- 
gegangenen versländlich. 

Das Lebenswerk Morris' ist so umfassend, 
dass es unglaublich erscheint. Das Erstaunen 
wird vermehrt, wenn man weiss, mit welcher 
Gründlichkeit er jedem Teile seines vielfachen 
Wirkens sich hingab, ja, wie er führend und 
bahnbrechend auf jedem einzelnen Gebiete 
wirkte. Er zählte zu den ersten englischen 
Dichtern seiner Zeit and hat als solcher allein 
schon der Welt einen bewundernswürdigen 
Schatz unsterblicher Werke hinterlassen. Er 
begründete jenen Aufschwung in der häus- 
lichen und dekorativen Kunst, durch den sich 
England seil 20 Jahren an die Spitze der 
europäischen Länder gesetzt hat. Er trat 
schöpferisch und reformierend fast in jedem 
der für eine künstlerische Bethätigang ge- 
eigneten Handwerke auf. Er schuf ein kern- 
gediegenes, von A bis Z künstlerisch durch- 
gebildetes Buchgewerbe und eröffnete auch 
damit eine Bahn, auf der England jetzt 
führend vorangeht. Er begründete eine sach- 
gemässe, bis zur letzten Konsequenz gehende 
Denkmalpflege. Seine sozialistische Thälig- 
keit freilich, von reinster Überzeugung ge- 
tragen und durchaas ein Ausflass seines der 
edelsten menschlichen Regungen fähigen, aber 



NEUE BOCHER 



elivas schivärmerisch ueranlaglen Charak- 
ters, ist nur den genauen Kennern englischer 
Verhältnisse ganz aerständlich. — Mit Morris' 
geistiger Hinterlassenschaft wird sich der 
Lilterarhistoriker, der Kunstgeschichtler and 



der Sozialpolitiker in gleicher Weise zu be- 
fassen haben, 

Vallance's Back sacht allen drei Gebixten 
in gründlicher Art gerecht zu u>erden; und 
es gelingt ihm, uns durch seine Schilderung 
ein lebhaftes Bild des seltenen Mannes vor 
Augen za führen. Freilich mehr durch ob- 
jektioe Berichte dessen was er Ihat und 
sagte, auch durch reichliche Lilteraturaas- 
xüge aus anderen Berichten, als durch eigene 
Wertbemessang. Hierin mag zugleich ein 
Vorzag und ein Nachteil des Werkes liegen. 
Es Hesse sich gerade bei Morris ein Werk 
denken, das sich in glühender Schilderang 
des in jeder Beziehung hervorragenden 
Charakters erginge. Aber es ist besser, dass 
die Morrislitteratur mit einem mehr schil- 
dernden als kritischen Werke beginnt. 

Den Leserkreis dieses Blattes interessiert in 
erster Linie die Thätigkeit Morris' auf dem 
Gebiete der angewandten Kunst. Seine Be- 
deutung auf diesem kann kaum hoch genug 
angeschlagen werden. Die Bewegung in Eng- 
land nach der Richtung eines neuen Aus- 
ganges des künstlerischen Lebens begann 
allerdings vor ihm, und zwar zunächst theo- 
retisch. Sie äusserte sich vorerst auf lilterari- 
schem Gebiete, gewiss dem wirksamsten in 
einem Lande, wo die anwirtliche Natur den. 
Menschen in das Haus und den Büchern in 
die Arme treibt. Pugin und Ruskin forderten 
gebieterisch eine Rückkehr zum Einfachen. 
Des letzteren Schriften erlangten eine Volks- 
tümlichkeit, wie sie noch keinem Kunst- 
schriftsteller je beschieden gewesen ist. Die 
Reform dachten sie sich auf gotischer Grund- 
lage and ihre Wirksamkeit fiel zusammen 
mit der Architeklurslrömang, die man ge- 
wöhnlich als Gothic Revival bezeichnet. 
Morris war es beschieden, die Durchführung 
ihrer Lehren auf dem Gebiete der gesamten 
angewandten und dekorativen Kunst prak- 
tisch in die Hand zu nehmen. Wie Pugin 
and Ruskin, dachte und empfand nach er 
■durch und durch gotisch. Dies darf aus- 
zusprechen nicht unterlassen werden. Denn 
hiermit ist seine Stellung in der Kunst- 
geschichte gekennzeichnet. Er war kein 
moderner Mensch, nicht einmal in seinem 
Sozialismus. Das Wohl des Arbeiters suchte 
er auf einer Grundlage, auf der wir nicht 
mehr stehen. Und obwohl er auf dem Boden 
der dekorativen Künste einen Samen aus- 
gestreut hat, der die kräftigsten Früchte 
zu tragen berufen war, so hat die Kansl- 
enlwicklung seine persönlichen Leistungen mit 
seinem Tode überwunden; er, der die Bahnen 
der neuen Bewegung schuf, hat keinen Schüler 



NEUE BÜCHER 



hinterlassen, der ihm direkt folgen könnte. 
Heule lebt und strebt bereits eine andere 
Generation, das gotische Empfinden ist ver- 
lassen, eine durchaas neue Linie wird im 
Ornament and in der Kleinkunst verfolgt, 
und dem Rufe der älteren Schale, so zu 
schaffen, wie unsere mittelalterlichen Vor- 
fahren es thaten, ist die Forderung gefolgt, so zu 
schaffen, wie es das 19. Jahrhundert »erlangt. 

Morris bleibt deshalb, was er ist: nichts 
mehr und nichts weniger als der Bahnbrecher 
der ganzen modernen dekorativen Kunstbe- 
wegung, jenes neuen Ausganges, dessen Trag- 
weite noch gar nicht abgesehen werden kann. 
. Seine Bedeutung ragt weit über England 
hinaus, sie ist universell. 

Vaüance's Buch ist mit einer beträchtlichen 
Anzahl von Abbildungen geschmückt, welche 
besonders einen Teil der von Morris ent- 
worfenen, meist prächtigen Stoffe, wenn auch 
leider nur in Schwarz und Weiss, vorführen. 
Die Entwürfe der wenigen, vorgeführten Glas- 
fensler rühren meist von Burne-Jones und 
Ford Madox Brown her. Morris' Teppiche, 
welchen sechs Blatt Abbildungen gewidmet 
sind, vermögen angesichts dessen, was uns 
der Orient Vortreffliches in solchem Cberfluss 
liefert, nur ein beschränktes Interesse za er- 
wecken. Dagegen sind seine Wandgehänge 
(Gobelins) wahrhaft herzerfrischend, und wer 
den herrlichen Wandteppich im Exeter College 
in Oxford gesehen hat, wird zu der Über- 
zeugung gelangen, dass seine Erzeugnisse in 
nichts den Vergleich mit den besten millel- 
alterlichen za scheuen brauchen. Von den 
übrigen Leistungen der Firma Morris sind Ab- 
bildungen überhaupt nicht angeführt, wahr- 
scheinlich aus der jetzt im dortigen Geschäft 
herrschenden Furcht, die Sachen könnten 
nachgeahmt werden, eine meines Erachtens 
■ recht unnötige Ängstlichkeit. Die vielfachen, 
von Birmingham-Zeichnern herrührenden An- 
sichten der drei Wohnsitze Morris' sind zwar 
an und für sich eine willkommene Zugabe, 
erregen aber mehr durch ihre Zeichenmanier 
als durch ihren Inhalt Interesse. Dagegen 
wird die Beigabe von Druckproben aus der 
Kelmscott-Presse freudig begrüsst werden. Für 
den Lilteraiurfreund ist das gründlich zu- 
sammengetragene Verzeichnis der poetischen 
Werke und sonstigen Aufsätze Morris' von 
besonderem Interesse. Alles in allem verdient 
das gründliche Bach die ernsteste Beachtung 
and wird gewiss auch in Deutschland den- 
jenigen Leserkreis finden, den es seiner Be- 
deutung gemäss sicher verdient, u. mvthesws 

Die Festdekohation ;.v Wort und Bild. 
Herausgegeben von Eugen Bischoff und 



Franz Sales Meyer. Mit 472 Abbildungen. 
Leipzig, 1897, E. A. Seemann. Preis: Geb. 
M. 22. — . Ein umfassendes Werk über Fest- 
dekoration fehlte bis jetzt; die Professoren 
der Karlsruher Kunstgewerbeschule, Eugen 
Bischoff und Franz Sales Meyer, haben es 
unternommen, diesem Bedürfnis abzuhelfen 
und ihre Aufgabe sehr glücklich gelöst; denn 
das Buch ist interessant geschrieben, und regt 
— was mehr sagen will — zu eigenem Schaffen 
an. Im ersten Teil wird eine kurze Geschichte 
der Feste gegeben, von den religiösen und 
mythischen des alten Ägyptens an, bis zur Er- 
öffnung des Nordostseekanals; dann folgen 
Abschnitte über die Mittel zur Festoerzierung, 
die Dekoration der Gebäude, Strassen und 
Plätze, die Festzüge, Trauer- und Kirchen- 
dekoration. Das reiche Illustrationsmaterial 
kommt überall dem geschriebenen Wort za 
Hilfe; nirgends wird zur Nachahmung auf- 
gefordert, sondern immer die Anwendung all- 
gemein gülliger Prinzipien im speziellen Fall 
gezeigt. Die Ratschläge, die das Buch enthält, 
sind geradezu mustergültig zu nennen ,■ für die 
Veranstalter kleiner und grosser Feste wird es 
sich bald als willkommen erweisen. -ßp- 



n MORRIS lit The Rnl Hont 



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Kunsthandlung und permanente Kunstausstellung 

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^chöpfungen moderner Malerei und Skulptur. 

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^.TTLfflEBTiiiMn DILETTANTISMUS 

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Verlagsanstalt F. Bruekmann A.-G , München. 



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Vorentunirf fBr da» Velkmdilaehldfnkmal In Leipilg 

DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ 



Schon oft ist es betont worden, dass frische 
Zwäge am Baume der deutschen Kunst nur 



OmamritMe Frla/Oltung oom KgffhSaitrdtakmal 



DEKORATIVE KVSST. HEFTS. 



dann erblühen können, wenn das Schaffen der 
Gegenwart sich frei an das Leben anlehnt, 
ohne schematische Formen, die den Atudrack 
älterer Anschauungen bilden, zu übernehmen. 
In diesem Sinne ist oft die Beobachtung ge- 
macht worden, dass die feste, reglementäre 
Schulweisheil das Erkennen der Schönheit und 
der Empfindung für neue Gebilde behindert, 
eine gewisse Ursprängtichkeit aber mit eigenem 
Kraftgefühl das Streben nach selbständigem 
Wirken begünstigt. Seit 15 Jahren schon 
rechnen wir in Deutschland mit dem Namen 
Bruno Schmitz, der schon von vorneherein 
uns etwas besagte, während dann Jahr am 
Jahr ein neuer Erfolg ihn in die erstaunte 
Welt tönte und die Kaiserdenkmalzeit ihn den 
ersten Künstlern der Gegenwart einreihte. 

Schmitz, geboren 1859 in Düsseldorf, hat 
sich dort bei Riffarth — einem Schüler 
RASCHDOBFFS — im Atelier, wie auf dem Bau 
praktisch aasgebildet and besuchte daneben 
mehrere Vorlesungen und Übungen in der 
Akademie, die in ihm den Sinn für das 
Malerische in der Architektur weckten and 
nährten. — Ziemlich früh beteiligte er sich 
selbst an grösseren Bauausführungen und ge- 
wann in jugendlichem Alter die Museums- 
konkurrenz für Linz an der Donau, welcher 
nachher noch preisgekrönte oder doch her- 



DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ 

Preis davontrug (1883). Der damals erst 
oierandzwanzigjäbrige Künstler überraschte 
durch die Grossartigkeit seiner Auffassung, 
die Sicherheit der Formen and das Markante 
der Erscheinung. Während des Baues des 
Museums in Lim siedelte SCHMITZ als Atelier- 
genosse des verstorbenen AüGüST Hartel auf 
kurze Zeit nach Leipzig über, um sich als- 
dann 1886 dauernd in Berlin niederzulassen. 
— Von hier aas siegte fr schon im folgenden 
Jahre mit seinem Kriegerdenkmal in Indiana- 
polis, das der deutschen Kunst jenseits des 
grossen Wassers zu hohem Ansehen verhalf 
(1887). 

Am bekanntesten aber wurde er nun durch 
die sieghafte Führung der deutschen Archi- 
tektenschaft bei den hervorragenden Bewer- 
bungen um die Kaiserdenkmäler in Berlin, 
auf dem Kgffhäuser, an der Porta Wesifalica 
and am Deutschen Eck, dem Zasammenftass 
des Bheins und der Mosel bei Koblenz. Es 
bewährte sich in allen diesen Fällen die zwin- 
gende Kraft seiner Ideen, die allerdings durch 
eine grossartige Manier des Vortrags sehr we- 
sentlich mitunterstützt wurde. Das National- 
denkmal in Berlin musste schliesslich aus 
allerlei mehr persönlichen Rücksichten an 
den Schöpfer des Schlossbrannens übertragen 
werden, die anderen drei gewalligen Denk- 



Totatamldil der Denkmalanlage am Kg/piäuicr 

vorragende Entwürfe für das Reichsgericht 
in Leipzig, ein Museum für Bukarest, die 
Tonhalle in Zürich, das Finanzministerium 
in Dresden, Museum in Darmstadt und andere 
architektonische Aufgaben folgten. 

Grösseres Aufsehen aber, als diese Arbeiten 
erregten seine erfolgreichen Konkurrenzen auf 
dem Gebiete der monumentalen Denkmäler, 
wofür er bei uns heute wohl als die erste 
Kraft gilt. Der erste grosse Erfolg fiel ihm 
bei dem Victor Emanuel-Denkmal in Rom zu, 
wobei er im Kampfe gegen die berühmtesten 
Künstler Italiens und Frankreichs den ersten 



Vom Suffhllusfrdtnkmal (Blitk a 



r Boyenhallt in dtn BarbaroaahofJ 
I9t 



', Srhitovk, Kordbaiarn 



Vordtrantlcbt da Kfifpiäaierdtaianali (BiHerbild aon HÜNDMESER) Karh Phol. e. Srhifuvk, Nordhauira 

195 I* 



DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ 



mäkr abo" erfuhren unter Mitwirkung nam- 
hafter Bildbaaer ihre künstlerische Gestaltung 
durch Bruno Schmitz, der nunmehr auch 
nach Ablauf zweier Konkurrenzen das nationale 
Denkmal zur Erinnerung an die Vötkerschlacht 
bei Leipzig im Entwürfe feriiggesteflt hat. 

Alle diese Denkmäler uerdanken ihre eminente 
Wirkung dem Umstand, dass der Schöpfer der- 
selbender historischen Stätte, welchesiebedecken, 
die Urform entlehnt; dass er sie dann durch 
eine kraftnolle architektonische Bewältigung 
des Gedankens zu wahren Monumenten erhebt 
und dass er in oollkommen freier Erfindung 
das schmückettde Beiwerk mit dem Denkmal 
in die innigste geistige Beziehung bringt. 

Dem Kyffhäuser, dessen Baine uon wunder- 
baren Sagen umwoben ist, gab der Architekt 
wie in alter Zeit wieder einen trotzigen Turm ; 
auf der steilen Kuppe des Wittekindberges an 



der Porta, die einst wohl einen heiligen Tempel 
getragen, Hess er eine krönende Halle erstehen; 
auf der Inselspitze des Rheins, durch Jahr- 
tausende geweiht, breitet sich nun ^ ein fest- 
licher Platz zu Füssen des unbesiegUn Be- 
gründers des neuen Reiches. Die Deidtmalidee 
ist immer der Umgebung abgelauscht und 
dann ihr geistig angeschmiegt, so dass die 
Formen der Natur sich fortsetzen, die ge- 
gliederte Masse mit dem Boden verwächst und 
alle Skulptur als Schmuck und veredelndes 
Beiwerk aus dem Wesen heraus sich einfügt. 
Nur so ist es möglich, in effektvollem Gegen- 
satz zu den alten abgeleierten Denkmalformen 
etwas Volkstümliches in grossem Masstabe zu 
schaffen, das zugleich durch die liebevolle Be- 
handlung des Ornaments in echt germanischer 
Art zu dem Gemüte redet. 

In demselben Geiste sind, wenn auch von 
geringerem Umfang , das 
kürzlich vollendete Kaiserin 
Augusta-Denkmal für Koblenz 
(mit sitzender Figur von 
MOEST-Karlsruhe) und das 
in der Vorbereitung befind- 
liche Kaiser Wilhelm-Denk- 
mal für Halle entworfen. 

Aufgaben, denen sonstihrer 
gleichen Zuieckbestimmung 
nach meist eine verwandte 
Lösung harrte, werden jetzt 
aus den gegebenen Beding- 
ungen heraus individuell aufs 
schärfste charakterisiert, so 
dass jede in der Durchführung 
ihr eigenes Gepräge erhalten 
hat, das sich jeder Anlehnung 
fern hält. So war beispiels- 
weise von sehr einflussreicher 
Seite der Gedanke hinge- 
worfen, ob es sich nicht 
empfehle, bei dem Porta- 
Denkmal die Hallenbogen zu 
schliessen and das Standbild 
des Kaisers als Bekrönung 
über demselben za errichten. 
Dafür aber war Schmitz 
nicht zu haben, und sein 
Einwand, dass bei einet 
derartigen Anwendung, die 
sehr stark an das Hermann- 
Denkmal erinnere, die Figur 
des Kaisers nur eine dekorative 
Stellung, statt die eines Kunst- 
werkes einnehme . schlug 
durch, 
caffbaiai' ^'"^ besondere Eigenart 

entwickelt SCHMITZ bei der 



DEUTSCHE DENKMALBAUTEN VON BRUNO SCHMITZ 



Behandlung der Einze!heilen und der Orna- 
mente, die immer von origineller Erfindung 
sind und im grossen wie im kleinen stets den 
richtigen Masslab treffen. Bei der gewaltigen 
Abmessung der dafür gegebenen Flächen ist 
es gewiss nicht leicht, im Hinblick auf die 
Riesenmasse des Aufbaues mit einfachen 
Molioen auszukommen. Aber ebenso wie hier- 
für, zeigt sich auch das Gefühl für eine 
fesselnde Umrisslinie in allen Fällen hoch ent- 
wickelt, obschon es oft schwer sein mag, mit 
der Umgebung der einzelnen Denkmäler in 
Konkurrenz zu treten. Aus demselben Grunde 
können bei derartigen Bauten die Kapitaler 
und Basen, die Gesimse und Krönungen nicht 
die gewöhnliche Gliederung erfahren und er- 
fordern dann eine Mittelform zwischen der 
streng architektonischen und der im einfachsten 
Sinne dekoratioen. 

Aus grossen , ungefügen Quadern aufge- 
schichtet, muss das Werk oft auf ein reicheres 
Ornament verzichten; wo es auftritt, erhält 
CS sgmbolische Bedeutung and wendet sich 
an das eigene Empfinden des Bescimuers. 



Am Kgffhäuser sind die Wappenfelder von 
Lorbeer and uon Kornblumen durchzogen, 
in der Arkade des Hofes thront Barbarossa 
mit lang herabwallendem Barte; die Kapi- 
taler stellen Ritter dar, einen Pfaffen bezwingend, 
oder Löwen einen Kriegsmann bewältigend ; 
Fratzen von asiatischem Tgpus deuten auf 
das alte Reich zur Zeit der Kreuzzüge. — 
Bei dem Rheindenkmal in Koblenz hält unten 
im breiten Felde der Aar das Otterngezücht 
in den Krallen, eine Warnung den ßnstern, 
gegen ihn ankämpfenden Mächten ; an den 
Eckpylonen sieht man Schiffsschnäbel, Ritter- 
helme und Tropltäen, zum Schmuck der Frei- 
treppen und des ganzen Aufbaues so wuchtig 
and riesig zwischen die Ströme hingestellt! 
Die Arbeiten von Bruno Schmitz, die in 
einzelnen Zügen an Ravennalische Bauten und 
an die besten Monumente der Alten erinnern, 
sind alle von grossem Wurf, der sich nicht nar 
in den Kaiserdenkmälern, sondern auch in 
den sonstigen Werken, besonders in den Archi- 
tekturen und Dekorationen für die Berliner 
Gewerbeausstellung aussprach. In seinem 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



Schaffen spart man einen Hauch der neaen 
Kunst, die aus neuem Geiste geboren wird, und 
die — ohne die Schönheilen der alten deutschen 
Kunst zu übersehen — den Stempel der Zeit 
den uaterländischen Monumenten aufdrückt. 
Im Zusammenarbeiten mit Männern wie ZVM- 
BüSCH, HUNDRIBSER, VOGEL und anderen, darf 



Vierzigjährigen erwarten, der, wie gesagt, eben 
dabei ist, in Überarbeitung des im Sommer 
in Leipzig ausgestellt gewesenen Projektes für 
das Völkerschlachtdenkmal die letzte -Skizze 
dafür aufzustellen. — Gerade diese Konkurrenz 
um das Leipziger Denkmal hat erkennen lassen, 
in welchem Grade SCHMITZ mit seiner Aaf- 



man wohl noch manchen schönen, der Kunst fassung sowohl wie mit seiner Darstellungs- 
förderlicben Entwurf von dem noch nicht art Schule gemacht hat. pbter WALLß 



G. SERRVHIER-BOVY 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



In einer Konferenz, die YAN DE Velde 
uor vier Jahren in Lüttich hielt, stellte er 
SERRURIER mit Recht als Vorläufer für die 
belgische Innendekoration hin, eine Aner- 
kennung, die beiden zur Ehre gereicht. 

SERRURIER war der erste in Belgien, der 
der englischen Bewegung ernsthafte Aufmerk- 
samkeit schenkte; er reiste nach London, 
Studierle am Platz aufmerksam, was dort in 
Tapeten, Stoff'en u. s. w. gemacht wurde, 
und verarbeitete zu Hause seine Eindrücke in 
eigener -Weise, die sich gleich von Anfang an 



von den Engländern wesentlich unterschied, 
wenn er auch nicht die Quelle, aas der er 
geschöpft hatte, verbergen konnte. Am deut- 
lichsten zeigt sich noch heute der englische 
Einfluss in seinen ornamentalen Werken, in 
seinen Friesen u. s. w., in denen die mehr 
oder weniger stilisierte Blume vorwiegt, doch 
lässt sich auch schon hierbei eine kräftigere 
Auffassung, als man sie in London findet, 
nicht verkennen; seine Motive haben nicht das 
angekränkelt Schmachtendeenglischer Stilislen, 
sie sind möglichst so gelassen, wie die Natur 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



a. SERRÜRIBR-BOVy FW« 

sie gemacht hat. Freilich entsprechen sie Eleganz and Zierlichkeil darch eine originelle 
weder in der Linie noch in der Farbe den und dabei solide Konstruktion ersetzt und 
gesteigerten Ansprächen moderner Ornamentik, von den Stil-Reminiscenzen, die immer dem 
In Mobiliar vollzog Serrurier den ent- englischen Mobiliar anhaften, frei ist. Die 
scheidenden Brach mit England. Man findet hier abgebildeten Intiriears sind zum grössten 
in manchen Äasserlicbkeiten des Arrangements Teil in den Besitz des HohenzoUern-Kaaf- 
Anklänge an England, aber vorherrschend hauses übergegangen and haben in Berlin 
bleibt im Gegensatz zu dem nie präcisen Über- berechtigtes Gefallen gefunden, 
gangsslil des englischen Möbels, eine einheit- SerruriBR war der erste Mobiliarkünstler 

liehe, abgeschlossene Form, die den Mangel an Belgiens and er ist im Gegensatz ia Dielen 

anderen Vorläufern , die an- 
bekannt bleiben, der popalärste 
geworden. Darin liegt zugleich 
die Grenze seiner Bedeutung. 
Seine Kunst vermag sich nicht 
zu der Prachtentwicklung auf- 
zuschwingen, die die Gegner der 
modernen Bewegung immer and 
oft mit Unrecht an der modernen 
Innendekoration vermissen; es 
haftetibretwasvonder Nüchtern- 
heit an, die an dem englischen 
Intirieur so oft abschreckt. Man 
könnte ihn mit VOYSEY ver- 
gleichen, nur ist Voyset be- 
wusster in seiner Einfachheit; 
er will nicht, was SERRURIER 
versagt ist. Oft hat SERRURIER 
etwas Proletarierhaftes ; man 
kann sich schlecht vornehme 
Leute in seinen immer indi- 
viduellen, aber zuweilen brutalen 
Interieurs, die am meisten darch 
einen angenügend entwickelten 
Farbensinn leiden , vorstellen. 
Man oermisst die künstlerische 
Sorgfalt in den Details; nicht 
in der Ausführung, die immer 
gut ist, sondern im Entwurf 
der Linie; es fehlt ihm die 
Differenzierung, nach der sich 
das verwöhnte Auge sehnt. 

Serrurier's grassier Fehler 

ist der, — begabtere Nachfolger 

G. SERRVRiEH.BOvr ZU haben, Leute, die auf der- 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



selben Bahn zu wertvolleren Resaltaten gelangt 
sind. Aber es bleibt sein unbestreitbares Ver- 
dienst, diese Bahn eröffnet zu haben und Jahre 
lang der einzige Künstler gewesen zu sein, der in 
Belgien wagte, etwas anderes zu machen als die 
Pariser Mode vorschrieb; und wohlverstanden, 
er ist nur von sehr wenigen übertroffen. Gegen- 
über der Masse der Brüsseler, die heute in » bel- 
gischem Stil* machen, bedeutet Serrurier 
immer noch eine respektable Höhe. 

Nach Sbrrdrier kam VAN DE Velde. 

Worin VAN DE Velde and mit ihm andere 
wie LemmEN, den unsere Leser bereits aus 
Heft III kennen, Serrurier überlegen sind, 
das ist ihre künstlerische Vorbildung. SER- 
RURIER war wie HORTA Architekt and für den 
ornamentalen Teil seiner Aufgabe, ja für die 
ganze rein ästhetische Frage — soweit man sie 
uon der handwerksmässigen trennen kann — 
Dilettant. Wenn ihm diese Vorbildung technisch 
nicht wenig zu statten kam, so machte sie 
ihm auf der andern Seile Schwierigkeilen, 
die er nicht immer zu überwinden vermochte. 

Bei VAN de^Velde, Finch und Lemmen, 



ebenso bei Rysselberghe , der sich diesen 
anschloss, lag die Sache gerade umgekehrt; sie 
waren — Rysselberghe ist es auch heute 
noch — Maler, and zwar uon Rang, vor 
allem ästhetisch fein geschulte Künstler; als 
Laien standen sie dem gewerblich-technischen 
Teil ihrer neuen Aufgaben gegenüber. Nun 
ist schwer zu entscheiden, was mehr wert ist. 
Sicher lässt sich nur mit der Vereinigung 
beider Elemente Ersprkssliches schaffen; sie ist 
ebenso notwendig wie leider bisher noch selten. 
Ihr verdankt VAN DEVELDE.der sichmiteiserner 
Energie die technischen Grandlagen anzu- 
eignen wusste, seine glänzende Entwicklung. 
Wir wollen hier nur die Arbeiten näher 
betrachten, die er im Auftrage des BlNG- 
schen Salons L'Art Nouueau für die Dresdener 
Ausstellung vorigen Jahres gemacht hat and 
auf die wir bereits im ersten Heft näher ein- 
gegangen wären, wenn wir die Abbildungen 
zur Verfügung gehabt hätten, die wir jetzt 
erst nach vieler Mühe — infolge der unbegreif- 
lichen Haltung der Ausstellungs-Kommission 
— anfertigen lassen durften. 



G. SBRRVRIER-BOVY 
DEKORATIVE KUNST. HEFT 5. 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



Ea wird da- Dresdener Ausstellung unuer- 
gessen'bleiben, dass sie VAN DE Velde Gelegen- 
heit zu dieser künstlerischen Äusserung ver- 
schaffte, die bisher seine glänzendste, wenn 
nicht gelungenste Manifestation ist, und es ist 
Bing zu danken, dass er sich seines Auftrages 
mit Hilfe des Künstlers entledigte, der bei weitem 
am besten dazu geeignet war. Es handelt sich 
ausser dem Speisesaal and einem Fumoir, zu 
dem Lehmen die Stoffe und das Glasmosaik 
lieferte, vor allem am den Ruhesaal, der 



und zugleich konstruktiver Linien und einer 
mit grösstem Geschmack gewählten Koloristik. 
Gebrannte Thonkacheln decken den unleren 
Teil der Wände, Kacheln, wie man sie bisher 
kaum gesehen, wahre Quadern, ohne jedes 
Dekor, nur reizvoll durch die Pracht des blaa- 
grauen Materials, in dem BiGOT den Japanern 
gleichkommt. Sie werden durch einen streng 
ornamentierten Fries, ebenfalls in Gris nach 
oben abgeschlossen, ein ausgezeichnetes Muster, 
das ebenfalls BiGOT in einer Farbe, grün, aber 



G. SERRÜRIBR-BOVr 

speziell für Dresden gearbeitet worden ist. Es 
sollte ein Ersatz des Raumes werden, den die 
Ausstellungen bisher auf möglichst praktische 
Art durch geborgte Möbel and Stoffe, die der 
Reklame dienen, berzastellen pflegten. Es war 
eine vornehme, nie genug zu schätzende Noblesse 
der Dresdener Leitung, mit diesem traurigen 
Brauche zu brechen ; hoffentlich ist er damit 
ein für allemal abgeschafft. — Der Hauptreiz 
des Saales besteht in einer höchst rationellen 
Verwendung gediegener Materialien, in einer 
fast schematischen Anordnung dekorativer 



in verschiedenen Tönen — das tief eingepresste, 
glänzende Ornament ist dunkler als der Rest 
— ausgeführt hat. Nun kommt die zur Auf- 
nahme der Lichter bestimmte Wandfläche aai. 
orangenem Stoff, und daran schliesst sich 
der Hauptteil der Dekoration, in dem VAN DE 
Velde einen Prachtausdruck erreicht, der 
bisher in der modernen Bewegung allein steht. 
Das Wohlthaende dieses Schmuckes liegt, 
abgesehen von dem Reichtum seiner Master, 
in seiner materiellen Gediegenheit. Er ist 
immer motiviert und auf denkbar natürlichste 



VAN DE VELDB Chailnie aia dtr SaOt dt Aquo 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



Wehe erreicht; es isl sozusagen moralischer 
Luxus, der nichts, gar nichts mit der Prunk- 
sucht unserer Stuckdekorateure zu thun hat, 
der den prüfenden Blick des künstlerischen 
Auges ausholt, nicht nur auf den ersten 
Moment überrascht wie so mancher Truc 
unserer modernen Dekoration, sondern Be- 
stand hat. 

Ober der für die Bilder bestimmten Wand- 
fläche umzieht ein Fries den ganzen Raum; 
dieser Fries ist in eiifin massiven Holzrahmen 
eingefasst und setzt sich aus einzelnen Feldern 
zusammen, die durch schön geformte Hölzer 
von einander getrennt sind. Gleichzeitig laufen 
diese Hölzer nach unten in messingene Halter 
aus, die dieMetiiUslangen, an denen dieGemälde 
mittels Schnüren befestigt werden, tragen. 
Dieselben Hölzer setzen sich nach oben in 
stärkeren Dimensionen fort und tragen die 
schöne Rundung, die in den Plafond mündet. 



Aach sie schliessen wieder die Felder eines 
Erieses ein, der dem unteren ähnelt, aber den 
bei derselben Breite wesentlich höheren Feldern 
entsprechend modifiziert ist. Das Muster, das 
unten in die Breite geht, ist oben in die Länge 
gezogen ; in diesen beiden Muslern, die sich 
gegenseitig unterstützen, steckt VAN DE VELDEfs 
Grösse, sowohl in der Farbe, die sich aus 
zwei blauen und zwei gelben Nuancen zu- 
sammensetzt, wie in der wundervollen Linie. 
Die tragenden Holzbogen laufen endlich in 
den viereckigen Kasten, der das Oberlicht ein- 
schliessl, und erscheinen auch hier wieder, 
in einer Richtung als Träger der Glasfelder, 
die durch ein leichtes, höchst graziöses, 
schwachfarbiges Muster belebt sind. 

Das Mobiliar fügt sich demselben konstruk- 
tiven Gedanken organisch ein. Aus der einen 
Breitseite des Raums springt der mächtige 
Kamin heraus ; er ist durchaus ein architek- 



: TAN DB VBIDE 



BELGISCHE INNENDEKORATION 

foniscbea Glied des Ganzen; 
bei ihm gehl ganz natürlich 
der Schmuckcharakter des 
übrigen Teils der Wand in 
reine Konstraktion aber; die 
Hölzer, die vorhin nur un- 
wesentlich beansprucht wur- 
den, verstärken sichhier der er- 
hShlen A ufgabeentsprechend ; 
das Metall tritt stärker her- 
vor; die Kachelbekleidung 
erhält hier eine direkt prak- 
tische Bedeutung und erhöht 
mit seiner steinernen Wucht 
die imposante Gediegenheit 
des Baues. Die Sitzgelegen- 
heit beschränkt sich auf ein 
ungeheures vierteiliges Sopha 
in der Mitte und ent- 
sprechende Arrangements in 
den abgekanteten Ecken des 
Raums und bildet ebenfalls 
ein Stück mit dem Ganzen. 
Ein vornehmer Takt liegt in 
dieser, übrigens vollkommen 
Raum genug gewährenden, 
Beschränkung. Die Würde 
des Saales wäre verloren ge- 
gangen, wenn man die strenge 
Symmetrie der grossen Linien 
durch bewegliche Möbel ge- 
mildert hätte. 

Unsere Abbildungen geben 
den Saal sozusagen nackt, 
ohne die Bilder, für die die Vi" ob veldb 

Wände, ohne die Pflanzen- 
arrangements and anderen Gegenstände, für Raum noch besser am Platz gewesen wäre, 
die das Plateau des zentralen Dioans, die Ihm schwebte dabei der Restaurationsraum 
vertieften Ecken, die beiden Kaminvorsprünge des South Kensington Museums vor, der in 
bestimmt waren, and lassen den Raum daher seiner totalen Kachelbekleidung bisher als 
wesentlich kahler erscheinen als er während Muster derartiger Intirieurs galt. Mit diesem 
des Gebrauches war. Trotzdem wird er auch Saal, dessen Herstellung einen Kostenauf- 
in dieser Form nicht seinen Eindruck ver- wand erforderte, an dem das bescheidene 
fehlen. Diese Veranstaltung markiert einen Budget BiNG's 'nicht heranreichte, lässt sich 
Schritt nicht nur in der Entwicklung VAN DE der Dresdener der ganz verschiedenen Grösse 
Velde's, sondern der Innendekoration über- wegen nicht vergleichen. Sieht man aber von 
haupl. Welch ein Unterschied zwischen diesem diesem Unterschiede ab, fragt man, wo die 
bis ins Kleine würdigen Ensemble und den Tea- imposantere, künstlerische Wirkung liegt, so 
room-Arrangements der Engländer. Hier bleibt kann die Entscheidung zu Ungunsten des 
selbst Morris weit zurück, der bei allem Londoner Raums nicht zweifelhaft sein. Mit 
Ernst, der ihn beseelte, nie vermocht hätte, einem Zehntel von Aufwand ist in Dresden eine 
einem ähnlichen Bedürfnis eine nur annähernd Wandbekleidung geschaffen worden, vor der die 
so moderne, ja, und so reiche Deckung zu geben, zudringliche Pracht mit der zum Teil planlosen 

BiNG's Anteil an diesem Werk ist nicht zu Zusammenstellung archaistischer Kacheln in 
unterschätzen. Er bestimmte die zu ver- dem Londoner Raum weit, weit zurücktritt, 
wendenden Materialien, und es war ein glück- Nicht in allen Dingen war BiNG's; Wahl 

licher Gedanke, der ihn auf BiGOT's Keramik so glücklich; z. B. schadete der grelle, gelbe 
brachte, wenij diese auch in einem grösseren Ton und die höchst' anruhige Zeichnung, der 



BELGISCHE INNENDEKORATION 



VAN RVSSELBERCHE 



Möbelbezüge, der einzigen Details, an denen 
VAN DE Velde unbeteiligt ist, dem Ensemble 
ausserordentlich, ein diskreter Ton ohne jede 
Zeichnung wäre dankbarer gewesen. Andere 
Details waren dafür um so glücklicher gelöst, 
so die Einzelheilen in der Holz- and Metall- 
arbeit, der ausgezeichnete Einfall, den unteren 
Fries, da wo er die Thüröffnungen schneidet, 
in Glasmosaik umzusetzen, and vieles andere. 
Wir wissen eigentlich nicht, ob TAN DE 
Velde mit seinen Arbeiten in Dresden Erfolg 
gehabt hat, oder ob die Zahl der Unzu- 
friedenen überwiegt; man hört so viele Ur- 
teile; die einen fanden den Haaplsaal nicht 
genügend gemütlich, die anderen meinten, 
sie möchten nicht darin wohnen. Das sind 
Tadel, die mehr den Tadelnden als dem Objekt 
ihrer Unzufriedenheit zu Last fallen. Zum 
Wohnen sollte die Solle de Repos VAN DE 
VelDE's Oberhaupt nicht dienen ; sie war von 
vorneherein zur Befriedigung jenes vagen, aber 
nicht ganz unberechtigten Bedürfnisses be- 
stimmt, das in grossen Ausstellungen einen 
repräsentativen Saal, der ausserdem zum Aas- 
raben, zum Plaudern und derlei Dingen dienen 
sott, verlangt. Va^ de V^iD^s Aufgabe war 
nur, einen solchen Raum würdig auszustatten, 



und er hat dies glänzend weit über das Ver- 
langte gelöst. Denn er hat dem unpersön- 
lichen Begriff einen höchst persönlichen Aus- 
druck gegeben und den Raum, der sonst der 
traditionellen Langweile bestimmt ist, inter- 
essant gemacht; vor allem aber bat er damit 
eine känsllerische Äusserung erreicht, einen 
Eindruck von Würde, wie er der Ausstellung 
entsprach. Einwerfen könnte man, dass der 
Kamin unnötig war, da der Raum nur zum 
Sommeraufenthalt bestimmt war. Aber man 
kann begreiflich ßnden, dass der Künstler 
sich dieses Vorwandes bediente, um seine Auf- 
gabe interessanter zu machen. Dass sich 
gerade in diesem Detail der Vlaame verrät, 
ist kein Fehler, ausserdem dient gerade der 
Kamin dazu, die Wohnlichkeit des Raums 
zu erhöhen, die für uns trotz oft wiederholter 
gegenteiliger Ansicht als zweifellos feststeht. 
Nur ist der Raum ebenso wenig als Wohnung 
für jeden Ausstellungsbesucher geeignet, wie 
glücklicherweise nicht alle modernen Kunst- 
werke der durchschnittlich vorzüglichen Dres- 
dener Ausstellung jedermann gefallen musslen. 
Wir können uns sehr wohl ein grosses Haus 
denken, in dem dieser Raum etwa als drawing- 
room vortrefflich am Platz wäre. -f- 



RESULTAT DES PREISAUSSCHREIBENS DES I. HEFTES 



R 



ESULTAT DES PREISAUS- 
SCHREIBENS DES I.HEFTES 
DieJurg für die in der ersten Nammer 
• Zeitschrifl gestellte Preisaufgabe hat 
einstimmig den I. Preis von 100 Mark Herrn 
DR. E. V. Oppolzbr in Prag, den II. Preis 
von 50 Mark Herrn Kunstschlosser KONRAD 
GSCHWEND in Hannover, den HI. Preis von 
30 Mark Herrn Architekt Victor Batteüx 
in Münster i. W. bewilligt. 

Das Stativ der an erster Stelle genannten 
Lampe besteht wie die ganze Lampe aus 
Bronze. Der untere Teil läuft in eine Schale 
aus, der vordere ist, wie die Detailzeichnung 
angiebt, mit grünem Leder bespannt, in das 
die Ornamente mit Gold gepresst sind. Rück- 
wärts ist eine glatte Bronzeplatie angeschraubt, 
die oben in den Handgriff endet. Das Stativ 
ist mit Blei so ausgegossen, dass eine genügende 
Stabilität und gleichzeitig Gleichgewicht er- 
reicht wird, wenn die Lampe am Handgriff 
getragen wird. Auf der Seitenansicht ist 
das Profil des Bleiklotzes mittelst einer Linie 
angezeigt. Der Bleiklotz darf nur an den 
Seitenkanten der rückwärtigen Metallplatte 
anstossen, damit die elektrischen Zuleitungs- 
drähle beim Einschieben des Leuchtarmes ge- 



nügend Platz finden. Wie weit der Arm hinän- 
geschoben werden kann, ist gleichfalls auf der 
Seitenansicht markiert. Der verschiebbare Arm 
ist dreikantig und hohl und nimmt die beiden 
Zuleitangsdrähte auf. Praktischer wäre wohl, 
ihn statt kantig rund za halten, wodurch es 
möglich würde, die Glocke zu drehen und der 
Lampe eine grössereVerwendbarkeit (als Noten- 
lampe, Gemäldelampe etc.) zu geben. Jede 
Kante läuft gegen den eigentlichen Leucht- 
schirm wieder in zwei Kanten aus, um sich 
in den oberen Konus ganz glatt zu verlieren. 
Der Leuchtschirm ist aus sehr dünnem Bronze- 
blech. Die Ornamente treten aus dem Email, 
das dieselbe Farbe wie das Leder des Stativs 
hat, nicht hervor, sondern der Schirm ist 
ganz glatt und das Email füllt die Zwischen- 
räume vollständig aus. Innen ist der Schirm 
entweder mit weissem, plissierten Seidenstoff 
bespannt, wie es bei elektrischen Leachtkörpern 
oft der Brauch ist, oder mit einem sich dem 
Bronieschirm ganz anschliessenden, matten 
Glase versehen. Das Anbringen der Glühlampen 
verursacht keine Schwierigkeiten, und es ist 
genügend Raum für zwei Ißkerxige Lampen 
vorhanden, die in die seitlichen Aasbuchtungen 
des Schirmes auslaufen. — Die Lampe ist durch- 
aus nicht über jeden Vorwurf erhaben. Der 




B. 0. OPPOLZBR 



DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON 



Handgriff ist nicht genügend konslriiktio 
motiuierl, er fällt aas dem kompakten Rest her- 
aus und wäre besser durch einen entsprechen- 
den, massiv gehaltenen, ösenarlig geschlossenen 
Griff ersetzt. Aach die Applikation des ge- 
musterten Leders ist nicht einwandfrei. Die 
Hauptsache aber ist glücklich gelöst and wir 
hoffen auf eine baldige Ausführung dieses 
Entwurfes. 

Bei dem zweiten Preis waren die Meinungen 
geleilt, es gab eine Anzahl Modelle, diegrössere 
Eleganz verrieten, aber nicht so einfach and 
praktisch waren. Hier wird alles von der 
Ausführung, uon der Wahl der Dimensionen 
abhängen und wenn der Aasführende ge- 
schickt ist, wird er durch Nuancen die all- 
zabiedere Einfachheit modifizieren können. 
Der drille Preis sieht den anderen sehr 
nahe und ist vielleicht der best gelungene, 
nur erinnert er stark an BENSON'sche 
Modelle. Immerhin ist das, was der Ver- 
fasser dem Vorhandenen hinzufügt — und 
er perdient durchaus keinen Voripurf, sich 
einem Meister wie BensON anzuschliessen 
— so beträchtlich, dass wir ihn nicht ganz 
ohne bescheidenen Lohn lassen wollten. 

Unter der kaum übersehbaren Masse des 
Restes der eingelieferten Arbeiten befindet 
sich nur wenig Brauchbares. Den meisten 
isl der Sinn der Darlegung, die wir im 
ersten Heft der Preisaufgabe voranstellten, 
nicht aufgegangen. Der Zweck wird als 
Nebensache behandelt, die Konstruktion ver- 
schwindet anter malerischen oder skulp- 
turalen Wirkungen oder unter Slilver- 
suchen zweifelhaftesten Wertes. Wir er- 
wähnen noch das Modell des Herrn HVGO 
Leven in Düsseldorf, das zwar auch 
diese Mängel zeigt — es fehlt jede Möglich- 



keit, die Lampe anzufassen, und 
die ungehemmte Ausstrahlung des 
Lichtes ist bei einer Tischlampe 
von Übel — aber in dem flotten 
Arrangement ä la LOIE FVLLER 
wertvollen dekorativen Sinn und 
Originalität verrät. 

DIE REDAKTION 



DIE JUBILÄUMS-AUS- 
STELLUNG IN LONDON 

Wer davon überzeugt ist, dass 
wir in einem Zeitalter des Wieder- 
erwachens der dekorativen Künste 
I. Pnif leben und wer da glaubt, dass ge- 

rade in England die neue Bewegung 
bereits festen Boden gefasst habe, der sollte die 
Ausstellung besuchen, die im Imperial Institute 
von den Jubiläumsgeschenken und Adressen der 
Königin Viktoria veranstaltet ist. Welche herr- 
liche Gelegenheit lag hier vor, den dekorativen 
Künstler zu beschäftigen, und welche un- 
geheuren Mittel wurden in Bewegung gesetzt, 
einer geliebten greisen Monarchin bei einer fast 



\il/r\ 



- /-. 



G 



K. eSCHWBND 



DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON 




V. BATTBVS m. Frei) 

einzig dastehenden Gelegenheit unlerthänige 
Liebe und Verehrung zu bezeugen, welche 
Kostbarkeiten wurden schliesslich auch aus 
England, aus Europa, ja aus allen Teilen der 
Welt zum Glänze des Festes beigesteuert! Was 
man gab, waren Dinge, von denen der Natur 
der Sache nach eine künstlerische Ausbildung 
unzertrennlich war, goldene Gefässe, Schmuck, 
Kassetten, Adressen, Slickereien, Gemälde. Die 
Stellen, von denen die Gaben ausgingen, hatten 
den aufrichtigen Wunsch, das beste zu geben, 
was in ihren Kräften stand und die dafür 
gesptndeifn Mittel spielten bei der Wahl keine 
Rolle. Welcher Triumph also für die Künstler, 
die, voll der herrlichsten Ideen, auf die Gelegen- 
heit warten, ihnen Gestalt geben zu können, 
welche einzige Gelegenheit in Anbetracht der 
Grösse des Objektes! 

Nun, man gehe hin und sehe sich die Sachen 
an, man betrachte die Zeugen der Begeisterung 
der opferbereiten Geber, die Geschenke der 
Fürsten, Städte, Vereine, Finanzkönige. Selbst 
wer auf ein klägliches Niveau gefasst und 
sich bewusst war, dass heutzutage Kunst und 
Reichtum nichts mehr miteinander gemein 
haben und dass die Fürsten aufgehört haben, 
ihren Ehrgeiz in ein tieferes Kunstverständnis 
zu setzen, selbst er kann dort noch Über- 
raschungen erleben. Eine gleiche künstlerische 
Einöde ist noch nicht gesehen worden und in 
keinem Zeilaller ist ein gleich niedriges Niveau 
künstlerischer Leistungen überhaupt denkbar 
gewesen. An den dafür berufenen Künstlern 
ist die Gelegenheit spurlos vorübergegangen, 
aber die Goldwaienfabrikanten, die Juweliere 

DBKORATtVB KDNST. HEFT 5. 2i 



and vor allem die Lithographengeschäfte haben 
ihren Schnitt gemacht. Von den Auftraggebern 
hat keiner auch nur daran gedacht, dass es 
ausser dem ihnen im Goldwarenladen ent- 
gegentretenden Geschäftsführer, ausser dem In- 
haber des Papier- und Lithograpbengeschäftes, 
welches ihnen die üblichen Menas liefert, noch 
eine Klasse von Leuten giebt, die sich mit so 
etwas, wie mit der Herstellung einer Adresse 
oder einer Geldkassette beschäftigen. An den 
dekorativen Künstler erinnerte sich keiner, nicht 
einmal der den Au flrag annehmende Fabrikant, 
der ja von seinem j> Specialzeichner* zu seiner 
und seiner Kundschaft Zufriedenheit bedient 
wird. Man kann daher in der Ausstellung 
eine wahre Muslersammlung von künstlerisch 
abschreckenden Sachen sehen, Sachen, deren 
künstlerische Unzulänglichkeit umsomehr ver- 
letzt, als sie in den kostbarsten Materialien 
auftreten. Die Geschmacklosigkeit in prun- 
kendem Gewände, das ist das schlimmste, was 
es giebt. Das Gold ist tn Kilogrammen ver- 
schwendet, aber es ist in Formen gebracht, 
die man dem Gusseisen nicht wünschen möchte. 
Der überall in auffallender Weise angebrachte 
Goldstempel ist offenbar das wichtigste an 
den Sachen ; ja, warum schickt man dann 



HUGO LEVEN 



DIE JUBILÄUMSAUSSTELLUNG IN LONDON 



TH. TU. HEINE 

nicht gleich die zu spendende Summe in 
Handerlmarkscheinen ein? Unter der grossen 
Anzahl von goldnen Kassellen and Adressen- 
rollen, soweit sie europäischen Ursprungs sind, 
findet sich keine einzige, die man künsllerisch 
überhaupt erwähnen könnte, unter den 
Schmucksachen ebensowenig. Aus der Masse 
Don etwa i50 Adressen kann man die künst- 
lerisch bemerkenswerten an den Fingern ab- 
zählen und es bleiben noch Finger übrig. 
Das andere ist alles Lithograpbenarbeit, müh- 
sam gequälte unechl-golische Ornamentik des 
denkbar niedrigsten Niveaus. Wirklich er- 
freulich ist nur eine allereinzige, und die ist 



in München gefertigt. Sie stammt von Karl 
Marr und ist von den in Bagern lebenden 
Engländern gesandt, ein wundervoll an- 
ziehendes, poetisch empfundenes and mil feinem 
künstlerischen Geschmack hingesetztes Werk. 

Mehr lässt sich von den Leistungen euro- 
päischer Ausführung mit dem besten Willen 
nicht sagen. Die asiatischen Sachen sind 
weit besser. Aas Indien sind reiche gold- 
und silbergetriebene Arbeiten eingegangen, die 
den Phantasie- and prankvollen, für unsere 
Begriffe freilich überladenen and sicher im 
Niedergang befindlichen Stil atmen, den jeder 
aus den Museen zur Genüge kennt. China 
schickt kostbare Porzellan- and Nephritge- 
fässe, holzgeschnitzte Paneele und übrigens 
recht schreiende Stickereien. Ein Stück, das 
ganz und gar den Stempel eines wirklichen 
Kunstwerkes trägt, edel in seinem Auftreten 
und königlich in seiner Haltung, hat Japan 
gesandt: Es ist ein vierteiliger Schirm mit 
meisterhafter Landschafts-Darslellung eines 
Flussthaies mit Stromschnellen, in Stickerei 
aasgeführt. Der Stil der Stickerei mag über- 
schritten sein, aber angesichts einer solchen 
Wirkung mass jeder Einwand verstummen. 

Man mag eine Kunstkritik gegenüber der 
Thatsache verurteilen, dass die Gaben lediglich 
Bezeugungen loyaler Gesinnung waren und 
nicht als künstlerische Schöpfungen eingesandt 
wurden. Aber hierin liegt gerade das Inter- 
essante der Sache. Gerade deshalb kann 
man aus der Ausstellung ein Bild darüber 
gewinnen, wie weil die künstlerische Bewegung 
der Neuzeit aus der kleinen Schar der 
Künstler in das grosse Publikum hinaasge- 
drungen ist. Eine Kunst für die Künstler be- 
sitzen wir, das ist wahr, aber das Publikum 
nimmt, wie man hier sehen kann, herzlich 
wenig Anteil an ihr, ja es lebt in einer 
künstlerischen Armut und Urteilslosigkeit, 
wie sie kaum in einer anderen Zeit je ge- 
herrscht hat. Und was soll man dazu sagen, 
dass dieselben Behörden, die den künstlerischen 
Unterricht unterstützen, sich mit solchen Auf- 
trägen, wie sie hier vorgelegen haben, an 
^Firmen* statt an Künstler wenden? Was 
nutzen überhaupt die Kunstschalen , ufenn 
kein Bedürfnis nach Kunst im Publikum 
vorliegt? Was ans heute hindert, ist nicht 
das Können der Künstler, nicht Mangel an 
Aufopferungsfähigkeil des Schaffenden, es ist 
die blöde Verständnislosigkeit des Empfangen- 
den, der entnüchterle Sinn der fortgeschrittenen 
Neuzeil, die künstlerische Bedürfnisse nicht 
mehr empfindet und den Kunstsinn vergangener 
Geschlechter von der Tagesordnung abgesetzt 
hat- a. M. 



DEUTSCHE PLAKATE 



DEUTSCHE PLAKATE 

Fast alle Richtungen der modernen Malerei 
haben auch in der Plakatkunst ihre Vertreter 
gefunden. Während im Ausland das Betonen 
der dekorativen im Gegensatz zur bildartigen 
Wirkung, and die damit uerbundene Stilisie- 
rung des Figürlichen auf der einen Seite zum 
Ornament, auf der anderen zur Karikatur 
führten, war es dem Dresdner Hans Unger 
vorbehalten, den poetischen Neuidealismus zur 
Geltung zu bringen ; seine Plakate sind in 
erster Linie künstlerische Lithographien, mit 
dem feinen musikalischen Grandton, der auch 
die Werke eines BOCKLIN, KlINGEB und 
Thoma auszeichnet; dabei wird aber überall 
dem besonderen Zweck durch Berücksichti- 
gung der Fernwirkung und durch klare ein- 
fache Farben Rechnung getragen. 

Der schöne Kopf, der das Plakat der Kleine- 
schen Decke ziert (S. 2tiJ, scheint ursprüng- 
lich nicht dafür entworfen zu sein ; der Text 
wurde erst später dem schon vorhandenen Bilde 
eingefügt, und so kommt es, 
dass Kunst and Reklame sich 
hier nicht ganz decken ; die 
goldenen Strahlen der unter- 
gehenden Sonne sind etwas 
in Konflikt mit den grünen 
Buchstaben. Das sind kleine 
Mängel, die kaum dem Künst- 
ler zur Last fallen, und auch 
der monumentalen Wirkung 
des Ganzen wenig Abbruch 
thun; es ist aber doch besser, 
wenn sie vermieden werden; 
das zeigen die tNicod4-Con- 
ceriet und das *Keg Beer*- 
Plakat. Ersteres, in einem 
vornehmen grauen Ton ge- 
halten, ist durch die technische 
Behandlung interessant; die 
weissen Wolken sind in der 
Tonplatte einfach ausgespart, 
der Himmel durch dunkeles 
Ultramarin gegeben ; dadurch 
wird eine angemein stim- 
mungsvolle, starke Wirkung 
erzielt. 

Die geschickte Ausnutzung 
des Textes als wichtiges deko- 
ratives Element, hat diese Af- 
fiche mit dem *Keg Beert, bei 
welchem besonders die glück- 
liche ornamentale Verwen- 
dung der Flaschen als Rand- 
leiste auffällt, gemein. Die 
sämtlichen Arbeiten Unger's hans üNgbr 



wurden von der bekannten Firma WiLHELU 
Hoffmann in Dresden mit grosser Sorgfalt 
ausgeführt. Neu ist an den Affichen ÜNGER's, 
dass sie Stimmung enthalten, und da das Plakat 
öffentlich ist, ist es gewiss als eine künstlerische 
Thal XU bezeichnen, derartige uornehme ernste 
Kunstwerke unter die Massen zu tragen, wo 
sie einen grossen Einfluss auf die Geschmacks- 
erziehung des Publikums ausüben müssen. 

Thomas Theodor Heine, charakte- 
ristisch bis zur Grausamkeit, ein Satiriker 
par excellence, ist der denkbar schärfste Gegen- 
satz zu dem vorhergehenden Künstler; wenige 
sehen so scharf wie er, wenige beherrschen 
wie er die Linie; sein Empire, nie ohne leise 
Ironie, zeigt, was aus diesem eleganten Stil 
hätte werden können. Er liebt grelle, schreiende 
Farben ; vom Standpunkt des Plakates mass 
man ihm recht geben; seine Entwürfe sind 
immer originell, immer geistreich und machen 
sicher gute Reklame, wenn sie auch die Grenze 
des Geschmackvollen leicht überschreiten. — Das 
hier reproduzierte Plakat wurde bei Fischer 



.LA DfiMOCRATISATION DU LUXE. 



in Berlin gedruckt. — RoLLER's Plakat fär die 
SIevogt-Aasstellang bei Artin in Wien (S. 213) 
zeigt eine seinem relativ kleinen Formate ent- 
sprechende üigneltenartige Auffassung bei 
breiter, der Flächenwirkung gut angepasster 
Technik and geschickte Ausnutzung der drei 
angewandten Farben. -ßp- 



HAfiS ÜNGEK 

..LA DfiMOCRATISATION 
DU LUXE. 

Vor kurzem konnte man im t Figaro* 
eine Plauderei lesen, die sich im Hinblick 
auf die kommende Pariser Weltausstellung 
mit Deutschlands Kunstgewerbe beschäftigte. 
Man kann ja nie erwarten, wenn man dies 



Blatt in die Hand nimmt, ein glänzendes 
Bild deutscher Verhältnisse gemalt zu selun, 
aber man kann doch — und zwar nicht 
selten — eine gewisse Besorgnis aas der im 
Tone des Grandseigneurs gehaltenen Beur- 
teilung herauslesen ; das thut dann mehr 
wohl, als Worte des Lobes. — Von einer 
solchen Besorgnis war in jenem Artikel 
leider nichts zu spüren. *Nunr, sagte 
der Autor etwa, ^da werden wir ja endlich 
auch Deutschlands Gewerbe zu sehen be- 
kommen; wir werden überrascht sein, 
wirklich überrascht, denn es wird ans 
etwas zeigen, was künstlerisch das 
hübscheste Paradoxon bedeutet, das man 
sich nur wünschen kann : la dimocrati- 
sation du luxe*. 

Wir glauben nun nicht, dass wir den. 
Franzosen den Gefallen than werden, 
uns gerade auf ihrer Ausstellung oon 
dieser Seite zu zeigen, wir haben Talent 
genug, um repräsentieren zu können, -r- 
aber in dem Worte steckt eine tiefe Wahr- 
heit, wenn wir es als Charakterisierung 
des allgemeinen kunstgewerblichen Za- 
standes nehmen, der bei ans, freilich 
nicht bei uns allein, herrscht. 

Die Demokratisierung desLaxas, darin 
haben wir es in der That weit gebracht, 
das ist's, worunter wir seufzen, das 
ist die feindliche Macht, die sich einer 
gesunden kunstgewerblichen Entwicke- 
lang überall entgegenstemmt. Es ist ja 
auch so undankbar, wenn man dafür 
zu kämpfen scheint, den künstlerischen 
Luxus wieder bevorzugten Klassen als 
Reservatrecht zu gewinnen, and es wird 
manche Leute geben, die es als stolze 
Errungenschaft unserer Zeit and ihrer 
gewerblichen Eniwickelung ansehen, dass 
man im billigen Restaurant, im Chambre 
garnie des Studenten and der guten Stube 
des Schneidermeisters denselben Formen 
begegnen kann, die ursprünglich für den 
Fürsiensaal oder ein Prankgefäss erdacht 
sein mögen. Ja, es sind vielleicht die- 
selben Formen — von unverstandener 
Nachahmung and Pfuschwerk wollen 
wir einmal ganz schweigen, obgleich 
es vorwiegt — aber was dort aus 
Bronze war, ist hier aus Cuivre poli, und 
was dort geschnitzt wurde, ist hier gepresst 
oder gegossen, aber was dort am Abend- 
mahlskelch prangte, finden wir hier an der 
Lampe, und was die Thür zum Ratssaal 
zierte, schmückt hier den Eingang zur Schlaf- 
kammer. Das dekorative Taktgefühl, das ist 
es, was in erster Linie durch die Danokrati- 



.LA D^MOCRATISATION DU LUXE« 



sierung des Laxus verloren gegangen ist: zu 
viel Ornament, oder Ornament am fabchen 
Platz, oder Ixidea. 

Dats diese Erscheinung eintreten masste, 
anhemmbar, wie das Wirken einer Natur- 
gewalt, bedarf keiner grossen Betonung. Die 
märchenhafte Entwickelung alles Maschinen- 
wesens, die angeheuren technischen Errungen- 
schaften der letzten Jahrzehnte, machen die 
billige Reproduktion beliebiger Formen in 
beliebigem Material leichter and leichter; was 
Wander, wenn die Industrie sich das zu 
nutze macht, und ivenn sie anfängt, für billiges 
Entrie mit ihren Künsten za protzen, — 
was Wunder aber auch, dass der kindliche 
Zuschauer, das Publikum, verblüfft wird and 
verwandert Beifall klatscht. Es mass erst 
erzogen werden, um Künste pon Kanst zu 
unterscheiden. 

H [An allen Ecken und Enden finden wir heute 
den kunstfertigen Bau eines *Orchestrionst 
aufgestellt, das für einen Nickel die schönste 
Musik mit komplizierterBegleitang and reichsten 
Verzierungen zum besten giebt, — der arme 
Kerl, der nur seine lumpige Zither zu 
schlagen versteht, kann nicht dagegen auf- 
kommen, man hört sein Spiel ja kaum neben 
diesem Konkurrenten und er kann's nicht 
einmal für einen Nickel hergetxn, sondern 
mass mehr verlangen; höchstens vermag er 
seine Kunst noch als Rarität auf den Markt 
za bringen. Und doch giebt es Leute, welche 
dieselbe Melodie auf bäurischem Instrument 
and in primitivem Vortrag lieber von einem 
Menschen hören, als vom vollendetsten Orche- 
strion. Möchten diese Leute sich mehren und 
mehren! Der Kunst des Gewerbes gegenüber 
sind sie heute weit weniger zu treffen, als in 
der Kunst der Musik, denn wenn das, was 
wir eben vergleichend bemerkten, wörtlich 
nur auf die breite Masse des grossen Pu- 
blikums zutrifft, so können wir auf kunst- 
gewerblichem Gebiet heute noch im Hause 
des Gebildetsten das Orchestrion der Zither 
vorgezogen sehen. Durch die Demokratisierung 
des Luxus ist man so an den toten Prunk 
der Formen gewöhnt, dass man für das schlicht- 
anspruchslose Gewand kein Auge mehr hat. 

Und doch zeigen sich mehr und mehr die 
Sparen, dass man durch das Obermass der 
Formen, welche die technische Entwickelung 
unserer Zeit plötzlich in buntem Taumel um 
uns aufhäuft, übersättigt ist. Der grosse 
Eindruck, den das Erscheinen der englischen 
Möbel mit ihren einfachen Linien and dem 
bewussten Verzicht auf Schnilzwerk und 
Drechslerarbeit machte, war das deutliche 
Zeichen der Reaktion. Der neue Impuls, der 



von dieser Erscheinung ausgeht, kann uns 
zum Heile oder zum Verderben werden. — 
Zum Verderben, wenn er nichts weiter bewirkt, 
als dass wir nun darangehen, diese neue 
Formenwelt eifrig nachzumachen: dann ge- 
raten wir, um uns von der Knechtschaft der 
Altvordern zu befreien, in die weit schlimmere 
Knechtschaft fremdländischer Eroberer. — 
Zum Heile, wenn wir an der Art, wie sich 
im Nachbarlande eine gesunde Blüle entwickelte, 
lernen, eine älmliche Entwickelang auch bei 
uns anzubahnen. 

Wir fangen jetzt erst ganz allmählich 
an, über dem » Was' des Geschaffenen, das 
uns blendete, nach dem > Wie« des Entstehens 
zu fragen, and da sehen wir, wie ursprünglich 
die künstlerische gleichbedeutend war mit einer 
sozialen Bewegung. Die Empörung über die 
mehr und mehr drohende Herabwürdigung 
des Menschen zum Maschinensklaven, der 
soziale Kampf zwischen Gewerbe und Industrie 
fachte das Feuer in England zuerst an. 

Ein Mann wie RUSKIN ist in erster Linie 
ein Reformer aus Humanitätsgefühl, zugleich 
aber erkennt er, dass die soziale und die 
künstlerische Krankheit im Zeilaller der 
Maschine den gleichen Ursprung hat. Und 
nun setzt MORRIS, ausgerüstet mit einer zähen 
und elastischen Künstlerkraft and unterstützt 
von jenem Stab begeisterter Freunde, deren 
Namen heute in aller Munde sind, den sozialen 
Kampf in künstlerische Thal um. Der Künstler 
greift wieder ein ins Gewerbe und er betreibt 
es auf dem Boden des alten Handwerks, in- 
dem er das Werk, das er entworfen, auch 
selber bis zur Vollendung führt. 



»LA DEMOCRATISATION DU LUXE< 



HAAS VNGER 

Das ist die Art, wie man der Demokratisie- 
rung des Luxus im Gegensatz zur Industrie 
den Krieg erklärt, denn es ist natürlich, dass 
auf diese Weise nur ausgewählte künstlerische 
Arbeit entsieht, die einem verhältnismässig 
kleinen Kreise zugänglich ist. Diese exklusiiie 
Art des Kampfes ist es, die selbst Männer 
wie Walter Crane, der uns in seinen *For- 
derungen der dekoraliuen Kunsl» ein so seltsam 
unklares, sozialistisches Glaubensbekenntnis ge- 
geben hat, eigentlich allein in Wort und Werk 
betreiben, sowie es wirklich auf ihre künst- 
lerische Thätigkeit und nicht auf ihre idea- 
listische Sozialphanlastik ankommt: 

Man kann nun aber einmal die Industrie 
und den Massenartikel nicht mehr vom Erd- 



boden verschwinden machen, und 
deshalb sollte man nicht nur den 
künstlerischen Kampf gegen diese 
Mächt führen, sondern überall, wo 
es angeht, seine Ziele auch im 
Bunde mit der Industrie la er- 
reichen suchen : man soUle trachten, 
den mächtigen Genossen statt zur 
Demokratisierung des Luxus mehr 
und mehr zu einer Demokrati- 
sierung des Geschmackes zu be- 
natzen. Es sind verhältnismässig 
bescheidene künstlerische Aufgaben, 
die sich in diesem Kampfe bieten, 
und bescheiden mögen auch einst- 
weilen die Resultate sein, die sich 
hier erzielen lassen, aber, was man 
etwa erreicht, ist ein Fortschritt in 
der Geschmacksbildang des Publi- 
kums, und der verzinst sich in- 
direkt auf dem edleren Kunst- 
gewerbegebiet reichlich. 

Wenn man in Leipzig zur Zeit 
der Messe durch die Gänge des 
städtischen Kaufhauses wandert, wo 
man auf einem Punkt gesammelt 
findet, was dem Handel an neuen 
Mustern im Gebiet der dekorativ 
' gestalteten Keramik, der Glas- 
industrie, der Metall- und Leder- 
arbeit jeder Art geboten wird, da 
braucht man künstlerisch gar nicht 
sehr sensibel beanlagt zu sein, um 
voll Beschämung das Haupt zu 
verhallen. Da sind lauter Sachen, 
die nicht zur Not wendigkeit, sondern 
zum Schmucke des Lebens dienen 
sollen, und wie sieht dieser Scitmuck 
aus! Selbst ein wohlwollendes Aagc 
kann lange suchen, bis es etwas 
findet, auf dem es, ich will gar nicht 
sagen mit Wohlgefallen, sondern 
nur unbeleidigt ruhen kann. Einige einfache, 
aber wirklich geschmackvolle Arbeiten würden 
hier erlösend wirken, aber wohlgemerkt, nicht 
Arbeiten, die einen speziell individuellen künst- 
lerischen Charakter tragen, sondern die eigens 
zur Reproduktion im Grossen erdacht sind, die 
bescheiden dem Ziele entsagen, einen künst- 
lerischen Einzelwert besitzen zu wollen, sondern 
lediglich zum Ziele haben, das fürchterliche 
Talmi geschminkten Prunkes zu verdrängen. 
Wie lange muss man heute in den Läden 
herumsuchen, um in einfacher Preislage Leder- 
sachen ohne eingepresste Musler, Bilderrahmen 
ohne Messingschnörkel, Lampen ohne Engels- 
oder Löwenköpfe, Vasen ohne Ornamentik 
zu finden. Unter den staunenerregenden Re- 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 

gimenlern buntfarbiger Thonftgurea, — wer 
sie nur alle kaufen mag? — - die hier bei 
jeder Messe zusammenströmen, und die meist 
im Geiste Sichel's und Schweninger's auf 
eine kenscli überzuckerte Sinnlichkeit rechnen, 
würde ein kecker künstlerischer Warf, der 
sich zu dieser wohlfeilen Veroielfälligung her- 
giebt, Verheerungen anrichten; and um nur 
noch Eines zu nennen : welche Unzahl so- 
genannter Dedikationsgeschenke wird von 
unserer Studentenschaft alljährUch verbraucht, 
und auf welchen künstlerischen Schund sind 
selbst Besseres Wollende angewiesen , weil 
kaum jemals etwas zu finden ist, das einfach, 
solid and charakteristisch genannt werden 
kann. 

Es ist sicher kein weltbewegender Kampf, 
der sich hier bietet, aber stellen wir der Demo- 
kratisierung des Luxus die Demokratisierung 
des einfachen Geschmackes entgegen and lassen 
nicht, wie die englischen Apostel, der Industrie 
gegenüber resigniert die Hände sinken, nach- 
dem wir sie vergebens zornig geballt und ge- 
schüttelt haben, so wird vielleicht langsam 
der Boden zu höheren Anforderungen bereitet. 

Und dasselbe Ziel kann auch der Architekt '■■BomiER pfsnmr 

selbst t>ei den einfachsten Aufgaben, die ihm 
gestellt werden, anstreben. Echte Schnitzereien, 
Haustein-Ornamente , Wandmalerei können 
wir nicht überall verlangen, aber wir können 
verlangen, dass das Auge nicht beleidigt wird 
durch prunkende Thüraufsätze, durch ver- 
schnörkelte Öfen, durch nachgeahmte Leder- 
tapeten , durch billige Verläfelungen , kurz 
durch jede Art schlechter Dekoration und un- 
künstlerischen Ornaments, das ans, wenn wir 
von der Arbeit aufschauen, verfolgt, wie etwa 
ein Gassenhauer, der unaufhörlich vor unserem 
Fensler gesangen wird. — Wir brauchen 
darum nicht kahler zu werden in unseren 
Wohnungen. Alle diese dekorativen Zuthaten 
kann man ersetzen durch eine richtig gewählte 
Farbe, und Farbe, dies Stiefkind anserer Zeil, 
ist nie unecht and immer zu haben. 

Beginnen wir also neben dem positiven 
Kampf, der da strebt, durch Neues, Muster- 
gültiges morsch gewordene Formen zu ver- 
treiben, zugleich einen Kampf gegen den 
thönernen Götzen eines billigen Luxus. Nur 
wenn dieser Götze überwunden ist, nur wenn 
die Leute, die es mit Entrüstung zurückweisen 
würden, anechten Schmuck am Leibe :u 
tragen, auch unechte Kunst nicht in ihrem 
Heime dulden, wird das Verständnis für kunst- 
gewerbliche Forderungen ein weiteres Publikum 
finden and ohne ein Publikum nützt auch die 
lebhafteste Anstrengung auf diesem Gebiete 
nicht dauernd. fritz Schumacher 



MODERNE KUNST IN DER FRAN- 
ZÖSISCHEN ARCHITEKTUR: 
II 
DER ARCHITEKT LOUIS BONNIER 

BONNIER nimmt unter seinen Kollegen, die 
sich die Befreiung der französischen Architektur 
vom allen Schema zum Ziel gesetzt haben, 
einen eigenen Platz ein. Immer und übtfall 
hat er in erster Linie den Nachweis zu er- 
bringen gesucht, dass es sich vor allem darum 
handelt, die Materie ihren Eigenschaften and 
Grenzen entsprechend auszunützen. Mit 
seltenem Glück hat er verstanden, seine glück- 
liche Schöpfergabe in den Dienst der Vernunft 
and fachmännischer Erfahrung zu stellen. 

Er war Schüler der Ecole des Beaux Arts 
und zwar in einem ganz besonders zurück- 
gebliebenen Atelier, aas dem er glücklich ent- 
rann, ohne unter dem schlimmen Einftass 
seines Lehrers J. AnDR^ zu leiden und ohne 
etwas von dem Geist der Schule milzubekommen, 
der schon so viele Begabungen zerstört hat. 
Er zeichnete sich schon frühe in verschiedenen 
Konkurrenzen aas, die für den Bau des Palais 
der schönen Künste in Lille, des Monument 
TeSTeun, der Mairie von tssg a. s. w. aas- 
geschrieben waren. Er wurde als Inspectear 
des Bätiments Civils DUTEBT zugeteilt und mit 
der Leitung der Arbeiten am Museum betraat. 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 



Noch umfassender gelangt BONNlER's Per- 
sönlichkeit in den ländlichen Bauten zur 
Geltang, die wir in diesem Heft abbilden. In 
einem der anmutigsten Winkel des Pas de 
Calais, inmitten einer Kästen-Landschaft, deren 
weiche Übergänge an CAZltts zarte Bilder 
denken lassen, an der Bai von Ambletease, 
die das Fort von Vauban beschützt, erhebt 
sich eine Gruppe reizender, einfacher Häuser. 
Während so mancher Strand durch die Thor- 
heit, die paeado-italienische oder pseado- 
maarische Villen a. dergl. an die Nordsee, 
schwere normannische Bauten an das mittel- 
ländische Meer setzt, hässlich gemacht wird, 
hat jenes Stückchen Welt durch BONNlER's 
Kunst erhöhten Reiz erfahren. Diese Villen 
gehören an den Platz, für den sie gebaut sind; 
sowohl in der Form, die in ganz ländlichem 
Charakter auf die klimatischen Verhältnisse 
grösste Rücklicht nimmt, wie in dem Material, 
das lediglich den Produkten der Gegend ent- 
lehnt ist. 

Das Haas Fl£, das der Lage nach am 
besten vor dem Wetter geschätzt ist, öffnet 
sich weit gegen das Meer, dessen Stürme ihm 
nichts anhaben können. Um der Aassicht 



an dessen Ausschmückung er wesentlichen 
Anteil hatte. In seinen letzten Arbeiten hat 
sich seine Persönlichkeit zur Blüte entwickelt. 
Wir haben im ersten Heft einige Ab- 
bildungen des Gebäudes VArt Nouveaa ge- 
bracht, das von BONNtER seine gegenwärtige 
Gestalt erhalten hat. Die Aufgabe war nicht 
leicht; es galt im Äusseren die Bestimmung 
des Baues, als Ausstellungsraum für die moderne 
Kunst zu dienen, in möglichst re- 
präsentativer Weise zum Ausdruck 
zu bringen, and das bei einem 
Mietshaus, das ursprünglich alle 
die Fehler und Banalitäten eines 
Pariser Geschäftshauses aufwies. 
BONNIER unterzog sich der Auf- 
gabe mit grösstem Geschick. Mit 
den einfachsten Mitteln hat er 
dem Haas einen besonderen Reiz 
verliehen, der es uon seiner Um- 
gebung auf das Vorteilhafteste unter- 
scheidet. Dabei half ihm Brang- 
WYN, der die Friese gemalt hat, 
die sich von dem vorzüglich ge- 
wählten Anstrich des Hauses vor- 
teilhaft abnehmen. Hier und da 
unterbrechen quadralförmige ele- 
gante Blattmotive, im tieferen Ton 
als der Anstrich, vorteilhaft die 
Flächen. Daneben sind alle De- 
tails benutzt, um besondere Noten 
zu geben. So die Seitenthür, die 
wir in dem ersten Heft besonders 
abgebildet haben, so im Innern die 
schmiedeeisernen Geländer a. s. w. 
Sehr glücklich ist für die Haupt- 
eingangslhür und die Decke der 
Haupthalle die Verwendung von 
geblasenen Glaskacheln von Fal- 
CONNIER, die ebenso praktisch wie 
geschmackvoll sind. l. bonsier 

2U 



Trqiptnhata in Haiton FU 



L. BOSNIER Zimmer Im Hause 'Let Dunet' und Sehla/ilmmtr In •Uabon l-V- 

DSMOlUnTB KUNST. HEFT i. i 



/.. BOSNIER 



•Lts Dunai und •!.*> Sabtani' 



MODERNE KUNST IN DER FRANZÖSISCHEN ARCHITEKTUR 



noch )grösaere Ausdehnung zu geben, läuft 
die Seite nach dem Meere in einen Pavillon 
aas mit breiten, Lafl und Licht in Fülle 
hereinlassenden Flächen and einem höchst 
glücklichen Giebel ohne Dachsparren, der sich 
zu einer aus der Frontmaaer herausspringenden 
Galerie Öffnet, die von zwei Streben getragen 
wird und ein Schirmdach für das Parterre 
darstellt. Die ganze Aussendekoration wird 
durch die natürlichen Farben des verwandten 
Materials erzielt. Graues Gestein wechselt mit 
rötlichem Ziegel und bildet mit dem grün be- 
malten Holzwerk hübsche Gegensätze. 

Die anderen Villen LES Sablons, les Dunes, 
LES Oyats, les Algues nähern sich mehr 
dem Vorgebirge, das die Bai abschliesst. Bei 
ihrer Bauart war der Umstand massgebend, 
dass sie mehr dem Unwetter aasgesetzt sind. 
Daher sind ihre Mauern mit Zement und 
glasierten Ziegeln bekleidet, deren Farbe in 
horizontalen Reihen abwechselt. 

Auf diese Weise hat BONNIER ein Ganzes 
von vollkommener Einheit geschaffen. Diese 
Harmonie beschränkt sich nicht auf die 



Felham Don Templeao* 

Aassenarchitektur. Man findet sie auch im 
Innern dieser Villen. Auch hier tritt überall 
die Zweckmässigkeit in den Vordergrand; die 
konstruktive Seile wird nie verschwiegen, son- 
dern im Gegenteil überall, wo es geboten er- 
scheint, diskret betont. Aach hier dieselbe 
Achtung vor der Natur des Materials. Die 
Hölzer sind nur gebeizt; ihre verschiedene 
Art giebt den einzigen wesentlichen koloristi- 
schen Schmuck bei dem Gebälk, den Fenstern, 
Thären, Treppen a. s. w. und bei dem Mobiliar, 
das ebenfalls derselben Hand entstammt Alles 
ist einfach, anspruchslos, aber es ist streng 
einheitlich und dadurch, durch die Aasprägang 
desselben künstlerischen Willens in jedem, auch 
dem kleinsten Gegenstand, ein künstlerisches 
Werk von zwingendem Reiz. 

Wir bilden noch die Mairie von Templeuve 
ab, weil sie zeigt, was man mit demselben 
Prinzip selbst bei grösster Einfachheit fertig 
zu bringen vermag. Das Budget war äusserst 
gering und schien selbst bei der Billigkeit der 
Handwerkerlöhne im Norden Frankreichs an- 
zalänglich; Bonnier hat mit einem Aufwand 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 



von 30000 Francs das Gebäude fertig gestellt. 
Es enthält ein weites Vestibül, in dem des Sonn- 
tags die kleinen Landkrämer ihre Waren zeigen 
können, das Bureau für die Sparkasse, das 
für die Armenpflege, das Kabinett des Bürger- 
meisters und seines Sekretärs, Stadtoerordneten- 
Saal und grossen Feslsaal. Die finanzielle Lösung 
der Aufgabe war nur dadurch möglich, dass 
BONNIER sich lediglich der Landesmaterialien 
bediente, der Ziegel aus dem Norden, des blauen 
Gesteins von Soignies, der Tanne, des Pilch- 
Pin und der Eiche; die sichtbaren Holzteite 
tragen alle gestrichene Eisenbeschläge, das 
Dach ist aus Schiefer uon St. Amand. 

An dem Hause ist nicht eine Spar von 
Schmuck und doch dürfte es wenig ebenso 
hübsche Rathäuser geben. Es ist dazu der 
anmittelbare Ausdruck des Landes und der 
Leute, für die es gemacht ist, ebenso einfach 
und derb wie die Landleute, die hineingehen, 
and wenn man die Details durchgeht, wird 
man eine Menge Sonderheiten finden, die 
trotz der Anspruchslosigkeit für diesen einen 
Zweck besonders gemacht sind, 

BONSIER ist zum Generalarchitekten für 
die Einrichtungen der Weltausstellung des 
Jahres 1900 ernannt worden. Man darf sich auf 
Überraschungen gefasst machen. Welcher 
Art sie aach sein mögen, sie werden immer 
mit den Gesetzen des Geschmacks and der 
Vernunft rechnen, die BONNlER's bestes Fun- 
dament bilden. cauille gardelle 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 

Die königliche Porzellan - Manufaktur zu 
Meissen ist bekanntlich die älteste anter den 
europäischen Porzellanfabriken. Ihrem Be- 
gründer BOttger gelang, wonach damals 
so viele Arkanisten strebten : die Erfindung 
des Porzellans und damit die allmähliche 
Emancipierang Europas von der ostasiatischen 
Einfuhr. Nicht lange nach der Erfindung 
trat das Meissner Porzellan in seine klassische 
Periode , welche die Namen HOROLD und 
Händler bezeichnen. Noch heute sind für 
viele Meissner Porzellan und Rokoko ganz 
unzertrennliche Begriffe geworden. Mit dem 
Worte Meissner Porzellan steigt die kokette 
Well der geputzten Hirten und Schäferinnen 
empor, das Zeitalter graziösen Leichtsinnes, 
die Gesellschaft, die im Dresdner Zwinger 
noch nicht ein interessantes Denkmal der Bau- 
kunst, sondern die selbstverständliche Stätte 
ihrer Maskeraden, Mercerien, Caroassels und 
sonstigen prunkvollen Festlichkeiten sah. 
Sicherlich halte die kgl. Porzellan-Manufaktur 
zu Meissen recht, wenn sie in der Zeil des 
rückwärts schauenden Kunstgewerbes, als dieses 
nirgends schöpferische Kraft aufwies, sondern 
sich nur an der Nachahmung alter Werke 
technisch schulte, mit aller Energie auf das 
Rokoko zurückging, wenn sie dann in der 
Zeit der Nouveauth, die da kamen und ver- 
gingen wie der Märzschnee, festhielt an den 
Oberlieferungen aus jener Glanzzeit, als von 
Meissen aus das europäische Porzellan seinen 
Triumphzug durch die Welt antrat. Denn 
nie hat wohl die Anschauung der Zeil einen 
so sprechenden Ausdruck in Kunst und Kunst- 
gewerbe gefanden, wie das Rokokozeitalter im 
Meissner Porzellan. Da die Meissner Manu- 
faktur eine Erwerbsansialt sein soll, Regierung 
und Landtag von ihr einen jährlichen Rein- 
ertrag von mindestens 2(X}000 M. erwarten, 
so unterliegt es keinem Zweifel, dass Meissen 
auch künftighin die Überlieferung des Rokoko 
hüten wird, denn der reiche Fremde, der ge- 
wöhnt ist, die berühmten and spezifischen 
Erzeugnisse jedes Landes an der Stätte ihrer 
Entstehung aufzusuchen, wird wohl auch 
noch lange nach Dresden and Meissen gehen, 
am das vieax Saxe an Ort and Stelle zu er- 
werben, und er würde enttäuscht sein, wenn 
er hörte, das vieux Saxe gehöre nur noch 
der Vergangenheit an. Weiter aber ist zu 
bedenken, dass alljährlich so und so viele 
Bestellungen zur Ergänzung alter Services in 
Meissen einlaufen; und jede derartige Bestel- 
lung wird auf das sorgfältigste ausgeführt; 
jede Dekorationsweise, stamme sie aus der Zeit 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 



BOttger's, Käxdler's, MARCOum's u. s. w., 
jedes Masler, das grüne Drachenmüsler, alles 
und neues Zwiebelmusler, Orleans, Branden- 
slein and wie sie alle heiasen mögen, wird in 
völliger Cbereinslimmung mit den früheren 
Stücken nacligeliefert. Das ist ein Vorzug, 
den man sonst wahrlich nicht so leicht an- 
trifft, und er muss auch in Zukunft fest- 
gehalten werden. 

Aber auf die Dauer durfte die kgl. Porzellan- 
manufaktur zu Meissen doch nicht nur mit den 
Spolien ihrer grossen Zeit sich brüsten. Es 
mehrten sich die Stimmen , die da sagten, 
Meissen hafte nur an den Überlieferungen 
seiner Glanzzeit, ein neaer künstlerischer Geist 
sei nicht in den Räumen der altberühmten 
Manufaktur zu finden. Diese Stimmen hatten 
recht und sie halten unrecht. Sie übersahen, 
dass im letzten Jahrzehnt die Technik in 
Meissen in geradezu staunenerregender Weise 
weiter und weiter ausgebildet wurde, dass 
man sich z. B. das sog. Päte-sar-päte (die 
Massemalerei) zu eigen machte, dass die Reihe 
der Scharffeuerfarben in bedeutender Weise 
vervollständigt wurde u. s. w. Durch zahl- 
reiche derartige Errungenschaften aber, ver- 
möge deren Meissen in der That an der 
Spitze der gleichartigen keramischen Anstalten 
steht, wurde auch eine künstlerische Reform 
angebahnt und ermöglicht. 

Diese technischen Fortschritte haben jetzt 
dazu geführt, dass die Meissner Manufaktur 
mit einem Teile ihrer Erzeugnisse neue Bahnen 
beschreiten und dass sie der mit Recht ge- 
priesenen Kopenhagener Manufaktur auf deren 
eigenstem Gebiete bereits im ersten Anlauf 
. ebenbärtig werden konnte. Diese hat ja das 



grosse Verdienst, zuerst die Blaamalerei, die 
sonst nur für gewöhnliche Gebrauchsware 
angewendet wurde, auf künstlerische Ziele 
gewiesen und dabei einige andere Unterglasur- 
farben in geeigneter Weise verwendet zu haben. 
Aach hat sie zuerst die sog. flowing coloar, 
die sich allmählich verflüchtigende oder ver- 
fliessende Farbe in technisch vollendeter and 
künstlerisch reizvoller Weise vertvendet: dies 
Blau wird von der tiefsten Stelle an immer 
blasser and verliert sich allmählich in das 
Weiss des Grundes. (Hervorgerufen wird 
diese malerisch wirksame Dekoration durch 
eine CItlorverbindung, welche die Farbe stufen- 
weise zerstört.) 

Die Erzeugnisse der Kopenbagener Manu- 
faktur sind nun für die Meissner Manufaktur 
der Anlass geworden , nicht dass man in 
Meissen die Kopenhagener Erzeugnisse nach- 
ahmte, sondern dass man die in Meissen schon 
seit mehr als einem Jahrzehnt geübte Masse- 
malerei und die Scharffeuertechnik noch weiter 
vervollkommnete und ausbaute. Zur Erläu- 
ferang diene folgendes: Man unterscheidet 
bekanntlich Hart- and Weichporzellan ; jenes 
ist, wie der Name andeutet, weit härter, weil 
es im Scharffeaer von 1600 Grad Celsius ge- 
brannt wird, wobei die Masse mehr versintert 
und beim Erkalten dichter wird. Weich- 
porzellan wird dagegen nur bei 1200 — 1500 
Grad Celsius gebrannt. Viele Fabriken sindzum 
Weicbporzellan übergegangen, weil man da- 
mit mannigfaltigere and lebhaftere Farben- 
wirkungen erzielen kann. Die Meissner Manu- 
faktur aber setzt , im Hinblick auf ihre 
Geschichte und auf die Erfindung des ersten 
Hariporzellans durch BOTTGER, ihren Stolz 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 



darein, gerade am Hartporzellan festzuhallen 
und diesem trotz seiner Sprödigkeil gegen 
känalleriache Behandlung dach künstlerische 
Reize abzageivinnen. Es sind dabei für die 
Bemalung zwei Wege möglich: man mass 
entweder das Porzellan über der Glasur be- 
malen oder man mass neae Scharffeuerfarben 
herstellen. Meissen hat beide Wege einge- 
schlagen. Bei der Überglasarmalerei wird 
zunächst die grauweisse lehmartig bildsame 
Masse gar gebrannt, es entsteht dadurch so- 
genanntes {mattes, unglasiertes) Biscait- 
porzellan, dann wird es in die Glasur getaucht 
and mit dem Glasurüberzug glatt gebrannt, 
weiter wird es über dieser so gewonnenen 
glänzenden Glasur bemalt und in der Muffel 
(Kapsel von feuerfestem Thon) bei gelinderem 
Feuer in einmaligem oder mehrmaligem Brand 
fertig gebrannt. Hierbei ist die vollständige 
Farbenpalette verwendbar. Anders bei der 
Unterglasurmalerei. Hier wird das Porzellan 
nach dem ersten, dem Garbrande, bemalt und 
erst über die Malerei kommt die durchsichtige 
Glasur, so dass dann Glasur and Malerei auf 
einmal im Scharffeuer von 1600 Grad ge- 
brannt werden. Früher kannte man nun als 
Unterglasurfarben fast nur blau (KobaltoxgdJ, 
da alle übrigen Porzellanfarben (farbige 
Gläser) im Scharffeuer entweder gänzlich ver- 
zehrt oder doch bis zur Unbraachbarkeit ver- 
ändert wurden. Meissen ist aber im letzten 
Jahrzehnt in der Gewinnung dieser unzerstör- 
baren Scharffeuerfarben erfolgreich vorwärts 
gegangen. Zu der blauen Unterglasurfarbe 
sind, wie die neuen Erzeugnisse ausweisen, 
grün, gelb and braunrot mit allen Schat- 
tierungen hinzugekommen, nur kupferrot fehlt 
noch; doch ist nicht ausgeschlossen, dass die 
erfahrenen Chemiker der kgl. Manufaktur in 
Meissen auch hiefür noch Rat schaffen werden. 
Dieses Streben nach Scharffeuerfarben ist 
überaas berechtigt; denn nur die Unterglasur- 
malerei ist der dem Porzellan eigene, aus seiner 
Herstellung stechnik hervorgegangene und 
darum stilistische Schmuck des Porzellans, 
soweit die Malerei in Frage kommt, während 
die Cberglasur maierei mehr etwas Zufälliges, 
von aussen zum Porzellan Kommendes ist, 
das auch bei vielen anderen Stoffen sich an- 
wenden lässt. Stilgerecht ist die Unterglasur- 
malerei natürlich ebensowohl beim Weich- 
porzellan wie beim Hartporzellan, welch 
letzteres die Meissner Manufaktur bis jetzt 
allein herstellt; sollte diese aber einmal teil- 
weise zum Weichporzellan übergehen, wie es 
z. B. die kgl. preussische Porzellan-Manufaktur 
in Berlin fabriziert, so hat sie wohl kaum von 
irgend welcher Seite Tadel zu gewärtigen. 



Denn für vielerlei Kunstgegenstände ist auch 
das Weichporzellan als zulässig zu bezeichnen. 
Die neuen Erzeugnisse der Meissner Manu- 
faktur nun sind derartig modern, dass von dem, 
was man anter vieax Saxe versteht, auch 
nicht eine Spur mehr übrig ist. Sie sind 
modern im besten Sinne des Wortes. Die 
Gefässe sind einfach und gross in den Formen, 
der Schmutk ist nicht äusserlich hinzugefügt, 
sondern aus der Technik entwickelt, also stil- 
gerecht, die Malerei ist nicht kleinlich und 
zierlich, sondern geht fest auf künstlerische und 
grosse Wirkung aus. Natürlich ist nicht gerade 
jedes Stück im gleichen Masse geglückt. Aber 
es finden sich unter den neuen Erzeugnissen, 
die jetzt in Dresden grosses Aufsehen erregen 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 



uerheissend genannt werden müssen. Ein 
wahres Prachtstück ist z. B. die grosse Vase 
mit dem bacchantischen Frühlingsreigen. Die 
Gruppe der tanzenden Jünglinge and Jang- 
fraaen ist ebenso anmutig komponiert wie 
sicher gezeichnet; die Farben sind harmonisch 
zusammengestellt, in den Lokaltönen klar and 
leuchtend, in den Übergängen weich and 
fein. Die dankelgrünen Cgpressen, die bell- 
grünen Wiesen, der leichtbewölkte Himmel, 
die lichten, schimmernden Gewänder der Tan' 
senden : alles ist mit feinem Sinn zusammen- 
gestimmt; das Ganze wirkt geschlossen and 
prächtig. Weiter fesselt uns eine prächtige 
Magnolienuase ; auf dem symbolistisch an- 
gehaachten Bilde sehen wir weisse and bräun- 
liche Magnolienblüten wirksam mit dunkel- 
grünem Laube zusammengestellt, dazwischen 
schaut ein braunlockiger Mädchenkopf mit 
halbgeöffneten Augen hindurch. Das Ganze 
ist auf hellblauen Grund gesetzt. Bedenkt 
man, dass alle diese Farben unter der Glasar 
liegen, dass das Ganze in einem einzigen 
Scharffeuerbrande hergestellt ist, so begreift 
man, dass hier nach mehr als einer Richtung 



and vor den sonst leeren Schaufenstern der 
Niederlage so grossen Zudrang veranlassen, 
schon jetzt Kunstwerke von vollendeter Schön- 
heit, and sicherlich ist man auf dem rich- 
tigen Wege, indem man die technischen Er- 
rungenschaften der letzten Jahre — Masse- 
malerei and Scharffeaertechnik — weiter aas- 
baut and künstlerisch verwertet. Die Masse- 
malerei (päte-sar-päte) besteht darin, dass man 
anstatt der gewöhnlichen Farben Porzellan- 
masse malend auf den Grund aufträgt und 
darüber die Glasur setzt. Früher verwendete 
man dabei nur weisse Porzellanmasse auf 
gebrochenen Farbtönen. Die kameenartige 
Wirkung der reizvollen Technik war erreicht, 
aber die stumpfen Töne gaben dem Ganzen 
oft nur eine matte Wirkung. Jetzt ist man 
weiter gekommen. Prachtvoll wirkt z. B. die 
weisse Massemalerei auf dem berühmten 
Meissner tiefdunklen Königsblau. Alsdann 
aber verwendet man zum Malen auch ver- 
schiedenartig gefärbte Porzellanmassen und 
anderseits ist man auch zu farbigen Gla- 
suren übergegangen : bedeutsame Fortschritte, 
deren erste Ergebnisse ermutigend and viel- 



NEUES MEISSNER PORZELLAN 



hin MeiMtentäcke vorliegen, denen keine andere 
Manafaktar etivaa keramisch gleich Bedeul- 
sames an die Seile zu stellen uermag. 

Gleiches gilt von den Gefässen in der 
neugewonnenen prächtigen Scbildpallglasar 
in prächtigem Braun — einer kleinen orien- 
talischen Vase und einer grösseren Schale mit 
einer ausgesparten Pfauenfeder — sowie einem 
Schälchen iii blauer Scharffeuerfarbe mit Slief- 
mäfterchen, wobei die Staubgefässe ausgespart 
sind, und einer Federhalterschale mit einem 
flach aufgesetzten Frosch auf ooll- 
blaaem Grund. Dabei ist wohl die 
Bemerkung nicht zu unterdrücken, 
dass der Keramiker vom Fach sich 
an einzelnen Stücken begeistert, 
welche den Kunstfreund an sich 
kühler lassen; für letzteren kommen 
beider rein ästhetischen Würdigung 
die grossen Schwierigkeiten nicht 
in Betracht, die bei der Technik zu 
überwinden waren. Dieses Gefühl 
des Keramiken ähnelt der Mutter- 
liebe, die der Lehrer nicht oder 
nicht im vollen Masse zu teilen 
vermag. Indes sind solche Stücke, 
wie die Schale mit der Pfauen- 
feder, in verschwindender Minder- 
zahl unter den neaen Stücken vor- 
handen. Ganz köstlich flnden wir 
dagegen wiederum eine Decketvase 
mit Vogel und Blutenzweigen — 
japanische Dekoralionsweise, aber 
ganz deutsch empfunden^ dannein 
Seestäck mit dahinsegelnden Booten, 
eine Landschaft mit einem Haus 
zwischen Weiden und Schwänen, 
die auf dem blauen Weiher dahin- 
ziehen. Weiter seien genannt zwei runde 
Teller, einer mit blauem Grund, vollständig 
von einem Spinnennetz überspannt, in dessen 
Mitte spinnengleich eine nackte Jungfrau sitzt, 
die auf den Fang der flüchtigen Falter und 
Mücken aasgeht, ein zweiter mit einer Venus, 
za deren Füssen Schwäne schwimmen, während 
ihre Gestalt sich vom Himmel abhebt. Alle 
diese Bilder sind in vollen kühlen Farben 
kraftvoll und breit gemalt, und es ist damit 
eine bedeutende dekorative Wirkung erzielt. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass Meissen 
damit den ähnlichen Erzeugnissen der Kopen- 
hagener Manufaktur Ebenbürtiges an die 
Seite gestellt, ja diese mit den besten Stücken 
wenigstens technisch übertroffen hat. Wäh- 
rend aber Kopenhagen meist naturalistisch ver- 
fährt und das japanische Vorbild oft allzutren 
in die Erscheinung tritt, wird in Meissen auch 
von der Stilisierung der Blumen mit Erfolg 

DBKOUATIVB KUNST. HEFTS. 'ii 



Gebrauch gemacht; ihm weit voran aber ist 
Meissen in der reichen Mannigfaltigkeil ge- 
färbter Massen, mit denen in der kgl. Manu- 
faktur in ähnlicher Weise gearbeilet wird, 
wie Gall6 mit seinen bunten Glasmassen 
verfährt. 

Wir können nach allem der königlichen 
Porzellan-Manufaktur zu Meissen nur Glück 
wünschen zu ihrem energischen Vorgehen auf 
neuen Wegen. Die Zeiten sind endgültig vor- 
bei, da man sich im Gewerbe nur auf 



die Vergangenheit und die 'alten guten Vor- 
bilder« verlassen durfte. Der Erfolg aber, 
den die neuen Meissner Erzeugnisse schon 
jetzt errungen haben, zeigt am besten, wie 
sehr die Neuerung einem wirklichen Bedürfnis 
unserer Zeit entspricht. ''^t''- schvuasn 



KORRESPONDENZEN 

MÜNCHEN — Zu dem Zwecke, das 
neue Kunstkandwerk wirksam zu 
fördern, hat der Ausschuss, der t>ereits 
im verflossenen Jahre eine Ausstellung er- 
lesener Erzeugnisse der neueren Richtung 
(unter dem Namen ^Kleinkunst") im Glas- 
palast zu München veranstaltet hat, sich 
unter dem Namen 'Ausschuss für Kunst im 
Handwerk* in München enger zusanimenge- 



MÜNCHEN 



scbäftsführer des Ausschusses, Herrn Maler 
F. A. 0. Krüger, geleitete Auskunftei, Mäncben- 
Gern, Kratzerstrasae 1. Wir begrässen die 
Bestrebungen des Ausschusses auf das wärmste 
and hoffen, dass seine Arbeit auf dem be- 
schrittenen Wege dem neuen deutschen Kanst- 
handwerk zum Segen gereichen wirdt 



Aaigtführl m 



i R. KIRSCH, München 



schlössen und zu seinen bisher uer folgten 
Zielen : das neuere Kunsthandwerk durch 
Anregungen zu künstlerischen Arbeiten und 
deren Ausstellung, insbesondere auch durch 
seine würdige Vertretung in Paris 1900 zu 
fördern, — noch die Errichtung einer Auskunftei 
in Manchen aber alle in das Gebiet gehörigen 
Fragen, sowie die Gründung einer Gesellschaft 
771. b. H. beschlossen, die künstlerische Ent- 
würfe ankauft, anfertigen lässt und sie so in 
Handel bringt, dass bei Ausschluss aller Ge- 
schäftsgefahr der Hauptanteil des Gewinnstes 
dem ausführenden Künstler zu gute kommt. 
Beide Einrichtungen seien hiermit dem Publi- 
kum auf das wärmste empfohlen: sie be- 
zeichnen einen wirksamen Schritt nach vor- 
wärts, und es steht zu hoffen, dass bei all- 
seitiger Unterstützung auch seitens des kauf- 
kräftigen, für ein deutsches Kunsthandwerk 
empfänglichen Publikums der deutsche Kunst- 
markt auch in dieser yBfziehung im stände 
sein wird, dem Auslande die Spitze zu bieten. 
Jedenfalls giebt das Ihatkräftige Vorgehen des 
Ausschusses einen Beweis dafür, dass man 
hoffen darf, ein Gebiet für deutsche Kunst 
im Handwerk wieder zu gewinnen, das dank 
unserer Sorglosigkeit leider schon zum Teil 
an die Fremden uerloren gegangen ist. Um 
Missdeutungen oorzubeugen, heben wir her- 
vor, dass der Ausschass sich keineswegs als 
eine Art 'Secesstom des bayerischen Kunst- 
gewerbe-Vereins betrachtet wissen möchte; 
vielmehr wird er nach wie uor diesem hoch- 
verdienstlichen Vereine seine Mitwirkung auf 
dem Gebiete des neueren Kunsthandojerks zu- 
wenden und unter Zusammenfassung seiner 
Kräfte auf dieses eine Gebiet im übrigen Hand 
in Hand mit den allgemeineren Bestrebungen 
des bayerischen Kunstgewerbe-Vereins gehen. 
Alle Anfragen beantwortet die von dem Ge- 



Wir freuen uns, dem belgischen Mobiliar, 
das wir in diesem Heft publizieren, zwei ein- 
heimische Stücke zur Seite stellen zu können, 
die auch in dieser Nachbarschaft bestehen 
können. Das Pult Endell's hat seine Be- 
deutung; nicht nur weil es das erste Möbel dieses 
Künstlers ist, sondern weil es überhaupt eines 
der ersten reinen Gebrauchsmöbel darstellt, das 
in Deutschland mit modernen Slilelementen ge- 
macht worden ist. Und dieses Stück ist erstaun- 
lich gut. Unsere Leser kennen bereits eine ganze 
Anzahl ENDELL'scher ornamentaler Sachen. 
Mancher wird bei aller Anerkennung des 
darin enthaltenen Talentes leise gezweifelt 
haben, ob diese manchmal bis zur Zer- 
brechlichkeit zartlinige, fein gegliederte Or- 
namentik fähig ist, sich dem Nutzding an- 
zupassen. Die Überraschung kann nicht 
glänzender sein, als wie sie dieses Pult hervor- 
rufen muss, das vollkommen die Eigenart 
ENDELL'scher Linien besitzt and dabei ge- 



A..ENDBLL Äatgtfahrl von K KIRSCH, UüniAm 



MÜNCHEN — BERLIN 



sund und rationell aufgebaut ist, wie es der 
Architekt nicht besser verlangen kann. Nach 
dem Tintenfass, das wir in Nr. 2 brachten, 
lag die Gefahr vor, dass Endell sich von 
seinen kapriziösen Linienkombinationen zu 
Extravaganzen oerleilen lassen würde. Davon 
ist kaum eine Spur in diesem Möbel zu ent- 
decken. Man wird ausser der Umrahmung 
des Glaseinlasses für die Tinte, die hier bei 
der grossen Fläche motiviert und kaum hinder- 
lich ist, keine Linie entdecken, die nicht ihrem 
Zweck entspricht. Am glänzendsten tritt das 
in den Seilenflächen hervor, wo die individuelle 
Schmucktinie die prakUscIie Ausbuchtung des 
übersiehenden Pultteils bestimmt. Denselben 




PETER BEHRENS 



Linienrhgihmus findet man in den eingekerbten 
Linien (eine sehr glückliche Idee!), die der 
Schreibfläche des Pultes, den Schubladen, den 
Füssen eine naISrIiche Bewegung verleihen, 
wie in der sehr geschickten Art, wie die untere, 
zum Teil offene Rückwand abgesägt ist und die 
Fächer des Aufsatzes profiliert sind. Überall 
ist der Charakter des Materials — Holz — 
erhalten, dessen schöne Maserung der Eleganz 
des Möbels nicht wenig zufügt. Der Haupt- 
reiz aber und zugleich das bindende Element 
liegt in der wohlgelroffenen Wahl der Ver- 
hältnisse, die bei einem Anfänger geradezu 
i'erbififp. 



Der Bücherschrank Endell's (S. 227) 
weist ähnliche Vorzüge feinen Verständnisses 
and Geschmackes auf. Der leichte, gefällige 
Aufbau, die weiche, flüssige Linie and Zeich- 
nung der Konturen und Beschläge ist vor- 
züglich gelangen. Die schlanken Säulen geben 
eine graziöse und glückliche Lösung, um das 
kräftige Vorspringen des Kranzes zu ermög- 
lichen. Die vier Spitzen an ihrem Schaft, die 
gleich abgeschnittenen Ästen emporstehen, rufen 
aber eine unruhige Wirkung hervor und wären 
auch als Staubfänger besser fortgeblieben. Das 
Ornament zeigt viele — vielleicht zu viele — 
Anklänge an phantastisches Seegelier oder an 
wundersame Orchideen. Nur ein so vornehmer 
Geschmack wie der Endell's 
vermag so bizarre Formen zu 
meislern; aber dennoch haben 
sie wenigstens für uns Binnen- 
länder, die sich einer gewissen 
Scheu vor allen Wassertieren 
nicht erwehren können, etwas 
Antipalhisches. Wie dem auch 
sei, wir begrüssen auf das 
freudigste das energische, ziel- 
bewusste Vorgehen Endell's. 
Die hier gegebenen Proben 
berechtigen zu den grössten 
Erwartungen. An der ge- 
diegenen Ausfährang dieser 
Möbel haben die Schreinerei 
von Wenzel Till und für 
die Beschläge die Schlosserei 
Don R. Kirsch in München 
ihren wohlgemessenen Anteil. 

Ein interessantes Problem 
hat sich Peter Behrens ge- 
stellt, indem er versuchte, die 
Formen und die Sgmbolik des 
Auges und der Thräne auf 
einen Schmuck anzuwenden, 
dessen Entwurf wir neben- 
stehend bringen. Es ist ein 
feierlicher Ernst und etwas sphgnxartig Ge- 
heimnisvolles, das hier zum Ausdruck kommt, 
verstärkt durch die Wirkung des Materials: 
oxydiertes Silber mit Perlen und Blutsleinen. 
Nicht jeder Dame mag solcher Schmuck passen 
— diejenige, die ihn tragen wird, wird aber 
sicher eine geschmackvolle und interessante 
Frau sein. -vß- 

B ERLIN — Der Publikation der Schüler- 
leistungen ist im Königlichen Kunst- 
gewerbe-Museum eine Ausstellung von 
Lehrerarbeilen gefolgt. F.s sind nur sechs 
Lehrer vertreten : die Maler 0. ECKMANN und 



Fraiientthinutk (Entwarf) 



A. ENDBLL, Stthpalt HoharbtU ran W. TILL, BttthlOge oon R. KIRSCH In UBnchtn 



0. ECKMANN 
GaeMleh getchaUi dunA dU Hmleller : J. ZIUMERSIANN A Co., HOnchen 



M. Seligeh, der Ciseleur 0. RoH- 
LOFF, die Architekten B. SCHAEDE 
und 0. RiETH und die Leiterin der 
Klasse für Stickerei, Frau Dern- 
BURG. Das meiste Interesse er- 
wecken die Arbeiten von Eckmann 
and Seliger, den Lehrern der 
beiden Malklassen. Man spärl hier 
einen Prinzipienkampf. Die EcK- 
MANN'sche Klasse war bisher, die 
Unterstufe für die von Professor 
M. KOCH auf Seliger über- 
gegangene Aktklasse. Wird das 
ferner noch möglich sein ? Die 
Scharen der jungen Studierenden 
laufen ziemlich ratlos von den 
'neuen Formen* zu den alten, lieb- 
gewordenen Dekorationseffekten. 
Und dann, wie soll der Kansl- 
gewerbler, der am Tage bei ECK- 
MANN studiert, sich zurechtfinden, wenn er am MANN nun doch nicht. Wo er auf fesler Basis 
Abend bei einem alten Barockprofessor den steht, da ist es der in Jahrbunderlen ge- 
Akanlbus ah das allein Wahre preisen hört, wonnene Boden sicherer Schmuckregeln. Da- 
Gar so revolutionär, wie es scheint, ist Eck- rüber hinaus ihm zu folgen, ist nicht rätlich. 

Der Wandteppich, der den poeti- 
schen Titel: ^Mondnacht am 
Weihen fährt and dessen Motiv 
dem Vordergrunde eines früheren 
Bildes ungefähr entspricht, kann 
nicht ernst genommen werden. 
Von den Fussteppichen ist allein 
der mit dem leichten Quittenmoliu 
gut und brauchbar. Die Be- 
leuchlangsgegenstände zeigen- viele 
Feinheiten in der Nutzbarmachung 
botanischer Zierlich keilen für elek- 
trische Lichtwirkang und für die 
Monlierung der Leacbtkorper. Es 
fehlt ihnen aber die konstraktioe 
Einfachheit; man reisst sieb an 
diesen scharfen Metaügräsern die 
Hände wund. Die farbig sehr sub- 
tilen Vorsatzpapiere, in der Manier 
wie die Stabenmaler zu *mar- 
morierent pflegen, gleichen Stein- 
nacbabmungen auf ein Haar; die 
dam it eingebundenen Bücher wirken 
wie Marmor- und Granitproben. 
Wunderschön und immer wieder 
erfreulich sind die bekannten Holz- 
schnitte der Schwäne, woüonDrack- 
slöcke ausgestellt sind. Die Zeich- 
nungen sind ungleich. Die Buch- 
staben eines verzierten Alphabetes 
werden von dem Beiwerk etwas in 
der Scbriftdeatlichkeit betinfiusst. 
0. ECKUANN Zuweilen führt ECKMANN seine 

af$thuch gaiMiM durch dit HtntiUtr : JOS. ziuuBRMANS * Co., Müneiua pflanzlichen Formen SU neuartiger 

230 



Ornamenitcbönheit hinauf; zuweilen stört 
eine Originaliiäf, die nicht von innen kommt. 
Ein Fries z. B. giebt die momentane Kampf- 
stellung zweier Vögel in vielen Wiederholungen. 
Wie kann man das Augenblickliche einer 
jähen Handlung ornamental darstellen (wenn 
man es nicht im Linienrhylhmus auflöst) 
und gar im Fries endlos wiederkehren 
lassen. Alle Zeichnungen haben mehr oder 
minder Vigneltencharakter ; es sind witzige* 
Epigramme. Das grosse, fliessende Ornament 
fehlt durchaus. Das ist nicht zufällig; die 
Teppiche zeigen, dass hier eine Lücke in 
ECKMANN's Kunst ist. Die stilisierte Einzel- 
form der Pflanze kann ein Ornament nur in 
seltenen Fällen geben; das Aneinanderreihen 
ist noch keine organische Folge. Der sichere 
Blick für die oon der Umgebung losgelöste 
Form ist dem Künstler nicht so nötig, wie 
die anschauliche Fähigkeit, die ein mannig- 



0. ECKUASN 
GatMIch gadtattl durch dlt HtriUUtr: JOS. ZIMMER- 
UANN A CO., Münchtn 



0. ECKMANN 
GaeliUcbgachatit durch dlt Hmleller: JOS. ZIMMER- 
MANN * CO., Manchen 

faches Ganzes in der Stimmung erfasst and 
diese dann überzeugend im Flächenornament 
zum Ausdruck bringt. Dann mag im Ein- 
zelnen gerne etwas Konvention stecken bleiben. 
Im oberen Stockwerke des Museums hängt 
der schöne, zweifarbige Stoff mit dem Kastanien- 
motiü Don Morris, der viele von diesen 
Stimmungsqualitäten hat. Man würde diese 
Bedenken vor der starken Entwicklungsfähig- 
keit Eckmann's unterdrücken können, wenn 
er nicht als Lehrer ausgestellt hätte. Wirk- 
lich revolutionär ist es, dass er als Lehrer 
an einer Malklasse des Berliner Institutes 
fertige Leuchter, Teppiche und Vorsatzpapiere 
ausstellen darf. Das ist ein Anfang. Auch 
M. Seliger ist in seiner Art modern ; die 
Engländer haben manches für ihn gethdn. 
Er arbeitet nach der Dekorationsweise, mit der 
M. Koch einst Berlin beglückte, die eine Menge 
von *Köchem gezüchtet und den Brei gründ- 
lich verdorben hat. Seliger's technische 
Fähigkeit ist unanfechtbar, aber — fr&lier 
war es das Barock und Rokoko, jetzt ist es 
eine malerisch beleuchtete englisch-italienische 
Renaissance. An den Wandschirmen, die 
Seliger zusammen mit Frau DernbüRG ge- 
arbeitet hat, ist nur die respektable Stick- 
und Applikationstechnik zu loben. 0. RiETH, 
bekannt als Mitarbeiter Wallot's, ist ebenfalls 
Maler and nur nebenbei Architekt; eigentlich 



BERLIN 



Theatermaler — , allerdings einer mit glänzender 
Phantasie, grossem Formenreichtum und 
starkem, künstlerischem Eigenwillen, Seine 
Ornamentik ist üppig wie die LepaüjRE's 
und zuweilen den Architekturphantastereien 
wohl eingefugt. Aber was soll das alles? 
Vom Architekten muss man unter allen Um- 
ständen die sichere Besonnenheit des statischen 
Formgefuhls verlangen, die man beim Maler 
nur wünscht. Von den Architekten erwarten wir 
immer sehnlicher die Formen einer modernen 
Baukunst und damit dann die Fährerschaft 
über die schon zersplitternden Talente des 
neuen Kunstgewerbes, Was soll man sagen, 
wenn eine so reiche Natur sich ganz der 
indisziplinierten Phantasie uberlässt? — Von 
B, SCHAEDE sind dann noch einige saubere 
Naturstudien ausgestellt und von 0, Rohloff 
ziselierte Wandteller, Rohloff glaubt noch 
immer an die glatte Mittelmässigkeit der 
SEDER*schen Pflanzenstilisierereien, die so 
lange schon das Evangelium der Bibliothek- 
plunderer sind. — Das ist alles. Es ist ge- 
wiss viel Anregendes in dieser Ausstellung; 
instruktiv und vorbildlich ist sie jedoch 
nicht Bei GURLITT ist eine Anzahl der 
TiFFANY'schen Ziergläser zu sehen. Es ist 
schon viel über diese Arbeiten gesagt worden. 
Die durchwegs nicht einwandfreien Formen 
der Vasen, Flaschen und Schalen sind wieder- 
holt getadelt worden. Man kann jedoch nicht 
genug seine Bewunderung aussprechen über 
die prachtvolle Handwerksleistung. Wie mit 
dem strähnigen Fluss des während des Blasens 
aufgetragenen farbigen Überfangglases orna- 
mentiert ist, wie bei einem zweiten und dritten 
Überfangen immer nur mit diesen selbst- 
herrlichen Eigenschaften des Materials ge- 
zeichnet ist, das ist die schönste Verbindung 
von Kunst und Handwerk, die man sich 
denken kann. Man ist dem Kunstler für 
jede zufällige Wirkung des schön gefärbten 
Glasflusses dankbar, weil nur die souveräne 
Beherrschung der Technik und der äugen-, 
blickliche Dekorationentschluss während der 
Herstellung solche Vollendung möglich machen. 
Die Gläser, selbst die für den Gebrauch un- 
praktischen, sind von bleibendem Wert. Hoffent- 
lich lassen die, die es angeht, sich diese An- 
regungen nicht entgehen. — Von einem 
Fräulein Th. Onasch sind Entwürfe für 
Bucheinbände und Stoffe ausgelegt. Sie sind 
mit der wilden Lust alles zu schmucken, 
ausgeführt, die für die japanisch-englischen 
Nachahmer charakteristisch ist. # In der neuen 
Kunsthandlung von KELLER & REINER, wo 
man am schönsten die Äusserungen des 
modernen Kunstgewerbes vereinigt findet, sind 



keramische Arbeiten von HEIDER-Mänchen 
zu sehen, die in der ^Dekorativen Kunst € bei 
früherer Gelegenheit besprochen wurden. FlNCH- 
Brussel und DAMMOilSE-Sivres haben eben- 
falls mehr oder minder künstlerische Töpfer- 
waren geschickt. Die Sachen des Franzosen 
fallen angenehm auf durch einfache, gute 
Formen, die Schalen und Töpfe des Belgiers 
sind wertvoll durch den Reiz des mit virtuoser 
Primitivität ausgeführten Farbenflusses. — 
Von A. Klinger war dort ein Plakat für 
einen Bazar, dem trotz geschickter Ausfährung 
die weithin sichtbare, jähe Silhouettenwirkung 
fehlte. Daneben hing ein Plakat von Steinlen, 
mit dem zehnten Teile der Arbeit hergestellt 
und vollkommen in der plötzlichen Auf- 
dringlichkeit. Sehr erwähnenswert ist die 
Unart der neueren Künstler, jede Art von 
Schrift so unleserlich wie möglich hinzumalen ; 
diesen Unsinn hatte Kltnger. in grosser 
Vollendung angewandt. — LEMMEN-Brüssel 
ist mit einigen seiner Teppiche vertreten. Es 
sind die besten modernen Teppicharbeiten, die 
Berlin bisher gesehen hat. Da die schönen, 
farbigen und ornamentalen Vorzüge durchaas 
auf breiter Handwerksgrundlage erreicht sind, 
nämlich auf dem üblichen grossmaschigen 
Netze für Knüpfteppiche, und da jeder un- 
selbständige Zeichner diese einfachen Motive 
zu variieren vermag, so dürfen wir vielleicht 
hoffen, dass einige Berliner Fabrikanten die 
billigen Anregungen ausnützen und dass wir 
im nächsten Jahr mit guten, wohlfeilen 
Teppichen von dem Graus der gegenwärtigen 
Mode befreit werden. k. sch. 



Der nebenstehende Toilette-Tisch und Stahl 
von Ch. Plumet ist, wie schon im vorigen 
Hefte erwähnt, von dem Kunstgewerbe-Museum 
als ein tüchtiges Vorbild angekauft worden. 
Unsere Möbelzeichner können vieles daran 
lernen, denn Stuhl wie Tisch sind von graziöser, 
wohlverstandener Konstruktion. Geschickt ist 
die Biegungsfähigkeit des Holzes verwertet 
und dadurch jene gefällige Leichtigkeit des 
Möbels erreicht, die seiner Festigkeit doch 
keinen Eintrag thut. Die Profilierung der 
Tischbeine führt die Hauptlinien durch und 
vereinigt sie in kurzer Biegung zum leichten 
einfachen Fasse. Überall sind spitze Ecken 
und scharfe Kanten vermieden. Eine graziöse 
vornehme Einfachheit ist die Signatur des 
Ganzen — auch in jeder Einzelheit, wie bei 
den Beschlägen. 

Wir verweisen auf den Pariser Brief, in 
welchem von den neuesten Arbeiten des 
Künstlers die Rede ist. -ß- 



232 



CH. PLÜMET, TniMUHiith aas Niiubaamholi 



a dini Hohtmolitrn-Kaaßaiat (H. HIRSCHV/ALD), Btrlln 



LEIPZIG^ Auf der Gewerbe- and Indusirie- 
Ausstellüng fiel ein kleiner Bau in 
■^ die Aagen durch die selbständige 
Eigenart, mit der er auflrat, und die sichere 
Konsequenz, mit der er durchgeführt war. 
Es war weiter nichts, als eine *Wara1bude', 
aber gerade das Alltägliche des Vorwurfs lässt 
das Geschick schätzen, mit dem hier eine 
gewisse eindrucksoolle Monumentalität einem 
launigen Charakter verbunden isl. Mit richtigem 
Stilgefühl hat der Schöpfer empfanden, dass 



die künstlerischen Gedanken , die er ent- 
wickelt, nur dann zum eigentlichen Zweck 
seiner Aufgabe nicht im lächerlichen Kon- 
trast stehen, wenn er sie gleichsam selber 
persifliert. Diese Mischung von künstleri- 
schem Ernst und Witz macht das Gebäude 
interessant, denn anter dem Mangel an 
Taktgefühl in der Wahl der zum jeweiligen 
Zweck passenden Stilsprache hat man 
nirgends mehr zu leiden, als auf unseren 
Ausstellungen. 



DEKORATIVE KUNST. HEFT 5. 



235 



LEIPZIG — WIEN 



den Eindruck uölliger Abklärung erreichen, 
so wird man diesem Streben künstlerische 
Energie nicht absprechen können. 



p. mObivs 

Die malerisch bewegte Disposition der Halle 
bringt den praktischen Zweck der Anlage 
voll zum Ausdruck; es handelte sich darum, 
in einem der Flügel die Maschinen zur Warst- 
bereitung, im mittleren Teil die Thätigkeit 
des Schlächters und im anderen Flügel die 
fertige Ware zum Verkauf an das Publikum 
zur Geltung zu bringen. Diese verschiedenen 
Zwecke sind durch die Einteilung scharf ge- 
sondert, trotzdem die völlig geöffnete Front 
überall den Einblick und Durchblick gestattet, 
so dass schon der Passant alles za sehen be- 
kommt, was ausgestellt werden soll. Zugleich 
illustrieren die hermenartig gebildeten Pfeiler 
zwischen den Bogen die jeweilige Bestimmung 
der Abteilung in charakteristischen, vomArchi- 
tekten selbst entworfenen Gestalten. Der Zweck 
des Ganzen wird durch den Dachaufbaa, der 
etwa den » Tanz der Menschheit am das gol- 
dene Schwein* karikiert, zur Anschauung ge- 
bracht. 

Sowohl an diesem Werke des Architekten 
Paul MObivs, wie an anderen Arbeiten, an 
die er in Leipzig Hand gelegt hat, finden 
wir das beinahe neroöse Bestreben, allen alt- 
gewohnten Profilformen aus dem Wege zu 
gehen; seine Linien wollen hart sein, seine 
Formen mahnen oft an die Natur des Eisens. 
Mag er darin manchmal noch nicht ganz 



WIEN — Die Weihnachtsaasstellang 
im österreichischen Museum brachte 
einige Überraschungen. Ausser den 
Ladenhütern, die unsere Kunstgewerbetreiben- 
den Jahr für Jahr zur Ausstellung bringen, hat 
der neue Direktor eine Sammlung von Kopien 
alter und moderner Möbel aasgestellt und 
zum Verkauf gebracht. Das letztere wird ihm 
Don einigen Firmen sehr übel oermerkt, denn 
es kann allerdings nicht im Interesse gerade 
dieser Firmen gelegen sein, wenn das Museum 
dem Publikum die Augen öffnet und zeigt, 
was in den letzten zehn Jahren da draussen 
geleistet wurde. Diese Weihnachtsaasstellung 
hat sie im Schlafe gestört und das Schlafen 
ist eben weniger anstrengend als das Sachen 
nach neuen Pfaden. Die Kopien, die grössten- 
teils aus dem South Kensington Museum 
stammen, wurden unter anderen auch von 
kleinen Meistern in Wien und in der Provinz 
hergestellt. Die Sachen wurden zum grossen 
Teil vom Hofe und von unserem Hochadel 
angekauft and dem Kleingewerbetreibenden 
auf diese Weise Gelegenheit geboten, für diese 



NIETZSCHMÄNirKht Wuntbude a. d. ladiulrlt-Auultnang In Lilpilg 



Kreise direkt zu arbeiten. Eine solche Aktion, 
bei welcher das Museum den ehrlichen Makler 
zwischen Kleingewerbe und gut zahlendem 
Publikum bildet, ist mit Freuden zu begr&ssen, 
und man wird sich hoffentlich durch die 
Gegnerschaft nicht beirren lassen, die leider 
in einem deutschnalionalen Blatte in der an- 
saubersten Weise gegen die neuen Bestrebungen 
arbeilet. Maler Heinrich Lefler und 
Architekt Josef UrbaS hatten ein Damen- 
zimmer ausgestellt, das, bizarr and gesucht, 
nur teilweise Erfreuliches bot. Einzelne 
reizende Stücke konnten das Ensemble nicht 
reiten. Man sah ihm das *Justamentanders< 
zu sehr an. # Die Kunsthandlung Artaria 
brachte eine Kollektivausstellung von Alphons 
MüCHA. Vor diesem Unternehmen wurde er 
nur MCSCHA ausgesprochen. Nun sagt man 
wieder Mvcha, denn der Künstler hat sich 
dem über diesen Zuwachs freudig erregten 
Wien als entfernter Landsmann vorgestellt. 
Seinen Geburtsort Eibenschätz (Mähren) hatte 
Mvcha nämlich als nationaler Tscheche 
stets mit Ivancia bezeichnet, welchen Ort 
man eher in den Pgrenäen oder in Serbien 
zu suchen geneigt ist. Unser MUCHA aus 
Eibenschätz! Wie das klingt! Was Wunder, 
dass die gesamte Wiener Presse aus einem 



macha (tschechisch, zu deutsch : Fliege) einen 
Elefanten machte. 9 Gegenwärtig stehen wir 
im Zeichen Stuck's. Sowohl bei MiETHKE 
als auch bei PlSKO and NeümAKN sind 
Franz SruCK'sche Bilder zu sehen. Sie er- 
regen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. 



DeakaialMtnlararf 



STOCKHOLM 



STOCKHOLM — Ferdinand Boberg. 
Bei einem Besuch auf dem Kupferslich- 
kabinett in Stockholm fand ich zu meiner 
Überraschung unter den Radierungen schwedi- 
scher Künstler auch Motive aus Stockholm. 
Ausserhalb uon Paris und London ist man 
immer überrascht, wenn sich Künstler der 
Darstellung der Stadt zuwenden, in der sie 
leben. Als ich nach dem Namen fragte, hiess 
es: »Ein junger Architekt machte sie früher, 
als er nichts zu thun hatte, Herr Boberg. 
Jetzt wird er ein berühmter Mann.* 

Ein Architekt, der mit Künstleraugen seine 
Vaterstadt ansah, und der seine Eindrücke 
nicht als Architekt, sondern als Maler fest- 
hielt und es nicht bloss zum leidlichen Dileitan- 



Fma A. BOBERG-SCHOLANDER 



tismus, sondern zur Kunst brachte, das war 
etwas Neues. Denn diese Radierungen waren 
wirklich nicht übel. 

Bei uns haben Architekten leider nur 
ausnahmsweise Interesse an der lebenden 
Kunst, und was sie schaffen, pflegt ja um- 
gekehrt den Künstlern meist gleichgültig zu 
sein, und das Publikum ist oft überrascht, 
wenn ihm gesagt wird, dass der Architekt 
eigentlich auch zu den Künstlern gehört. In 
einem norddeutschen Kunstverein, der in seinem 
Vorstand eine festgesetzte Anzahl von Künstlern 
haben muss, wurde vor nicht langer Zeit von 
einem Mitglied, das sich nicht sicher fühlte, 
in der Generalversammlung die Frage gestellt, 
ob auch die Architekten Künstler wären. Es 
war kein böswilliger »Moderner*, sondern 
ein Herr aas der alten Schale, and er erhielt 
die Auskunft, dass allerdings seit alter Zeit 
die Architekten zu den Künstlern gerechnet 
würden. 

Es wird wohl bis vor kurzem in Stock- 
holm nicht viel anders gewesen sein als bei 
uns. Aber seit der Ausstellung in Chicago 
hat sich die Situation geändert. 

Bis dahin hatten die schwedischen Archi- 
tekten gleich den ansern die historischen Stile 
kultiviert, and ihr höchstes Ziel war die 
Korrektheit der Fassade gewesen. Wer am 
meisten gelernt, d. h. wer am meisten fremde 
Ideen in sich aufgenommen halte, galt als 
der grösste und reichste Künstler. 

Das ist nun anders geworden. Von Chicago 
kamen einige junge Leute, und als begabtester 
unter ihnen BOBERG, mit neuen Ideen zurück. 
Die Architektur war ihnen kein Wissen mehr, 
sondern ein Können. Nicht der am meisten 
gelernt hatte, der Gemästetste, wenn man will, 
sondern der Muskelkräftigste, der seine eigene 
Natur mit der grösseren Energie entwickelt 
hatte, erschien ihnen nun als der eigentliche 
Künstler. 

Die grosse Bauperiode, in der sich Stock- 
holm befindet, gab ihnen mannigfache Ge- 
legenheit, ihre Kraft zu messen, und in der 
Jubelausstellung fand namentlich BOBERG eine 
Fülle von Aufgaben. Überall entfaltete er 
eine Sicherheit und Mannigfaltigkeit der Er- 
findung, und er stellte, was einem Architekten 
doch wohl besonders hoch angerechnet werden 
muss, die Lösung des jedesmal vorliegenden 
Bedürfnisses so ernsthaft in den Vordergrund, 
dass man beim ersten orientierenden Gang 
durch die Ausstellungsbauten sich nicht genug 
über die Zahl eigenartiger Kräfte wundern 
konnte, die Stockholm zur Verfügung hatte. 
Bis man dann auf die Frage nach dem Ur- 
heber bei fast allen Bauten, die einen inter- 



F. BOBERG Portal da Eltktrlxiiaiuotrka Sloekholm 



STOCKHOLM - PARIS 



DALPATBAT aad IBSBROS 



essierten, den Namen BOBERG hörie. Sie waren 
unter sich so verschieden, dass man jedesmal 
einen neuen Menschen oermutefe. Beispiele 
seiner Kunst brachte das erste Heft in den 
Details aas dem Palast der schönen Künste 
und der Dekoration der Ausstellung eines Berg- 
werkes. 

Nunmehr dürfte für den begabten Künstler 
in seiner Vaterstadt die Bahn auf den Monu- 
mentalbau offen stehen, die ihm und seinen 
gleichstrebenden Genossen bisher versperrt war, 
denn die jüngsten Monumentalbauten wie das 
Opernhaus und die Akademie sind durchaus 
akademisch. 

Doch findet sich in der Regierangsslrasse 
bereits ein Baa von BOBERG, das Verwaltungs- 
gebäude der Elektrizitätswerke. Die Strasse 
ist schmal, eine mächtige Fassadenentwicklung 
verbietet sich von selbst, weil sie nicht über- 
schaut werden kann. BOBBRG hat deshalb 
zu dem alten, auch in Deutschland bis zum 
Rokoko in Geltang stehenden Kunstmiltel zu- 
rückgegriffen, den künstlerischen Schmuck 
auf die Stelle zu konzentrieren, die dem Auge 
erreichbar bleibt, das Portal. Und da die 
Strasse sehr eng ist, hat er nicht üppige and 
mächtige Formen angewandt, sondern liebens- 
würdige und zierliche, die fast an den Möbel- 
stil streifen. Mit Fug und Recht. 

Die Ornamente hat der Künstler dem Reich 
entnommen, dem der Bau dient, der ange- 
wandten Elektrizität. Es sind die Birnen der 
Beleuchtungskörper and der zu Spiralen auf- 



gerollte Draht, und als Schmack des kleinen 
Giebelfeldes die Quelle von Licht und Wärme 
in all ihren Formen, die Sonne. Die Wirkung 
des Portals ist an Ort und Stelle überaus 
anmutig. 

BOBERG's Gemahlin, Frau BOBERG-SCHO- 
LANDER , einer Künstlerfamilie fenfsprossen, 
gehört zu den selbständigsten Talenten auf 
dem Gebiete der dekorativen Künste. Keramik 
und Textilindustrie nach ihren Entwürfen 
fielen auf der Ausstellung sehr vorteilhaft 
auf. L. 

PARIS — Bei GEORGES PETIT ist der 
Lachen AL' sehen Keramik, die herzlich 
wenig interessierte, eine sehr imposante 
Aasstellung der geflammten Gris von DaL- 
PAYRÄT and Frau Lesbros gefolgt, die eine 
Menge neuer origineller Formen in der be- 
kannten koloristischen dunkelprächtigen Be- 
handlung gefunden haben ■ Wir bilden drei der 
neuesten Modelle ab. 9 Auf Veranlassung 
BlachetTE's hat der Conseil Municipal be- 
schlossen, die drei Häuser der neuen rae Riaa- 
mur, die im Jahre 1900 die drei besten 
Fassaden tragen, von den Droits de vöirie 
zu befreien, was einer Prämie von mehreren 
tausend Francs gleichkommt. Ausserdem wird 
von 1898 an jährlich eine Jury von den in 
dem Jahre gebauten Häusern die sechs, die 
die besten Fassaden tragen, von der Hälfte 
der Droits de voirie befreien und ausserdem dem 
Architekten 1000 Frs. Prämie verleihen, -y- 



BERICHTIGUNGEN — ANZEIGEN 



e. SBRRURlBR-BOVr 

BERICHTIGUNGEN 

Wir möchten nicht verfehlen, einige Irr- 
tümer, die uns in früheren Heften unter- 
gelaufen sind, hier richtig zu stellen. — Der 
in Heft 3, Seite 101, abgebildete Teppich von 
0. Eckmann, ist nicht, wie angegeben, in 
Scherrebek gewebt, sondern von der Firma 
JOH. KneüSELS & Co. in Krefeld hergestellt. Wir 
gedenken auf die Erzeugnisse dieser Firma, 
welche sich redlich Mühe giebl, moderne Muster 
für ihre Teppiche zu finden, noch zurückzu- 
kommen. — Die in demselben Hefte unter Vor- 
satzpapicre abgebildete Leiste von KONGSTAD 
RASUUSSENisl nicht, wiedortimText,Seitel27, 
angegeben, als eine Falzleiste von Broschüren 
gedacht, sondern ihatsächlich als Vorsatz- 
papier, bei welchem der übrige Teil des 



Blatte weiss bleibt, so dasa die Zierleiste je- 
weils auf die beiden Bandseilen des Voraatz- 
papieres zu stehen kommt. Die hübsche Wir- 
kung, welche dadurch erreicht wird, werden 
einige weitere Proben zeigen, welche wir heute 
wegen Platzmangels leider nicht veröffent- 
lichen können. — In ' dem Artikel C. Nyrop's 
über die kgl. Porzellanfabrik in Kopenhagen, 
Heft i, Seile 152, ist durch ein unliebsames 
Verseben gesagt, die dänische Kunstindusirie 
beschränke sich auf zwei Gebiete, die Keramik 
und das Bachhandwerk. Dieser Passus ist 
in dem Manuskript des Herrn C. Nyrop nicht 
enthalten, und beruht auf einem Missverständ- 
nis, da dort nur gesagt ist, dass diese beiden 
Kunstrichtungen in Dänemark am höchsten 
entwickelt sind. die Redaktion 



Vtrlagianilall 



ANZEIGEN 



Z«r r«rlwirlcl)tigM OlUdtrgabe voi 

6eiiiälden,Zeicbiiunflenetc. 
(■pfleMt ikrt Kun$tan$talt fOr 
Pbotograpbie, Pbo<»0rapBre, 
CicMdrack, f arbenlicMdrack, 
Bucb' und Kupferdnick m 

^,..«, gerlag$an$talt 
T*Bruckinannn.-0. 

miinCbCn, KaalkMDMrMM ii- 

•M Itlnt« ■>(! PMHiiiM« tMm ait 
Vaumtn t* DleulM. •••^•••••«••ii 



KglPorzollai-laniilaetgriiiliiism 

Gegrilndet 1710. 
A/ittIa PanttlaafabHt la Smr^m. 
KHaats*ceBSUlB«ei aplafal, Uhmi, Vmhd, Kran-, Wand- 
und atandlmcbter (auch fOr clckuiiebu Licht), TafelaufaltH, 
KOrbc, Oruppcn. Flcumi (auch biicuit) u. i. w. 
OebraaebueseBat&Bde 1 8«vl» fOr Tafal, KaRM, Thta, 
Deaa«rt, ^»ilalta u. daril. iQ cipfachA« wie rcickiü Aiu- 

MBl«rel«B kDVDhl oach dfenaD KatwQrfaD alt nach nauan 
uDd alun HalaUro, towEe Wandmalanlea mii FlicBU aui 
HaitpojxeUau. 

P«r««llBacerKt« nb- pfayaHuaiacbe, chemlacha imd t«h- 
nlache Zwacke. 

Por«ell>Bf*rb«B fn EmiilliafeuB. 

Krrtc AMiclfftaaagm tob <m taaatktea laaalcUaBcM. 

(Beunderc AufmerliluilieiE inteii NachalimuiigeD auprotalea.} 

VerkaifsaicdtriagcD in Meiun, Dresden nd bilpzii 

und 

I»ilHltitll|tr li iikrtni Miiltriii IlMln. 



Wahl t«r 1 

I. Neuer AuMclinTu, Blaue Scharfl'eaa' Blumen (Cobali) . 6e 1 
1. DeuiD-GcKhim. da. da. da. . n ' 

3. Neuer AuuclmiR, Purput~Mi1eni A xa . 

Ahfaht ätnitbta «airaf/ Ar Ytrral nlcbt. 
MmiUr kirrvim wirdn anfWaaitli /ra^io Mnr Abi/M gtim> 




MI Kl nimm- an tdeiieici 



Daa Werk ist bahnbrechend für die 
BeBtrebiingen der neuen fteien Kunst. 



VtRLAG VON Bruno Kessling 




n BSSEX i CO., London 



C. F. A. VOYSEY 



Das moderne Gewerbe ist aus England ge- 
kommen; hier hatte sich schon im vorigen 
Jahrbanderl eine auf Einfachheit, auf Kon- 
struktion hinzielende Tradition gebildet, die 
der Neuzeit förderlich werden konnte. Diese 
Tradition wurde in England weniger schroff 
unterbrochen als auf dem Kontinent, wo man 
anter allen Stilmoden vergass, dass auch 
hier ein bürgerlicher Stil bestanden hatte — 
bei uns in der Biedermeierzeit am glänzendsten 
— der für das moderne Gewerbe nicht weniger 
wertvolle Elemente besass, als sie die Eng- 
länder sich aus der Queen Anne Epoche 
holten. England machte die ersten modernen 
Innendekorationen and hatte den in unserer 
Zeit alleinstehenden universalen Erfolg, der 
im Handumdrehen in Ländern wie Deutsch- 
land eine neue Möbelindustrie schuf and selbst 
in Ländern wie Frankreich über festeinge- 
wurzelte, ganz entgegengesetzte Traditionen 
triumphierte. Mehrere Decennien sind seit 
diesem Impuls, den England gab, verflossen 
und der moderne Aasstellungsbummler, der, 
seitdem die Arls and Grafts existieren, zu 
jeder Ausstellung dieser berühmten Gesellschaft 
nach London reist, kann sich nicht der 
Wahmehmang verschliessen, dass England 
langsam von der aktiven Thätigkeit, mit der 
es im Anfang befruchtete, zurücktritt. Es 
bleibt damit nur seiner Rolle treu, die es seit 
länger als einem Jahrhundert in der Kunst 
und auf anderen Gebieten gespielt hat: der 
Befruchter zu sein, der die Verarbeitung und 
Vertiefung seiner Impulse anderen äberlässt. 
Es gab den ersten Anstoss zu der modernen 
Landschaft, die sich die kontinentale Malerei 
dauernd eroberte, es hatte den ersten modernen 



Koloristen, der in Frankreich eine ruhmreiche 
Nachfolgerschaft fand, in England selbst ohne 
Nachahmer blieb, es war das erste Land, das 
Japan entdeckte, hatte die ersten modernen 
Stilisten and wenn man will, kann man sogar 
verfolgen, dass es auch auf dem Gebiete des 
Handels, der Industrie, der technischen Wissen- 
schaften ähnlich ist 

Seitdem England erfolgreiche Nachfolger ge- 
fanden, und seitdem sich der überwältigenden 
Neuheit der modernen gewerblichen Schöpf- 
ungen gegenüber eine ernsthafte Kritik zu 
regen beginnt, fängt das Prestige Englands 
an, zu erbleichen. Das ist gut, soweit dies 
Prestige unberechtigt war, soweit man glaubte, 
dass alles Heil nur von drüben komme, dass 
die Gesetze und Entwickelungen, die England 
zu gute kamen, auch in anderen Ländern 
Gesetz and nötig wären; so lange es sich um 
das reine Mode - Prestige handelte, das ans 
mit massigen englischen Marktmöbeln und 
noch massigeren deutschen Imitationen dieser 
nicht einwandfreien Modelle überschwemmte 
und bei uns und überall eine Herde von un- 
begabten Stilisten-Dilettanten englischer Her- 
kunft grosszog. Zweifellos ist England über- 
schätzt worden, und es ist falsch geschätzt 
worden. Man hat bei uns Namen für treibende 
Kräfte genommen, die in England im zuKiten 
Glied marschierten und hat Nuancen für wesent- 
liche Richtungen angesehen. Eine höchst disku- 
table Künstlerschaft wie die Crane's wurde 
als Vorbild direkt verderblich; zwingend be- 
deutungsvolle Menschen dagegen, wie William 
Morris, sind heute noch in Deutschland grosse 
Unbekannte und nur berühmt, weil sie ge- 
storben sind. 



DBKOIUTIVB KUNST. BBFT 6. 



C. F. A. VOYSEY 



Hana In Hatltmtrt (Surren) P^r ^- >f- Ü- STEDUAN, Big. 



Aber man ist auch geneigt, England jetzt 
plötzlich zu unterschätzen. Cl>er dem Um- 
stand, dass es in vielen Fragen immer noch 
den Anfang verrät, vergisst man, dass es 
, (/lesen Anfang, schliesslich die Hauptsache, 
gemacht hat; über der verzweifelten An- 
hänglichkeit englischer Ornamentiker an Japan 
und Florenz verliert man die Geduld, die 
Differenziertheit anzuerkennen, mit der sich 
dieser Eklektizismus, dieser Archaismus and 
Exotismus entwickelt haben, dass hier aus 
dem Alten neue Konvenienzen entstanden sind, 
innerhalb derer gar manche Persönlichkeit 
eine nuancenreiche Eigenheit offenbart. Eins 
aber lässl sich vor allem England nicht ab- 
erkennen, and das ist vielleicht die Haupt- 
sache: das relativ hohe populäre Niveau der 
gewerblichen Bewegung. Wir betonen populär ; 
es wäre vielleicht nicht schwer, aus anderen 
Ländern Potenzen zusammenzubringen, die 
in England ihresgleichen entbehren; aber 
der Durchschnitt der Leistungen von Gross 
und Klein ist in England unvergleich- 
lich höher als irgendwo anders, vor allem 
stabiler, es ist überhaupt ein Darchschnilt 
vorhanden. 

Vielleicht und wahrscheinlich sind diese 
Worte bald nicht mehr wahr; Belgien und 
Holland entwickeln sich so rapide und in 
so absolut vorgezeichneter Richtung, der Fort- 
schrill steigt hier so sichtbar hinan, dass 
damit verglichen England schon fast wie 
auf dem toten Punkt erscheint; nur darf 
man nie vergessen, wie unendlich viele Kräfte 
in England beute beteiligt sind und auf ver- 
hältnismässig wie wenigen in anderen, fort- 



geschritteneren Ländern die Hoffnung der 
Bewegung beruht. 

Diese Erwägungen sind für die Betrachtung 
dieses Heffes, das sich mit einem Künstler 
allein befasst, nicht unwesentlich. Nicht die 
Achtung vor der historischen Entwickelang 
allein bewog uns, das erste Separatheft einem 
Engländer zu geben. Es lag uns daran, 
das heute noch wesentlichste, gewerbliche 
Niveau darzustellen, den Masstab, den wir 
bisher für die Enlwickelung der neuen Nalz- 
kunsl haben. Eine selbstverständliche Ge- 
rechtigkeit hätte an Stelle VOYSEY's den Namen 
WiLLlA» Morris setzen müssen. Rein äusser- 
liche aber zwingende Gründe haben das nicht 
zugelassen, niclit zuletzt die Publikation des 
VallanCe' sehen Werkes über MORRIS, dessen 
deutsche Übersetzung hoffentlich zu stände 
kommt, in dem der grosse Bahnbrecher in 
weit grösserem Masslabe als unseren Kräften 
möglich wäre, gewürdigt worden ist. Wir 
wollen bei unserer Wahl VOYSEY's von vorne- 
herein jeden rein qualitatioen Beweggrund 
aasschliessen. Wir wollten einen Engländer 
zeigen, ein typisches Beispiel dieser Kunst, 
einen tüchtigen Künstler dieser Art, oor allem 
einen , in dem die moderne Note in aacli 
ausserhalb Englands gültigem Sinne mög- 
lichst ausgebildet ist, ohne der Popularität 
im eigenen Lande :u entbehren. 

Dazu ist im Gegensatz zu CranE und 
anderen VOYSEY ausserhalb seines Vaterlandes 
noch wenig bekannt. In England selbst 
haben sich nur wenige Zeitschriften ober- 
flächlich mit ihm beschäftigt; eine Anzahl 
seiner Werke sind in tThe Studio*, in *The 



C. F. A. VOYSEY 



afür, 



1 Küiatltr stlbtt 



Artist*, vieles in Facbblätlern, namentlich 
tThe British Architect* erschienen; nie ist 
nur annähernd der Versach gemacht worden, 
VOYSBys Gesamtschaffen übersichtlich za- 
sammenzustellen, wie wir es an der Hand zum 
grössten Teil ganz unveröffentlichter und zu- 
gleich bester Werke des Künstlers versucht 
haben. 

VOYSEY vermag eine solche eingehende 
Kritik auszuhalten, aber es liegt ans ferne, 
ihn zu überschätzen. Wir werden nicht mit 
unseren Einwürfen zurückhalten und werden 
keine Gelegenheit finden, ihn auch nur in 
Einzelheiten in den Himmel zu heben. Der 
begeisterte Applaus ist hier nicht am Platz. 
Aber dieser ist überhaupt selten Künstlern 
der Nutzkunst gegenüber gerechtfertigt, wenn 
man nicht persönliche Momente hinzuzieht, 
die bei Betrachtung eines MORRIS z. B. so 
viel Begeisterung entfachen. 

Unsere Kunstkritik hat sich bei Beurteilung 
von Malern oder Bildhauern an starke Aus- 
drücke gewöhnt; entweder ist es ein Genie 
oder ein Dammkopf, es giebt kein Mittelding. 
Was bei der reinen Kunst entscheidet, ist die 
Originalität, das Individuelle. Sehr oft ver- 
leitet dies, Künstler zu überschätzen, denen 
wichtige handwerksmässige Elemente empfind- 
lich abgehen — gerade wir Deutsche sind 
immer in dieser Gefahr. Bei dem Gewerbe- 
künstler aber rettet unter Umständen die 
schärfste Individualität nicht das Werk vor 
bedingungsloser Ablehnung, und anderenteils 
stellt die sichere Beherrschung gewerblicher 
Elementargrundsätze in unserer verfahrenen 
Zeit schon einen solchen Fundus von Quali- 
täten dar, dass ein relativ geringer Indivi- 
dualilälswert genügt, am voll zu befriedigen. 

VOYSEY ist einer jener Sicheren unserer 
Zeit, die wir fast nötiger brauchen als grosse 



Genies; wenn er nicht mit fortreisst, so wird 
er auch nie enttäuschen ; er ist vor eine grosse 
Anzahl von Aufgaben gestellt worden"^und 
ihrer Herr geworden ; man kann sagen, aller, - 
die es in unserer Aussen- and Innendekoration 
giebt. Diese kühle Konstatierung enthält viel. 
In dem grossen England giebt es keinen 
einzigen Lebenden, dem man das gleiche nacli- 
sagen kann, und selbst, wenn man den grossen 
Toten Morris dazunimmt und nur das rechnet, 
was er mit seinem eigenen, künstlerischenWillen 
geschaffen hat, wird man nicht dieses weit- 
greifende künstlerische Gebiet finden, das 
VOYSEY mit einheitlicher Schöpfangskraft 
ganz allein bisher durchdrungen }tial. Es 
giebt viele, die im einzelnen Glänzenderes ge- 
leistet haben, unsere Zeit drängt auf Arbeits- 
teilung, auf Specialisierung jeder Gattung und 
jeder Kraft. Sie hat recht, wenn das einzelne 
sich dem ganzen einfügt, wenn wirklich ein 
Ganzes sich teilt; aber wenn sich das Ensemble 
aus ihrer Art nach entgegengesetzten Teilen 
bilden soll, hat sie unrecht. Und so treibt 
es heute die gewerbliche Kunst. MORRIS ver- 
langte, dass jedes Gebiet des Gewerbes künst- 
lerischem Willen unterliege, dass jeder Gegen- 
stand des Hauses künstlerisches Gepräge trage. 
Er vergass den Zusatz, dass dieses Gepräge 
einer Art sein muss, dass in einem rechten 
Hause nur ein künstlerischer Wille herrschen 
darf Selbst durch seine berühmte Gründang 
Morris & Co. vermochte er dieses Prinzip 
nicht durchzuführen; seineFreunde beherrschte 
eine Liebe zum Schönen, aber sie hatten nicht 
nur verschiedene Hände, sondern auch ver- 
schiedene künstlerische Ziele; sie waren alle 
ästhetisch empfindende Leute, aber auch 
'Künstler«, d. h. unterworfen dem Gesetz 
ihrer Zunft, das Eigenart, gerade das verlangt, 
was eine Idealgründung im Morris' sehen 



I 



Haus in Colivall (Worcrstrnhirtj für J. IV. WILSON. £17-, U. P. 



Landhaiittr In Elmalhorpt bei Lti,altr flir LonI LOVELACE 



C- F. A. VOYSEY 



Sinne unierdrücken mässte. Ihre EigenaH 
beschränkte sich nicht nur auf Nuancen, 
sondern brachte solche Differenzen hervor, wie 
sie z. B. die Möbel Webb's, dem dieses Gebiet 
oblag, in mit MORRIS'schen Tapeten ge- 
schmückten Zimmern darstellen; Differenzen, 
die zuweilen groben Stilwidrigkeiten gleich- 
kamen, da der Archaismus, dem sie alle unter- 
lagen, nicht bei allen auf dieselbe alte Quelle 
zurückging. 

Alles das erklart sich durch die in erster 
Linie agitatorische Persönlichkeit MORRIS'. 
Für das Lebenswerk, das er sich vorge- 
nommen, hätte ein VOYSEY nie genügt; um 
den Funken zu zünden, der von England 
durch alle Länder drang, war ein Mann von 
imponierender Erscheinung mit der litterari- 
schen Bedeutung nötig, die der MORRlS*schen 
Propaganda nicht wenig zu gute kam. Aber 
ebenso nötig waren nach Morris Leute wie 
VOYSEY, die in ruhiger Arbeit die Bahn er- 
weiterten und genauer bestimmten und vor 
allem eine Einheitlichkeit herstellten, die am 
Anfang nicht vorhanden war. 

Die Einheitlichkeit des Hauses in allen 
seinen Teilen: hier liegt das Heil unserer 
neuen, dem Hause dienenden Kunst. Gerade 
England war der Schauplatz der Zersplitte- 
rung, die so viel Unheil angerichtet hat. Da 
gab es Leute, die wunderbare Glasfenster 
machten, andere fertigten Kupferbeschläge, 
wie man sie nirgends besser finden konnte, 
wieder andere die herrlichsten Bucheinbände : 
bezeichnend ist, dass man sich zuerst an die 
weniger wesentlichsten Gebiete heranmachte; 
die Hauptsache: Architektur und Mobiliar 
kamen zu kurz. In dem einzelnen brachte 
man es zu eminenten Resultaten; aber wenn 
einer auf den Gedanken kam, diese Einzel- 
heiten zu vereinen, in einem Hause all die 
mit zum Teil grossem Raffinement gemachten 
Specialdinge zusammenzustellen, erreichte er 
vielleicht ein Kuriosum, aber nie ein Haus, 
das als Muster gelten konnte. 

An dieser unorganischen Entwickelung wird 
England noch schwer zu tragen haben; sie 
ist es, die dem heutigen modernen Gewerbe in 
allen Ländern den Stempel aufdrückt. Bei der 
ausserordentlich geringen Menge von Künst- 
lern, die durch eine in die Breite gehende 
Veranlagung geeignet sind, zu helfen, wächst 
die Bedeutung eines VOYSEY ins Grosse. Er 
war der erste, der alle notwendigsten Be- 
standteile des häuslichen Milieus selbst her- 
stellte und ist unseres Wissens noch heute der 
einzige Engländer, der gleichzeitig die Archi- 
tektur und alle Zweige der Innendekoration 
und des Mobiliars beherrscht, also im stände 



ist, ein Haus so zu bauen und einzurichten, 
dass es mit allen seinen Teilen im Einklang 
steht. 

Man darf von der Tiefe einer solchen 
Wirksamkeit nicht dieselbe Dimension ver- 
langen, die sie in der Breite besitzt. Und 
doch hat VOYSEY verstanden, allen, auch 
seinen kleinsten Werken einen persönlichen 
Ton zu geben, der ihm allein gehört. Nie 
— das ist VOYSEY^s glänzendstes Verdienst — 
schadet die künstlerische Originalität dem 
Gebrauchswert seiner Schöpfungen. Immer 
hat er die berufsmässige Tüchtigkeit des 
Gegenstandes allen anderen Erwägungen 
vorangestellt, und wenn die ästhetische Seile 
manchmal dabei zu dürftig weggekommen 
zu sein scheint, so ist in der Regel die Achtung 
vor praktischer Einfachheit daran schuld 
gewesen. 

Gegenüber der Gesamtheit der modernen 
englischen Nutzkunst nimmt Voysey den 
Titel in Anspruch, in den Grundlagen seiner 
Kunst der Modernste zu sein. Keiner hat so 
entschieden jede entbehrliche Verbindung mit 
der Vergangenheit abgelehnt; das ganze 
Schaffen VOYSEY*s beherrscht das Prinzip, 
lieber bescheiden, lieber arm zu sein, aber 
nur sich selbst zu verdanken. Mon verre 
est'petit, mais je bois dans mon verre; kein 
Klassizismus, keine Gotik haben ihn geleitet, 
er ist self-mademan im besten Sinne des Wortes. 

Voysey ist ursprünglich Architekt. Sein 
Lebenslauf ist bald erzählt. Er ist 1857 als 
Sohn eines Geistlichen geboren; wurde am 
Dulwich College erzogen und trat 187i bei 
seinem Lehrer, dem Architekten J. P. Seddon 
ein. Zu der Zeit stand der Kampf zwischen 
den Alten, die damals Klassizisten waren, und 
den Neuen, den Gotikern, in Blüte. Seddos 
war Gotiker reinsten Wassers; aber für ihn 
war, wie für die meisten seiner Art, die Gotik 
weniger ein archaistischer Stilbegriff als eine 
musterhafte Konstruktionsmethode, die im 
Gegensatz zu dem vorsintflutlichen Klassi- 
zismus wieder Vernunft und Gesetzmässigkeit 
in die Bauart einführte. Er hat seinem 
Schüler wenig geholfen, aber er hat ihm zum 
mindesten nicht geschadet. 

Voysey Hess gar bald sowohl in wesent- 
lichen wie unwesentlichen Fragen jede Er- 
innerung an irgend eine alte Stilform bei 
Seite. Man wird vergeblich in den Häusern, 
die wir hier abbilden, nach einer Spur jener 
Gotik suchen, die heute in England noch 
unvermeidlich erscheint. 

Aber was ist der Stil dieser Häuser? 

Es giebt noch heute Leute, die in dem Stil 
eines Hauses die künstlerische Form sehen, 



247 



C. F. A. VOTSET 



EnCuiurf rinn Hautn fOr den Kaatlhr »ellnl 

die sich in den Schmuckelementen der Fassade 
äussert. Sie bestimmen nach der Art der 
bewassten Pyramiden oder der gezackten 
Türmchen, der Karyatiden, der Schnörkel etc., 
ob ein Haas der Renaissance, der Gotik oder 
dem Barock angehört. Für die wird Voysey's 
Architektur wohl überhaupt des^ Stils ent- 
behren, denn all jene Erkennungszeichen fallen 
hier fort. VOYSEY verwendet überhaupt keinen 
Schmuck; er findet, dass eine Karyatide ent- 
behrlich ist, sobald sie überflüssig erscheint, 
und dass sie, sobald sie konstruktiv notwendig 
ist, besser durch einen Balken oder eine 
Strebe, durch Mittel, die dem Zweck, den eine 
Karyatide heuchelt, wirklich entsprechen, er- 
setzt wird. Er hält es für einen Nonsens, 
nackte Männer oder Frauen als konstruktiDe 
Mittel zu verwenden und leugnet den Schmuck- 
wert, der in einer Verhüllung der Konstruktion 
stecken soll. Er leugnet den Schmuckwert 
aller überflüssigen Dinge an einem bürgerlichen 
Hause, zieht dem aufgeklebten Gipsornament 
das glatte, natürliche Material vor and lässt 
als neues Schmuckelement nur die Farbe zu. 
Abgesehen davon ist das Äussere VOYSEy- 
scher Häuser ganz schmucklos, und doch 
wird man jede seiner Bauten sofort als sein 
Werk erkennen. Es mass also wohl eine 
Originalität geben, die sich auch ohne Stuck- 
oerzierangen äussern kann. Und diese be- 
steht in sehr viel wesentlicheren Äusserungen, 
in der Architektur selbst, nicht den Zathaten, 
in den wesentlichen Linien des Gebäudes, den 
Grössenverhältnissen des Daches zu der Höhe 



and anderen Dimensionen des Hauses, in 
der Art, wie der Winkel des Daches ge- 
wählt ist, wie das Dach durch Vorsprünge 
von Giebeln u. s. w. unterbrochen wird, wie 
die Fenster und Tbüren sitzen, ihre Grösse, 
wie die Fläche des Hauses durch Vorbauten 
oder Anbauten bewegt wird- - — man sieht, 
das sind ungefähr die wichtigsten rein archi- 
tektonischen Fragen, in denen sich frei die 
^Kunstt äussert. Und diese künstlerische 
Wirkung scheint der unmittelbare Ausdruck 
des Zweckmässigen. Es ist nicht schwer, amü- 
sante Fassaden zu machen, aber es ist zuweilen 
Genie erforderlich, um bei ungünstigen Ptatz- 
verhältnissen , bei grösster Ausnutzung des 
Raumes, bei striktem Gehorsam gegen alle 
Vorschriften einer rationellen Anordnung und 
last not least der möglichsten Annäherung 
an die stets unmöglichen Wünsche der Be- 
steller, originelle und ästhetische Umrisse and 
Fassaden zu gewinnen. Man erstaunt im 
Innern der Häuser oft über die glückliche 
Widerspiegelung der Eigentümlichkeiten der 
Fassade, die sich hier in zugleich originellen 
und so praktischen Dispositionen wiederfinden, 
dass man den Eindruck hat, als ob z. B. die 
Verteilung der Fenster, die der Fassade so zu 
gute kommt, nur des Innern wegen so ge- 
macht sei. Und das ist das Gesunde an 
Voysey's Architektur. Die Räume sind immer 
niedrig, für deutsche Begriffe viel zu niedrig; 
aber während deutsche Wohnungen infolge 
ihrer Höhe fast immer kalt lassen, selbst bei 
gelungener Einrichtung, wirken VOYSEYs 



C. F. A. VOYSEY 



Häuser ivohnlich, auch ivenn sie noch 
gar keine Möbels enthalten. Die Räame 
sind immer hell and das fällt bei den 
kleinen Fenslern, die gar keinen Ver- 
gleich' mit den unsrigea aushallen, 
doppelt auf. Sie sind eben so plaziert, 
dass der Raum das günstigste' Licht 
erhält. Sehr oft sitzen sie deshalb 
sehr hoch and dann verleitet zugleich 
die relativ grosse Entfernung des 
Fenslers vom Boden das Auge, die 
Höhe des ganzen Raumes zu ver- 
grössern. In der rein praktischen 
Anordnung leislet Voysey Erstaun- 
liches. Es ist oft unbegreiflich, was er 
alles in so einem kleinen Häuschen 
unterbringt und wie es ihm dabei 
gelingt, die Bedürfnisse des Haas- , 
herrn and der Hausfrau zu be- 
friedigen. Seine Villen sind wahre 
Pappenhäuser im Vergleich zu unseren 
Grosatadtpaläslen und doch machen 
sie sellea den Eindruck von Enge, 
so gal sind die Verhältnisse gewählt. 
Denn es ist klar, dass ein Raum 
üon 20 m enger wirken kann als 
einer, der nur die Hälfte Fläche 
umfasst, aber besser disponiert ist. 

Es bedarf kaum der Erwähnung, 
dass Voysey kein Monumentalbau- 
meister ist, er erfüllt so ausgezeichnet 
die Sphäre, in der er sich bisher be- 
Ihätigt hat, dass man zweifeln kann, 
ob er fähig wäre, einen Prachtbau 
zu vollbringen. Er ist noch nie vor 
solche Aufgaben gestellt worden, und 
sicher, die Aufgaben, denen er bisher 
dient, sind dringender, wichtiger, trotz 
ihres bescheidenen Umfangs. Denn 
ein unserer Zeit eigener und würdiger 
Monamentalbau, den wir noch nicht 
einmal in Ansätzen heulebesitzen, kann 
sich nur aus unserer bürgerlichen 
Architektur entwickeln . nicht um- 
gekehrt. 

VOYSBYs Bauten sind zum weit- 
aas grössten Teil Landhäuser. 
Viele Don ihnen stehen noch in dem 
. Stadtbezirk Londons, aber in jenen 
neuen Teilen , die eigentlich nicht 
als Villenviertel, sondern schlechtweg 
zum Lande gerechnet werden müssen. 
Man ■ mass . diese Bestimmung vor 
allem im Auge behalten, am sie zu 
würdigen. Sie gehören zum Lande, 
nicht zu der Stadt, sie sollen sich der 
englischen Landschaft anschmiegen, 
sie erhöhen ihren Reiz mit ihrer nie in 

DFKORATIVE KVNST. HEFT G. 




C. F. A. VOYSEY 



X 


K7^ 




1 









SlaUiinaen In dir Saht non Gulldford für JULIAS STOHGIS, Big. 



die Höhe sondern immer in die Breite gehenden, 
fast möchte man sagen, gewollten Silhouette, 
sie haben etwas vom Landmann, nichts, gar 
nichts von dem bedenklichen Begriff der 
'Villa*, vielmehr von dem des Bauernhauses ; 
die gute Tradition des englischen Bauern- 
hauses ist die einzige, die Voi'SEY benützt hat. 
Nicht wenig kam ihm dabei ein Zwang zu 
Hilfe, der ihn unter anderen Umständen hätte 
schwer hindern können : er war immer auf 
äusserst beschränkte Mittel angewiesen. Die 
Billigkeil seiner Häuser ist oft erstaunlich. 
Für 10000 M. baut er so ein Häuschen hin 
mit allem inneren Komfort. Man hat ihm 
aus dieser Billigkeit einen Vorwurf zu machen 
gesucht und behauptet, dass darin allein seine 
Eigentümlichkeit bestehe. — Zum mindesten 
wäre diese Eigentümlichkeit nicht unberechtigt. 
Aber sie wäre freilich nicht der Rede wert, 
wenn sich nicht mit ihr eine künstlerische 
Äusserung verbände. Und künstlerisch ist 
diese Geschicklichkeit, die mit den kleinsten 
Mitteln ästhetischen Reiz erzielt; ein Reiz, der 
anhält, weil er natürlich ist. Nie hat man 
dabei den Eindruck von Wollen — und — 
Nichtkönnen, der sich so oft mit dem Billigen, 
das Ansprüche erhebt, verbindet. Nie wirkt 
diese Einfachheit gesacht; sie hat immer 
etwas Würdiges, Gesundes. Man wird sich 
nie des Charmes, der aus den Elmesthorpe 
Cottages spricht, erwehren können (s. S. 2i6) 




^M^i— lÖ 



und er beruht in einem Nichts, soweit der 
Kostenpunkt in Frage kommt, einfach in dem 
geschmackvollen Ausschnitt des Strohdachs, 
wodurch sich eine elegante, grosse Linie er- 
giebt. Man beobachte, wie er in *Perrg Croftf 
(s. S. 2i-6) u. a. die schmalen Kaminflächen 
bis zum Boden hinab vortreten lässt, so dass 
sie wie Pendants zu den Stützen des Hauses 
erscheinen. Man betrachte die Form dieser 
Kamine — oder auf Seite 2ii die reizende grän- 
weisse Fach werkverkleidung des oberen Stock- 
werks, während das untere zwischen den 
kräftigen Stützen mit glattem weissen Grunde 
zurücktritt, — es sind nur Nuancen, aber sie 
sind so glücklich, dass sie in Verbindung mit 
dem übrigen zur besten Wirkung kommen. 

Mit Vorliebe verwendet VovSEY für die 
Bekleidung der Mauern den weissen Rapp- 
putz, dessen starkrauhe Oberfläche höchst 
vorteilhaft die bei uns beliebten Verputzarten 
ersetzt und dabei nicht nur solider ist als 
der glatte Putz, sondern auch gediegener, 
wetterfester aussieht. Dazu die grünen Hölzer 
mit schwarzen, geschmackvoll gezeichneten 
Eisenteiien — die Koloristik kann nicht ein- 
facher sein, aber sie ist gelungen. 

Und darauf kommt es zunächst heutzutage 
an. Zeigen, was mit geringen Mitteln ge- 
schmackvoll gemacht werden kann; dass der 
gering Bemittelte nicht nötig hat, die Roheit 
der schlechten, en masse vervielfältigten, alten 



Enlioarf tinn Hautet in Sludland Bay far W. »ARGETSON. Ei«. 

250 



C. F. A. VOYSEY 




Entwurf eines Hauses in Douercoitrt für Ä. J, W. WARD, Esq. 

Ornamenlfragmente zu dulden, dass es eine 
• Schönheit giebi, die jenseits der kostspieligen 
Verzierung bleibt, die richtiger, wertvotier, 
morallsctxer Ist als alle ScImörkeL 

Nicht ohne Anfeindung, nur mit grösster 
Anstrengung hat sich VOYSEY In seiner Arcln- 
tektur diesen Weg gebahnt, ohne jede Hilfe ; 
noch lieute hat er kein ^ Bureau^, wie sonst 
'eder seiner Londoner Kollegen, und sein 
ganzes Personal besteht aus einem jungen 
Sekretär. Eine gewisse Förderung liat er 
nach seiner Aussage durch seinen älteren 
Kollegen HOWARD Gaye erfahren, der sich 
durcli archltektonlsclie Aquarelle heruorthut — 
von Ulm stammen die meisten perspektivischen 
Ansichten nacli VOYSEY' sehen Zelclwungen — ; 
diese Förderung Ist aber mehr allgemeiner, 
moralischer Art. 

Ganz anders wirkt VOYSEY als Dekorateur, 
Wenn er In der Architektur selbst so einfach 
wie möglich bleibt, sucht er die Fläche seiner 
Wände mit um so grösserem Reichtum zu 
schmucken; und das Ist wieder ein Iwchst 
gesundes Prinzip. Seine glückliche Erfindungs- 
gabe bewirkte, dass er viel schneller als De- 
korateur bekannt wurde, während der Archi- 
tekt ohne Beachtung blieb. Seine Tapeten 
fanden enormen Beifall; namentlich das 
Haus EssEX & Co. In London bediente slcM 
seiner Zeichnungen und verdankte Ihm seinen. 
Ruf Ebenso ging es iVmi mit seinen Teppichen 
und Stoffen; AfORRlS hatte das Terrain ge- 
bahnt, es gab bereits, als VOYSEY auftrat, 
genug Industrielle, die den Vorteil verstanden, 
der aus diesen modernen Vorlagen zu ziehen 
war. 

Auch In seiner Dekoration Ist VoYSEY Eng- 
länder; nicht ganz ohne die Fehler seiner 
Generation und seines Landes, aber auch mit 
glänzenden Vorzügen, die Ihm allein gehören. 
Und es Ist vor allem derselbe Kunstler, der 
die Häuser baut und der die Dekoration 



dafür scixafft. Seine Tapeten werden Immer 
gefallen, aber nirgends wirken sie so ge- 
winnend wie In seinen Häusern, In denen sie 
wie ein Stuck des Ganzen erscheinen. Auch 
hier dieselbe rationelle Anschauung, dieselbe 
Elnfachlielt, dieselbe Gesundheit. Er trat 
allezeit energisch für das Ornament In der 
Innendekoration ein, aber er glaubte zuweilen, 
diesem Ornament einen stofflichen Inhalt 
geben zu müssen, der Um abhielt, die Linie 
so frei zu entwickeln, als er es bestimmt ver- 
mag. Solclien Ideen sind Vorlagen wie die 
auf Seite 27A mit den an sich reizenden figür- 
lichen Darstellungen entsprungen; sie sind 
bei weitem In der Minderzahl. Bei allen Ist 
der Ausgangspunkt, wie bei allen Engländern, 
die Natur, und zwar das Studium der Pflanze. 
Wir geben auf Seite 279 eine Studie nach 
der Natur und daneben das persönliche 
Resultat des Künstlers aus der Studie. Die 
Gestaltungskraft Voysey*s tritt dabei am 
deutlichsten zu Tage. Sie Ist Immer streng 
persönlich, trotzdem sie nie ganz die Ver- 
bindung mit der Natur verliert. Man sieht 
In den Tapeten auf Seite 271 und 273, zu 
welchem Reichtum sie sich aufzuschwingen 
vermag. In diesen besten Mustern Ist die 
Ornamentik rein schematisch. Es sind keine 
Blumen, keine Blätter mehr, sondern Linien, 
die keinen anderen Zweck haben, als rhyth- 
mlscli zu schwingen, zu schmucken; in 
manchen wie den beiden auf Seite 270 ist 
nur noch mit einiger Mühe der natürliche 
Ursprung der Arabesken zu erkennen. In 
dem Vogelfrles auf Seite 2i1 Ist der Ausdruck 
der gewellten Linie, die das Motiv beseelt, so 
stark, dass man trotz der unverkennbaren 
Deutlichkeit des Details nicht Im entferntesten 
naturalistisch berührt wird. In solchen Vor- 
lagen ist Voysey gross. Man beobachte 
seine Vertellungsart der Schwerpunkte In den 
Ornamenten, wie er den Eindruck seiner 
Bewegungen erreicht. Das Stoffmuster auf 
Seite 265 ist ein gutes Beispiel dafür. Das 
Muster Ist sehr gedrängt und trotzdem wirkt 
es ruhig ; sowohl in der Biegung des Baum- 
stammes wie der Plazierung der Blätter, wie 
In der Stellung der, an sich höchst diskutier- 
baren, beiden Enten kommt in reicher Mannig- 
faltigkeit die Richtung zur Geltung, die durch 
die Stellung der runden Früchte markiert 
wird. Man kann sich fragen, warum eine 
so eminent begabte Hand nicht die letzte 
Konsequenz zieht und den Linieneffekt, dessen 
sie sich so scharf bewusst Ist, nicht ohne 
Enten, ohne Baumstamm, ohne Blätter fertig 
bringt, nachdem sie sich überzeugt hat, dass 
nlclit diese Dinge ll\r das Wesentliche sind. 



252 



C. F. A. VOYSEY 



1. SÜTRO, Etq. 



sondern die Schwingung, die Verivendung, 
die sie ihnen giebl. Es wäre nicht schwer, 
aas VorsEVa Mustern das rein lineare Element 
ohne jede naturalistische Bedeutung auszu- 
scheiden, und dann würden diese ^fuster 
noch schöner, noch rationeller, noch moderner 
sein. Al}er die Hauptsache ist, dass dieses 
wichtigste Element, sei es min versteckt oder 
offen, überhaupt bei ihm vorhanden ist. Man 
vergleiche mit seinen Mustern, was der Durch- 
schnitt der englischen Slilislen ans der Blume 
macht, diesen malten Dilettantismus, der sich 
immer und ewig gleich bleibt und die \'aiur, 
der er zu dienen oorgiebt, schändet. VovSF.v 
ist der männlichste unter seinen Landsleuten; 
er ist oft naiv, aber dieses Naive ist nie ge- 
zwungen; und es hindert ihn nicht, seiner 
Deicoration eine gewisse Fülle, ja Reichtum 
zu geben, der bei der Einfachheit seiner Archi- 
tektur doppelt angenehm wirkt, ja nötig ist. 
Nicht wenig trägt die Koloristik dazu bei, 
die sich in seinen Stoffen und Tapeten äussert. 
Sie steht nicht immer auf der Höhe der besten 
MORRls'schen Werke, sie hat selten etwas 
überzeugend Vornehmes, aber sie ist immer 
warm, frank; man kann sagen, dass sie 
die Farbe giebf, die zu dieser Zeichnung 
gehört. 

Die Innenarchitektur VoYSEY's ist das kon- 
gruente Gegenbild seiner Aussenarchitektar. 
Hier möchte man manchmal grössere Mannig- 
faltigkeit wünschen. Seine Treppengeländer, 
Thüren und andere Hohteile sind immer 



sauber und hübsch proportioniert, aber hier 
sacht das Auge zuweilen eine grössere Ab- 
wechselung, namentlich da, wo es nicht 
durch reiche Tapeten gesättigt wird. VOYSEY 
steht auf dem Standpunkt, dass Tapeten und 
Stoffe allein die natürlichen Schmuckträger 
sind. Auch in den einzigen, ganz städtischen 
Häusern, die er bisher gemacht hat, den 
Zwillingsgebäuden auf dem Hans Road in 
Chelsea, die für immerhin ausreichende Mittel 
bestimmt sind, vertritt er dieses Prinzip und 
hier kann man sich nicht ganz dem Eindruck 
einer zu weit getriebenen Einfachheit ver- 
schliessen, der beiden Landhäusern natürlicher- 
weise weniger hervortritt. Dasselbe gilt von 
dem Mobiliar, das er bisher gemacht hat und 
das bei ihm zum mindesten quantitativ bis Jetzt 
noch die geringste Bedeutung im Vergleich 
zu den übrigen Gebieten einnimmt. Auch hier 
fühlt man den Architekten aus Jedem Stück 
heraus. Das rein Konstruktive ist immer 
brillant gelöst, die Möbel sind praktisch, immer 
auf den Zweck hin, dem sie dienen, gearbeitet, 
stets in guten Verhältnissen — aber zweifellos, 
hier bleibt VOYSEY noch gar viel nachzuholen. 
Es genügt nicht, sich nur durch den Mangel 
von Fehlern auszuzeichnen und eine Sache 
nicht schlecht zu machen. Hier fehlt es an 
Erfindung, freilich hat auch dem Künstler 
die Gelegenheit gefehlt. 

Die meisten Möbelstücke, die wir abbilden, 
entstammen der Wohnung ihres Autors und 
entsprechen seinem auf Einfachheit gerichteten 



C. P. A. VOYSEY 



Geschmack und seinen Mitteln. Der Tadel 
bat also nur beschränkte Berechtigung. Gerade 
Linien sind immer billig; freilich hat man 
den Eindruck, als ob die Vermeidung jeder 
gebogenen Form nicht nur materiellen Er- 
wägungen entsprungen, sondern Prinzip ist. 
Und die Lücken dieses Prinzips können nicht 
durch die Begründung ausgefüllt werden, dass 
oor den geschwungenen Linien der Tapeten 
und Stoffe die geraden Konturen der Möbel 
geboten erscheinen. Und schliesslich ist es 
nicht diese Härte der Linie allein, die den Mangel 
ausmacht, sondern vor allem die geringe 
Ensemblewirkung. Man vermisst die intensioe 
Beziehung dieser Möbels zum Raum und zu 
einander, sie haben nicht das wohnliche, 
komfortable der VOYSEY'schen Häuser; er hat 
dasselbe Gesetz auf sie angewandt, aber Möbel 
sind keine Häuser und das Gefühl für Archi- 
tektur allein genügt eben doch nicht zur 
Schöpfung vorbildlichen Mobiliars. Auch 
VoYSEY vermeidet nicht ganz den Fehler 
aller englischen Architekten, da Säalchen mit 
Kapitälchen zu verwenden, wo sie ganz un- 
nötig sind. 

Um durch den Schmuck der Fläche zu 
ersetzen, was der Form abgeht, sucht er sich 
mit dem bewussten, englischen Mittel, mit 
Beschlägen u. dergl. zu helfen. Die einfachen 
Beschläge, die er verwendet und die W. B. ftEY- 
NOLDS nach seinen Zeichnungen ausführt, 
sina ausgezeichnet. Wo er aber bildliche 



:ingang ilrr Hamtrji a. 16. Hart Rood, London, ßr A. GROVE, Etq.. U. P. 

255 



Darstellungen damit verbindet, wie 
an dem hübschen Sekretär auf 
Seile 262, oder den Kaminsäulen 
auf Seite 256, wirkt das Mittel 
leicht spielerisch. Von seinen In- 
tarsien und Bemalungen (s. S. 260, 
26i ü. 267), die ähnlichen Zwecken 
dienen, gilt dasselbe in noch weit 
höherem Masse. Sie erscheinen wie 
Bauernarbeiten aus der ersten Hälfte 
des Jahrhunderts. Es ist be- 
zeichnend, dass ein so rationell, 
so modern empfindender Künstler 
in extremen Archaismus verfällt, 
sobald ihm der Nutzzweck seiner 
Arbeil verloren geht. Solche ernst 
veranlagten Leute können nicht 
spielen. Wir haben diese Arbeiten, 
durch die VOYSEY nicht gewinnt, 
dennoch wiedergegeben, weil sie zur 
Bestimmung seines Gesamtbildes 
nicht unwesentlich sind. Andere 
Nuancen erhöhen seinen Werl. Er 
hat einige buchgewerbliche Arbeiten 
gemacht, die sich durch hübsche 



C. F. A. VOYSEY 



Zeichnung und vorlre/fliche Sclirifl aus- 
zeichnen ; ;. B. die Entwürfe für einen Einband 
des iSladio*, für eine Broschüre der -Kyrie 
Pamphlels^, mit ganz reizender, figürlicher 
Rahmenzeichnang u. a. In der Tapete auf 
Seite 276 — einer Queen Era-Tapete ! — kommt 
dieselbe Gabe, nur hier an fakcher Stelle, 
zur Gellung. 

Man wird einer Persönlichkeil, wie wir sie 
hier flächlig skizziert haben, nicht die An- 
erkennung versagen; die Fehler, die ihr an- 



Kaniin für Mr. T. EI.SI.EY 

haften, gehören zu ihr, wie ihre Vorzüge, 
und wir hoffen, gezeigt zu haben, dass die 
Lichtseiten liier bei weitem überwiegen. Man 
darf l>ei ihrer Scliälzang das Milieu nichl 
vergessen, aus dem sie entsprossen sind. 
Dies England, das materiell dem jungen Nulz- 
künsller so grosse Vorteile bietet, wird von 
grossen Irrtümern niedergehallen , die wie 
Geburtsfehler erscheinen, so dauerhaft sind 
sie. VovsFV ist der erste, der ein klares liild 
der pnsiliven gewerblichen Kräfte in einer 
Person darstellt, die in England enthalten 
sind: es wäre unnatürlich und i'iellricht 



kaum wünschenswert, wenn er den Boden 
verleugnete, aus dem er entstanden ist. Die Be- 
wegung mag über ihn hinweggehen, er wird 
immer einen Platz in ihr behaupten, and 
wenn es einmal eine Geschichte dieser Bewegung 
giebt, so wird er für England nach Morris 
den ersten Ruhmestitel erlangen. Denn mögen 
andere künstiischere Anregungengegeben haben 
und in der abstrakten Kunstschätzung eine 
unvergleichlich höhere Stellung einnehmen : 
er hat zum erstenmal eine breite gewerbliche 
Basis markiert, gezeigt, was man 
heute schon in England aus einem 
Hause machen kann, und er ist 
der erste in der Bewegung über- 
haupt, der sämtliche Mittel zum 
Bau and zur Ausstattung des 
Hauses mit eigener Hände Arbeit 
geschaffen hat. Dies Haus ist 
nicht gross. Nicht alle werden 
sich in ihm wohl fühlen; man 
meint zuweilen, die Spur einer Ab- 
stammung VoYSEY's von einem 
Geistlichen wiederzufinden, etwas 
Pastorenhaftes, das vielleicht nicht 
jedermann sympathisch ist. Wer 
aber durch diese äussere Schale 
durchdringt, wird in ihm einen 
Menschen finden, der nicht mit den 
Begriffen der Gattung gemessen 
werden kann, sondern Persönlich- 
keit ist, and er wird in seinem 
Heim Eigenschaften entdecken, die 
es einem wert zu machen ver- 
mögen. 

Im übrigen ist VOYSEY heute 
iO Jahre alt, man kann also noch 
etwas von ihm erwarten. Gerade 
für das Gebiet des Mobiliars, in 
dem er sich bisher nar wenig 
auszeichnen konnte, stehen uns 
vielleicht noch Überraschungen 
bevor. Er hat gerade jetzt zum 
erstenmal den Auftrag erhalten, 
ein Haus, das er baut, mit Mobi- 
liar fertig einzurichten. Wir werden also wohl 
noch manchmal von ihm zu reden haben, -y- 



narkr für E.SSK.V A CO.. (jii 



EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST 



zu empfänglichen Ohren sprechen f Und am 
diese wirksamste Sprache versagt, da dürfte 
auch der vorausgeschickte Ausrufer anver- 
standen bleiben. 

Die Neigung zu übereifriger Betonung des 
Empfindens, die sich in der Art äussert, wie 
das Werk in Scene tritt, macht sich aber hier 
and da auch in diesem selbst geltend. Die 
Mehrzahl derer, auf denen die Hoffnung der 
neu heraufkommenden dekorativen Kunst be- 
ruht, ist von ihrer vornehmen Schwester, der 
hohen Kunst, aasgegangen. Häufig wird ab- 
wechselnd der Blick bald auf die eine, bald 
auf die andere gerichtet, die Seele träumt wohl 
noch in den Regionen des Gefühls, während 
Auge und Hand an dem Gebilde thätig sind, 
das dem Bedürfnis des Alltags dienen soll. 
Und so verschiebt sich unbemerkt das Ziel. 
Statt dass Phantasie und Feinsinn das Wunder 
der adelnden Umschaffung des Nutzgerätes zu 
einem organischen Kunstwerk vollziehen, wird 
ihnen die Aufgabe zum Vorwand, sich selbst 
direkt zum Ausdruck zu bringen. Das Gerät 
steht da und will dem Zweck dienen, der auf- 
gewandte Schmuck verkündet deutlich, dass 
hier die Kunst selbst vorübergegangen, und 
doch lässl der klaffende Spalt sich nicht ver- 
hallen. Der Schmuck ist nicht Diener and 



Waiehlltdi mil Panetl, gen 



. WALTER CAVB 



EMPFINDUNG IN DER ANGE- 
WANDTEN KUNST 

Es berührt uns kaum mehr fremdartig, 
a}enn das gesteigerte, ästhetische Empfmden, 
dessen wir uns in der angewandten Kunst so 
lebhaft erfreuen, sich schon in der Bezeichnung 
gellend macht, mit denen die Neuheiten vor 
uns hintreten. Wir sind an poefisch klingende 
Namen für Tapeten und Stoffe gewöhnt, Namen, 
welche mit Zärtlichkeit an das Naturbild er- 
innern, das dem Künstler die Anregung zu 
dem Dekorationsmotiv gab. Was ursprünglich 
der ungesuchte Ausdruck echter Feinfühligkeit 
war, wird zur Gewohnheit, welchedurch Häufig- 
keit der Wiederkehr fast die Bedeutung verliert. 
Ein Gleiches gilt von den poetischen Begleit- 
worten, die man lyrischen Dichtern entleiht, 
am sie so einem Zierstäck mit auf den Weg 
zu geben. Wenn man es recht bedenkt, eine 
entbehrliche Sitte > Sollte so hoher künst- 
lerischer Wert, wie durch die festliche An- 
preisung aus Dichtermund verkündet werden 
soll, nicht kraft der eigenen Tugend laut genug 

DEKORATIVE KVSST. HEFT d. gfl 



I.- /ür Schrrib- und MalattnitUen 



EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST 



Helfer geworden, er hat die Verbindung ge- 
scheut, ah sei sie eine unebenbürtige, und hat 
sich vornehm auf ein besonderes Gebiet zurück- 
gezogen, um er nur dem eigenen Ziele nach- 
geht, eine freie und von der praktischen Auf- 
gabe nicht beeinflasste Empfindung zum Aus- 
druck zu bringen. Hier vollzieht sich die 
Rückwandlung aus der angewandten zur hohen 
Kunst. Der Bundesgenosse Zweck, dem die 
Mitwirkung uerheissen war, steht vernacli- 
lässigt zur Seite, jeder von beiden geht 
seinen eigenen Weg. Manchmal geschieht 
diese Lostrennung sogar so rücksichtslos, 
dass in der Hast die Gebielsteilung nicht 
gerecht durchgeführt wird, und die Kunst 
sich an den Platz stellt, der dem Zweck ge- 
bührt. 

Oft sind es feine und geistreiche Arbeiten, die 
zu solchen Ausstellungen Veranlassung geben. 
Sie drängten sich auf, als Fix-Masseau einen 
Leuchter formte. Die freundliche Flamme ver- 
scheucht mit dem menschenfeindlichen Dunkel 
trübe Ahnungen und bange Sorgen. Zu ihr 
flüchtet, wer in schlafloser Nacht mit dem 



Grauen ringt. Aber leicht täuscht gerade ihr 
unruhiges Flimmern den aufgeregten Nerven 
schreckhafte Erscheinungen vor, so dass das 
Auge sich vor dem trügerischen Licht wieder 
in das Dunkel flüchtet. Diese grundlose Angst 
und ihre dämonische Macht verbildlicht der 
Künstler in einer unheimlicli vermummten, 
fremdartigen Gestalt (er nennt sie den schlimmen 
Gast der Nacht), die unmittelbar unter der 
Stütze des Lichtes kauert. Man hat mit Recht 
getadelt, dass diese Figur nichts mit dem Gerät 
zu than hat, an dem sie erscheint. Sie wird 
sogar hinderlich, da sie die Stelle einnimmt, 
wo man nach einer bequemen Handhabe sucht. 
Wir erkennen es deutlich, hier hat nicht der 
ornamentale Plan gewallet, dem sich die Ab- 
sicht ungewollt in eine Zierform umsetzte, 
sondern hier war das erste die willkürlich 
schweifende Künstlerphantasie, der es nur um 
restlosen Ausdruck ihrer Gesichte zu ihun war. 
Darum konnte sie sich nicht mit spielender 
Andeutung des Gedankenmotivs begnügen, die 
sich der praktischen Aufgabe dienstbar ge- 
macht hätte. 



ll 

ii 



kg 



1'^ 
11 



EMPFINDUNG IN DER ANGEWANDTEN KUNST 



Weniger auffällig für den ersten Blick, aber 
aaf die Dauer noch empfindlicher, macht sich 
das Vorwiegen phantasieooll- gedankenreicher 
Einflüsse bei einem deutschen Werk bemerkbar, 
das im übrigen besonders durch seine vornehm 
zurückhaltende Farbenwirkung, wie durch die 
weise Diskretion der Materialuerweriung höchst 
angenehm auffiel. Ich spreche von JosEF 
Engelh ART" s Wandschirm von der Ausstellung 
im' Glaspalast Die durchbrochenen dunkeln 
Bronzereliefs auf dem bräunlichen Leder waren 
sehr wirkungsvoll nur als oberer Abschlass 



Bnimlla VhrgehOair 

der vier rechteckigen Flächen angebracht. Die 
Inschriften waren sehr geschmackvoll orna- 
mental verwertet und brachten durch die Gold- 
bronze eine reizvolle Abwechslung in den 
Farbenzusammenklang. Aber man konnte 
nicht umhin, diese Inschriften zu lesen, und 
noch weniger entzog sich die symbolische Be- 
deutung der Relieffigaren der Beobachtung. 



Da waren die tiefsten, bedeutungsvollsten Töne 
des Menschenlebens angeschlagen. » Erwachen, 
Verlangen, Entsagen, Entschlafen.* Eine 
ganze Philosophie in ihren Grundzügen I Und 
man soll das täglich im Zimmer um sich 
haben 9 Es treibt einen zum Verzweifeln, oder 
es wird trivial. Ornament soll eben Ornament 
bleiben, und wo die menschliche Figur zur 
Dekoration verwendet wird, da füge auch sie 
sich den Gesetzen des Stils. 

Hier lag gar kein innerer Grand für die 
Wahl eines solchen Gegenstandes vor. Keine 
Beziehung, die Material oder Zweck an die 
Hand gegeben hätte. Der Künstler hat ein- 
fach einen ihm teuren Empfindungsaccord 
rein ästhetisch ausklingen lassen, und er hat 
sein Werk dann als einen fremden Bestand- 
teil dem Nutzgerät aufgeheftet. Wie heimats- 
los diese Kompositionen ihrem inneren Wesen 
nach sind, spricht sich auch darin aus, dass 
wir einer von ihnen ein anderes Mal als Zier- 
stück auf einem Blatte des *Pan* begegnen, 
wofür sie übrigens hei weitem geeigneter er- 
scheinen wollte. 

Im übrigen muss im Gegensatz zu dem erst- 
angeführten Beispiel noch darauf hingewiesen 
werden, dass die Einwendungen gegen Engel- 
HABts Arbeil nur nach der ästhetischen Seite 
hin liegen, während sich ihr nach der prak- 
tischen Richtung gewiss alle Vorzüge nach- 
rühmen lassen. 

Die Neigung, die menschliche Gestalt in der 
angewandten Kunst nicht nur rein ornamental, 
sondern auch als Ausdruck einer bestimmten 
Empfindung zu verwenden, ist bei den Klein- 
künstlern äbrigenssehr verbreitet. Man braucht 
nur Namen wie Charpentier. Vallgren, 
DUBOIS zu [nennen. Was aber bei diesen 
meistens die Vermittlerrolle spielt, ist die im- 
pressionistische Behundlungsweise, welche den 
Gefühlsinhalt nur schwach, gedämpft, wie 
eine leise musikalische Begleitung neben der 
Hauptabsicht als Werte der Dekoration zur 
Geltung kommen lässt. alp 

& 

KORRESPONDENZEN 

MÜNCHEN — Aus der Kunstgewerb- 
lichen Vereinigung, deren Gründung 
und Ziele unter dem Namen * Kunst 
im Handwerk'! wir im vorigen Hefte bereits 
anzeigten, wird binnen kurzem unter der 
Firmu 'Vereinigte Werkstätten t eine Gesell- 
schaft mit beschränkter Haftung erstehen, 
die zunächst mit einem Kapitale von 100 000 \t. 
(das zum grössten Teile schon gezeichnet ist) 



MÜNCHEN 



Be$d>lag , 

sich die praktische Verfolgung der Wege und 
Ziele zur Aufgabe setzt, lye/c/ic unsere Zeit- 
schrift durch Wort und Bild zu vertreten 
sucht: die Vermiltlung zwischen den gewerb- 
lichen Bestrebungen tüchtiger, dekorativ ver- 
anlagter Künsller, geschickten Fabrikanten 
und einem kunstsinnigen Publikum. Indem 
die Gesellschaft geeignete Entwürfe von den 
Künstlern zur Ausführung käuflich erwirbt 
oder ihnen Aufträge zuweist, vertritt sie zu- 
nächst die Interessen der Künsller, welche 
bisher seilen Lust und Geld hallen, solche 
Entwürfe für eigene Rechnung und eigenes 
Risiko ausführen zu lassen. Indem sie diese 



ArbeiUUschtheii 



Entwürfe (wobei alle Gebiete . 
des Kunsthandwerkes gepflegt 
werden sollen) tüchtigen Werk- 
stälten zur Anfertigung über- 
weist, unterstützt sie das Hand- 
werk und bietet namentlich 
dem kleineren Meister, dem es 
nicht an Geschick, wohl aber 
an der Möglichkeit fehlt, sich 
selbst andere Entwürfe zu ver- 
schaffen alsseine Vorlagewerke 
enthalten, die Gelegenheit vor- 
wärts zu kommen, indem ersieh 
neuen, höheren Aufgaben zuwendet. Zugleich 
aber erbalten Künstler in diesen Werkställen die 
notwendige Gelegenheit, die erforderliche 
Kenntnis der Technik zu erwerben. Indem 
die Gesellschaft endlich durch Veranstaltung 
von Aasstellungen in allen grösseren Städten 
dii Resultate dieser neuen Bestrebungen vor 
Augen führt, wirkt sie bildend auf das 
grössere Publikum, das sich nicht durch 
Worte, sondern nur durch Werke belehren 
lässl, und fördert damit den Absatz ihrer Er- 
zeugnisse. Nach allen diesen Richtungen hin 
sind vielversprechende Beziehungenangeknüpft, 
und es haben massgebende Persönlichkeiten 
aller Orten der Gesellschaft ihre Unterstützung, 
die meisten Künstler ihre Mitarbeiterschaft 
zugesichert. Die Gesellschaft wird aber auch 
eine Zentralstelle für Auskünfte und Vor- 
schläge über moderne Ausstattungen jeder 
Art errichten, durch welche einem grösseren 
Kreise Gelegenheit geboten wird, gegen geringes 
Entgelt Entwürfe für Einrichtungen u. dgl. 
zu erhalten. Es ist kein Zweifel, dass bei 
so geschickten, künstlerischen Händen, wie 
sie in dem Ausschusse vertreten sind, diese 
Thätigkeit die segensreichste Wirkung üben 
kann. Wir möchten daher unsere Leser auf- 
fordern, direkt oder indirekt an den Be- 
strebungen dieser Gesellschaft teilzunehmen 
und sind gerne bereit, zu vermitteln. 

Auch im Kunstoerein hat die ^ Angewandte 
Kunst' in diesen Tagen ihren Einzug ge- 
halten. H. E. V. Berlepsch hatte eine 
Anzahl Entwürfe für Bucheinbände aus- 
gestellt, die allgemein Beifall fanden, was 
um so mehr sagen will, da sie denselben 
auch vollauf verdienen, nicht immer deckt 
sich das in jenen schönen Hallen. Wir be- 
schränken uns hier, auf diese Arbeilen hin- 
zuweisen, da wir in kurzem an der Hand 
einer Anzahl Abbildungen diese in Bezug 
auf Flächenausnulzung , Formgebung und 
Farbwirkung höchst erfreulichen Entwürfe 
ausführlicher besprechen werden. -ß- 



BERLIN — Welches sind die Aufgaben 
der modernen Baukansl? Die Ant- 
utorten würden die allgemeine Unsicher- 
heit des Urteils von Werken der Architektur, 
die ganze Verworrenheil der empiriscli ge- 
wonnenen Stilbegriffe offenbaren. Es feilten 
ausserdem der Baukunst alle Vergleicbs- 
möglichkeiten mit Notarformen, wie bei den 
andern bildenden Künsten, womit Forderungen 
präcisiert werden könnten. Die Architektur 
rechnet allein mit Kräften, mit Massen und 
mit dem in Zahleng rossen sich krystalli- 
sierenden Geheimnis der tVerhällnisse*. Man 
verlangt von modernen Häusern eine gewisse 
Sichtbarkeit des kausalen Kräfteausgleiches, 
ohne sich doch zu der herben Ästhetik dieses 
Programms entschliessen zu können. Eine 
Eisenbahnbrücke oder eine Dynamomaschine 
schön zu finden, sträubt sich das an aus- 
gebildete, reichgeschmückte Baustile gewöhnte 
Aage. Die historischen Stile, 
meist nur als ornamentale Um- 
kleidungen der antiken Kon- 
struktionsgedanken begriffen, 
sind dem modernen Architekten 
überall im Wege. Und doch liegt 
beispielsweise in dem eisernen 
Gebälke einer Bogenbrücke die- 
selbe logische Stilkraft, wie in 
den antiken Urformen, aus denen 
sich die Säulenordnungen ent- 
wickelten. Diese Stilkraft kann 
nur dann in Schönheit um- 
gesetzt werden, wenn ein reines 
Material überall erkennbar und 
seinen Funktionen gemäss sicht- 
bar getrennt ist. Wenn ein 
persönlich empfindender Archi- 
tekt die alte Erfahrung, dass 
der Keim der architektonischen Btsch. 



Schönheil in der Statik liegt, auf Bedürf- 
nisse unserer Zeit anwendet and ruhig 
wartet, bis der dieser Kunst eigentümliche 
Schmuck sich organisch heranbildet, so ist 
er auf dem Wege zu einem Baustil der Zu- 
kunft. Man hat die Pflicht, lebhaft auf 
solche Versuche hinzuweisen and das ihnen 
noch anhaftende konventionelle Scbmucktam 
abzubahnen. — Ein Werk so gemischt aus 
Neuem und Altem, mit grossem Zuge eine 
sicher empfundene Zweckschönheit zum Aus- 
druck bringend, ist das von Professor Messel 
auf der Leipziger Strasse erbaute Warenhaus 
von Wertheim. Ich habe hier neulich über 
das Äussere dieses Hauses einige Worte ge- 
sagt; jetzt ist auch das Innere vollendet und 
man bat einen Gesamtblick über das Ge- 
wollte und Erreichte. Ebenso klar wie der 
Gedanke der Fassade, ist der Plan des Inneren. 
Im Zentrum befindet sich ein sehr grosser recht- 



eckiger Licbl- 
hof, um den 
sich, wie of- 
fene, mit Mes- 
singgeländern 
nach der Tiefe 
abgeschlossene 
Galerien , die 
drei sichtba- 
ren Stockiver- 
ke ringsherum- 
ziehen. Obenist 
der Raum ge- 
deckt mit einer 

Glas Wölbung, 
an deren Eisen- 
garlen drei 

Doppelreihen'} 
von Glühlam- 
pen, dieHaupt- 

HohrMaar für riiit ftij.frrtosrt« lichfguelle für 

die Abendbe- 
leuchtung, angebracht sind. Die Stockwerke 
haben in den grossen Pfeilern des Lichl- 
hofes einerseits, in den Umfassungsmauern 
anderseits ihre Stülipunkte; untereinander 
werden sie gebalten von freistehenden Säulen. 
Durch diese Anordnung ist es möglich geworden, 
auf jede Mauer im Innern des Hauses zu ver- 
zichten und dadurch eine Freiheil des Über- 
blickes zu gewinnen, die es erlaubt, von jedem 
Punkte aus das bunte BUd der leicht und ent- 
sprechend verteilten Verkaufsstände zu über- 
sehen. Es giebt in dem weiten Räume keine 
dunkle Stelle, weil eine Fülle von Licht un- 
gehindert von aussen und Innen zugleich ein- 
dringt. Die sofort offenbare einfache Kühnheit 
der Anlage giebt dem Ganzen, trotz der mäch- 
tigen Dimensionen, einen eleganten Schwung, 
eine sichere Leichtigkeit und eine klare Grösse, 
die von den tausend Einzelheiten der aus- 
gelegten Waren nicht beeinträchtigt wird. Es 
geht sich angenehm auf diesen hängenden 
Etagenböden, unmerklich fast steigt man über 
die wohlgeratenen Treppen zu den Höhen 
hinauf. Vom äussersten Punkte sieht man, 
quer durch den Raum, draussen das Toben 
der Strasse vorbeiziehen, während unlen die 
Maschinen, die ^Lungen des Hausest, wie der 
Erbauer sagt, sichtbar arbeilen. Das Gebäude 
scheint die Strasse durch die seilhin gereihten 
Verkaufsläden hindarchzulassen. — In dem 
Grundrissgedanken und in seiner konsequenten 
Durchführung liegt manches Nene und Vor- 
bildliche. ViellAchl, Übersichllichkeil, schneller 
Verkehr (es sind ausser den Treppen noch 
sechs sichtbare Fahrstuhle vorhanden) sind 
gewonnen. Dafür ist der Raum geopfert. 



den der Lichthof den oberen Etagen nimmt. 
Aber der Wert des vorhandenen Platzes ist . 
verdoppelt durch seine Nutzungsmöglichkeit. 
Dieser konstruktiven Architektur sollte sich 
nun die starke Prachlwirkung gesellen , die 
in solchen Bazaren für unerlässlich gehalten 
wird. Dadurch hat im einzelnen manche 
traditionelle Schmuckform aushelfen müssen. 
Aber selbst da, wo, wie im Vorräume, Darock- 
und Renaissancemotive angewandt sind, ist 
es mit vielem känsllerischen Takt geschehen. 
Das Material ist sichtbar geschieden. Holz, 
Metall und Stuck stossen überall ohneläuschende 
Verkleidung aneinander. Im Lichthofe stört 
der imitierte Marmor der grossen Pfeiler. Die 
Stackfüllangen wären einwandfrei, wenn sie 
aas gleichem Material herausgearbeitet wären. 
Aber Gips und falscher Marmor: das ist eine 
böse Verbindung. Die Bekleidung der eisernen 
Säulen mit Holz oder Palz ist nötig wegen 
der Gefahren, die das leicht springende Eisen 
bei ausbrechendem Feuer verursachen kann. 
Auch dagegen, dass die Tragkraft des ver- 
deckten Eisens durch Kapitale und konsol- 
ariige Ornamente illustriert wird, ist nichts 
einzuwenden; umsoweniger, als diese Auf- 
gaben besonders feinsinnig gelöst sind. Wo 
der Architekt für das Kunstgewerbe verant- 
wortlich zeichnet, fügt es sich der Bauweise 
gleichwertig ein. Die Messinggitter des Vesti- 
bules and der Treppen sind kleine Wunder- 
werke der Erfindung nnd Ausfährang. Es 
mag dem Erbauer, der sich tagelang in den 
Ateliers und Werkstätten der Kunsthandwerker 
gemüht hat, nicht leicht geworden sein, unseren 
deutschen Handwerkern diese Leichtigkeit der 




Wanilltppich, htrgntellt uon Äl.BX. MORTON Je Co.. Ihzrotl (Sdiollland) 
DEKORATIVE KUNST. HEFT G. 265 



BERLIN 



Metallbehandlung beizubringen. Auch die 
Beleuchtungskörper zeigen eine oornehme 
Originalität, vor allem die des Teppichraumes. 
Hier sind mit Schnuren umwickelte Leitungs- 
drähte zu lampenartiger Wirkung sehr gluck- 
lich arrangiert. Die dekorative Decenz der 
weichen Holzschnitzbehandlung und der kontur- 
artig ciselierten Wandbekleidungen im Vor- 
räume ist ebenfalls dem Architekten zu danken, 
der die Neigung jedes Kunsthandwerkers, ge- 
rade seine Thätigkeit auffallend zur Geltung 
zu bringen, für höhere Zwecke discipliniert 
hat Wo die Kunsthandwerker freieren Spiel- 
raum hatten, spürt man den charakteristischen 
Mangel an architektonischem Empfinden; 
vor allem bei der Malerei. Die Glasmalereien 
von Lechter bringen in den Raum, dem sie 
Licht geben, ein ganz neues Dekorations- 
motiv; das ist nicht die Aufgabe der Glas- 



1^ 



t 

I , 







fr 






Gewebe Oiis 'Seiße u. Wolle u. ALEX. MORTON Sz CO., Daroel (Schottland) 



maierei. Die Treppenhausfenster von TiPPEL, 
gut durch die Zusammenstellung von durch- 
sichtigem und undurchsichtigem, farblosem 
Glase, mit schwarzer Zeichnung, denke ich 
mir für eine Badestube passend, aber nicht 
für einen Durchgangsraum, Von TiPPEL 
rühren auch die Skizzen für die Reliefdar- 
stellungen auf den grossen Pfeilern des Licht- 
hofes her. Ausgeführt sind die pflanzlich 
umrahmten Märchengeschichten von den 
Bildhauern Vogel, Manzel und Geiger. 
Wenn man sich ein ruhiges Plätzchen erobern 
kann zur Betrachtung, so entdeckt man viele 
reizvolle Dinge; aber nur mühsam. Die 
einzigsten Dekorationsmalereien sind zwei 
Wandbilder von M. KoCH und Fr. Gehrke, 
ein Ti^ alter Hafens und ein i^ neuer Hafens. 
Das Motiv des modernen Lebens gab bessere 
Gelegenheit für malerische Wirkungen. Dann 
sind noch zwei Beleuchtungs- 
figuren von Klimsch und eine 
Kolossalstatue von Manzel da. 
Diese den Lichthof beherrschende 
Figur stellt, glaube ich, die Arbeit 
dar; die Königin Mode, die LECHTER 
auf seine Glasfenster gemalt hat, 
wäre hier besser am Platze gewesen. 
Die Mode kann sich hier mit gutem 
Rechte Bildsäulen errichten lassen 
in diesem y^ Paradies der Damen <ü. 
Aber die Arbeits Es ist ein witziger 
Zufäll, dass in dem Hause, wo 
ein Kunst und Handwerk zer- 
störendes wirtschaftliches Prinzip 
seinen, höchsten Ausdruck findet, 
zum erstenmale von Architekten 
die brachliegenden Kräfte des 
Kunsthandwerkes zu gründlicherer 
Thätigkeit gesammelt sind. Oder 
ist es mehr als ein Zufall, ist es 
eine Art Selbstentzündung 9 Die 
von dem Architekten ASHBEE ge- 
leitete » Guild and School of Handi- 
craft^ hat bei KELLER & REINER 
Möbel und Metallarbeiten ausge- 
stellt. Es ist anzunehmen, dass 
die Leistungen nicht ein ideales 
Bild von der Thätigkeit der Hand- 
werkerschule geben, sondern dass 
sie den Ruf, der ihnen vorausgeht, 
geschäftlich ausnutzen sollen. Denn 
eine hohe Meinung von praktischer 
Kunstanwendung im englischen 
Handwerke können diese zierlichen 
Schularbeiten nicht geben. Hand- 
liche Gebrauchsgegenstände, wie 
jeder Hausstandsie nötig hat, fehlen 
ganz; kein Stück erregtden Wunsch, 



'4 



4 



•■ i 



1 




266 



BERLIN — KREFELD 




es za besitzen. Die geschmiedeten, gehämmerten, 
getrieltenen und ciselierten Teller, Schalen, 
Becher, Leuchter u. s. w. sind mehr künst- 
lich als künstlerisch geformt and sehr reich- 
lich geschmückt. Schularbeiten haben ja stets 
durch das Bestreben, alle Mannigfaltigkeiten 
der Technik in wenigen Objekten za erstreben, 
eine unpraktische Schmuckfülle. In dieser 
Schale soll doch aber, wenn ich recht weiss, 
ein praktisches Prinzip allein herrschen. Es 
ist mir sehr zweifelhaft, ob die Verfertiger 
dieser Metallgegenstände gute, einfache Haas- 
geräte herstellen können. Für die Schmuck- 
sachen, meist in Silber geschmiedet mit Ver- 
wendung einfacher Steine, sind Pflamen- 
details and wohl übersetzte Renaissanceformen 
glücklich uerwandt. 
Es fehlt ihnen jedoch J 
das Wichtigste: der ' 

reiche Kleinodien- 
schimmer, ohne den 
selbst ein billiger i 
Schmuck (die Preise 
bewegen sich zwischen ' 
50 and 150 Mark) 
seinen Hauptreiz oer- 
liert. Die wenigen 
Möbelstücke sind so- 
lider als englische Fa- 
brikate za sein pflegen, 
dafür aber sehr teuer. 
Modelleigenschaften 
sucht man in allen die- 
sen Gegenständen ver- 
gebens; es ist eine Aas- 
stellung von Geburts- 
tagsgeschenken. 



Von Ch&ret, Vernier 
and Charpentier sind 

geprägte goldene 
Schmuckmedaillen za 
sehen; von CHARPEN- 
TIER ausserdem sehr 
zart gepressles Leder 
and Papier and eine 
Anzahl seiner schönen 
Plaquetten. Die Sachen 
machen lebhafteFreade, 
haben aber mit dem 
Kunstgewerbe nichts be- 
sonderes zu than. Auch 
GALLß ist ein feiner 
Künstler; ob aber die 
Technik seiner geschnit- 
tenen Gläser praktischen 

■■ Kern genug hat, um 

anregend auf weitere 
Gebiete der Glasindustrie 
zu wirken, ist sehr zweifelhaft. Die Tischchen 
mit Blantendekorationen von eingelegten Natur- 
hölzern desselben Künstlers sind das zierlichste, 
was man sehen kann. Schade, dass so viel 
Können und Arbeit an künstlerische Spielereien 
verschaxndet wird. Die Franzosen, scheint 
es, suchen im modernen Kunstgewerbe nur 
einen Tummelplatz für die Sportübungen ihrer 
raffinierten Technik. K. SCH. 

KREFELD — Die erste Ausstellung des 
Kaiser Wilhelm-Museums, die neben 
Gemälden und plastischen Werken 
auch die neuzeitige Keramik umfasste, hat 
ein recht günstiges Endergebnis gehabt. Es 
wurden Kunstwerke verkauft tum Gesamt- 






;iu.'ii.iü.aiiiu 



KREFELD — PARIS 



EnliDurf für Taptit oder Sloff 

werte von 5i 500 M., wovon 2i 500 M. auf 
die Erwerbungen des Museums entfielen. Aus 
der keramischen Abteilung kaufte das Museum 
Kopenhagener und Berliner Porzellane, ferner 
Fayencen und glasierte Sleinzeugarbeiten von 
J. F. WiLLUMSEN, DE MORGAN, BiGOT, 
Dalpayrat, Dammouse and Schmuz- 
BaVDISS. Dazu kamen Gläser von EMILE 
GAl.Lf. und Mosaikuerglasungen oon Karl 
Engelbrecht, m Die bisher erzielten Erfolge 
der Teppichknäpferei 'J. Knevsels & Co.", 
hier, haben die Inhaber der Firma und die 
Freunde der Sache ermutigt, den Betrieb auf 
breitere Basis zu stellen. Das Unter- 
nehmen ist umgewandeil in eine 
Aktiengesellschaft mit namhaftem 
Kapital anter der Firma « Krefelder 
Teppich- und Möbelstoff - Fabrik 
A.-G.f^ Auch in Zukunft soll das 
Hauptziel der Fabrik sein, Teppiche 
in Knüpftechnik herzustellen, deren 
Musler von berufenen Künstlern ent- 
worfen sind. Bekanntlich verdankt 
die Fabrik ihr Gedeihen wesentlich 
den ausgezeichneten Arbeiten, die sie 
nach Entwürfen OTTO ECKlUANN's 
ausgeführt hat. 

PARIS ~ In der »Galerie des 
Artistes Modernes* der rue 
Caumartin tagt gegenwärtig 
die zweite Ausstellung der Künstler 
Felix Aubert, A. Charpentier. 

Jean DAMPT, E. MOREAV-N&LATON, EMmurf fOr Taptit odtr Stoff 

268 



Ch. Plumet und Tony Selmershelv. Es ist 
die Elite der gewerblich thätigen Künstler- 
schaft von Paris. In der Vorrede des hübschen 
von Aubert gezeichneten Kataloges erläutern 
sie ihren Standpunkt: >ils nient toate dislinc- 
lion entre ce que ceux-ci appellent Fort et ce 
qae ceux-lä appellent la dScoration. Ils ne 
sont pas des artistes dicorateurs ; ils reslent 
des artistes plastiques*. Dieser Standpunkt 
scheint uns mehr als zweifelhaft; glücklicher- 
weise ist ihre Praxis präciser. Man kann 
bei allen einen Fortschritt gegen die Ausstellung 
im letzten Jahre am selben Platz nicht ver- 
kennen. In allen Arbeiten bemerkt man eine 
sehr glückliche Verschärfung des Gebrauchs- 
wertes, ein intimeres Eingehen auf die kon- 
struktive Seite und die Materialfrage. Plümet 
hat die Bizarrerien, die ihm teils aus bel- 
gischen Einflüssen, teils aus Erinnerungen 
an Louis XV. angeflogen waren, immer mehr 
abgestreift. Die Ausstellung enthielt neben 
seinen neuesten Möbeln auch seine früheren 
Modelle ; der Unterschied springt in die Augen ; 
wo früher sich z. B. an seinem Bett eine 
umständliche und prätentiöse Schnitzerei breit 
machte, da findet man jetzt einfache Linien, 
Formen, deren Schönheit nur in der Eleganz 
des Natürlichen und Zweckentsprechenden be- 
stehen. Er hat das Mobiliar eines Arbeits- 
immers aasgestellt in glattem Eschenholz, 
'nen Herrenschreiblisch, eine Bibliothek und 
ganz hervorragendes Stublmodell, das 
beste Stück der ganzen Ausstellung. Ausser- 
dem eine hübsche Etagere und verschiedene 
andere kleine Sachen. — Charpentier bat 
mit Aubert zusammen die Wanddekoration 
eines Bades ausgestellt, in Fayence mit einem 



Utdracklir .Saniiiirt, htrgaUlH von G. P. * J. BAKEH. La 

Relieffries reizender kleiner nackter Figuren, 
die er modelliert hat; Ai'BERT hat den unteren 
rein malerischen Teil — Wasser mit stili- 
sierten Blumen — dazu gemacht. Von Char- 
PENTIER ausserdem reizende Ledersachen, Porte- 
feuilles, Zigarettenlaschen etc. und verschiedene 
kostbare Silbergriffe, von AuBERT eine Anzahl 
Stoffe, Tapeten und Teppiche, unter denen 
manches zum mindesten interessante Stück 
ist. Auch Tony Selmersheim ist viel, viel 



besser geworden ; er bat sich auf Metallsachen 
geworfen und namentlich an verschiedene 
Lichtträger gemacht, die sich durch elegante 
Linienführung auszeichnen. Jean Dampt hat 
ein paar Silber- und Goldsachen ausgestellt. 
Der bekannte Mäcen Baron VlTTA hat 
sich in seiner Villa in Evian am Genfer- 
see einen Billardsaal von drei berühmten 
Pariser Künstlern bauen lassen ; Ch&RET, 
der bekannte Plakatkänstler, hat die Wand- 



maiereien gemacht, A. ChaRPENTIER die 
Hauptsache, das Billard und das übrige Mo- 
biliar, der alte BraQüemond, der eigentlich 
ROT als Radierer bekannt and im Verborgenen 
Dielleicht der Künstler ist, der zuerst in Frank- 
reich sich wieder gewerblichen Aufgaben wid- 
mete, hat die Täfelung und die elektrischen 
Beleuchtungskörper gefertigt. Wir werden auf 
dies Werk, an dem mehrere Jahre gearbeitet 
worden ist und das in der französischen 
Nutzkanst bisher allein steht, eingehend mit 
Illustrationen zurückkommen. tL'Image*, 
die von der Corporation frangaise des Gra- 
veurs sur bois herausgegebene, bei Floury 
in Paris erscheinende Zeitschrift hat nunmehr 
ihren ersten und letzten Jahrgang hinter sich, 
und das interessante Experiment, eine illu- 
strierte Zeilschrift nur mit Holzschnitten aus- 
zustatten, lässt sich an den vorliegenden Heften 
beurteilen. Die Idee war an sich ausgezeichnet, 
dem heruntergekommenen Geschmack einmal 
zu zeigen, worin eine des vornehmen Baches 
würdige Reproduktion besteht, den Unterschied 
ins Gedächtnis zurückzurufen, der zwischen 
mechanischen and künstlerischen Verfahren 
bleibt. Aber wie gewöhnlich schoss man Ober 
das Ziel. Man hat in *L'Imaget einen ähn- 
lichen Eindruck wie in den grossen Aus- 
stellungen mancher Fabriken, die bei dieser 
Gelegenheit zeigen wollen, was man alles aus 
Schokolade oder Seife oder aas Eisen machen 
kann. Jene machen alles mit dem Holzschnitt, 
auch Dinge, die sich der Technik direkt 
widersetzen. Es ist verkehrt, eine Lithographie 
durch den Holzschnitt wiederzugeben oder das 



Taptle, hergalelll i 



n ESSEX t CO.. London 



1/ 






Tapiti, htrfauat vi 



I BSSEX Jt CO., London 



gleiche mit Radierungen zu versuchen. Schon 
bei der Wiedergabe von Zeichnungen oder Ge- 
mälden ist die Sache zweifelhaft; wir haben 
heute kostbare mechanische Verfahren, die von 
Tusch-, Kreide-, Strichzeichnungen absolut 
Facsimile geben. Das kann der Holzschnitt 
nie, er bringt ein neues Element in die Sache, 
das an sich künstlerisch ist, aber sich deshalb 
durchaus nicht dem Charakter des Originals 
förderlich zu erweisen braucht. Das drängt 
sich bei den Arbeiten nach den Vorbildern 
von Guys, Ch&ret, Carri^re a. a. auf, die 
durchaus nicht durch die Umformung 
gewinnen, FANTIN Latour wäre 
besser durch Lithographie, RiBOT 
besser durch Radierung, PüVtS DE 
«"' Chavännes besser durch — Photo- 
\ Ij graphie wiederzugeben u. s. w. Frei- 
Yi lieh, die Leute wollen zeigen, was 
\' der Holzschnitt kann, and das haben 
sie in geradezu einziger Art er- 
reicht; für die Geschichte des Holz- 
schnittes sind diese zwölf Hefte ein 
kostbares anentbehrliches Material. 
Zu bedauern ist nur, dass das wahre 
Feld des Holzschnittes, wie es etwa 
durch VallottON, durch LVCIEN 
Pissarro repräsentiert wird, der 
Strich, unter der Masse der repro- 
duktiven Künsteleien zu sehr zurück- 
tritt. Und noch mehr, dass die 
Stelle, die MORRIS dem Holzschnitt 
wieder zuerleilte, als rein ornamen- 
tales Element zu dienen, fast ganz 
ausgeblieben ist. Die massenhaften 




—'S',!! 



vi 



' Mi 



Crrlonni. bereatelll bob G. P. * J. BAKER, Lantlon 

' Illustrationen^ des Textes stehen ivenig über 
dem Genre unserer älteren Familienjour- 
nale, von denen sich noch heute manche den 
Holzschnitt leisten. Man fmdet in dem ganzen 
ersten Jahrgang keine einzige, rein ornamen- 
tale Leiste, für die der Holzschnitt geboren 
ist, dafür eine Unmenge geschmackloser, halb 
realistischer, halb stilisierter Interpretationen, 
deren Werl nicht durch die künstlerische Aas- 
führung erhöht wird. — Trotzdem kann man 
den Herausgebern dankbar sein, denn unter 
den Reproduktionen findet man manches aus- 
gezeichnete Blatt, unter den Aufsätzen manche 
vollkommene Belehrung. Die Wiedergabe der 
DEGAS'schen Bilder des Luxembourg, die das 
letzte Heft gebracht hat, ist schon des Gegen- 
standes wegen eine dankenswerte Thal. Das- 
selbe gilt von den RODIN'schen Skizzen and 
vielem anderen. Und eins kann man dem Unter- 
nehmen, das man mit grösslem Bedauern schei- 
den sieht, nicht nehmen, die künstlerische Auf- 
richtigkeit, der zu Liebe man auch die Fehler 
verzeiht. # Bei BoussoD, Valadon & CiE., 
oder Dielmehr, wie jetzt die Firma tautet, 
BoussoD, Valadon, Manzi, Joyant &. Cie. 
(nachdem der durch seine Japanschätze 



NANCY 

und Gemäldesammlungen bekannte 
Manzi und sein aU Kenner ge- 
schätzter Kollege JoYANT das Haus 
gekauft haben), ist vor kurzem 
eine Mappe mit einer grossen 
Anzahl von Reproduktionen nach 
Zeichnungen and Skizzen des Bild- 
hauers RoDiN erschienen, die den 
Kenner des vornehmen Künstlers 
interessieren wird, freilich nur für 
zugleich wohlhabende Leute zu- 
gänglich ist (Preis 500 Frs.). Noch 
kostspieliger, aber auch unver- 
gleichlich kostbarer und inter- 
essanter ist eine soeben in dem- 
selben Verlag erschienene Mappe mit 
20 anuergleichlichen Reproduk- 
tionen der interessantesten Studien 
von DegaS. Das Werk, das der 
Personaloeränderang in der Lei- 
tung der Firma, den beiden Herren 
Manzi und Joyant, die die Re- 
produktionen persönlich überwacht 
haben, sein Dasein verdankt, dürfte 
der glänzendste Triumph sein, den 
bisher die Reproduktionstechnik 
davongetragen hat. Die Platten 
sind von den Originalen buch- 
stäblich nicht zu unterscheiden. 
Dazu sind diese so geschmackvoll 
gewählt — man hat sich nur an 
Studien gehalten und aus allen 
Perioden des Künstlers das Beste genommen 
— dass das Werk auch künstlerisch einen 
seltenen Höhepunkt darstellt. Freilich kostet 
es 1000 Frs. -t- 

NANCY — Die Ausstellung der »Amis 
des Artst hat, wie alljährlich, vor 
einigen Wochen eine Anzahl Gemälde 
und Werke der dekorativen Kunst vereint, 
die Interesse verdienen. Nancy ist eine der 
sehr wenigen Städte Frankreichs, die sich 
rühmen dürfen, eine von dem grossen Paris 
unabhängige Künstlerschaft zu besitzen. Wenn 
man in die Geschichte zurückgeht, findet man 
leicht den Ursprung dieser lothringischen Ori- 
ginalität. Seit las und schon früher gab 
es in Nancy berühmte Glasfabriken, die sich 
in der Folge immer kräftiger entwickeilen 
und so berühmt wurden, dass im Jahre 1560 
Philipp IL von Spanien aus Nancy Gläser 
kommen Hess und dast im Jahre 1568 
Nancyer Glaskünstler nach England berufen 
wurden. Bekannt ist die glänzende Ent- 
wickelung Nancys im 18. Jahrhundert unter 
der Regierung des kunstsinnigen Dilettanten 
Stanislavs Leczinski. Kurz, die neue Be- 



wegang, du ata hatte in Xancg 
fasdt, entspringt einem an Tradi- 
tionen reichen, känsllerischat Boden. 
Bevor aiir die Werke der Exposifion 
der Amis des Arti näher betrachten, 
müssen wir einer Lacke unter den 
Aasstellern gedenken. Eis fehlt EülLE 
GäLL£, der Mäster der neaen Schale, 
der Aasgangspunkt aller neuen Be- 
slrebangen \ancys. Die meisten 
Künstler der lothringischen Stadt, 
die sich aaf unserem Gebiete aus- 
zeichnen, sind darch ihn mehr 
oder weniger beänpusst; die einen 
arie Provt^, Martis, Hestaux, 
GBVBER haben persönlich GalL^'s 
Belehrung empfangen, andere wie 
Majorelle oder Dach sind aaf 
seine Ideen and die Art seines 
Schaffi:ns direkt eingegangen, immer 
mit dem Besirel>en, dabri ihre per- 
sönliche Art za beuMxhren. Was an 
Sancy besonders interessant and es 
von anderen Kanstzenlren anter- 
scheidet, ist, dass seine Künstler sich 
in allen Gebieten bethätigen. Während 
in Limoges z. B. nar die Keramik im 
Schwünge und in Ehren ist, erscheint 
\ancg wie ein kleines Athen mit seinen Malern, 
Bildhauern, Glaskünstlern, seiner Keramik und 
Lederarbät, seinem Mobiliar u. s. w. Man 
darf dieser Mannigfaltigkät gegenüber nicht 



Taprtt. ktrgnttHI (• 



I ESSEI t CO.. iMdon 



Entwurf für rint TaptU 



mit einer Beschränkung zarückhalten. So 
erfreulich diese bestgeamllten Beslrdjungen 
sind, es fehlt ihnen noch oiel, am ihnen den 
geuKrbhchen Wert zu geben, nach dem äe 
streben. Der künstlerischen Tra- 
dition Nancys fehlt als notwendiger 
Regulator noch die stramme ge- 
werbliche Disziplin, wie man sie 
etwa in Brüssel findet. Die Werke, 
die man macht, sind zum grössten 
Teil noch — nicht immer einarand- 
freier — Luxas. Es steht za hoffen, 
dass \ancy sich dieses wichtigsten 
Faktors bewusst wird and lernt, 
seine Kunst dem Leben unterzu- 
ordnen. — Der Bedeutendste in der 
Ausstellung des Saals Poirel, der 
lebendigste undkräftigste ist VICTOR 
pRQVTt, bekannt aas seinen Aus- 
stellungen im Champs de Mars, 
aus seinen Fresken, die öffentliche 
Bauten in Paris schmücken, der 
sich aller stets zar lothringischen 
Fahne bekennt. Provt6 hat in 
seiner Thätigkeil etwas von der Art 
der miltelallerlichen Künstler and 
der Florentiner. Wie sie, äussert 
er sich in allen Zweigen der Kunst. 
Mit bewunderangswerter Energie 
ist er gleichzeitig Maler, Bildhaaer, 



NANCY 



Lederarbeiter und Ciseleur. Werke, wie 
sein Denkmal für Carnot in Nancy oder 
seiner dekorativen Panneaux im Nancyer 
Rathaus sind Zeugnisse dieser verschieden^ 
artigen Begabung, Dieses Jahr hat er ' 
ausser Porträts namentlich Bucheinbände 
und Schmucksachen ausgestellt. Seinen 
früheren Einbänden konnte man vielleicht 
ein Cbermass von Kraft vorwerfen. Die 
vorliegenden sind ruhiger, man möchte 
sagen klassischer geworden. Rein tech- 
nisch gesprochen ist das Relief geringer 
als in den früheren, was auf eine sichere 
Hand und auf ein nuancenreicheres 
Empfinden schliessen lassen dürfte. Die 
Einbände dienen Albums und hier wäre 
in der That die leidenschaftliche Linie, 
die den Einbänden von Salambö, von 
den CORBEAUX und den AVEUGLES eigen 
ist, nicht am Platz. PROUVi hat mit 
Recht hier einen sanfteren, mehr idylli- 
schen Vorwurf gewählt, der an Frauen- 
gestalten WALTER Crane's erinnert. Wie 
viele unserer jüngeren Künstler befleissigt 
sich auch ProuyA der Goldschmiedekunst; er und 
hat diesmal ein Diadem und mehrere Broschen »Le 



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Tapete, hergestetlt von JEFFREY Je CO., London 



Tapete, hergestellt oon ESSEX & CO., London 



Gürtelschlösser ausgestellt. Das Diadem, 
Jour€ betitelt, ist trotz der angewandten 
Kunst verfehlt; es ist viel zu schwer 
und mächtig, um getragen zu 
werden ; dagegen sind die Broschen 
^Crepuscule<^ und^Aurore«^ brauch- 
bar und in ihrer Art gelungene 
Stücke, obwohl auch sie deutlich 
die skulpturale Abstammung ver- 
raten. # Neben ProvvA tritt An- 
TONIN Daum höchst vorteilhaft 
hervor. DAUM scheint jedes Jahr 
neue Fortschritte zu machen, so- 
wohl in der Farbengebunß seiner 
Vasen wie in ihren Formen, Das 
zeigt sich besonders in dem Stück 
^Algues et Poissons<i, in dem man 
ihn übrigens noch stark unter dem 
Einfluss Japans findet, dem über- 
haupt viele Nancyer Künstler, Ma- 
JORELLE z. B., der diesmal fehlt, 
1^ ^1 unterliegen. # C AMILLE MARTIN, der 

Nj sich bisher durch ausgezeichnete 
V- Lederarbeiten hervorgethan hat, 
findet man diesmal mit Erstaunen 
als Keramiker, und zwar mit einigen 
höchst einfach geformten und de- 
korierten aber darum nicht weniger 
interessanten Vasen. L. Hestaux, 
der Lieblingsschüler Gall^'s, hat 
einen breit behandelten Spiegel aus- 
gestellt, dessen Motiv durch zwei 
Bäume in einfachen Linien dar- 
gestellt ist. Derselbe Naturalismus 



vi 






275 



NANCY - ROTTERDAM — KOPENHAGEN 



entscheidet auch gegen JACQUES GrVBER, der 
das Motiu seines Spiegels der Form einer Orchidee 
entlehnt hat. Wie man an diesen Werken sieht, 
haben die Nancyer Künstler tldeem, die 
ihnen Ehre machen, nur gilt es, diese Ideen 
ein wenig zu disziplinieren. Kein Zweifel, 
dass viele der Nancyer Künstler uns noch 
Werke geben werden , die nach unserem 
Standpunkt wertvoller, interessanter, dauernder 
sind. H. p. 

ROTTERDAM — Jan Toorop veran- 
staltete hier im Januar eine interessante 
- und reichhaltige Ausstellung seiner 
Gemälde und Zeichnungen. 



Taptit, hergtattlU von ESSEX A CO,, London 



KOPENHAGEN — Der durch seine 
dekorativen Holzschnittgemälde und 
seine keramischen Versuche bekannte, 
sehr begabte Maler Willumsen hat die künst- 
lerische Leitung der Porzellanfabrik BING 
& Groendahl hier übernommen. Die Fabrik, 
die sich bisher in ihren Erzeugnissen im wesent- 
lichen an die Porzellanmanufaktur anlehnte, 
dürfte dadurch einer interessanten Entwicklung 
entgegengehen. 9 Der Maler 0. Matthiesen 
scheint eine unverwüstliche Freskentechnik 
gefunden zu haben. Der Ätzkalk oder das 
Kalkhydrat wird durch Zufuhr von Kohlen- 
säure neutralisiert und in kohlensauren Kalk 
umgestaltet. Der kohlensaure Kalk hat keine 
ätzenden Eigenschaften. Der gewöhnliche 
Kalkmörtel härtet sich ausserordentlich lang- 
sam an der Luft ab, weil diese nur Oßi^o 
Kohlensäure enthält. Selbst wenn der Mörtel 
trocken und anscheinend hart ist, kommt 
doch das Kalkhydrat in demselben als 
nicht an die Sandkörner gebunden vor, weil 
das Kalkhydrat in Wasser auflöslich ist, 
es kann also von der Feuchtigkeit oder von 
dem Regen ganz von den Sandkörnern gelöst 
werden. Ist jedoch das Kalkhydrat in kohlen- 
sauren Kalk umgewandelt, so wird das Ver- 
hältnis ein ganz anderes, denn der kohlensaure 
Kalk bindet die Sandkörner zusammen und ist 
nicht auflöslich in Wasser. Wir haben es also 
hier nicht nur mit einer Neutralisierung des 
Ätzkalkes zu thun, sondern auch zugleich mit 
einem äusserst bedeutungsvollen Bindeprozess. 
Das nämliche Mittel aber, welches die Sand- 
körner im Mörtel zusammenbindet, wird zu- 
gleich das Bindemittel in der Farbe. Die 
Farben, von denen man selbstverständlich nur 
die in Wasser nicht auflöslichen, also nicht 
aniline oder dergleichen, sondern Erd- und 
andere Mineralfarben anwendet, werden in 
Kalkwasser geschlemmt, welches ja auch ein 
Kalkhydrat ist und auf den nassen Putz ge- 
malt. Wenn das Bild fertig ist, wird ein Strom 
von Kohlensäure über dasselbe hingeleitet und 
die Verwandlung des Kalkbgdrates in kohlen- 
sauren Kalk beginnt unverzüglich. Jedes ein- 
zelne kleine Farbenpigment, jedes Farben- 
kÖrnchen wird dann mit allen seinen Nachbarn 
nach allen Seiten hin mit dem kohlensauren 
Kalk verbunden, man könnte sagen, in ein 
kleines kohlensaures Kalkkrystall eingekapselt. 
Dieser Binde- and Neutralisierungs- Prozess 
setzt sich durch die ganze Masse hinein fort; 
wenn diese erst durchgehärtet ist, sind alle 
ihre Teile gleichartig mit einander verbunden 
und es findet sich dann in dem Mörtel nicht 
das geringste, das die Farben zerstören kann 
oder sich in Wasser auflösen lässf. 



NEUE BÜCHER 

NEUE BÜCHER —ß« AR- 
MAND Colin & Cm. ist vor 
kurzem das Werk L'EvaN- 
GILE DE L'ENFÄNCE DE N. S. J. C. 
erschienen, dessen Text Catulle 
MENDkS im Dominikanerkloster 
zu St. Wolfgang im Salzkammer- 
gut entdeckt und mit ausgezeich- 
netem Geschmack ins moderne 
Französisch übertragen hat. Uns 
interessiert hier die Ausstattung des 
Buches. Carloz Schwabe hat 
jede Seite des Buches mit Tusch- 
zeichnungen geschmückt, die auf 
mechanischem Wege farbig wieder- 
gegeben sind. Der Schmuck besteht 
teils in Rahmen um den ganzen 
Schriftspiegel herum, teils — soll 
er in Vollbildern bestehen, die die 
einzelnen Kapitel >illustrierent. Es 
ist nicht leicht, den Ton der köst- 
lichen Einfalt zu treffen, die den 

Reiz des Textes macht, schwerer Taptlr, hergrsMIl mn ESSEX & ca.. London 

noch aber ist, es schlechter als 

Schwabe za machen, der den Text nur dazu sind nicht religiös, und sentimentale Albern- 
benutzt hat, um wieder einmal seinen seichten heilen geben nicht die Einfalt, sondern sind 
Symbolismus unterzubringen, und dadurch ein fällig. Vom *Buchmässigen' aber ist auch 
den Sinn des Werkes direkt entstellt. Natura- nicht eine Idee vorhanden. Man hätte nicht 
listisch gemachte Puppen, die sich in patho- nur den Text nehmen, sondern sich auch an- 
logischen Verzückungen die Glieder verrenken, sehen sollen, wie er im Original geschrieben 

f und verziert ist. Man hat etwas 

* Modernes' geben wollen und da- 
runter versteht man noch immer 
in Paris im Buchgewerbe das 
Gegenteil von dem, was die Alten 
für gut befunden haben. Sehr mit 
unrecht. Die gewerblichen Ge- 
setze lassen sich nicht umstossen, 
sondern nur modifizieren und der 
gewerbliche Fortschritt kann sich 
nicht aus einem unbedingten Bruch 
mit der Vergangenheit ergeben, die 
im Buchgewerbe uns glänzende 
Muster hinterlassen hat, sondern 
besieht in den neuen, mit unserer 
Zeit übereinstimmenden Formen, 
die das, was an den Alten alt ist, 
durch neue Elemente ersetzt, aber 
nicht das einfach umstösst, was 
wir nicht besser machen können. 
C. Schwabe oerfährt so, als ob 
die Alten überhaupt nicht gelebt 
hätten; das macht ihn im vor- 
liegenden Fall nicht nur geschmack- 
los, sondern, man möchte fast 
sagen, pietätlos; pietätlos in dem 
religiösen Sinne, dem das Buch 
Tapttt, htrvaidu von ESSEX * CO., London eigentlich dienen wollte oder sollte. 

277 



NEUE BÜCHER 



Tapete, hergestellt von KNOWLES & CO., London 

In demselben Verlag erschien »SckKES ET^PI- 

SODES DE L'HlSTOIRE D'ALLEMAGNE^. Die 

Illustrationen von Rochegrosse und A. Mucha, 
der höchst belanglose Text von C. Seignobos. 
Wir erwähnen das Werk, das nichts als eine 
jener vielen spekulativen Weihnachtsunter- 
nehmungen ist, nur Muchas wegen — Roche- 
grosse ist längst gerichtet, Mucha hat sich 
binnen kurzem in Paris mit seinen Affichen 
Boden erobert, und die Reklame wagt, seine 
faden, farblosen und jeder zeichnerischen Quali- 
tät baren Kompositionen im * Stile Sarah Bern- 
hardt^ gegen Kunstler von Rang wie Chiret, 
Lautrec u. s. w, auszuspielen. Man sollte sich 
dieses Buch ansehen, wo man die Art Muchas 
genauer verfolgen kann. Er passt zu Roche- 
grosse*s pathetischer Anekdotenmalerei wie 
ein Zwilling zum andern. Die Kunst fängt 
auf einem höheren Niveau an, und was für 
Buchillustrationen man aus unseren alten 
deutschen Geschichten ziehen kann, sollten 
diese Leute von unserem Satiler lernen, der 
neben diesen Banalitäten wie ein Genie er- 
scheint. — Zu demselben Genre gehört y>MA 
Petite Villen von Jean Lorrain, bei Henry 
May, Paris, nur dass es sich hier um eine 
Luxusausgabe in 300 Exemplaren auf Butten- 
papier handelt, dass der Illustrator Orazi 
heisst und die Bilder statt auf mechanischem 
Wege durch farbige Radierung wiedergegeben 
sind. — Ein sehr interessantes Werk hat 
Hachette herausgebracht : ^La DANSE<^ von 
G. VuiLLIER. An der Hand der Kunstwerke, 
die den Tanz darstellen, wird *la danse ä 
travers les arts<ii und »ä travers les siec/es« 



verfolgt; vom altgriechischen Tanz an, wie 
man ihn auf antiken Vasen findet, bis zum 
modernen Kotillon, wie ihn unsere eleganten 
heutigen Gesellschaftszeichner schildern. Kaum 
einer der französischen Maler des vorigen und 
unseres Jahrhunderts, die sich mit dem Thema 
beschäftigt haben, ist weggelassen; nur der 
grösste fehlt, der eine neue künstlerische Welt 
mit seinen Ballettscenen geschaffen hat, Degas. 
Aus dem übrigens musterhaft und durchaus 
im Charakter der Sache ausgestatteten Text 
und den vielen guten Reproduktionen lässt 
sich mancherlei lernen. Es ist ein zeitge- 
mässer Gedanke, der dies Werk geschaffen 
hat; es trägt der Tendenz Rechnung, die dem 
Tanz in unserer Zeit seine Stelle in der Reihe 
der dekorativen Künste zurückzugeben sucht 
und Leute wie die Loie Füller, die gegenwärtig 
in den Folies Bergires Paris entzückt, nicht 
zu den * Artisten^, sondern zu den Kunstlern 
rechnet. 

Von Nutzbächern sei i>La Peinture Fran- 

^AISE DU IX. SlkCLE A LA FIN DU XV/.« VOR 

Paul Mantz erwähnt, bei der SociiTt, Fran- 
(;aise D'iDiTlONS D'ART, Paris, Die Geschichte 
beginnt bei Karl dem Grossen und endigt bei 
Freminet. Eine ausfuhrliche Einleitung, die 
Olivier Merson dazu geschrieben hat, sucht 
den Anfang noch weiter zurückzuschieben 
bis in die vorchristliche Zeit. Der Wert des 
Buches, das im gewöhnlichen Romanformat 
erschienen ist, liegt in der leichtfasslichen 
Art, mit der namentlich die, bei uns wenig 
bekannten, fran- 
zösischen, dekora- 
tiven Kirchenmale- 
reien des 9. bis 
12. Jahrhunderts 
besprochen und mit 
zahlreichen Abbil- 
dungen erläutert 
werden, vor allem 
in dem billigen 
Preis des Buches, 
der auch dem min- 
der Begüterten ge- 
stattet, die Schätze 
zu gemessen, die 
bisher nur in kost- 
baren Fachwerken 
enthalten waren. 
Da Kenner nur 
wenig Neues in dem 
Buche finden — na- 
mentlich bei Fouc- 
quet, dem französi- 
schen Malgenie des 5,.,,,,^^,^ Meerespßanze 
15. Jahrhunderts, (MeentrandM- Mannestren) 




278 



NEUE BÜCHER 



oermissl man inlimere Behandlung — umso 
besser, wenn solche Gebiete populär werden. 

— Von deutschen Büchern liegen uns zwei 
Lieferungswerke über Architektur vor : »ARCHI- 
TEKTONISCHE ENTWCRFE und AUFNAHMEN' 
i>on A. L. C. Anger, bei A. Köhler, Dresden. 
Aus der ersten Lieferung lassen sich nur auf- 
richtiger Fleiss und massvolle Beherrschung 
der überlieferten Formen erkennen. — In der 
ersten Lieferung der "SKIZZEN ÜBER HOLZ- 
ARCHITEKTUR* von H. OTTO im selben Ver- 
lag steckt manches Originelle, und es ist an 
sich schon ein moderner Gedanke, der archi- 
tektonischen Verwendung des Hohes ein Werk 
zu widmen. Namenilich unserer Villen- und Aus- 
stellungsarchiteklur dürfte es zugute kommen. 

— Die dritte Auflage der 'Kunst-Stil-Untbr- 
SCHEIDUNG' von SCHMID, bei H. 
LVKASCHIK in München, beweist, 

dass sich dieser Stilführer in der 
Westentasche einzubürgern beginnt. 
Wunderlich und amüsant ist die 
Tafel mit den Abbildungen des 
*neuen englischen Stils* und die 
der 'neuesten deutschen Stilrich- 
tung *. Da müssen wir denn doch 
protestieren. — Bei W. Heinemann, 
London, ist ein prachtoolles Bilder- 
buch »An ALPHABET" von W. 
Nicholson erschienen, dem jungen 
Holzschneider, der eigentlich erst 
durch das famose Porträt der 
Königin, das während den Krö- 
nungsfeierlichkeiten in verschie- 
denen Londoner Läden zu sehen 
war, bekannt geworden ist. Jeder 
Buchstabe des Alphabets ist durch 
eine lustige Mannes- oder Frauen- 
flgur dargestellt in den kräftigen 
schwarzbraunen Tönen, die Nichol- 
son liebt und einer lediglich auf malerische 
Wirkung berechneten Zeichnung, die zu- 
weilen an alle Spanier erinnert. Übrigens 
ist Nicholson einer der beiden Künstler, die 
unter dem Pseudonym Beggarstaff (angeblich 
als Brüder) eine Anzahl der besten eng- 
lischen Plakate gemacht haben. Der andere 
Beggarstaff ist der Maler J. Pryde. -y- 

In dem interessanten Hefte, das der 'ARCHI- 
TEKT* (Wien,A. SCHROLL&Co.) Arbeitender 
Wiener 'WaGNERSCHULE' widmet, treten uns 
eine ganze Reihe phantasievoller und eigen- 
artiger junger Künstler entgegen; trotzdem 
tragen die Arbeiten einen starken gemeinsamen 
Zug; wenn aber unter zweifellos individuellen 
Schöpfungen solch eine Gemeinsamkeit hervor- 
tritt, kann man billig von einem »Stil* reden. 



der ihnen innewohnt. — OTTO Wagner weiss 
seiner Behandlung antiker Formenelemente ein 
so freies, neuartiges Gepräge zu geben, daas 
man in der Thal in seinen Werken und in 
seiner Schule einer fest ausgeprägten Kunst- 
sprache gegenübersteht; sie hat nicht das ge- 
priesene Heil in einem gewaltthätigen Bruch 
mit historischen Überlieferungen gesehen, das 
künstlerische Empfinden und die dekorative 
Ausdrucks weise des Emp iregesch m a ckes schaut, 
ins Monumentale übersetzt, überall aus diesen 
Schöpfungen heraus, aber diese Ausdracks- 
weise ist weitergebildet, ist mit modernen 
Forderungen in modernem Geiste in Einklang 
gebracht, bat aus dem Nährboden einer reichen 
Künstlerphantasie neue Kombinationen und 
originelle Formen entwickelt. 



T Usrapßan 



: (Meentraniit.Maaaalreu) 



Charakteristisch ist das fast völlige Fehlen 
des Kreisbogens in dieser Architektur, er be- 
gegnet uns höchstens als Segment, sonst 
durchweg gerade Linien; charakteristisch ist 
das Dominieren des linearen Charakters im 
Ornament gegenüber dem Pflanzlichen, das 
mit einer gewissen Absichtlichkeit konuentionell 
behandelt bleibt; charakteristisch ist ein zum ■ 
Teil gerade durch diese Züge erzielter Anklang 
an Eisencharakter, der sich darin beweist, 
dass in vielen dieser Entwürfe Stein und 
Eisen in unauffälliger, wenigstens in der 
Zeichnung organisch wirkender Verbindung 
auftreten. Alles das giebl diesen Arbeiten für 
die Lösung moderner architektonischer Forde- 
rungen einen hohen Wert, und doch wäre 
es uns lieber gewesen, wenn wir in der Ein- 
leitung, die dem Hefte von einem der be- 



NEUE BÜCHER — GEDANKEN 



Einband Hner Preltlitlr für BLANK A CO., Barnim 

teiligten Künstler mitgegeben isl, nicht hätten 
lesen müssen, dass »der Wagnerschule das 
Verdienst gebührt, im Anschlüsse an die ana- 
logen modernen KunstsirÖmungen .... aber 
auf selbständiger individaeller Basis weiter- 
bildend, eine neue Epoche der Architektur ins 
Leben gerufen zu haben.' 

Dies eilige Vorwegnehmen des Urteilsrechtes 
kommender Geschlechter, das neuerdings bei 
jeder frischen Arbeit im unentbehrlichen Ge- 
folge zu sein scheint, wirkt doch neben so 
reifen Leistungen doppelt kindlich. 

Eine gewisse Verwandtschaft lässt sich heute 
überall da erkennen, wo in der Architektur 
frei nach den Anforderungen moderner Auf- 
gaben mit den Schätzen ihrer Kunstsprache 
geschaltet wird. Sie beruht ästhetisch oiel- 
leichi aor allem in der Bevorzugung gerader 
oder diskret geschwungener Linien, und in 
einem Streben nach Fläche gegenüber zu- 
sammengefasstem, meist flachem Ornament; 
im Vergleich zu den Leistungen dieser Art, 
wie sie in Deutschland etwa so verschiedene 
Naturen wie Schmitz und Bieth repräsen- 
tieren, muss man der Wagnerschule einen 
Zug ins Frostige nachsagen: viel Phantasie, 
viel Geschmack, sehr viel Können, aber wenig 
Gemüt. Es liegt ein unausrottbarer repräsen- 



tativer Zug in all diesen Arbeiten, der aller- 
dings bis zu einer bewundernswerten Höhe 
künstlerisch ausgebildet ist. — Dieser Zug 
äussert sich auch in der raffinierten Dar- 
stellung der Entwürfe, die an Eleganz, Technik 
und dekorativem Geschmack wohl kaum zu 
übertreffen ist, — manche Grundrisse selbst 
wirken wie ein schwungvolles Ornament ; kurz 
viele lebendige Reize wird man in diesen Blättern 
finden, aber das, was man *iniim«. nennt, 
darf man nicht in ihnen suchen. Da ist 
die Grenze. F- s. 

MODELLI D'ARTE DECORATIVA ITALIANA, 

ausgewählt von Alfred Melani aus den 
Zeichnungen der kgl. Vfpzien in Florenz, 
Verlag von Ü. HOEPLI, Milano, Preis M. 20. 
Auf 50 Licbtdrucktafeln werden uns Wieder- 
gaben von dekorativen und ornamentalen Ent- 
warfen aus der Hochrenaissance and dem 
Barock geboten. Es sind darunter Patten, 
Karyatiden, Masken, Vasen, Wappen, Zeich- 
nungen für dekoratioe Malerei, Fontänen und 
dergleichen. Wenn diese auch für unsere an- 
gewandte Kunst keinen Gebrauchswert haben, 
so sind sie doch gerade jetzt von grossem 
historisthen Interesse, denn sie zeigen, wie 
allgemein sich damals alle Künstler, nament- 
lich jene Toscanas, die hier hauptsächlich 
vertreten sind, mit dekorativen Arbeiten und 
Entwürfen beschäftigten. Möge auch uns 
eine solche Zeit wiederkehren. Die in diesem 
Werke uereinigte Auswahl ist gut, die Repro- 
duktion originalgetreu. -ß- 



GEDANKEN 

FORMKUNST: Es giebt eine Kunst, 
von der noch niemand zu wissen 
scheint: Formkunst, die der Menschen 
Seelen aufwählt allein durch Formen, die 
nichts Bekannten gleichen, die nichts dar- 
stellen und nichts symbolisieren, die durch 
frei gefundene Formen wirkt, wie die Musik 
durch freie TÖne. Aber die Menschen wollen 
noch nichts davon wissen, sie können nicht 
gemessen, was ihr Verstand nicht begreift, 
und so erfanden sie Programmusik, die etwas 
bedeutet, und Programmdekoration, die an 
etwas erinnert, um ihre Existenzberechtigung 
zu erweisen. Und doch kommt die Zeit, da 
in Parken and auf öffentlichen Plätzen sich 
Denkmale erheben werden, die weder Menschen 
noch Tiere darstellen, Phantasieformen, die 
der Menschen Herz zu rauschender Be- 
geisterung and ungeahntem Entzücken fort- 
reissen werden. •*■ s.